Wachsende Auswirkungen auf Kanada und UK

Schauspieler und Autoren bringen Film- und Fernsehproduktion in den USA zum Erliegen

Die größere internationale und gesellschaftliche Bedeutung des gemeinsamen Streiks von 76.000 Autoren und Schauspielern der Writers Guild of America (WGA) und der Screen Actors Guild–American Federation of Television and Radio Artists (SAG-AFTRA) in den USA tritt nach vier Tagen deutlich hervor.

Der Streik, an dem sich viele bekannte und viele weniger bekannte Künstler beteiligen, die kaum über die Runden kommen, ist Teil einer breiteren und sich entwickelnden Massenbewegung der Arbeiterklasse. Dutzende Millionen Menschen auf der ganzen Welt sind auf diesen sozialen Konflikt in den USA aufmerksam geworden. Das trägt dazu bei, dass die Mythen, die der amerikanischen Kapitalismus über sich selbst verbreitetet, widerlegt werden, was die Kämpfe der Arbeiterinnen und Arbeiter in den USA und anderen Teilen der Welt ermutigen wird. Von den Schauspielern und Autoren selbst verfolgen viele die Ereignisse in Frankreich, den möglichen Streik bei UPS Ende Juli und andere soziale Entwicklungen.

Streikende in New York am 14. Juli

Der Doppelstreik ist ein wichtiges internationales Ereignis – nicht nur weil viele Menschen die amerikanische Unterhaltungsindustrie verfolgen (ihre Produkte gehören zu den wichtigsten Exportgütern des US-amerikanischen Kapitalismus), sondern auch wegen des globalen, vernetzten Charakters der Film-, Fernseh- und Medienproduktion.

Die Film- und Fernsehproduktion in den USA ist zum Erliegen gekommen, aber man geht davon aus, dass auch die Produktion in Kanada, im Vereinigten Königreich, in Irland und Griechenland betroffen sein wird.

In British Columbia, wo laut Reuters mehr als 50 Animationsstudios mit bis zu 88.000 Beschäftigten angesiedelt sind, ist die Filmproduktion auf ein Minimum reduziert. Laut Reuters sind die Beschäftigten in der kanadischen Provinz gefährdet, weil die dortige „Filmindustrie größtenteils auf Gelegenheitsarbeit beruht... Die Beschäftigten werden für eine bestimmte Produktion eingestellt. Wenn nichts produziert wird, dann werden sie nicht bezahlt. Sollte der Streik anhalten, könnten tausende Menschen außerhalb der Branche andere Arbeitsplätze suchen.“ Auch das Toronto International Film Festival, auf dem viele US-Filme uraufgeführt werden, könnte betroffen sein.

Zudem rebellieren die Schauspieler in Kanada gegen den Versuch der Alliance of Motion Pictures and Television Producers, sie im Einvernehmen mit den lokalen Gewerkschaften über den Tisch zu ziehen. Die Union of British Columbia Performers/Alliance of Canadian Cinema, Television and Radio Artists (UBCP/ACTRA) hatte vor kurzem zugestimmt, als Gegenleistung für eine fünfprozentige Lohnerhöhung den bestehenden Tarifvertrag um ein Jahr zu verlängern.

Am 10. Juli unterzeichneten 68 kanadische Schauspieler einen Brief, in dem sie die in der UBCP/ACTRA organisierten Schauspieler an der Westküste aufriefen, einen „präventiven Deal“ abzulehnen. Wie der Hollywood Reporter schrieb, heißt es in dem Brief, ein präventiver Deal „wird die laufenden Tarifverhandlungen mit der SAG-AFTRA und der Writers Guild of America untergraben, die zu einem Doppelstreik in Hollywood geführt haben. ,Wir lassen uns nicht als Druckmittel benutzen. Wir verdienen unseren eigenen Vertrag, und wir verdienen etwas Besseres als das.‘“

Der offene Brief ähnelt demjenigen, der Ende Juni von 2.000 Mitgliedern der SAG-AFTRA unterzeichnet wurde und vor einem Ausverkauf der Gewerkschaft gewarnt hatte.

