Israel bestätigt offiziell die Zahl von 70.000 Todesopfern in Gaza

Zelte mit vertriebenen Palästinensern in den Ruinen der vom israelischen Militär zerstörten Stadt Gaza, 26. Januar 2026 [AP Photo/Jehad Alshrafi]

Mehr als zwei Jahre lang hatte das israelische Militär die Zahlen des Gesundheitsministeriums von Gaza über die Todesopfer als „Hamas-Propaganda“ abgetan. Doch letzte Woche bestätigte es offiziell, dass im Gazastreifen seit Oktober 2023 etwa 70.000 Palästinenser getötet wurden. Dieses späte Eingeständnis entlarvt die jahrelangen Lügen der israelischen Regierung, der imperialistischen Mächte und der westlichen Medien, die alle gemeinsam das Ausmaß des Völkermords vertuschten.

Ein hochrangiger Vertreter des israelischen Sicherheitsapparats erklärte am Donnerstag gegenüber der Presse, das Militär akzeptiere die Zahlen des Gesundheitsministeriums von Gaza. Dabei sind jedoch die mehr als 10.000 Vermissten nicht einbezogen, die vermutlich unter den Trümmern verschüttet sind. Er erklärte: „Wir schätzen, dass etwa 70.000 Einwohner von Gaza während des Kriegs getötet wurden, die Vermissten nicht mitgerechnet.“ Laut der Zählung des Gesundheitsministeriums von Gaza vom 27. Januar wurden 71.662 Menschen getötet und 171.428 verwundet.

Die israelische Zeitung Haaretz fragte nach der Pressekonferenz: „Welche anderen Anschuldigungen könnten sich noch als wahr erweisen? Die israelische Öffentlichkeit muss sich die Frage stellen, was dieses verspätete Eingeständnis für die Glaubwürdigkeit der Armee und der Regierung in Bezug auf Israels Vorgehen in Gaza bedeutet.“ Diese Fragen könnten sich auch die Redakteure der Haaretz stellen. Sie und ihre Kollegen aus der internationalen Presse haben sich mehr als zwei Jahre daran beteiligt, das dokumentierte Ausmaß des Massakers in Zweifel zu ziehen.

Zuvor hatte das israelische Militär behauptet, es habe im Gazastreifen 22.0000 Kämpfer getötet. Das bedeutet, dass Israel nun selbst zugibt, dass zwei Drittel der 70.000 Toten Zivilisten waren. Doch selbst diese Zahl ist für das Ausmaß des Massakers zu niedrig angesetzt. Laut einer geleakten Datenbank des israelischen Militärs vom August 2025 waren 83 Prozent der Getöteten Zivilisten – genau wie es Menschenrechtsorganisationen die ganze Zeit über dokumentiert hatten, und wie Israel und seine Verbündeten vertuschten.

Israel und der US-Imperialismus führten seit den ersten Wochen des Kriegs eine koordinierte Kampagne, um die palästinensischen Angaben zu den Opferzahlen zu diskreditieren. Im Oktober 2023, nur zwei Wochen nach Beginn des Angriffs, erklärte der damalige Präsident Joe Biden: „Ich habe kein Vertrauen in die Zahlen der Palästinenser. Ich glaube nicht, dass die Palästinenser die Wahrheit darüber sagen, wie viele Tote es gibt.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte das Gesundheitsministerium von Gaza mehr als 7.000 Todesfälle dokumentiert, darunter fast 3.000 Kinder. Der damalige Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, John Kirby, bezeichnete das Gesundheitsministerium als „eine Tarnorganisation der Hamas“, deren Zahlen man nicht „für bare Münze“ nehmen dürfe.

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wies Vorwürfe über massenhafte zivile Todesopfer als „Ritualmordlegende“ zurück. Damit spielte er auf die antisemitischen Verleumdungen aus dem Mittelalter an, um von den dokumentierten Kriegsverbrechen abzulenken. Im September 2024 prahlte er, Israel habe die „niedrigste Rate von zivilen Todesopfern im Verhältnis zu getöteten Kämpfern in der Geschichte der modernen Kriegsführung“ erreicht. Das war eine Lüge, wie Netanjahu sehr genau wusste.

