20 Prozent Kostensenkung bei allen Marken: Volkswagen plant weiteren Kahlschlag

Ende 2024 hatten Vorstand und Betriebsrat des Volkswagen-Konzerns den Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen in Deutschland bei der Kernmarke VW bis 2030 vereinbart. 13 Monate später plant der Vorstand bereits den nächsten Kahlschlag – diesmal über alle Marken des Konzerns hinweg.

Tausende VW-Arbeiter nehmen an einer Kundgebung während eines landesweiten Warnstreiks auf dem Gelände des Volkswagen-Hauptwerks in Wolfsburg am 2. Dezember 2024 teil [AP Photo/Julian Stratenschulte]

Laut Insider-Informationen des manager magazins sollen die Kosten bis Ende 2028 um 20 Prozent gesenkt werden. Das Sparziel soll für alle Marken und sämtliche Kostenarten gelten. Das entspräche einem jährlichen Volumen von 60 Milliarden Euro, sechs Mal soviel wie beim Sparprogramm 2024. Auch die Stilllegung ganzer Werke ist vorgesehen.

Laut manager magazin haben Konzernchef Oliver Blume und Finanzvorstand Arno Antlitz die 120 obersten Führungskräfte des Konzerns bereits Mitte Januar auf die neuen Sparziele eingeschworen. Eine öffentliche Stellungnahme lehnt das Unternehmen aber bisher ab. Blume werde am 10. März bei der Vorlage der Bilanz über die Bemühungen um niedrigere Kosten informieren, heißt es.

Der Betriebsrat wiegelt wie immer ab. Er wusste offensichtlich Bescheid. Es handle sich „eher um eine Zustandsbeschreibung der längst laufenden Effizienzprogramme“, kommentierte er den Bericht des manager magazins im VW-Intranet.

Betriebsratschefin Daniela Cavallo versprach, auch beim neuen Sparprogramm eng mit dem Vorstand zusammenzuarbeiten. „Uns ist bewusst, dass wir uns mit dem Konzern nach wie vor in einer schwierigen Lage befinden,“ schrieb sie in einem internen Brief an die Belegschaft. Bereits mit dem Dezember-Kompromiss von 2024 sei „alles in die Wege geleitet worden, um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern und die Auswirkungen für die Belegschaft sozialverträglich zu gestalten“.

Wie weit sie diesmal gehen wird, schrieb Cavallo nicht. Sie behauptete lediglich: „Mit uns wird es keine Werksschließungen und betriebsbedingte Kündigungen geben.“ Doch mit dieser Begründung hatte sie 2024 bereits dem Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen zugestimmt. Es war eine Lüge. Im Werk Dresden ist die Produktion seither eingestellt worden, und in Osnabrück läuft sie in einem Jahr aus. Derzeit ist offen, ob das Werk geschlossen oder verkauft wird.

IGM-Bezirksleiter Thorsten Gröger erklärte sich für nicht zuständig. Unter Hinweis auf den 2024 vereinbarten Ausschluss betriebsbedingter Kündigungen sagte er: „Vor dem Hintergrund dieser verbindlichen Regelungen stellen sich die aktuell aufgeworfenen Fragen für uns nicht.“

Mit der stereotypen Formel „keine Werksschließungen, keine betriebsbedingten Kündigungen“ begleitet die IG Metall seit Jahren jeden Kahlschlag, sei es in der Auto-, der Stahl- oder der Metallindustrie. Arbeiter werden über Abfindungen, Frührenten, Altersteilzeit, Beschäftigungsgesellschaften und andere Mechanismen aus dem Werk gedrängt, die Arbeitsplätze (und mit ihnen zahlreiche weitere) sind dauerhaft weg, und am Ende wird das Werk dann stillgelegt.

Niemand kann ernsthaft glauben, dass der VW-Konzern 60 Milliarden Euro jährlich einsparen kann, ohne eine Schneise der verbrannten Erde zu hinterlassen. Cavallo, ihr Betriebsrat und die IG Metall wissen das und versuchen mit allen Mitteln, jeden Widerstand dagegen zu unterdrücken.

Kein Arbeiter sollte ihrer Lüge auf den Leim gehen, der Erhalt der Arbeitsplätze erfordere eine enge Zusammenarbeit mit dem Vorstand, um – wie Cavallo schreibt – „die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern“. Die Arbeitsplätze können nur mit den Methoden des Klassenkampfs verteidigt werden.

Der Konzern rechtfertigt den Kahlschlag mit der Absatzflaute in China, den US-Strafzöllen und dem verschärften internationalen Wettbewerb. Aber das beweist nur, dass der Kapitalismus bankrott ist. Der Kampf um Profite wird weltweit auf dem Rücken der Arbeiter ausgetragen, deren Einkommen ebenso schnell sinken, wie die Vermögen der Aktionäre und Manager steigen. Die Umstellung auf Elektroantrieb und der Einsatz KI-basierter Produktionsmethoden dienen nicht dazu, die Arbeit zu erleichtern und die Lebensqualität zu erhöhen, sondern die Profite der Reichen zu steigern.

