Wenn die IG Metall am Freitag zum Protest vor der Jahreshauptversammlung der Aktionäre der Thyssenkrupp AG in Bochum ruft, wird im Zentrum die Stahltochter stehen. Denn während 11.000 der 27.000 Stahlbeschäftigten ihren Job und damit die finanzielle Lebensgrundlage in den nächsten Jahren verlieren sollen, wollen sich die versammelten Aktionäre eine Dividende in Höhe von 93 Millionen Euro genehmigen.
Doch der Protest der IGM ist der verzweifelte Versuch von der eigenen Rolle abzulenken. Die Dividende, die am Freitag beschlossen wird, ist Teil der vielen Millionen, die mittels des Sozialtarifvertrags bei TKSE aus den Taschen der Stahlbeschäftigten gestohlen werden.
Stahlarbeiterinnen und Stahlarbeiter wissen genau, wer den Sozialtarifvertrag ausarbeitete und damit den Abbau der Arbeitsplätze sowie die Gehaltskürzung von 8 Prozent bei Thyssenkrupp Steel Europe (TKSE) durchsetzte: der nordrhein-westfälische IGM-Bezirksleiter Knut Giesler sowie die IGM-Betriebsräte der Stahltochter unter dem Vorsitz von Ali Güzel und im Gesamtkonzern unter Tekin Nasikkol.
Die Stahlarbeiter müssen daher jetzt ihre Sache selbst in die Hand nehmen und unabhängige Aktionskomitees aufbauen. Die IG Metall, ihre Betriebsräte und ihre „Sozialpartnerschaft“ genannte Kumpanei mit den Konzernspitzen sind Werkzeuge des Managements und der Aktionäre gegen die Belegschaften.
Thyssenkrupp setzt mitten in der tiefsten Krise der Stahlindustrie das größte Vernichtungsprogramm seiner Geschichte durch. Mehr als jede dritte Stelle soll gestrichen, ganze Standorte geschlossen werden. In Bochum werden das Warmbandwerk 3 und weitere Anlagen abgewickelt, in Duisburg werden zwei von vier Hochöfen stillgelegt und allein dort rund 1.600 Stellen in der Produktion sowie tausende in Verwaltung und indirekten Bereichen vernichtet.
Parallel droht den rund 3.000 Beschäftigten der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) entweder die Schließung oder eine „Fortführung“ mit nur einem Drittel der Belegschaft, während Salzgitter, Thyssenkrupp und Vallourec sich um Mitgift, Gerichtsstreit und Eigentümerkonstruktionen streiten. Bei HKM versucht die IGM, den Sozialtarifvertrag und damit die Regelungen der Zerschlagung abzuschließen noch bevor eine Entscheidung der Eigentümer massive Proteste der Belegschaft auslösen könnte.
Auch bei anderen Konzernen wie ArcelorMittal und Salzgitter werden Investitionen gestrichen, Programme verschärft und mit weiteren Stellenstreichungen gedroht – die gesamte Branche wird angesichts sinkender Absatzzahlen rücksichtslos auf Profit und globale Konkurrenz getrimmt.
Die Wirtschaftsvereinigung Stahl hatte vorige Woche mit der Präsentation der Absatzahlen des letzten Jahres bereits die nächsten Angriffe vorbereitet. Die deutsche Stahlproduktion sank 2025 auf den niedrigsten Wert seit der Finanzkrise 2008, die Werke sind zu weniger als 70 Prozent ausgelastet.
Jindal Steel aus Indien, an das Thyssenkrupp seine Stahltochter verkaufen will, hat gegenüber IGM-Sekretär Giesler daher schon im Dezember angedeutet, weitere Jobs zu vernichten. Das hatte dieser aber nach seinem Besuch in Indien – gemeinsam mit Nasikkol – erst einmal verheimlicht.
Jindal, das eng mit der hindu-nationalistischen BJP-Regierung von Narendra Modi verbunden ist, verfolgt eine aggressive internationale Expansionsstrategie und betreibt Stahlwerke, Minen und Geschäfte auf mehreren Kontinenten. Die IG Metall-Führung begrüßte diese Pläne zunächst ausdrücklich, weil Jindal die Fortführung der Mitbestimmung zusicherte, also die Aufrechterhaltung der Korruption über Posten in Aufsichts- und Betriebsräten.
Inzwischen wächst die Skepsis unter den Gewerkschaftsfunktionären. Nicht, weil sie den Abbau von Arbeitsplätzen und die Senkung von Löhnen ablehnen. Diese auszuarbeiten, darin sind sie Experten. Sie sind vielmehr der Meinung, im Falle eines Krieges müsse Deutschland über eine effektive Stahlindustrie verfügen. Die U-Boote und Kriegsschiffe, die der Rüstungskonzern Thyssenkrupp-Marine-Systems baut, sollen mit „deutschem Stahl“ hergestellt werden. Geführt wird der Konzern von einem von Gieslers Vorgängern bei der NRW-IGM, Oliver Burkhard.
Mirze Edis, drei Jahrzehnte lang Betriebsrat bei HKM und nun gleichzeitig Bundestagsabgeordneter der Linken, sprach jüngst sehr offen über die notwendige Kriegsindustrie. Die Bundesrepublik könne „kein Interesse daran haben, dass Deutschlands größter Stahlkonzern künftig aus Neu-Delhi gelenkt wird“, erklärte er. „Wir erleben gerade, wie eine neue Weltordnung entsteht. Es wäre fatal, wenn wir gerade jetzt wichtige Wertschöpfungsketten der Industrie aufgeben oder uns an dieser Stelle fernsteuern lassen. Wir benötigen in Deutschland eine sichere, grüne Stahlproduktion.“
Doch dieses Argument ist doppelt falsch. Erstens schützt die Umstellung der Industrie auf Kriegswirtschaft die Arbeitsplätze nicht. Die werden sogar noch schneller abgebaut, um eine effektive Kriegsmaschinerie aufzubauen. Zweitens ist es keine Alternative, die Verteidigung der Arbeitsplätze auf Krieg und damit auf Massensterben und Tod aufzubauen.
