Global Wealth Report 2022: Hohe Konzentration von Reichtum in Deutschland

Die groteske Konzentration von Reichtum in Deutschland ist ungebrochen: Rund 2900 Menschen besitzen ein Finanzvermögen von mehr als 100 Millionen Dollar. Sie gelten damit als „Ultra High Net Worth Individuals“, also Menschen mit einem extrem hohen Finanzvermögen. Ihr Anteil am Gesamtvermögen beträgt 21 Prozent. Darüber hinaus gibt es rund 520.000 Millionäre im Land, was 44 Prozent des Gesamtvermögens entspricht.

Für Arbeiter in Deutschland und auch weltweit zeichnet sich hingegen ein düsteres Bild. Immer mehr Menschen rutschen unter die Armutsgrenze, die Inflation bewegt sich weiter auf sehr hohem Niveau, Lebensmittelpreise haben stark angezogen und der Mindestlohn wird in homöopathischen Dosen erhöht.

Flaschensammler, ein häufiger Anblick in Deutschland [Photo by Sascha Kohlmann / CC BY-SA 2.0]

Die Zahlen über den schier unendlichen Reichtum einer kleinen Elite wurden vom Global Wealth Report 2022 der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) erhoben, der Ende Juni veröffentlicht wurde. Der Bericht untersucht jährlich die globale Entwicklung von privaten Finanzvermögen (Bargeld, Kontoguthaben, Schuldverschreibungen, usw.), Sachwerten (Immobilien, Kunstwerken, etc.) und Verbindlichkeiten. Die Werte werden zur besseren Vergleichbarkeit in US-Dollar angegeben.

Auch im internationalen Vergleich wird deutlich, wie hoch die Konzentration des Finanzvermögens hierzulande ist: Deutschland belegt mit einem Finanz- und Sachvermögen von 19,3 Billionen US-Dollar (abzüglich sämtlicher Schulden) den vierten Platz. Nur in den USA (144 Billionen), gefolgt von China (76 Billionen) und Japan (24 Billionen) sind die Zahlen noch extremer.

Eine der zentralen Fragen, auf die der Global Wealth Report engeht, sticht besonders heraus: Wer gewinnt, wer verliert? Die Antwort ist denkbar einfach: Während eine kleine Elite die Champagnerkorken knallen lässt, können sich Arbeiter kaum noch über Wasser halten.

Die herrschende Klasse scheut derweil keine Mühen, damit das auch so bleibt. Zwar sanken laut dem Bericht die Finanzvermögen in Deutschland 2022 leicht. Allerdings war der globale Wohlstand im Jahr davor um satte 10 Prozent gestiegen.

Damals – im zweiten Jahr der Corona-Pandemie – waren die Arbeiter trotz Ansteckungsgefahr in die Betriebe und Fabriken zurückgezwungen und die ohnehin unzureichenden Schutzmaßnahmen überall auf der Welt Schritt für Schritt abgeschafft worden. Die damalige Bundesregierung unter Angela Merkel (CDU) und Finanzminister Olaf Scholz (SPD) stopfte den Reichen mit einem milliardenschweren Corona-Notpaket die Taschen voll, während Arbeiter mit einem Almosen abgespeist wurden.

Für das laufende Jahr prognostiziert BCG einen erneuten Anstieg der Finanzvermögen in Deutschland um rund 5 Prozent auf 267 Billionen Dollar. Der Einbruch im vergangenen Jahr gilt als Ausnahme. Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass sich die extreme Ungleichverteilung der Finanzvermögen im Land auch in den nächsten Jahren fortsetzt.

Für Arbeiter ist das längst bittere Realität. Bereits 2021 stieg die Armut laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband in Folge der Corona-Pandemie auf einen neuen Höchststand von 16,9 Prozent oder 14,1 Millionen Menschen. Die Verarmung eines Großteils der Bevölkerung folgt dabei einem Trend, der bereits 2006 einsetzte. Die WSWS hat eine Analyse des Armutsberichts veröffentlicht.

