Am 25. Februar kam es vor der israelischen Botschaft in Washington D.C. zu einer tödlichen Protestaktion. Aaron Bushnell, ein 25-jähriger Soldat der Air Force im Aktivdienst, erklärte über Video, dass er sich an dem israelischen Völkermord in Gaza nicht mehr beteiligen wolle. Dann übergoss er sich mit einem Brandbeschleuniger und zündete sich unter „Free Palestine“-Rufen selbst an.
Das Video von Bushnells Selbstverbrennung verbreitete sich schnell in den sozialen Medien.
In dem etwas mehr als dreiminütigen Video stellt sich Bushnell, der seine Kampfmontur trägt, zunächst vor und erklärt dann: „Ich bin ein aktives Mitglied der United States Air Force und werde mich nicht länger an einem Völkermord beteiligen.“ Während er weiterläuft, erklärt er ruhig: „Ich bin im Begriff, einen extremen Akt des Protests zu vollziehen. Aber im Vergleich zu dem, was die Menschen in Palästina durch ihre Kolonisatoren erleben, ist das überhaupt nicht extrem. Unsere herrschende Klasse betrachtet genau das als normal.“
Bushnell, der einen Behälter mit Flüssigkeit in der linken Hand hält, geht etwa 30 Sekunden lang weiter, bis er den Eingang der israelischen Botschaft erreicht. Nachdem er seine Kamera auf den Boden gestellt hat – mit Blick auf die Vorderseite der Botschaft – geht Bushnell auf das Tor zu, übergießt sich mit einer Flüssigkeit und ruft: „Free Palestine!“ Dann zieht er ein Feuerzeug heraus und versucht, sich anzuzünden.
Aus dem Off ist eine Männerstimme zu hören, die fragt: „Kann ich Ihnen helfen, Sir?“ Etwa 15 Sekunden lang gelingt es Bushnell nicht, den Brandbeschleuniger anzuzünden, doch die Person, der die Stimme aus dem Off gehört, macht keine Anstalten, ihm das Feuerzeug abzunehmen. Als das Feuer schließlich ausbricht, wird Bushnell schnell von den Flammen erfasst. Während das Feuer Bushnell verzehrt, schreit er wiederholt: „Free Palestine!“
Während Bushnell in Flammen steht, sind mehrere Stimmen aus dem Off zu hören. Eine Person schreit: „Mann in Flammen!“, während eine andere wiederholt ruft: „Auf den Boden!“ Sirenen heulen und Reifen quietschen, und schließlich bricht Bushnell zusammen. Fast eine Minute vergeht, bis man sieht, wie ein Polizeibeamter einen Feuerlöscher auf Bushnells nun verkohlte und bewegungslose Leiche richtet.
Obwohl Bushnell offensichtlich für niemanden außer sich selbst eine Bedrohung darstellt, richtet ein Bewaffneter (entweder ein Mitglied der israelischen Botschaft oder des US-Geheimdienstes) eine Waffe auf denjenigen, der da am Boden gerade verbrennt. Ein Polizist kommt hinzu und schreit: „Ich brauche keine Waffen, ich brauche Feuerlöscher.“
In seinem letzten Social-Media-Post hatte Bushnell geschrieben: „Viele von uns fragen sich gerne: ‚Was hätte ich getan, hätte ich während der Sklaverei gelebt? Oder im Jim-Crow-Süden? Oder in der Apartheid? Was würde ich tun, wenn mein Land einen Völkermord beginge?‘ Die Antwort ist: Sie tun es. Genau jetzt.“
Auf seinem LinkedIn-Profil gab Bushnell an, dass er seit Mai 2020 hauptberuflich bei der US Air Force arbeite, zuletzt als „DevOps Engineer“ in San Antonio, Texas. Bushnell schrieb, er wolle „aus der US Air Force in die Softwareentwicklung wechseln“.
