Was im September 1938 in München geschah, ist auch heute noch von hoher Aktualität. Erst vor wenigen Tagen warnte US-Senator Robert Menendez, ein Demokrat aus New Jersey und Vorsitzender des Senatsausschusses für auswärtige Beziehungen, eindringlich vor einem Krieg mit Russland, der für die ganze Welt katastrophale Folgen hätte, in folgenden Worten: „Wir können uns keinen neuerlichen München-Moment erlauben. Putin wird es nicht bei der Ukraine belassen, wenn er glaubt, dass der Westen nicht reagieren wird.“ Im Lauf der Jahrzehnte haben politische Schurken immer wieder die Konferenz, die am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in der deutschen Stadt stattfand, zur Rechtfertigung ihrer eigenen Machenschaften benutzt.
„München – Im Angesicht des Krieges“ (jetzt auf Netflix verfügbar) behandelt auf fiktive Weise, was im September 1938 geschah. Der Film weist zahlreiche packende Szenen auf, wird aber letztlich den tatsächlichen Ereignissen nicht gerecht. Der Film, der auf dem Roman „Munich“ des ehemaligen Journalisten Robert Harris basiert, zielt darauf ab, den Ruf des konservativen britischen Premierministers Neville Chamberlain zu rehabilitieren, der wegen seiner „Appeasement-Politik“ (Beschwichtigungspolitik) in die Geschichte einging: Als der Mann, der es Hitler erlaubte, in die Tschechoslowakei einzumarschieren. Der Einmarsch im Sudetenland war Teil des Gesamtplans des Führers zur Errichtung eines Dritten Reiches, das fast ganz Europa umfassen sollte.
Der Regisseur von „München – Im Angesicht des Krieges“ ist der deutsche Filmemacher Christian Schwochow, der seine Fähigkeit, wichtige zeitgenössische Entwicklungen der Gesellschaft und Politik künstlerisch zu interpretieren, schon mehrfach unter Beweis gestellt hat. In seinem Film „Bad Bank“ (2018) zeigt er die kriminellen Aktivitäten der Hochfinanz auf, und sein „Je suis Karl“ (2021) thematisiert die Bedrohung durch den Faschismus im heutigen Europa. Wie schon bisher stellt Schwochow auch in seinem neuen Film junge Menschen in den Mittelpunkt eines historischen Krisenmoments.
Buch und Film konzentrieren sich auf die vier Tage vor und während der berüchtigten Münchner Konferenz, auf der Chamberlain, der französische Staatspräsident Édouard Daladier und der italienische Duce Benito Mussolini die Abtretung eines Teils der Tschechoslowakei, das überwiegend von Deutschen bewohnte Sudentenland, an Deutschland akzeptieren. Nach der Konferenz kehrt Chamberlain nach England zurück, steigt aus seinem Flugzeug aus und winkt mit einem von Hitler und ihm selbst unterzeichneten Dokument. Diesen Text bezeichnet der britische Regierungschef als „Auftakt für ein noch viel größeres Abkommen, das in ganz Europa dauerhaft für den Frieden sorgen wird“.
Der Film beginnt mit einer kurzen Rückblende auf eine Gartenparty an der Universität Oxford in den frühen 1930er Jahren. Der junge deutsche Student Paul (Jannis Niewöhner) trinkt bis zum Exzess mit seinem englischen Studienfreund Hugh (George MacKay) und ihrer gemeinsamen deutsch-jüdischen Freundin Lenya (Liv Lisa Fries). Nach dieser Party springt die Handlung sechs Jahre weiter, in die Zeit der Münchner Konferenz. Hugh hat Karriere gemacht und ist zum Privatsekretär Chamberlain (Jeremy Irons) avanciert.
Währenddessen arbeitet Paul in Berlin im deutschen Außenministerium. Zusammen mit Angehörigen der nationalistisch-konservativen Elite und des Militärs, die Hitlers Kriegspläne als fehlgeleitet und wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt betrachten, schmiedet Paul ein Komplott. Im Film wird die Verschwörung zum Sturz Hitlers von General Ludwig Beck angeführt. Sowohl der Film als auch das Buch stützen sich auf die sogenannte „Osterverschwörung“ (Septemberverschwörung) von 1938.
Die realen Verschwörer unter der Leitung von Generalmajor Hans Oster, zu denen auch Beck zählte, lehnten den Krieg keineswegs ab, sondern hielten Hitlers Militärpolitik für allzu abenteuerlich. Der Plan der Verschwörer bestand darin, die Reichskanzlei zu stürmen, Hitler zu verhaften oder zu töten und die Monarchie in der Person von Prinz Wilhelm von Preußen, dem Enkel Wilhelms II, wiederherzustellen. Der Erfolg eines solchen Staatsstreichs hing davon ab, dass sich Frankreich und Großbritannien entschieden gegen Hitlers Übernahme des Sudentenlandes stellten.