Dabei sind in den dramatischen Zahlen des Armutsberichts die Auswirkungen der gestiegenen Inflation seit Beginn des Nato-Stellvertreterkrieges gegen Russland, der auf dem Rücken der internationalen Arbeiterklasse ausgetragen wird, noch gar nicht berücksichtigt.

Die Inflationsrate ist zwar nicht mehr ganz so hoch wie vor einigen Monaten, aber die Preise steigen weiter. Im Juni lagen sie laut Statistischem Bundesamt um 0,3 Prozent höher als im Mai und um 6,4 Prozent höher als im Juni des Vorjahres.

Gleichzeitig werden Nahrungsmittel für Arbeiter und ihre Familien nahezu unerschwinglich. Im Vergleich zum Jahr 2020 ermittelte das Statistische Bundesamt für Juni einen Preisanstieg für grundlegende Nahrungsmittel wie Zucker um 70,8 Prozent. Käse- und Quarkerzeugnisse, Margarine und Pflanzenfett sind um knapp 30 Prozent teurer geworden. Ein ähnlicher Preisanstieg ist auch für frische Brötchen zu verzeichnen, während Vollmilch rund 43 Prozent mehr kostet.

Die von der Mindestlohn-Kommission vorgeschlagene „Erhöhung“ der sogenannten Lohnuntergrenze ist angesichts dieser Entwicklungen purer Hohn. Ab Januar 2024 soll der Mindestlohn statt 12 Euro 12,41 Euro betragen. Für 2025 ist eine erneute Anpassung auf 12,82 Euro geplant.

Laut Berechnungen der Zeit gleicht eine Erhöhung des Mindestlohns um jeweils 41 Cent den realen Lohnverlust durch steigende Preise bei weitem nicht aus. Weiter heißt es: „Geringverdienende können sich künftig trotz der Anhebung vom Lohn ihrer Arbeit noch weniger leisten als heute.“

Allein um die Inflation aus dem Jahr 2022 auszugleichen, wäre laut Zeit ein Mindestlohn von 14,49 Euro notwendig. Und selbst dieser Betrag würde nur zum Überleben reichen.

Die Kommission, die aus hochrangigen Gewerkschaftsbürokraten, Unternehmervertretern und Wirtschaftswissenschaftlern besteht, veröffentlichte ihren Vorschlag erstmals nicht einvernehmlich, sondern als Mehrheitsbeschluss. Die Gewerkschaftsvertreter zeterten über die angeblich zu geringe Erhöhung des Mindestlohns, doch das ist nichts als Augenwischerei.

Spätestens die Verdi-Funktionärin Andrea Kocsis, eine von drei Vertretern der „Arbeitnehmerseite“, macht deutlich, dass auch sie auf Seiten des Großkapitals steht. Erst im März hatte Kocsis zusammen mit ihrem Kollegen Stephan Teuscher den Ausverkauf der Post-Arbeiter in die Wege geleitet. Sie ignorierte das überwältigende Votum der Postler, die zu 86 Prozent für einen Vollstreik stimmten, und drückte einen faulen Kompromiss durch, der eine Reallohnsenkung bedeutet.

Auch SPD-Chef Lars Klingbeil machte deutlich, dass seine Partei und die Mindestlohn-Kommission Hand in Hand arbeiten. Er schwadronierte von einer Erhöhung des Mindestlohns im kommenden Jahr auf bis zu 14 Euro durch die Umsetzung der EU-Mindestlohnrichtlinie. Nur um gleich darauf zu betonen, er werde das Verfahren der Mindestlohn-Kommission jetzt nicht infrage stellen.

Klingbeils Parteikollege, Bundesarbeitsminister Hubertus Heil, kündigte nach einigen Krokodilstränen an, die Empfehlung der Mindestlohn-Kommission per Rechtsverordnung umzusetzen.

Die Konzentration von Reichtum in Deutschland auf der einen Seite und die sich rapide verschlechternden Lebensbedingungen für Arbeiter auf der anderen Seite sind auf die Politik aller Regierungsparteien zurückzuführen. Dabei stehen vor allem auch die nominell linken Parteien – SPD, Linkspartei und Grüne – für Sozialabbau, unbezahlbare Mieten, marode Schulen und zerfallende Krankenhäuser.

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