Eine Folge des Klimawandels: Überschwemmungen in Pakistan fordern mehr als 1.100 Tote

In drei der vier Provinzen Pakistans haben schwere Monsunregenfälle und das Abschmelzen der Gletscher infolge des Klimawandels katastrophale Überschwemmungen und Erdrutsche verursacht.

Laut den pakistanischen Behörden sind seit dem 14. Juni 1.136 Menschen bei den Überschwemmungen ums Leben gekommen, darunter über 350 Kinder. Die tatsächliche Zahl der Todesopfer ist zweifellos deutlich höher, da es den Rettungskräften nicht möglich war, in viele der überfluteten Gebiete vorzudringen. Der pakistanische Premierminister Shehbaz Sharif erklärte am Sonntag nach einem Hubschrauberflug über das Swat-Tal im Norden des Landes vor der Presse: „Ein Dorf nach dem anderen wurde ausgelöscht.“    

Fahrgäste warten im pakistanischen Bahrain am 30. August 2022 an einer beschädigten Straße neben den Fluten (AP Photo/Naveed Ali)

Durch die Überschwemmungen wurden Ernten zerstört, Rinderherden sind ertrunken, Häuser wurden weggeschwemmt, und Pakistans ohnehin schon schwache und marode Infrastruktur wurde verwüstet.

Berichten zufolge sind 33 Millionen Menschen, d.h. fast 15 Prozent der 225 Millionen Einwohner Pakistans, direkt von den Überschwemmungen betroffen. Da nahezu eine Million Häuser zerstört oder schwer beschädigt wurden, geht die Zahl der Menschen, die im Freien oder in Zelten schlafen, in die Hunderttausende, möglicherweise sogar in die Millionen.  

Die Sturzfluten begannen bereits im Juni, haben jedoch in den letzten zwei Wochen biblische Ausmaße angenommen. Die pakistanische Nationale Katastrophenschutzbehörde (NDMA) berichtete am Dienstag, dass bereits 157 Brücken zerstört, 3.457 Kilometer Straße und zwei Millionen Morgen Agrarland überschwemmt wurden, wobei die Ernte zerstört und der Mutterboden weggespült wurden.

Der pakistanische Planungsminister Ahsan Iqbal schätzte die Kosten der Überschwemmungsschäden auf zehn Milliarden Dollar, d.h. mehr als ein Fünftel des gesamten Jahreshaushalts des Landes von 47 Milliarden Dollar.

Etwa ein Drittel des Landes steht derzeit unter Wasser. Am schlimmsten betroffen sind die Provinzen Belutschistan, Sindh und Khyber Pakhtunkhwa.

Die offiziellen Zahlen von mehr als 1.100 Toten und 1.500 Verletzten sind zwar schlimm genug, gelten aber allgemein als grobe Unterschätzung des tatsächlichen Ausmaßes der Katastrophe.

ReliefWeb, eine Nachrichtenseite der Vereinten Nationen, schrieb am 29. August, die „tatsächliche Zahl der Opfer ist vermutlich deutlich höher“. Sie warnte außerdem vor weiteren bevorstehenden Regenfällen: „In den kommenden Tagen wird mit weiteren Verwüstungen gerechnet, die ein noch nie dagewesenes Ausmaß annehmen könnten.“

Medienberichte zeichnen ein erschütterndes Bild der sozialen Verwüstung und des Leids.   

Rasheedan Sodhar, eine 25-jährige Lehrerin, erklärte gegenüber Al-Jazeera, sie und 19 Mitglieder ihrer Familie seien am Sonntag aus ihrem Dorf nahe dem Arabischen Meer in der südlichen Provinz Sindh geflohen, als es überschwemmt wurde. Ihr Haus wurde zerstört, ihr Vieh weggeschwemmt. „Wir haben nichts mehr. Wir sind noch am Leben, aber wir können nicht mehr weiterleben.“

Sodhars gesamte Familie lebt jetzt in der nahegelegenen Stadt Mehar bei sengender Hitze im Freien. Sie erklärte: „Wir bekommen kaum eine Mahlzeit pro Tag. Unsere Kinder weinen den ganzen Tag. Wie soll man ihnen sagen, dass sie aufhören sollen zu weinen, wenn sie kein Zuhause mehr haben?“ 