Im Brief der kanadischen Schauspieler heißt es: „Dies sind beispiellose Zeiten. Unsere Arbeitgeber haben ihre Gewinne um Milliarden gesteigert, während sie unsere Vergütungen zusammengekürzt und unsere Arbeitsbedingungen verschlechtert haben. Aber auch wir besitzen Stärke. Unsere Stärke liegt in der Solidarität – mit unseren Mitgliedern und mit der ganzen Arbeiterbewegung. Dies ist ein Wendepunkt. Wir müssen uns selbst, unseren Wert und künftige Künstler in unserer Branche schützen. Das wirtschaftliche Überleben unseres ganzen Berufsstands steht auf dem Spiel.“

In Großbritannien verließen am Donnerstag Darsteller von Christopher Nolans biografischem Film Oppenheimer – über den theoretischen Physiker J. Robert Oppenheimer, der an der Entwicklung der Atombombe beteiligt war – während der Premiere das Kino, als sie vom Beginn des Streiks erfuhren. Zu denen, die die Veranstaltung verließen, gehörten Cillian Murphy, Emily Blunt, Matt Damon, Florence Pugh und Robert Downey Jr. Regisseur Nolan teilte dem Publikum mit, die Schauspieler seien „gegangen, um ihre Schilder für die Streikposten zu schreiben“. Dies sei Teil des „Kampfs für faire Löhne “, fügte er unter Applaus hinzu.

Die BBC berichtete: „In Großbritannien und anderen europäischen Staaten beobachten die nationalen Schauspieler- und Autorengewerkschaften den Schaden. Und die Techniker-Gewerkschaften, die das Filmpersonal und die angehängten Branchen vertreten, teilen ihre unguten Vorahnungen. Bectu, die Gewerkschaft der britischen Kreativindustrie, warnte davor, dass sich ein ,perfekter Sturm‘ für Freiberufler ,zusammenbraut‘. Viele Produktionen laufen jetzt Gefahr, auf Eis gelegt zu werden, und sie rechnet damit, dass weitere folgen werden, wenn die Schlichtung scheitert.“

Die amerikanischen Produktionsfirmen und ihre Vorstände in Hollywood dachten laut der Los Angeles Times, sie könnten „eine Auseinandersetzung mit den Drehbuchautoren aussitzen“, allerdings waren „nur wenige von ihnen auf einen Streik der größten Gewerkschaft der Branche, der SAG-AFTRA, vorbereitet – oder wollten ihn“. Die massenhafte Teilnahme von Schauspielern an den Streikposten der Autoren hat „die für Los Angeles charakteristische Branche ins Chaos gestürzt... damit wird etwas noch komplizierter – befürchten einige –, was zu einem langen und verheerenden Streik werden könnte“.

Streikende in Los Angeles am 14. Juli

Laut der Times ist die Filmproduktion zum Erliegen gekommen, und auch die kommende Fernsehsaison „könnte ins Stocken geraten ohne neue Episoden-Drehbücher“ für viele beliebte Serien. Weiter heißt es, der „Konflikt“ in Hollywood habe „die Züge eines großen kulturellen Zusammenstoßes angenommen, in dem vorgeblich normale Arbeiter den Top-Verdienern des obersten einen Prozents von Amerika gegenüberstehen. An den Streikposten und in den sozialen Medien werden üppig verdienende Branchenführer wie Disney-CEO Bob Iger und der Chef von Warner Bros. Discovery, David Zaslav, als Zeichentrick-Schurken dargestellt.“

„Vor der Firmenzentrale von Disney in Burbank hielt am Freitag ein streikender Arbeiter ein Plakat hoch, das Igers Gesicht auf dem Körper einer handgezeichneten Marie Antoinette zeigte, die ein himbeerfarbenes Stück Gebäck hält. Der Text darunter lautete: ,Wie wär’s, wenn du uns etwas von dem Kuchen abgibst, Bob!‘“

Die Empörung über Igers Äußerungen über den „unrealistischen“ und „sehr verstörenden“ Charakter der Forderungen der Schauspieler und Autoren hat sich nicht gelegt – sie kommen von einem Mann, der in den letzten fünf Jahren mehr als 200 Millionen Dollar verdient hat.

Der Schauspieler Sean Gunn, Bruder des Regisseurs James Gunn (Guardians of the Galaxy), forderte den Disney-Vorstandschef auf, „in den Spiegel zu schauen“ und sich zu fragen, ob es moralisch korrekt sei, „400mal mehr“ zu verdienen als der am schlechtesten bezahlte Arbeiter seines Unternehmens. „Wenn Sie darauf antworten, so macht man eben heute Geschäfte... nun, dann ist das saublöd, und Sie sind eine besch– Person.“ Gunn fuhr fort: „Sie müssen wirklich überdenken, wie Sie Geschäfte machen und den Reichtum mit den Menschen teilen... Andernfalls wird das alles zusammenbrechen.“

Brian Cox, Star der populären Serie Succession, die von einem riesigen Medienkonzern und seinen Intrigen handelt, erklärte gegenüber Sky News, der Streik könnte „sehr, sehr unangenehm werden. Er könnte noch eine ganze Weile andauern. Sie werden uns zum Äußersten zwingen, und wir werden wahrscheinlich bis zum Äußersten gehen müssen.“ Cox kritisierte die Streaming-Dienste, die sich weigern, den Schauspielern angemessene Gagen zu zahlen. Er wies darauf hin, dass „das System rapide versagt... Wenn unsere Gagen ausfallen, wird unsere Krankenversicherung nicht bezahlt.“

