Unter dem Motto „mit dem Virus leben lernen“ weigert sich die britische Tory-Regierung, irgendetwas an ihrer mörderischen Politik zu ändern, obwohl die Führung des National Health Service (NHS) einen „Plan B“ anmahnt, um die ausufernde Ausbreitung von Covid-19 aufzuhalten.
Die NHS Confederation erklärte, um nicht in einen „Krisenwinter zu stolpern“, sollte mindestens eine Maskenpflicht in großen Menschenmassen und geschlossenen Räumen eingeführt werden. Das Gremium forderte angesichts der bereits jetzt drohenden Auslastung der Krankenhäuser außerdem einen Plan C mit härteren Einschränkungen, wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen.
Der Anstieg der Infektionen und Todesfälle durch Covid-19 in Großbritannien speist sich unter anderem aus den Schulöffnungen im August und September.
Die Fallzahlen in Großbritannien lagen in den letzten sieben Tagen bei durchschnittlich 45.000, am Montag und Mittwoch lagen sie mit 49.000 auf dem höchsten Stand seit Juli.
In der Woche bis zum 19. Oktober wurden mehr als 300.000 (311.071) neue Fälle verzeichnet, was einem Anstieg von fast zwanzig Prozent entspricht. Nur die USA, deren Bevölkerung fünfmal so groß ist wie diejenige Großbritanniens, verzeichneten im gleichen Zeitraum mehr Fälle (546.319). Die Zahl der Covid-Fälle liegt in den USA bei 1.638 pro Million, in Großbritannien bei 4.551.
Auch die Zahl der Hospitalisierungen und Todesfälle durch Covid-19 hat sich trotz des mäßigenden Einflusses der Impfungen erhöht. Am Montag lagen 7.749 Covid-Patienten in britischen Krankenhäusern, d.h. elf Prozent mehr als in der Vorwoche; jeden Tag wurden 868 Menschen in die überfüllten und ausgelasteten NHS-Krankenhäuser aufgenommen. Die Zahl der Todesfälle im Verlauf der letzten Woche stieg um fünfzehn Prozent im Vergleich zur Vorwoche auf 908; am Dienstag wurde mit 223 der höchste Tageswert seit März verzeichnet. Die Zahl der Toten war höher als am gleichen Datum im letzten Jahr, bevor die Impfung eines Großteils der Bevölkerung begann. Am Mittwoch wurden erneut 179 Todesfälle gemeldet.
Auf Großbritannien entfällt mittlerweile die Mehrheit der Fälle in Europa. Am Montag verzeichnete Großbritannien einen höheren Tagesanstieg als Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien zusammengenommen. Während der letzten Woche verzeichnete Großbritannien fast zehnmal so viele Fälle wie Frankreich, obwohl die Bevölkerung der beiden Länder in etwa gleich groß ist. Im Vergleich zu Deutschland, dessen Bevölkerung deutlich größer ist als diejenige Großbritanniens, verzeichnete Großbritannien etwa fünfmal mehr Fälle.
Ein wichtiger Grund für dieses Missverhältnis bei den Fallzahlen ist, dass die Impfkampagne zwar in der Anfangsphase vor vielen anderen Ländern lag, jetzt aber nahezu zum Erliegen gekommen ist. Fast ein Drittel der britischen Bevölkerung ist ungeimpft, nur 68 Prozent sind zweifach geimpft. Bei den vollständig geimpften Einwohnern liegt Großbritannien heute europaweit an dreizehnter Stelle, und weltweit an zweiundzwanzigster Stelle.
Die Regierung von Premierminister Boris Johnson hat sich im Sommer geweigert, die Impfung von Kindern zu forcieren, sodass Schulen heute zur wichtigsten Infektionsquelle geworden sind. Weniger als 30 Prozent der Kinder zwischen zwölf und siebzehn Jahren haben auch nur eine Dosis erhalten; in Italien liegt dieser Wert bei 60 Prozent, in Frankreich bei 70 Prozent, in Spanien bei über 80 Prozent.
Zudem bestehen in vielen europäischen Staaten noch begrenzte Mitigationsmaßnahmen, während Großbritannien am 19. Juli alle Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie ausgesetzt hat. Ein Sechstel aller Covid-Fälle in Großbritannien ereignete sich nach diesem Tag, den der politische Verbrecher Johnson als „Freedom Day“ bezeichnete.
Die Tories werden keine Einschränkung des Profitstrebens der Konzerne dulden, egal wie viele Menschen erkranken oder sterben.
