Im Zuge der im März stattfindenden Betriebsratswahlen schwillt in den großen Betrieben die Opposition gegen die IG Metall an. Zahlreiche oppositionelle Listen wollen die Mehrheit der Gewerkschaft brechen und einen Kampf gegen das Arbeitsplatzmassaker und die Lohnkürzungen organisieren. Denn obwohl in den letzten zwölf Monaten bereits 160.000 Industriearbeitsplätze vernichtet wurden, hat die IG Metall keine einzige Kampfmaßnahme organisiert. Ganz im Gegenteil arbeitet sie aufs engste mit Unternehmen und Regierung zusammen, um die Konzerne auf Kosten der Arbeiter auf Krieg und Handelskrieg vorzubereiten.
Die Sozialistische Gleichheitspartei (SGP) begrüßt deshalb die rasant wachsende Opposition gegen den Gewerkschaftsapparat und unterstützt Arbeiter, die sich aus seiner Zwangsjacke befreien wollen. In den vergangenen Wochen erreichte uns eine ganze Reihe Zuschriften von oppositionellen Betriebsratslisten, die um Rat oder Unterstützung baten. Die Gruppen sind sehr unterschiedlich und reichen von ehrlichen Arbeitern, die einen Weg zum Kämpfen suchen, bis hin zu Gewerkschaftsbürokraten, die ihre Felle davonschwimmen sehen.
Eine Anfrage, die uns im Dezember erreichte, wollen wir öffentlich auf der World Socialist Web Site beantworten, weil sie wichtige Fragen beinhaltet, wie der Kampf gegen das Arbeitsplatzmassaker entwickelt werden muss. Ein Arbeiter aus dem VW-Stammwerk in Wolfsburg fragte, inwiefern die Initiative von Dirk Kaiser geeignet ist, das Korsett der IG Metall zu sprengen und einen echten Kampf aufzunehmen. Kaiser hat vor einiger Zeit die alternative „Gewerkschaft für Transformation“ (GFT) gegründet und tritt mit einer eigenen Liste zu den Betriebsratswahlen an.
Die GFT kritisiert die Kürzungspolitik der IG-Metall und greift damit die weit verbreitete Opposition in der Belegschaft gegen die Stellenstreichungen und Lohnsenkungen auf, die Ende 2024 im Rahmen des sogenannten „Weihnachtswunders“ durchgesetzt wurden. In einem Statement vom Oktober 2025 erklärt die GFT, dass die IG Metall in den damaligen Verhandlungen schon mit einer zu niedrigen Forderung hineingegangen sei. „7 % mehr Entgelt war nicht ausreichend, um die gestiegenen Lebenshaltungskosten und die Inflation auszugleichen“. Stattdessen habe die IG Metall dann der Vernichtung von 35.000 Arbeitsplätzen zugestimmt.
Gegen die IG Metall fordert die GFT eine „echte Gewerkschaft“, die „wach und kritisch die Interessen der Belegschaft vertritt“. Als positives Beispiel nennt Kaiser den langjährigen Chef der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL), Claus Weselsky, der „einer der letzten authentischen Gewerkschafter in Deutschland“ sei. Weselsky berät die GFT auch.
Dabei unterscheidet sich das Programm der GFT nicht grundsätzlich von dem der IG Metall. Sie sind durchaus bereit, Arbeitsplätze und Löhne zu kürzen, wenn es nur eine ordentliche „Gegenleistung“ dafür gibt, die sie allerdings nicht weiter beziffern. Sie fordern nicht einmal den Stopp des Stellenabbaus, sondern lediglich eine bessere Verhandlungsführung und „Zukunftsperspektiven“.
Kaiser und seine Kollegen tun so, als wenn sich alle Probleme mit der Korrektur einiger Management-Fehler und mehr Verhandlungsgeschick der Gewerkschaftsvertreter lösen ließen. Aber VW-Arbeiter sind mit sehr viel grundlegenderen Fragen konfrontiert. Der Kahlschlag in Wolfsburg ist Teil eines umfassenden Angriffs auf Arbeiter in ganz Deutschland und weltweit. Überall werden massenhaft Stellen gestrichen sowie Löhne und Sozialleistungen geschliffen, um die Profite nach oben zu treiben.
Getrieben von der tiefen Krise des Kapitalismus sind die einzelnen Länder und die jeweiligen Unternehmen in einen heftigen Konflikt um die niedrigsten Löhne und die schlimmsten Ausbeutungsbedingungen getreten. Die amerikanischen Zölle auf europäische Waren sind erst der Anfang eines immer schärferen Handelskriegs. Schon 2025 ist der Absatz von VW in den USA um 13 Prozent eingebrochen. Tendenz steigend.