Muhammad Fareed erklärte gegenüber der BBC, seine Tochter sei bei der Überschwemmung des Flusses Kunhar, eines Nebenarms des Indus in der nördlichen Provinz Khyber Pakhtunkhw, ums Leben gekommen: „Sie sagte zu mir: ,Vati, ich gehe Blätter für meine Ziege sammeln.‘ Sie ging zum Flussufer, und ein Schwall Wasser hat sie weggespült.“

Pakistan verzeichnet seit dem letzten Frühjahr wochenlange schwere Regenfälle und monatelange drückende Hitze. Im März und April stiegen die Temperaturen regelmäßig über 45 Grad, in einigen Landesteilen sogar auf 50 Grad. Nach Angaben der NDMA hat es in Pakistan bis letzte Woche 2,87-mal mehr geregnet als im nationalen 30-Jahres-Durchschnitt, in Baluchistan und Sindh sogar mehr als fünfmal.

Sowohl die extreme Hitze als auch die sintflutartigen Regenfälle stehen in Zusammenhang mit dem Klimawandel. Aufgrund hoher Temperaturen bleibt mehr Niederschlag in der Luft gebunden, der dann als Regen fällt. Pro ein Grad Celsius Temperaturanstieg werden sieben Prozent mehr Niederschläge in der Luft gebunden.

Die ausgedehnte Hitzewelle hat zudem das langfristige Abschmelzen der Gletscher im Himalaya und im Hindukusch-Gebirge beschleunigt. Dies hat zu einem Phänomen geführt, das als Gletscherseeflut bekannt ist: Die Seen aus aufgetautem Wasser stürzen aus dem Himalaya herab und überschwemmen große Teile des Landes. In den Regionen Gilgit-Baltistan und Khyber Pakhtunkhwa haben sich mehr als 3.000 Gletscherseen gebildet, von denen die UN Dutzende als unmittelbare Gefahr einstuft.

Die große Mehrheit der pakistanischen Bevölkerung lebt in Armut. Millionen sind zu Binnenflüchtlingen geworden und ihre Lebensgrundlage wurde zerstört. Ein Großteil des Landes ist von möglicherweise stark verunreinigtem Flutwasser überschwemmt, sodass eine massive Hungersnot und Krankheiten drohen. Jedes Jahr sterben in Pakistan Zehntausende an Malaria und Tuberkulose. Und wie überall auf der Welt besteht die ständige Gefahr neuer Corona-Wellen mit massenhaften Infektionen und Todesfällen.

Die zynische Behauptung der pakistanischen Regierung, in den mehr als zweieinhalb Jahren der Pandemie seien nur 30.500 Menschen an Covid-19 gestorben, verdeutlicht die Gleichgültigkeit der herrschenden Elite gegenüber der Bevölkerung. Laut Studien, die auf wissenschaftlich fundierten Hochrechnungen der Übersterblichkeit beruhen, liegt die tatsächliche Zahl der Todesopfer zwischen 700.000 und 900.000.

Anfang dieser Woche riefen die Vereinten Nationen in einem „Blitzappell“ dazu auf, die erbärmlich geringe Summe von 160 Millionen Dollar für die Versorgung der Flutopfer mit Nahrungsmitteln, sanitären Einrichtungen, Trinkwasser und Notfall-Schulbildung bereitzustellen, obwohl sie selbst von einer „kolossalen Krise“ sprachen. UN-Generalsekretär Antonio Guterres erklärte: „Pakistan ist überschwemmt von Leid. Die Bevölkerung ist mit einem überwältigenden Monsun konfrontiert, den unerbittlichen Auswirkungen von Regen und Überschwemmungen epochalen Ausmaßes.“

Selbst wenn die UN ihre Zielvorgabe erreichen, was angesichts der kläglichen Summen, die die Großmächte bisher versprochen haben, sehr unwahrscheinlich ist, würden die 33 Millionen Opfer der Überschwemmungen umgerechnet nur 4,50 Dollar pro Kopf erhalten.