Im Januar berichtete The Intercept, dass die US-Luftwaffe seit November 2023 Offiziere, die auf „zielgerichtete Intelligenz“, besonders für Luftangriffe und Artilleriewaffen mit großer Reichweite, spezialisiert sind, nach Israel schicke. Es ist zwar unklar, ob Bushnell einen solchen Einsatzbefehl erhalten hat, aber es steht außer Frage, dass ihn die Rolle des US-Militärs in dem anhaltenden Gemetzel zutiefst beunruhigte.
Bushnell war vom Anarchismus beeinflusst. Am Tag seiner Selbstverbrennung schickte der junge Mann E-Mails an anarchistische Publikationen wie crimethinc und teilte ihnen mit, dass er „einen extremen Akt des Protests gegen den Völkermord am palästinensischen Volk“ plane. Er lieferte Links zu seinem Livestream und bat darum, dass das Video „aufbewahrt und darüber berichtet“ werde.
In einer am Montag herausgegebenen Erklärung schrieb die Hilfsorganisation Serve The People Akron mit Sitz in Akron (Ohio): „Aaron war ein geschätztes Mitglied unserer Organisation und der Gemeinschaft, das immer den Obdachlosen half und sich bei jedem unserer Projekte engagierte. Er war zuverlässig und ausdauernd und leistete Hilfe in einer Stadt, die für ihn noch neu war. Wir werden immer dankbar sein für seinen Einsatz, aus Akron eine bessere Stadt zu machen.“
Zu Ehren von Bushnell wurden in der letzten Woche mehrere Gedenkfeiern und Mahnwachen abgehalten. Am letzten Montag hielten Dutzende von Demonstrierenden vor der israelischen Botschaft, dem Ort, an dem sich der junge Mann in Brand gesetzt hatte, eine Gedenkfeier ab. Auf einer großen Leinwand schrieben die Teilnehmer in englischer und arabischer Sprache Sätze für Bushnell wie diesen: „Lieber Aaron, es tut uns leid, dass die Welt dich im Stich gelassen hat, so wie sie die Menschen in Gaza im Stich gelassen hat. Ruhe in Frieden.“
Bushnells Tod ist ein tragisches Ereignis und eine Anklage gegen alle Regierungen und politischen Strömungen, die für das Gemetzel verantwortlich sind. An erster Stelle stehen die israelische und die US-Regierung, gefolgt von ihren Nato-Verbündeten. Eine besondere Rolle spielen auch diejenigen, die weiterhin Illusionen in die Täter und Helfer des Völkermordes schüren. In den Vereinigten Staaten gehören dazu die Demokratischen Sozialisten von Amerika (DSA) und ihre Abgeordneten wie Alexandria Ocasio-Cortez und andere, die sich an der „Uncommitted“-Scharade beteiligt haben: Sie haben bei den Vorwahlen der Demokraten „Uncommitted“ („neutral“) gestimmt, aber sind weiterhin eine wichtige Stütze für die Regierung Biden und die Demokratische Partei.
Während der Widerstand gegen den Massenmord und das Aushungern der Palästinenser sehr weit verbreitet ist, weigerten sich die großen Medien, darunter die New York Times, NPR, Reuters, CNN, Washington Post und die europäischen Zeitungen stundenlang, überhaupt über den Protest zu berichten. Und wenn sie es taten, waren die Schlagzeilen absichtlich vage, um den politischen Inhalt von Bushnells verheerender Demonstration zu verschleiern.
„Ein Flieger stirbt, nachdem er sich vor der israelischen Botschaft in Washington in Brand gesetzt hat“, lautete die Schlagzeile der New York Times. „US-Air-Force-Soldat stirbt, nachdem er sich vor der israelischen Botschaft in Brand gesetzt hat“, titelte der NPR. Die Post meldete in ähnlicher Weise: „Flieger stirbt, nachdem er sich vor der israelischen Botschaft in Washington angezündet hat“. CNN und Reuters titelten mit der ebenso nutzlosen Meldung: „US-Air-Mann zündet sich vor der israelischen Botschaft in Washington an“.