Die Last des Handelskriegs tragen die Arbeiter diesseits wie jenseits des Atlantiks. Das Arbeitsplatzmassaker des vergangenen Jahres diente ganz unmittelbar dazu, die deutschen Konzerne für den Handelskrieg aufzustellen. Doch man darf sich keine Illusion machen: wenn die Arbeiter dem kein Ende setzen, werden Ausbeutungsbedingungen wie im 19. Jahrhundert zurückkehren. Ganz zu Schweigen von den Konsequenzen eines heißen Kriegs zwischen den Großmächten, der in Europa keinen Stein auf dem anderen lassen würde.
Wie die IG Metall akzeptiert die GFT die Bedingungen der kapitalistischen Krise und des Handelskriegs und wird daher in gleicher Weise zum Verwalter der Kürzungen werden. Die alternative Gewerkschaft schreibt sich den Standortnationalismus sogar explizit auf die Fahnen. So erklärt sie, dass die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen durch billige Energiepreise und ein Ende der „rot-grünen Ideologie“ verbessert werden müsse und fordert den Ausbau deutscher Standorte auf Kosten mexikanischer.
Diese Sankt-Florian-Politik (Verschon’ mein Haus, zünd’ and’re an) wird keinen einzigen Arbeitsplatz retten und die Löhne nicht schützen, sondern treibt die Abwärtsspirale von Entlassungen und Lohnkürzungen weiter an. Die Unternehmen können die Standorte gegeneinander ausspielen und die Ausbeutungsbedingungen verschärfen, während sich die Großmächte weiter auf Krieg vorbereiten.
Gerade die Erfahrung mit Weselskys GDL zeigt, dass etwas mehr gewerkschaftliche Militanz dieses Grundproblem nicht lösen kann. Nachdem im Jahr 2007 tausende Lokführer von der damaligen Transnet (heute EVG) in die GDL gewechselt waren, um die Zwangsjacke der DGB-Gewerkschaften abzustreifen, organisierte Weselsky unter dem Druck der neuen Mitglieder einen mächtigen Lokführerstreik, der die Arbeitsbedingungen der Betroffenen tatsächlich verbesserte. Viele Arbeiter reagierten auf diesen größten Streik seit der Wiedervereinigung begeistert und sahen Weselsky und seine GDL als Alternative zur DGB-Mafia.
Doch in der Folge arbeitete die GDL ebenso wie die EVG als Tarifpartner der Bahn daran, die Verbesserungen für die Lokführer zurückzunehmen, die Arbeitshetze voranzutreiben und die Reallöhne zu senken. Lokführern geht es heute sehr viel schlechter als vor dem großen Streik von 2008. Statt die Begeisterung in weiten Teilen der Arbeiterklasse für eine breite Offensive zu nutzen, wandte sich Weselsky gegen die übrigen Bahnbeschäftigten der Bahn und hoffte, die Kürzungen etwas zugunsten der Lokführer verschieben zu können. Das Ergebnis sind katastrophale Arbeitsbedingungen für alle.
Das Beispiel der GDL zeigt, dass die Unfähigkeit der Gewerkschaften, die Interessen der Arbeiter zu vertreten, nicht einfach auf die Verkommenheit einzelner Funktionäre oder den mafiösen Strukturen zurückzuführen ist, auch wenn beides außer Frage steht. Die Gewerkschaften stehen auf Seiten der Unternehmen und unterstützen die Kriegspolitik der Regierung, weil sie aufs engste mit dem Nationalstaat verbundenen sind, der den Rahmen ihrer ganzen Aktivität bildet. In dem Maße, wie sich die Konflikte zwischen den Großmächten verschärfen, rücken sie näher an die eigene Regierung heran und dienen ihr als Polizeitruppe zur Unterdrückung der Arbeiter. So war es 1914 beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs, als die Gewerkschaften mit dem Kaiser den sogenannten Burgfrieden schlossen und auch im Mai 1933 als die Gewerkschaftsfunktionäre unter Hakenkreuzfahnen marschierten und Hitler die Zusammenarbeit anboten, nur um tags darauf verboten zu werden.
Auch heute spitzen sich die Konflikte zwischen den Großmächten wieder zu. Trump hat das Jahr mit dem kriminellen Angriff auf Venezuela begonnen und droht mit neuen Angriffen auf den Iran. Selbst ein direkter militärischer Konflikt zwischen Europa und Amerika ist nicht mehr ausgeschlossen, was Trumps Drohungen gegen Grönland zeigen.
Die herrschende Klasse in Deutschland reagiert darauf, indem sie ihre eigenen Großmachtambitionen entwickelt und ihre Wirtschaftsinteressen auf der ganzen Welt militärisch durchsetzen will. Das erklärte Ziel besteht darin, Deutschland innerhalb von drei Jahren in die Lage zu versetzen, einen Krieg gegen die Atommacht Russland gewinnen zu können. Für diesen Wahnsinn sollen die Arbeiter zahlen: durch Kürzungen bei Gesundheit, Bildung und Sozialem, durch das Arbeitsplatzmassaker in der Industrie und letztlich mit ihrem Leben.