Die pakistanische Regierung kündigte ihrerseits eine Hilfszahlung von nur 25.000 Rupien (112 Dollar) für alle von der Flut betroffenen Familien an. Genau wie bei früheren Krisen muss man jedoch davon ausgehen, dass aufgrund von Korruption, Misswirtschaft und willkürlicher Nachlässigkeit der Behörden nur ein Bruchteil der Bedürftigen selbst diese winzige Summe erhalten wird.

Die Katastrophe in Pakistan hat die Heuchelei der imperialistischen Mächte, die sonst unermüdlich ihr Eintreten für Menschenrechte und Demokratie proklamieren, um einen Krieg nach dem anderen zu rechtfertigen, deutlich zu Tage treten lassen. Die USA haben Pakistan bisher über die USAID lächerliche 100.000 Dollar Hilfsgelder zur Verfügung gestellt. Diese winzige Summe ist ein Bruchteil der zusätzlichen drei Milliarden Dollar an militärischer Ausrüstung, die Washington erst letzte Woche für den Krieg in der Ukraine bewilligt hat – ganz zu schweigen von den 50 Milliarden Dollar an Waffen- und Hilfslieferungen, die der US-Imperialismus der Ukraine seit Februar zugesagt hat.

Kanada und das Vereinigte Königreich haben ähnlich lächerliche Summen für die pakistanische Fluthilfe in Höhe von fünf Millionen bzw. 1,5 Millionen Dollar zugesagt.

Die Flut in Pakistan ist Teil der rapide eskalierenden weltweiten Klimakatastrophe. Europa wurde im Sommer von einer der schlimmsten Dürren der Geschichte heimgesucht, die zu massiven Ernteausfällen und Zusammenbrüchen der Lebensmittel- und Energieversorgung geführt hat. Im Februar und März verwüsteten Überschwemmungen, die durch beispiellose Regenfälle verursacht wurden, die Küste von Queensland und New South Wales in Australien, wo 22 Menschen ums Leben kamen. An der Infrastruktur entstanden dadurch Schäden in Höhe von mehr als einer Milliarde Dollar. Im US-Bundesstaat Kentucky verloren Anfang August Dutzende von Menschen bei Überschwemmungen ihr Leben, während in diesem Sommer in Alaska im hohen Norden und in der Nähe des Yosemite-Nationalparks in Kalifornien Waldbrände wüteten.

Diese tödlichen Ereignisse verdeutlichen, wie notwendig eine globale Reaktion auf den Klimawandel ist. Doch genau wie in der Corona-Pandemie verhindern die profitorientierten, geostrategischen Interessen rivalisierender Cliquen der kapitalistischen Eliten, vor allem die der USA und der anderen imperialistischen Mächten, die koordinierte Mobilisierung der weltweiten Ressourcen, die zur Bewältigung und Umkehrung des Klimawandels erforderlich sind. 

Beispielhaft für die Irrationalität des Kapitalismus ist die Tatsache, dass der Klimawandel in kurzer Zeit zu einer neuen Quelle intensiver interkapitalistischer Konkurrenz geworden ist. Die Länder beeilen sich, um die Rechte auf Schifffahrtsrouten und Rohstoffe in der Arktis zu beanspruchen, die durch den Rückgang des Polareises zugänglich geworden sind. Sie wollen die Kontrolle über die Rohstoffe erlangen, die für die Produktion von Elektrofahrzeugen und für andere Technologien unerlässlich sind, die man für die Entwicklung einer CO2-neutralen Wirtschaft braucht.

Tatsächlich ist eins der Hauptziele des Kriegs, den die USA und ihre Nato-Verbündeten mit Moskau um die Ukraine angezettelt haben, die Unterwerfung Russlands, um ungehinderten Zugang zu seinen riesigen Energievorkommen und Bodenschätzen zu erhalten. 

Die Flutkatastrophe in Pakistan ist auch eine Anklage gegen alle Fraktionen der käuflichen kapitalistischen Elite des Landes. Die herrschende Klasse Pakistans hat die Ressourcen des Landes im Bündnis mit dem Imperialismus geplündert und verschleudert, seit es vor 75 Jahren durch die blutige kommunale Teilung des Subkontinents entstanden ist.