Bundes- und Landesregierung, die Thyssenkrupp bereits Milliarden für die Transformation zugesagt haben, nutzen dementsprechend die Krise, um im Sinne Mirzes und der IG Metall eine an Krieg und Geopolitik ausgerichtete Industriepolitik durchzusetzen.
Der Umbau zur „grünen“ Stahlproduktion wird dabei nicht im Interesse von Klima oder Beschäftigten betrieben, sondern als Hebel, um Standorte zu schließen, Belegschaften zu reduzieren und die Profite in einem verschärften Handels- und Wirtschaftskrieg zu sichern. Während in Duisburg und Salzgitter Milliarden an Subventionen in Direktreduktionsanlagen und Elektroöfen fließen, werden Investitionen anderswo gestoppt, Werke in Bremen und Eisenhüttenstadt in Frage gestellt und Belegschaften einem permanenten Erpressungsdruck ausgesetzt.
Die Bundesregierung unter Friedrich Merz (CDU), der zunächst Arbeitslosen und nun Beschäftigten den Krieg erklärt hat, hat sich die IGM-Forderungen nach einem Industriestrompreis, neuen Fördergeldern und Schutzzöllen gegen Stahl aus China zu Eigen gemacht – also die Fähigkeit, im Krieg Panzer, Waffen und Rüstungsgüter zu produzieren.
Die Stahlarbeiter sollen Lohnsenkungen, Arbeitszeitverlängerung, Arbeitsplatzvernichtung und Flexibilisierung hinnehmen, um eine Aufrüstungspolitik zu finanzieren, die im Interesse der deutschen Export- und Rüstungsindustrie betrieben wird.
Baut Aktionskomitees auf!
Die zentrale Schlussfolgerung aus dieser Erfahrung lautet: Stahlarbeiter können ihre Arbeitsplätze, Löhne und sozialen Rechte nur verteidigen, wenn sie mit der IG Metall und ihren Betriebsräten brechen und eigene unabhängige Kampforganisationen aufbauen. Diese Aktionskomitees müssen in allen Werken – Duisburg, Bochum, HKM, Kreuztal-Eichen, Salzgitter, Bremen, Eisenhüttenstadt, Georgsmarienhütte und allen weiteren Standorten – gewählt werden und allein den Kolleginnen und Kollegen gegenüber rechenschaftspflichtig sein.
Solche Komitees dürfen keine IG-Metall-Funktionäre oder freigestellte Betriebsräte in verantwortlichen Positionen zulassen, da diese ihre Loyalität längst dem Management, den Aufsichtsräten und der Regierung verschrieben haben.
Der Kampf der Stahlarbeiter in Duisburg, Bochum oder Salzgitter ist untrennbar mit dem Kampf der Stahlarbeiter in Indien, Italien, Tschechien, Frankreich, China und weltweit verbunden. Konzerne wie Thyssenkrupp, ArcelorMittal, Salzgitter und Jindal agieren global, spielen die Belegschaften gegeneinander aus, verlangen „Wettbewerbsfähigkeit“ und „Standortsicherung“ – und setzen überall Lohnsenkung und Jobabbau durch.
Die Antwort darauf kann nur ein international koordinierter Klassenkampf sein, der den Standortnationalismus zurückweist und die Einheit der Arbeiterklasse über Ländergrenzen hinweg herstellt.
Wenn Konzernchefs, Aufsichtsräte und IG-Metall-Funktionäre erklären, die „wirtschaftliche Lage“, der „Kostendruck“ und die weltweite Konkurrenz ließen die Schließung von Werken und den Abbau von zehntausenden Stellen „alternativlos“ erscheinen, sagen sie nur, dass die Lebensinteressen der Arbeiterklasse mit diesem System unvereinbar geworden sind.
Die logische Konsequenz ist die Forderung nach Enteignung der großen Stahl- und Rüstungskonzerne, ihre Überführung in öffentliches Eigentum unter demokratischer Kontrolle der Beschäftigten und die Planung der Produktion nach gesellschaftlichen Bedürfnissen statt nach Profit. Statt Milliarden an Subventionen und Rüstungsaufträgen in die Taschen von Aktionären und Managern zu leiten, müssen die vorhandenen Ressourcen genutzt werden, um die Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich zu verkürzen, alle Arbeitsplätze zu erhalten und die Umstellung der Produktion ökologisch und sozial zu gestalten.
Jeder Stahlarbeiter, jede Stahlarbeiterin und jeder Auszubildende steht jetzt vor einer Entscheidung: Entweder wird der altbekannte Weg von Opel, Ford oder von früheren Stahlstandorten – scheibchenweiser Abbau, „soziale“ Abfindungen, Transfergesellschaft, Arbeitslosigkeit und Armut – erneut gegangen, oder die Beschäftigten organisieren sich selbständig und schlagen einen anderen Kurs ein.
Es ist jetzt notwendig, in allen Betrieben Versammlungen einzuberufen, Aktionskomitees zu wählen, den Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen in anderen Werken und Ländern aufzunehmen und den Kampf um jede Stelle, jeden Euro Lohn und jede soziale Errungenschaft zu organisieren. Schreibt dazu eine Whatsapp-Nachricht an die Mobilnummer +491633378340 und registriert euch gleich über das folgende Formular.
