Zum Jahresende wurde das Traditionsstahlwerk Buderus in Wetzlar zerschlagen. Es ist die Spitze eines Eisbergs: Gleich mehrere Werke werden in Nordhessen zum Jahreswechsel stillgelegt, darunter Goodyear in Fulda sowie die Continental-Standorte in Wetzlar und Schwalbach/Taunus. In der Region werden mehrere tausend Arbeitsplätze vernichtet.
Es ist ein Warnsignal: Die Krise des Kapitalismus erfordert eine politische Perspektive, um jeden Arbeitsplatz zu verteidigen und die Schlüsselindustrien in die Hand der arbeitenden Bevölkerung zu legen. Denn die Werksschließungen sind keine „bedauerlichen Einzelfälle“, sondern Ausdruck der systematischen Umstrukturierung von Kapital im Interesse des Profits. Ohne Rücksicht auf die gesellschaftlichen Auswirkungen werden unprofitable Standorte geräumt und tausende Arbeitsplätze vernichtet.
Buderus Edelstahl ist dafür ein sprechendes Beispiel. Als Stahlkonzern 1731 gegründet, hat Buderus die ganze Region Wetzlar-Gießen dominiert. Doch in den letzten Jahren wurde das Werk erst an Bosch, dann an den österreichischen Stahlkonzern Voestalpine verkauft und ging Ende 2024 an den Finanzinvestor Mutares über. Die Private Equity Holding Mutares in München, eine „Heuschrecke“, die ihren Gewinn nicht aus der Stahlproduktion, sondern aus dem Aufkauf und Wiederverkauf kriselnder Fabriken zieht, hat den Konzern nun nach allen Regeln der Kunst zerschlagen.
Mit dem Herunterfahren des Hochofens schon im Oktober und der Vernichtung von 470 Arbeitsplätzen zum Jahresende 2025 endet eine 300-jährige Geschichte der Stahlgewinnung in Hessen. Das Stahlwerk, das zuletzt in hochmoderner („grüner“) Technologie über 300.000 Tonnen Rohstahl jährlich produzierte, gilt seit der Energiekrise als unrentabel.
Das Buderus Warmwalzwerk wurde derweil an die Georgsmarienhütte (GMH, den nach Thyssenkrupp und Salzgitter drittgrößten Stahlkonzern Deutschlands) verkauft. Doch auch die knapp 600 Arbeitsplätze im Warmwalzwerk sind in Gefahr, denn auch die GMH kämpft ums Überleben: Ihre Energiekosten hätten sich in nur vier Jahren von 37 auf 84 Millionen Euro erhöht, so die GMH-Chefin Anne-Marie Großmann.
Die Buderus-Gesenkschmiede schließlich, in der etwa 70 Beschäftigte Antriebs-, Getriebe- und Achsenkomponenten für Nutzfahrzeuge fertigen, hat Mutares an die FerrAl United Group übergeben, die für die Kriegswirtschaft produziert. Die Gesenkschmiede soll bleiben, da man auf die Aufträge aus der Rüstungsindustrie hofft, hatte Stephen Mayer von der IG Metall Mittelhessen schon Ende August versprochen, als die Zerschlagung angekündigt wurde.
Die IG Metall hat den Niedergang Schritt für Schritt begleitet und mit organisiert. Sie hat alles mitgemacht, auch die rasche Flucht aus dem Metall-Flächentarifvertrag, die Mutares als erstes durchsetzte, als die Holding Buderus vor über einem Jahr übernahm. Lange Zeit hat die IG Metall ihre Hoffnungen darauf gesetzt, dass die Bundesregierung die Energiepreise noch stärker subventionieren und so den Standort retten werde.
Während Mutares auch andere wichtige Betriebe wie die Deutsche-Bahn-Töchter Arriva in Dänemark, Serbien und Polen, Magirus von Iveco oder einen Teil von Peugeot-Motocycles übernahm und auszuschlachten begann, hat die IG Metall zu keinem Zeitpunkt die Alarmglocke geläutet und die betroffenen Beschäftigten zum gemeinsamen Widerstand aufgerufen.
Die Gewerkschaftsführer teilen voll und ganz die kapitalistische Profitlogik; sie begleiten die Zerschlagungsaktionen lediglich mit wirkungslosen Trauermärschen und Verhandlungen über „abfedernde Maßnahmen“. Letztendlich verweisen sie auf den bevorstehenden Krieg gegen Russland, den sie mit dem zynischen Argument unterstützen, dass mit Rüstungsaufträgen die Metallarbeitsplätze gesichert werden könnten!