Als Chamberlain und Daladier in München allen Forderungen Hitlers nachgaben, nahmen sie damit der Verschwörung den Wind aus den Segeln, worauf sie scheiterte. Sowohl das Buch als auch der Film stellen die Verschwörer in einem günstigen Licht dar und überspielen völlig ihren reaktionären Plan zur Wiedereinführung der Monarchie.
In den Szenen, in denen Paul versucht, den Kontakt zu seinem ehemaligen Freund Hugh wiederherzustellen, baut Regisseur Schwochow Spannung auf. Paul will Hugh dazu benutzen, ein Treffen mit Chamberlain zu arrangieren, um den britischen Premier davon zu überzeugen, dass jedes Abkommen mit Hitler das Papier nicht wert ist, auf dem es geschrieben steht. Paul und Hugh ist es gelungen, das Vertrauen Hitlers resp. Chamberlains zu gewinnen, und zwei Szenen, in denen der deutsche, bzw. der britische Führer jeweils ihre Philosophie darlegen – Chamberlains vorgeblicher Pazifismus und Hitlers Verachtung für die deutsche Bevölkerung– gehören zu den stärksten des Films.
Paul und Hugh sind davon überzeugt, dass sie Chamberlain von der Unterzeichnung des Vertrages abhalten können, indem sie ihm das Protokoll einer Geheimkonferenz vom 5. November 1937 übergeben, auf der Hitler das ganze Ausmaß seiner Kriegspläne enthüllt hatte. Sie riskieren ihre Karriere und ihr Leben, um Chamberlain das Dokument zu überreichen, aber dieser weigert sich, den Inhalt zur Kenntnis zu nehmen, und will, dass es vernichtet wird.
Die Szene bestätigt, dass Chamberlain kein Pazifist war, sondern vielmehr ein rücksichtsloser Vertreter des britischen Imperialismus. Ein wichtiges Motiv für seine Appeasement-Politik war die Verteidigung des britischen Kolonialreichs. Ein Krieg gegen Hitler hätte den Abzug der britischen Kolonialtruppen erfordert und unweigerlich antiimperialistische Aufstände ausgelöst. Solange sich Hitlers Expansionspläne auf Europa konzentrierten und gegen die Sowjetunion richteten, war die britische Regierung durchaus bereit, ein Auge zuzudrücken.
In „München – Im Angesicht des Krieges“ ist sich Chamberlain darüber bewusst, was der Nazi-Führer vorhat. Aber er belügt absichtlich die Öffentlichkeit in Großbritannien und auf der ganzen Welt. Gleichzeitig entwaffnet er auch den Widerstand gegen Hitler – im Film verkörpert in Pauls Zögern: Als er die Gelegenheit dazu bekommt, kann es sich nicht durchringen, den Führer (von Ulrich Matthes überzeugend dargestellt) zu erschießen.
Schwochows Film endet mit der Rückkehr der britischen Delegation nach England, wo eine jubelnde Menge Chamberlain empfängt. Noch im Flugzeug warnt ein Delegationsmitglied den Premier, dass Hitler sein Wort brechen könnte. Chamberlain schnaubt: „Wenn er nicht Wort hält, wird die Welt aber auch sehen, wer der Mann wirklich ist! Und die Alliierten werden sich zusammen tun, vielleicht sogar mit den Amerikanern. Und dafür zahle ich gern den Preis, zum Narren gemacht zu werden.“
Wir wechseln dann zu seinem Privatsekretär Hugh, der seiner Frau nach den Strapazen in München mitteilt, dass er erwägt, zur Air Force zu gehen, weil der Krieg nun unvermeidlich sei. Der Vertrag „gibt uns nur Aufschub“, sagt er zu seiner Frau. „Dadurch haben wir lediglich die Chance, den drohenden Krieg zu gewinnen. Und das ist doch, wenn man ehrlich ist, eine ziemliche Leistung.“ Das Argument lautet hier, dass Chamberlain Großbritannien eine Atempause verschafft habe, die es dem Land ermöglicht habe, sich auf den Krieg vorzubereiten, die Alliierten, einschließlich Amerika, zu vereinen und den Konflikt zu gewinnen, und Großbritannien habe dabei die führende Rolle gespielt.