Diese Selbstzensur der kapitalistischen Presse steht im Einklang mit ihrem Verhalten seit Beginn des von den USA unterstützten israelischen Gemetzels in Gaza. Seit der ersten Oktoberwoche verbreiten die amerikanischen Presseorgane israelische Propaganda, während sie die täglichen Proteste gegen die US-Beteiligung an diesem Krieg verschweigen. Gleichzeitig verleumden die Biden-Administration und das gesamte politische Establishment der USA Zehntausende von Studierenden und Demonstrierenden als „antisemitisch“, weil diese von ihrem im ersten Verfassungszusatz verankerten Recht Gebrauch machen, sich dem Völkermord zu widersetzen.
Die großen Medien, die seither weiter über den Vorfall berichten, setzen ihre schmutzige Rolle fort und verwenden den Sammelbegriff „Geisteskrankheit“, um den politischen Inhalt von Bushnells extremem Protest zu verschleiern und alles auf Defekte in seiner Psyche abzuwälzen, und nicht etwa auf die Tatsache, dass die amerikanische Gesellschaft krank ist, und dass die Außenpolitik des amerikanischen Imperialismus unter den Massen Abscheu hervorruft.
Allem Anschein nach litt Bushnell nicht an einer Geisteskrankheit, und er ist nicht einmal der erste Amerikaner, der sich als Reaktion auf das anhaltende Gemetzel in Gaza selbst verbrennt. Am 1. Dezember 2023 übergoss sich eine Demonstrantin, deren Identität die Polizei von Atlanta nicht preisgeben will, mit Benzin und zündete sich vor dem israelischen Konsulat in Atlanta (Georgia) an. Die Frau hatte zu diesem Zeitpunkt eine palästinensische Flagge dabei.
Diese extremen Proteste sind eine Reaktion auf die barbarische Gewalt, die die US-amerikanische Gesellschaft Arbeitern und ihren Familien auf der ganzen Welt zufügt. Jahrzehnte des endlosen Krieges haben die amerikanische Gesellschaft brutalisiert. Versuche der Bevölkerung, über die Wahlurnen einen Wandel herbeizuführen, werden vereitelt, da die großen Wirtschaftsparteien mit den Medien im Schlepptau alles in ihrer Macht Stehende tun, um sozialistische und linke Standpunkte zu verbieten. Jahrzehntelang haben die beiden Parteien die Ressourcen der Gesellschaft von Sozialprogrammen weg und zum Krieg hingelenkt, allein eine Billion Dollar im letzten Jahr.
Jahrzehntelange imperialistische Kriege im Nahen Osten, Afrika und Asien haben zu über 40 Millionen Flüchtlingen und fast 10 Millionen Toten geführt. Die imperialistische Gewalt der USA bleibt nicht außerhalb ihrer Grenzen, egal wie viele Rollen Stacheldraht an der Grenze zwischen den USA und Mexiko ausgerollt werden. Sie durchdringt jeden Aspekt der amerikanischen Gesellschaft, von einem Soldaten, der unter PTBS leidet und Erwachsene und Kinder auf einer Bowlingbahn in Maine massakriert, bis hin zu den täglichen Morden durch die Polizei, die in den USA seit über zehn Jahren mehr als 1.000 pro Jahr betragen.
Das Leben und Wohlergehen von Arbeitern und Jugendlichen, ob Palästinenser oder Amerikaner, ist für die herrschende Klasse nichts wert, es sei denn, wenn sie sie zu Soldaten oder Profit machen können. Die parteiübergreifende Zustimmung zum Völkermord in Gaza, der sich das gesamte Establishment der USA, Israels, Deutschlands und anderer imperialistischer Länder anschließt, ist Ausdruck der Tatsache, dass die kapitalistische Politik sich in ihrem Endstadium befindet.