Am 9. Oktober organisierte die IG Metall einen Trauermarsch durch Wetzlar, den die stalinistische DKP bezeichnenderweise „einen letzten Gang für unser Stahlwerk“ nannte. Seither wickeln die Betriebsräte und IG-Metall-Funktionäre die Arbeitsplätze ab, verhandeln über Sozialpläne und Abfindungen und appellieren an die Kapitalisten, nicht allzu brutal vorzugehen.
Die IG Metall Nordhessen hat es fertiggebracht, in ihrer Erklärung zum Jahresende weder Buderus, Bosch oder Mutares noch die Merz-Klingbeil-Regierung beim Namen zu nennen. Stattdessen formulierte der Autor, der lokale Erste IGM-Bevollmächtigte Oliver Scheld, den frommen Wunsch an die „soziale Verantwortung von Arbeitgebern“: „Ständiger Stellenabbau und Verlagerungen sind die falschen Antworten. Beteiligung, Mitbestimmung und Qualifizierung sind der richtige Weg, damit alle eine sichere Zukunft haben können.“
Die pseudolinke „Kommunistische Partei“ (ehemals Funken-Gruppe) kommentierte in weinerlichem Ton: „Kämpfe können verloren werden oder mit Kompromissen enden – schaffen aber in jedem Fall wertvolle Erfahrungen für die Zukunft [welche? Dazu kein Wort!], die wir für die kommenden Auseinandersetzungen dringend brauchen. Denn die nächste Werkschließung, das nächste schlechte Jahr, wird kommen – und die Konzernbosse werden wieder versuchen, ihre Krise auf unseren Rücken abzuwälzen.“ Dieser Pessimismus gleicht dem Starren des Kaninchens auf die Schlange.
Gleichzeitig geht der Kahlschlag in Nordhessen weiter. Continental schließt seine Standorte in Wetzlar und Schwalbach/Taunus, nachdem schon Karben und Babenhausen stillgelegt worden sind. Auch die Eisengießerei Lollar bei Gießen wird geschlossen. Bedroht sind weiter der Daimler-Truck-Standort in Kassel mit 2.700 Arbeitsplätzen sowie Teile von VW in Baunatal (16.000 Beschäftigte). Und nicht nur Metallarbeitsplätze sind betroffen, auch der Reifenhersteller Goodyear in Fulda wird stillgelegt, sowie auch Bayer in Frankfurt-Höchst.
Die vorgebrachten Argumente, vor denen die Gewerkschafter kapitulieren, lauten überall ähnlich: Konkurrenz der Niedriglohnstandorte, zu hohe Energiepreise, Trumps Zölle, etc. Damit werden die wirklichen Gründe verhüllt: die brutale kapitalistische Profitlogik und dass die Schere zwischen Reich und Arm ständig weiter auseinanderklafft, weil sich eine superreiche Elite an die eigenen Pfründe klammert. Diese Schicht von Aktionären, Vorständen und ihrer Klientel, die großenteils im nahen Frankfurter Bankenviertel und im Taunus-Speckgürtel angesiedelt ist, geht notfalls über Leichen.
Für die arbeitende Bevölkerung bedeutet es Werksstillegungen, Entlassungen, prekäre Beschäftigung, Minijobs, sinkende Reallöhne und Kinderarmut. Wie eine Erhebung der Paritätischen kurz vor Weihnachten ergab, leben in Hessen fast ein Viertel der Einwohner (23,7 Prozent) in Armut, wenn man die Wohnkosten in Rechnung stellt. Das sind rund anderthalb Millionen Menschen, viele davon in Nord- und Mittelhessen. Während moderne, technisch hochentwickelte Produktion stillgelegt oder immer mehr auf Kriegswirtschaft umgestellt wird, haben die Jungen künftig die Aussicht, im Schützengraben umzukommen.
In dieser Lage ist es höchste Zeit, aktiv zu werden und den Kampf aufzunehmen: den Kampf um jeden Arbeitsplatz, gegen Betriebsschließungen, Entlassungen und Lohnsenkung und auch gegen die Kriegspolitik. Dies geht nur über den Aufbau von Aktionskomitees, unabhängig von Gewerkschaften wie der IG Metall, die tief in der etablierten Politik und Wirtschaft stecken. Über die Aktionskomitees können Arbeiter sich mit Kolleginnen und Kollegen in anderen Betrieben, Branchen und Ländern zusammenschließen und die Frage stellen: Wer entscheidet über die Produktion?
Dies ist letztlich eine politische Frage, und dafür brauchen Arbeitende ihre eigene Partei. Der Aufbau demokratisch organisierter Aktionskomitees wird sofort auf den wütenden Widerstand aller etablierten Parteien – von AfD bis Linkspartei – stoßen. Die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) und das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) rufen deshalb dazu auf, gegen Krieg, Faschismus und Sozialkahlschlag den Kampf für eine sozialistische und internationale Perspektive aufzunehmen.
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