In einem Interview mit dem Guardian mit der Überschrift „Chamberlain war ein großer Mann“ beschreibt Harris den damaligen Premierminister als „tragischen Helden“. Der Film, der auf Harris‘ Buch basiert, endet mit der offenkundig falschen Behauptung, Großbritannien habe die Hauptverantwortung für die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg getragen. Bevor der Abspann läuft, erscheint dieser Text: „Das Münchner Abkommen gab den Briten und ihren Alliierten mehr Zeit zur Kriegsvorbereitung und führte letzten Endes zum Sieg.“
Laut Larry William Fuchser, dem Autor von „Neville Chamberlain and Appeasement: A Study in the Politics of History“ unternahm der britische Premier „nichts, um das britische Volk auf den Krieg vorzubereiten“ und war „eher der Gefangene als der Herr der Ereignisse“.
Ein wichtiges Mitglied der britischen Delegation, das in Harris‘ Buch eine Rolle spielt, war Frank Ashton-Gwatkin. Dieser war ein starker Befürworter einer Beschwichtigungspolitik gegenüber Nazideutschland, und er äußerte die Hoffnung, dass nach dem Münchner Abkommen „eine deutsch–britische Politik der wirtschaftlichen Zusammenarbeit“ in einem von Deutschland dominierten Osteuropa gedeihen könnte.
Sowohl Harris‘ Buch als auch Schwochows Film lassen die wohlbekannte Tatsache unerwähnt, dass ein Teil der britischen Aristokratie, der Monarchie und der politischen Elite die Nazis beträchtlich unterstützte. Sie billigten durchaus Hitlers grausamen Antikommunismus, seine Zerschlagung der deutschen Arbeiterklasse und das Ziel seiner Herrschaft, die Zerstörung der UdSSR.
Schriftsteller und Filmemacher haben das Recht, historischer Ereignisse auf ihre persönliche Weise zu interpretieren, aber bezüglich ihrer Darstellung von Ereignissen und Personen muss die Interpretation ein Mindestmaß an Ehrlichkeit und Objektivität aufweisen.
Die groben Geschichtsfälschungen in „München – Im Angesicht des Krieges“ haben beispielsweise die österreichische Tageszeitung Die Presse zu dem Kommentar veranlasst: „Aber was geschieht nun mit Chamberlain? Vielleicht wird München seine populäre Rehabilitierung herbeiführen. Auf jeden Fall hat das britische Kino nun den wenig heldenhaften, leicht peinlichen Vorabend des Krieges in Ruhm gebadet. Rule, Britannia! – zumindest auf der großen Leinwand.“
In früheren Artikeln hat die WSWS auf die Antipathie des britischen Autors Harris gegenüber Leo Trotzki schon hingewiesen. Tatsächlich war es der große russische Revolutionär, der die pointierteste Erklärung für Chamberlains Rolle in München lieferte. Ihm gebührt deshalb hier das letzte Wort.
Trotzki analysierte das Münchner Abkommen unter dem Gesichtspunkt der Rivalität zwischen den „kriegführenden imperialistischen Lagern“. Er wandte sich gegen die Bemühungen der Sozialdemokratie und insbesondere des Stalinismus, Frankreich, Großbritannien und die USA als „unschuldige, friedliebende Demokratien“ darzustellen, die sich in einem „Verteidigungskrieg“ gegen die „faschistischen Aggressoren“ befänden.
Nur 10 Tage nach der Münchner Konferenz schrieb Trotzki, für Hitler „handelt es sich keineswegs um die ‚Einigung der Deutschen‘ als eigenständige Aufgabe, sondern um die Schaffung eines geräumigeren europäischen Exerzierplatzes für die künftige Weltexpansion. Die um die Sudetendeutschen, genauer: um das Sudetengebirge entstandene Krise war nur eine Episode auf dem Wege des Kampfs um die Kolonien.“ Trotzki warnte vor dem unvermeidlichen Weltkrieg, sofern die Arbeiterklasse ihn nicht aufhalten werde. Er schrieb: „Eine Neuaufteilung der Welt steht auf der Tagesordnung“ (Leo Trotzki: „Eine ganz frische Lehre. Über das Wesen des kommenden Kriegs“).
Trotzki griff das Thema in dem „Manifest der Vierten Internationale über den imperialistischen Krieg und die proletarische Revolution“ (Mai 1940) noch einmal auf: „Die Initiative im Kampf um die Neuaufteilung der Welt gehört, diesmal wie 1914, natürlich dem deutschen Imperialismus. ... Das Münchener Abkommen, durch das Chamberlain eine langwährende Freundschaft mit Deutschland zu sichern glaubte, führte im Gegenteil zu einer Beschleunigung des Bruchs. Hitler konnte nichts mehr von London erwarten – eine weitere Ausdehnung Deutschlands musste lebenswichtige Verbindungen Großbritanniens selbst treffen. So führte die ‚neue Friedensära‘, die Chamberlain im Oktober 1938 proklamierte, innerhalb einiger Monate zum schrecklichsten aller Kriege.“
