„Eine Insel im Zentrum der Weltgeschichte“: Veranstaltung zum Gedenken Leo Trotzkis am 20. August auf Prinkipo

Leo Trotzki an seinem Schreibtisch auf Prinkipo

Die öffentliche Veranstaltung wird für ein internationales Publikum um 16 Uhr deutsche Zeit hier live gestreamt.

Am 20. August 2023 wird Trotzkis vierjähriges Exil in der Türkei von 1929 bis 1933 mit einer Veranstaltung auf Prinkipo gewürdigt. Trotzki suchte auf der Insel im Marmarameer vor der Küste Istanbuls Zuflucht, nachdem er vom stalinistischen Regime aus der Sowjetunion vertrieben worden war.

Die Veranstaltung trägt den Titel „Eine Insel im Zentrum der Weltgeschichte: Trotzki auf Prinkipo“. Die Hauptredner sind David North, Vorsitzender der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site; Ulaş Ateşçi, führendes Mitglied der Sosyalist Eşitlik Grubu (Sozialistische Gleichheitsgruppe) in der Türkei; und Eric London, Redaktionsmitglied der WSWS, der sich ausführlich mit der Ermordung von Leo Trotzki beschäftigt hat. Professor Mehmet Ö. Alkan, der Vorsitzende der türkischen Stiftung für Geschichte (Tarih Vakfı), wird die Veranstaltung moderieren.

Die Gedenkveranstaltung wird von der Gemeinde Prinkipo (Adalar) unter der Leitung von Bürgermeister Erdem Gül ausgerichtet. Vor seiner Wahl im Jahr 2019 war Gül als prinzipienfester Journalist bekannt geworden. Im November 2015 wurde Gül als Ankara-Vertreter der Tageszeitung Cumhuriyet zusammen mit Can Dündar, dem Chefredakteur der Zeitung, festgenommen und für drei Monate inhaftiert, weil er über die sogenannten „MİT-Lkw“ berichtet hatte. Es ging dabei um die Entdeckung von Waffen, die mutmaßlich für islamistische Dschihadisten in Syrien bestimmt waren, in Lastwagen des türkischen Geheimdienstes (MİT), die im Januar 2014 in den südtürkischen Provinzen Hatay und Adana angehalten wurden.

Das Treffen fällt mit dem 90. Jahrestag von Trotzkis Abreise aus Prinkipo im Juli 1933 zusammen und fällt genau auf den 83. Jahrestag seiner Ermordung im August 1940.

David North, der seit fast einem halben Jahrhundert eine führende Rolle in der internationalen trotzkistischen Bewegung spielt, betonte gegenüber der WSWS die historische Bedeutung der Veranstaltung:

Die vier Jahre, die Leo Trotzki auf Prinkipo verbrachte, gehörten zu den folgenreichsten Jahren, nicht nur seines eigenen Lebens, sondern auch der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Er kam im Februar 1929 in der Türkei an – einige Monate vor dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, die die politischen Umwälzungen der 1930er Jahre auslöste. Trotzki verließ die Türkei einige Monate nach der Machtübernahme Hitlers in Deutschland, der schwersten Niederlage, die die Arbeiterklasse je erlitten hatte.

Trotz der Entfernung zwischen Prinkipo und den großen politischen Zentren Europas und Nordamerikas waren Trotzkis politische Analysen der wichtigsten Ereignisse dieser Zeit unvergleichlich. Niemand verstand die Gefahr, die vom Anwachsen der nationalsozialistischen Bewegung Hitlers ausging, besser und schrieb so leidenschaftlich darüber. Hätten die Massenparteien der Arbeiterklasse in Deutschland Trotzkis Warnungen beherzigt, wäre der Welt die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs erspart geblieben.

North wies zudem darauf hin, dass Trotzki, obwohl er sich intensiv mit den zeitgenössischen politischen und sozialen Ereignissen befasste, gleichzeitig weitere wichtige Werke verfasste.

Inmitten seiner intensiven Beschäftigung mit den aktuellen Ereignissen schrieb Trotzki seine Autobiografie Mein Leben und Die Geschichte der russischen Revolution. Beide Werke sind anerkannte Meisterwerke der Literatur des 20. Jahrhunderts.

Doch Trotzkis wichtigste Tat während seines Aufenthalts auf der Insel Prinkipo fand kurz vor seiner Abreise statt. Im Juli 1933 veröffentlichte Trotzki seinen Aufruf zum Aufbau der Vierten Internationale. Diese Initiative, die durch den Verrat des Stalinismus hervorgerufen wurde, sicherte das Überleben der internationalen sozialistischen Bewegung.

North würdigte die Entscheidung von Bürgermeister Gül und der Stadtverwaltung von Prinkipo, die Veranstaltung auszurichten.

„Ich glaube, in der Entscheidung, diese Veranstaltung auszurichten, kommt eine ernsthafte Einstellung zur Geschichte und ein Verständnis für die große und anhaltende Bedeutung der Arbeit zum Ausdruck, die Trotzki während der vier entscheidenden Jahre seines Aufenthalts auf Prinkipo geleistet hat. Zwischen 1929 und 1933 war Prinkipo wirklich eine Insel im Zentrum der Weltgeschichte. Dies ist ein großes und ehrenhaftes Kapitel in der Geschichte Prinkipos, das die Zeit überdauern wird.“

Ulaş Ateşçi, Herausgeber des Verlags Mehring Yayıncılık, der trotzkistische Literatur in der Türkei herausgibt, erklärte gegenüber der WSWS: „Diese Veranstaltung auf Prinkipo, der Herberge des großen marxistischen Revolutionärs in den ersten Jahren seiner Verbannung aus der UdSSR, hat eine internationale und historische Bedeutung. Die Ideen Trotzkis, der vor 83 Jahren als Erzfeind der imperialistischen Mächte und der stalinistischen Bürokratie ermordet wurde, gewinnen in einer krisengeschüttelten Welt, die auf einen globalen Krieg zusteuert, immer mehr an Bedeutung.“

Ateşçi begrüßte die Teilnahme von Professor Alkan als Moderator der Veranstaltung. „Professor Alkan kann auf eine lange und erfolgreiche Karriere als Wissenschaftler zurückblicken. Er ist derzeit Leiter der Abteilung für politische Geschichte an der Universität Istanbul, hat mehr als 300 Artikel veröffentlicht und über 20 Bücher verfasst oder herausgegeben. Zu diesen Werken gehören Die Geschichte der türkischen Arbeiterklasse von der Tanzimât-Periode bis zur Gegenwart 1839-2014; 150 Jahre seit der Veröffentlichung von Das Kapital ; 1917: Revolution in Russland und Die Republik: Eine Bilanz nach hundert Jahren.

Eine der Villen, die Trotzki auf Prinkipo bewohnte, existiert noch, ist aber äußerst baufällig. North äußerte die Hoffnung, dass die Ausrichtung der Veranstaltung zu einer vollständigen Restaurierung führen würde. „Das Haus, in dem Trotzki lebte, ist eine bedeutende historische Stätte“, sagte North gegenüber der WSWS. „Es sollte in seinem ursprünglichen Zustand restauriert werden und als Zentrum für das Studium des Lebens einer monumentalen Figur in der Geschichte des 20. Jahrhunderts dienen, deren Werk nach wie vor die Grundlage der zeitgenössischen sozialistischen Weltbewegung ist.“

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