Die erste Reaktion auf den Appell zur Einführung auch nur der begrenztesten Schutzmaßnahmen kam am Mittwoch von Wirtschaftsminister Kwasi Kwarteng, der erklärte: „Ich will nicht, dass wir wieder in eine Lage kommen, wo es Lockdowns gibt.“
Johnson wusste bei der Ausrufung des „Freedom Day“ sehr wohl, dass er für Zehntausende das Todesurteil bedeuten wird. Laut später durchgesickerten Informationen aus seinem privaten Umfeld hat er akzeptiert, dass es im nächsten Jahr mindestens 30.000 weitere Todesopfer geben wird. Als Maßzahl dafür, wann im Rahmen eines „Plan B“ zu Maskentragen und weitgehendem Homeoffice aufgerufen werden könnte, wurde „eine Rate von etwa 1.000 Toten pro Woche für zwei oder drei Wochen“ vorgeschlagen. Bei 50.000 Toten pro Jahr sollten „Diskussionen über die Wiedereinführung von Einschränkungen“ aufgenommen werden.
Obwohl sich die Zahl der Toten bereits der Marke von 1.000 pro Woche nähert, werden solche „Diskussionen“ strikt von der Hand gewiesen. Gesundheitsminister Sajid Javid kündigte am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in der Downing Street an, die „primäre Verteidigungslinie“ sei die „Stärkung unseres Impfprogramms... während wir lernen, mit dem Virus zu leben.“ Er warnte, dass die Fallzahlen in den kommenden Wochen „auf bis zu 100.000 pro Tag ansteigen könnten“. Wenn die Todesrate unverändert bleibt, würde das etwa 2.000 Tote pro Woche bedeuten. Da jedoch der Winter und die Grippesaison noch bevorstehen, könnte diese Vorhersage noch zu optimistisch sein.
Die Tatsache, dass der Anstieg der Infektionen und Todesfälle hauptsächlich auf die Öffnung der Schulen zurückgeht, verdeutlicht die Kriminalität der Reaktion der Regierung.
Laut dem Office for National Statistics fehlten am 14. Oktober 209.000 Kinder aus Gründen in Zusammenhang mit Covid-19, darunter befanden sich 111.000 bestätigte Fälle. Die Nachrichtenseite Leicestershire News lieferte am Mittwoch einen Eindruck der explosionsartigen Ausbreitung der Pandemie: „Die Zahl der Covid-19-Fälle unter Schülern in Leicester und [der Grafschaft] Leicestershire ist so stark angestiegen, dass sie heute elfmal höher liegt als vor dem Höhepunkt der dritten Welle im Juni.“
Durch die Herdenimmunitätspolitik der Tory-Regierung haben sich bisher mehr als 8,5 Millionen Menschen mit Covid-19 infiziert, mehr als 163.000 sind gestorben. Zudem hat die unkontrollierte Ausbreitung des Virus in einer teilweise geimpften Bevölkerung zur Entstehung einer noch ansteckenderen und deshalb tödlicheren Mutation der noch immer dominanten Delta-Variante die Pandemie weiter eskalieren lassen.
Javid gab bei seiner Pressekonferenz zu, dass sich die Delta-Plus-Variante (AY.4.2) in ganz Großbritannien ausbreitet. Die Daily Mail schrieb am Mittwoch: „In knapp über drei Wochen hat sie fast alle Teile Englands erreicht. Letzte Woche wurden landesweit mehr als 2.500 Fälle des Subtyps registriert, d.h. er macht mittlerweile zehn Prozent aller Infektionen aus.“
Weiter heißt es: „Der Virenstamm ist vermutlich um zehn bis fünfzehn Prozent leichter übertragbar als sein Vorgänger. Laut Wissenschaftlern ist er in Großbritannien erstmals aufgetaucht, weil die Zahl der Infektionen hier höher ist als in anderen Ländern, sodass das Virus mehr Gelegenheit zum Mutieren hat.“
Alle klassenbewussten Arbeiter und besorgten Wissenschaftler müssen vereint gegen diesen mörderischen Kurs kämpfen. Sie können in diesem Kampf weder von der Labour Party noch von den Gewerkschaften Hilfe erwarten. Sir Keir Starmer prahlte am Mittwoch in Reaktion auf die Ermordung des Tory-Abgeordneten Sir David Amess mit seiner Leistung bei der Verfolgung von Terroristen, verlor aber kein Wort über die 160.000 Todesfälle durch Covid-19, für die er durch seine Zusammenarbeit mit Johnson mit verantwortlich ist. Die National Education Union hat nur in einem einzigen Tweet das Tragen von Masken in Sekundarschulen gefordert. Der ehemalige Labour-Parteichef Jeremy Corbyn konnte sich nicht einmal zu einem solchen unaufrichtigen Protest-Tweet überwinden.
Am 24. Oktober veranstaltet die WSWS ein Online-Panel, an dem Wissenschaftler, Gesundheitsexperten und Arbeiter zusammenkommen, die alle am Kampf zur Rettung von Menschenleben beteiligt sind. Die Diskussion wird darauf abzielen, zu unterweisen, aufzuklären und die Grundlage für effektive Maßnahmen zur Beendigung der Pandemie zu schaffen. Wir rufen Arbeiter und Jugendliche in ganz Großbritannien und der Welt auf, sich zu registrieren und an dieser wichtigen Veranstaltung teilzunehmen.