George Clooney erklärte am Freitag: „Viele Schauspieler und Autoren können sich ihren Lebensunterhalt nicht mehr verdienen.“ Er sprach von einem „Wendepunkt in unserer Branche“. Matt Damon erklärte gegenüber Associated Press, es sei notwendig, „diejenigen zu schützen, [die] sozusagen am Rand stehen... Man muss 26.000 Dollar im Jahr verdienen, um seine Krankenversicherung zahlen zu können, und viele kommen nur mit Tantiemen über diese Schwelle. Wenn diese Tantiemen ausbleiben, haben sie keine Krankenversicherung mehr, und das ist völlig inakzeptabel.“

Der Schauspieler John Cusack nahm auf Twitter Stellung zu den Konzernen und ihren Einsatz von künstlicher Intelligenz, den er als „kriminelles Unterfangen“ bezeichnete. Er erklärte, in zehn Jahren würden die Unternehmen sagen: „Wir hatten keine Ahnung, dass das passieren würde... wenn das Ausmaß ihrer Plünderung aufgedeckt wird. Natürlich hatten sie eine Ahnung davon, das ist das Geschäftsmodell. Die Algorithmen dienen dem Profitstreben – der brutale KI-Kapitalismus. Sie werden die Algorithmen verantwortlich machen, die sie selbst erschaffen haben, um mehr Geld zu machen.“

Die anonymen Äußerungen eines Studio-Vorstands, der letzte Woche in Deadline mit den Worten zitiert wurde, die Unterhaltungskonzerne wollten den Streik der Autoren vorsätzlich monatelang hinauszögern, bis „die Gewerkschaftsmitglieder ihre Wohnungen und Häuser verlieren“ lösten an den Streikposten und in den öffentlichen Kommentaren der Schauspieler und Autoren noch größere Empörung aus.

Forbes berichtete von einem Instagram-Post des Schauspielers Ron Perlman, in dem er dem Vorstand riet, „vorsichtig zu sein“ und ihn warnte: „Wir wissen, wer das gesagt hat, und wir wissen, wo er verdammt noch mal wohnt.“ Forbes schrieb weiter: „Perlman erklärte, diese Äußerungen liefen auf den Wunsch hinaus, die Familien der Beschäftigten sollten hungern, während der Vorstand jedes Jahr Millionen Dollar verdient, ohne irgendetwas zu schaffen. ... Am Schluss des Videos warnte der Schauspieler den Vorstand, nach seinem Kommentar ,sehr vorsichtig zu sein... Das ist die Art von Scheiße, die Scheiße aufwirbelt.‘“

Weitere Kämpfe großer Teile der Arbeiterklasse in der Industrie und im Dienstleistungssektor stehen noch bevor, u.a. bei UPS, in der Autoindustrie, in den Häfen, im Gesundheits- und Bildungswesen. Dies ist die Antwort auf Krieg, Pandemie und faschistische Reaktion: der globale Klassenkampf und der Sturz des Kapitalismus.

Was bedeutet die #MeToo-Kampagne angesichts dieses Streiks? Und die „Rassenpolitik“? An den Streikposten finden sich Angehörige aller Ethnien, Nationalitäten, Geschlechter, Anhänger jeder sexuellen Orientierung und Lebensweise. Die Filmschaffenden wurden von den großen Klassenfragen zusammengebracht – dem unerbittlichen Streben der Konzerne, Löhne zu drücken und Arbeitsbedingungen zu zerstören, und dem Verfall des Kapitalismus – und beteiligen sich an einer neuen Offensive der gesamten Arbeiterklasse.

Doch bei allem Enthusiasmus und aller Entschlossenheit sind die Streikenden mit der Realität konfrontiert, dass die Gewerkschaftsbürokratien nicht in der Lage sind, einen Kampf gegen den rücksichtslosen Feind, die riesigen Konglomerate und die Wall Street, zu führen. Eine neue Führung muss sich unter den Autoren und Schauspielern herausbilden. Wir kämpfen dafür, dass dies die Form von demokratisch kontrollierten Aktionskomitees annimmt, die für große wirtschaftliche, soziale und kulturelle Ziele kämpfen. Dazu gehören die Enteignung dieser Unterhaltungskonzerne durch die Arbeiterklasse und ihre Nutzung zum Wohl der Menschheit, nicht zur Anhäufung von Profit für einige wenige.

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