Wer diesen Rahmen akzeptiert, kann nur verlieren! Das heißt aber ganz und gar nicht, dass Arbeiter ihre Rechte nicht mehr verteidigen könnten, wie es uns die Gewerkschaften glauben lassen wollen. Kämpfe wurden früher gewonnen und sie können auch heute wieder gewonnen werden. Aber das erfordert drei grundlegende Prinzipien:
- Der Kampf muss unabhängig von den Gewerkschaftsbürokratien geführt werden, die aufs engste mit Staat und Regierung verbandelt sind und als Polizeitruppen gegenüber den Arbeitern auftreten.
- Der Kampf muss international geführt werden. Es ist heute das normalste der Welt, sich über alle Grenzen hinweg auszutauschen und zu koordinieren. Jeder von uns macht das auf der Arbeit und privat ständig. Der einzige Grund, weshalb dies in unseren Kämpfen nicht geschieht, ist die Blockade durch den Gewerkschaftsapparat. Der VW-Konzern hat weltweit fast 700.000 Mitarbeiter, davon fast 300.000 in Deutschland. Wenn sie gemeinsam kämpfen und nicht zulassen, gegeneinander ausgespielt zu werden, können die Angriffe zurückgeschlagen und die Bedingungen für alle Arbeiter verbessert werden. Ein solcher Kampf muss Ausgangspunkt für eine breite Offensive der Arbeiterklasse gegen den Kriegskurs und die Angriffe auf die Arbeiter sein.
- Der Kampf darf sich nicht an der Profitlogik der Unternehmen und an den Interessen der einzelnen Nationalstaaten orientieren, sondern muss die Bedürfnisse der Arbeiter ins Zentrum stellen. Die enormen technologischen Entwicklungen, allen voran künstliche Intelligenz, ermöglichen die Verbesserung des Lebens aller Menschen auf ein nie dagewesenes Niveau. Aber unter kapitalistischen Bedingungen führt die gleiche Technologie zu Massenentlassungen, Krieg und Zerstörung. Das darf nicht akzeptiert werden.
Um den Kampf auf der Grundlage dieser Prinzipien zu organisieren, müssen in jedem Werk und in jeder Abteilung von den Gewerkschaftsbürokraten unabhängige Aktionskomitees aufgebaut werden, die sich international vernetzen und die Gegenmacht zu Regierung und Management organisieren.
Das ist kein Wunschdenken, sondern ergibt sich direkt aus der objektiven Situation. Der Handelskrieg setzt heftige Klassenkämpfe auf die Tagesordnung. In den USA versucht Trump, den Widerstand der Arbeiter gegen seine Kriegs- und Kürzungspolitik mit Gewalt zu unterdrücken. Seine ICE-Gestapo terrorisiert ganze Städte. Aber nach den Morden an Renee Nicole Good und Alex Pretti ist eine gewaltige Welle des Protests ausgebrochen. In Minneapolis beteiligten sich hunderttausende an einem Generalstreik und ein landesweiter Generalstreik wird überall diskutiert.
Die amerikanischen Arbeiter, die sich gegen Kürzungen und Diktatur wehren, sind unsere natürlichen Verbündeten. Es gilt, die künstlichen Barrieren niederzureißen, die uns hindern, diese Verbundenheit zu organisieren und eine starke Bewegung der internationalen Arbeiterklasse zu entwickeln.
Die Regierung hat den Begriff der „Zeitenwende“ geprägt und meint damit den Übergang zu Kriegstüchtigkeit, Sozialangriff und Diktatur. Die Gründung von Aktionskomitees leitet die Zeitenwende im Kampf der Arbeiterklasse ein. So wie die herrschende Klasse wieder an ihre reaktionäre Tradition von Imperialismus, Krieg und Faschismus anknüpft, muss die Arbeiterklasse an ihre revolutionäre, sozialistische und internationalistische Tradition anknüpfen. Die Beschäftigten in der Auto- und allen anderen Industrien müssen jede Aktion zur Verteidigung ihrer Arbeitsplätze, Löhne und Sozialstandards von diesem Standpunkt aus angehen und vorbereiten.
Wir rufen dazu auf, diese Perspektive in den Betrieben zu diskutieren und über die sich entwickelnde Opposition gegen die IG Metall und andere Gewerkschaften zu berichten. Kontaktiert uns, wenn ihr mehr über den Aufbau von Aktionskomitees wissen wollt und Unterstützung braucht, um selbst aktiv zu werden. Füllt dazu das Formular aus oder schreibt eine Nachricht über WhatsApp an die +491633378340.