Unzählige Milliarden wurden vergeudet, um den strategischen Konflikt mit Indien fortzusetzen und das pakistanische Militär zu finanzieren, das mit Atomwaffen ausgestattet ist und immer die Hauptstütze des reaktionären Bündnisses mit Washington war.

Jahrzehntelange, vom Internationalen Währungsfond diktierte „Strukturanapassungsprogramme“, die Pakistan zu einem Magneten für globale Investitionen machen sollten, haben Dutzende Millionen Pakistaner immer tiefer in die Armut gestürzt und das öffentliche Gesundheits- und Bildungssystem ausgehöhlt.   

Die derzeitige Übergangs-Koalitionsregierung unter Führung der Moslemliga Nawaz (PML-N) und der Pakistanischen Volkspartei (PPP) trat im März mit Unterstützung des Militärs ihr Amt an, um eine weitere Runde der vom IWF diktierten Austeritätsmaßnahmen umzusetzen.

Am Dienstag baten Planungsminister Iqbal, ein führendes PML-N-Mitglied, und Sherry Rehman, die PPP-Ministerin für Klimawandel, die „internationale Staatengemeinschaft“ um Fluthilfe. Iqbal erklärte dabei, die Industrieländer, d.h. die fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten, hätten den Löwenanteil der Treibhausgase produziert, die für den Klimawandel verantwortlich sind.

All das hat die pakistanische Regierung aber nicht daran gehindert, sich am gleichen Tag die Zustimmung des IWF für die Freigabe einer 1,1-Milliarden-Dollar-Tranche eines ausgesetzten Rettungspakets genehmigen zu lassen, das an die Bedingung geknüpft war, dass die Regierung den Arbeitern auf Geheiß des internationalen Kapitals massive neue Lasten aufbürdet. Dazu gehören Erhöhungen der regressiven Steuern, die Streichung von Energiepreissubventionen und die beschleunigte Privatisierung von Staatseigentum.

Die PPP-geführte Provinzregierung von Sindh, welche die Forderung nach Haushaltsüberschüssen auf Landes- und Provinzebene gehorsam umsetzt, zwingt die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes zur Finanzierung ihres Fund Relief Program, indem sie den Angestellten der unteren Besoldungsgruppen den Gegenwert von zwei Tageslöhnen und den Angestellten der höheren Besoldungsgruppen den Gegenwert von fünf Tageslöhnen abzieht. Die Beschäftigten, die diese Gebühr zahlen müssen, haben erklärt, sie seien ebenfalls von den Überschwemmungen betroffen.

Rehman erklärte diese Woche gegenüber der Financial Times: „Seit Menschengedenken hat es keine derartige Überschwemmung biblischen Ausmaßes mehr in Pakistan gegeben.“ Es stimmt zwar, dass der Klimawandel zu immer häufigeren und extremeren Wetterereignissen beiträgt, aber Rehman ist sich durchaus bewusst, dass dies eine dreiste Lüge ist. Im Jahr 2010, als die PPP die Regierung stellte und ebenfalls Austeritätsmaßnahmen des IWF durchsetzte, wurde Pakistan von verheerenden Überschwemmungen heimgesucht, bei denen 2.000 Menschen getötet und ein Fünftel des gesamten Landes überschwemmt wurden. Damals bezeichnete die UN die Überschwemmung als „eine der schlimmsten humanitären Katastrophen in der Geschichte der Vereinten Nationen“.

In den drauffolgenden zwölf Jahren wurde nichts Nennenswertes unternommen, um sich auf künftige Überschwemmungen vorzubereiten oder die öffentliche Gesundheitsinfrastruktur zu verbessern.

Im Etat für das Haushaltsjahr, das am 1. Juli begann, hat die pakistanische Regierung nur 100 Millionen Rupien (455,5 Millionen Dollar) für Katastrophen- und Notfallhilfe bereitgestellt, einschließlich der anhaltenden Corona-Pandemie.

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