Der US-Kongress unternahm den außergewöhnlichen Schritt, Regierungsbehörden gesetzlich zu verbieten, die Zahlen des Gesundheitsministeriums von Gaza zu zitieren. Im Juni 2024 verabschiedete eine überparteiliche Gruppe von Abgeordneten einen Zusatz zu einem Ausgabengesetz des Außenministeriums, das diesem Ministerium untersagte, aus Daten des Gesundheitsministeriums von Gaza zu zitieren. Der Zusatz wurde mit 269 Ja-Stimmen angenommen, darunter 62 Demokraten und 207 Republikaner. Später im gleichen Jahr verabschiedete der Kongress ein Militärausgabengesetz, das es dem Pentagon ebenfalls untersagte, die Schätzungen als „zuverlässig“ zu bezeichnen.

Der demokratische Abgeordnete Ritchie Torres aus New York erklärte: „Die gesundheitspolitische Abteilung der Hamas anzuerkennen wäre, als würde man die gesundheitspolitischen Abteilungen von al-Qaida, dem IS oder von Nazi-Deutschland und dem kaiserlichen Japan anerkennen. Es ist moralisch und intellektuell korrupt.“ Der Abgeordnete Steny Hoyer aus Maryland erklärte, die Zahlen des Gesundheitsministeriums von Gaza sollten „mit der gleichen Skepsis behandelt werden wie die von al-Qaida oder dem IS“. Weder Torres noch Hoyer haben sich geäußert, seit Israel die Richtigkeit der Zahlen bestätigt hat, die sie so vehement unterdrücken wollten.

Die Zahl von 70.000, die Israel jetzt bestätigt, stellt zudem nur einen Bruchteil der tatsächlichen Zahl der Todesopfer dar. Die offizielle Zählung umfasst nur diejenigen, die direkt durch israelischen Militärbeschuss getötet wurden und deren Leichen identifiziert wurden. Ausgenommen sind die Vermissten, die unter den Trümmern begraben liegen. Ausgeschlossen sind außerdem Hunderte von Hungertoten und tausende Todesopfer wegen fehlender medizinischer Versorgung, da Israel systematisch das Gesundheitssystem von Gaza zerstört hat.

Mehrere unabhängige Studien deuten auf eine viel höhere Zahl von Todesopfern hin. Laut einer Studie des Magazins The Lancet vom Juli 2024 gab es bis zum 30. Juni 2024, vor mehr als einem Jahr, bereits 64.260 Tote durch traumatische Verletzungen. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung schätzte im November 2025, dass die Zahl der Toten durch Gewalt bis Oktober 2025 „wahrscheinlich bei über 100.000“ liegt.

Die Zeitschrift Nature veröffentlichte eine unabhängige Umfrage, laut der es zwischen Oktober 2023 und Anfang Januar 2025 fast 84.000 Tote gab. Die UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese zitierte Schätzungen, wonach die tatsächliche Zahl der Toten bei bis zu 680.000 liegen könnte.

Das Ausmaß der Zerstörung ist unfassbar. Mehr als 20.000 Kinder wurden getötet – mehr als ein Kind pro Stunde über einen Zeitraum von 23 Monaten. Mindestens 274 Journalisten wurden getötet, d.h. mehr als im Amerikanischen Bürgerkrieg, dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, dem Korea- und dem Vietnamkrieg, den Kriegen in Jugoslawien und dem Afghanistankrieg nach dem 11. September 2001 zusammengenommen. Mehr als 1.700 Beschäftigte des Gesundheitswesens kamen ums Leben. Mehr als 300 UN-Arbeiter starben, womit der Konflikt der tödlichste für UN-Personal in der Geschichte der UN ist.

Zwischen 66 und 84 Prozent aller Gebäude in Gaza wurden beschädigt oder zerstört. Bei den Wohngebäuden sind es 92 Prozent. 95 Prozent des Ackerlands ist vernichtet. Mehr als 500.000 Menschen sind von katastrophalem Hunger bedroht. Die Lebenserwartung sank im Jahr 2023 um 44 Prozent und 2024 um 47 Prozent. 90 Prozent der 2,2 Millionen Einwohner Gazas wurden vertrieben, viele von ihnen mehrfach.

Der Völkermord in Gaza – der jetzt mit der Unterstützung Trumps weitergeht – wurde durch die systematischen Lügen der kapitalistischen Regierungen und ihrer Medien ermöglicht. Die Biden-Regierung, der US-Kongress und die großen Medien haben allesamt daran gearbeitet, Israel vor der Verantwortung zu schützen, indem sie Zweifel an dem dokumentierten Ausmaß des Massakers schürten. Die gleichen Institutionen verlangen jetzt von der Bevölkerung, neue Kriege gegen den Iran und andere Ziele des US-Imperialismus zu unterstützen. Die Lügen über Gaza entlarven zugleich die Lügen, die über alle Kriege des US-Imperialismus verbreitet werden.

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