Das bezweckt auch der Kahlschlag bei VW. Schon das Abkommen von 2024 verfolgte das erklärte Ziel, die operative Umsatzrendite auf 6,5 ⁠Prozent zu verdoppeln. Negativ-Einstufungen durch Rating-Agenturen im letzten Dezember gaben dann den Anstoß zum erweiterten Sparprogramm. Für die Eigentümerfamilien Porsche-Piëch (geschätztes Vermögen rund 40 Milliarden Euro) bedeutet jede Schwankung des Aktienkurses hunderte Millionen Verlust oder Gewinn.

Auch der Vorstand sahnt kräftig ab. Als er die Top-Manager auf den neuen Sparkurs einschwor, entdeckte er in den angeblich klammen Kassen überraschend Barbestände von 6 Milliarden Euro – etwas mehr als nötig sind, damit die Vorstandsmitglieder Boni von bis zu 1,75 Millionen pro Person kassieren können! Der Cashflow war durch das Streichen von Investitionen und den Verkauf offener Forderungen aus verkauften Neuwagen erhöht worden – Geld, das in Zukunft fehlen und weitere Einsparungen begründen wird.

Panzer und Drohnen statt Autos

Der globale Kampf um Profite, Märkte und Rohstoffe führt nicht nur zu Arbeitsplatz-, Lohn- und Sozialabbau, sondern auch zu Faschismus und Krieg. Die Diskussionen, Volkswagen in den Dienst von Aufrüstung und Krieg zu stellen, sind weit fortgeschritten. Statt Autos soll die VW-Belegschaft Panzer und Drohnen bauen, damit ihre Kinder – oder sie selbst – im Interesse deutscher Großmacht verheizt werden können. Dabei fallen alle Hemmungen.

Ein Artikel, der am Dienstag in der Wirtschaftswoche erschien, sollte in dieser Hinsicht als Warnung dienen. Der Autor, Wirtschaftsredakteur Martin Seiwert, erinnert daran, dass Volkswagen, als es 1937 durch das Nazi-Regime gegründet wurde, nicht nur für den Bau des KdF-„Volkswagens“, sondern auch als Rüstungsbetrieb konzipiert war. „Tatsächlich wurden in Wolfsburg nur ein paar Hundert KdF-Wagen gebaut,“ schreibt er, „aber zehntausende Militärfahrzeuge, dazu Minen und Raketen. Und zwar von etwa 20.000 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern.“

Zu dieser Tradition will Seiwert zurückkehren. Eine bedenkenswerte Frage sei, erklärt er: Sollten die Porsches und Piëchs, die fast 90 Jahre später immer noch eine Schlüsselrolle bei Volkswagen spielen, wieder Kriegsgerät bauen lassen?

Der Import von Rüstungsgütern könne nur eine Notlösung für Deutschlands massive Aufrüstung sein, so Seiwert. Europa müsse sich selbst bewaffnen können. Die Wolfsburger dürften sich bei dem Thema nicht wegducken. VW beherrsche wie kaum ein anderer deutscher Industriekonzern die Massenproduktion. „Und genau das ist es, was die Rüstungsindustrie jetzt braucht.“

VW-Ingenieure im Schulterschluss mit Rüstungsunternehmen und den Produktionsexperten des Konzerns könnten durch die Serienfertigung von Kampffahrzeugen die Kosten massiv senken. Noch schneller „könnten VW-Fabriken kleinere, weniger komplexe Rüstungsgüter in Serie bauen, die dringend benötigte Munition etwa oder die ebenso begehrten Drohnen“.

Die gute Nachricht sei, dass Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies das Thema ebenso auf dem Schirm habe wie VW-Chef Oliver Blume. Deshalb sei ein Top-Manager von VW, Antoin Abou-Haydar, zum „Head of Group Defense Office“ ernannt worden. Volkswagen habe also schon „eine Abteilung, die auslotet, wie sich der Konzern teilweise zum Rüstungsunternehmen wandeln kann“.

Unabhängige Aktionskomitees

Es ist offensichtlich, dass der Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze und gegen die Verwandlung von VW in eine Todesfabrik nicht der IG Metall und ihren Betriebsräten überlassen werden kann. Sie sind Handlanger des Vorstands und unterstützen die Kriegspolitik der Bundesregierung.

Deshalb muss sich die Belegschaft dringend neu organisieren und neu orientieren. Sie muss unabhängige Aktionskomitees aufbauen, die von vertrauenswürdigen Kolleginnen und Kollegen geleitet werden, demokratisch organisiert sind und den Widerstand leiten und international koordinieren.

Die Kampagne, die der Autoarbeiter Will Lehman in den USA derzeit in der Autoarbeitergewerkschaft UAW führt, ist dabei von großer Bedeutung. Lehman kandidiert um das Amt des UAW-Präsidenten, der von den Mitgliedern gewählt wird. Er tritt für die Entmachtung des Gewerkschaftsapparats und die Übertragung der Macht auf die Arbeiter in den Betrieben ein. Zu diesem Zweck setzt er sich für den Aufbau eines Netzwerks von Aktionskomitees ein, lehnt die Klassenzusammenarbeit mit den Konzernen ab und kämpft gegen den Nationalismus, der Arbeiter unterschiedlicher Länder gegeneinander aufhetzt. Er verfolgt das Ziel, die wirtschaftliche Macht der Arbeiter zur Verteidigung demokratischer Rechte und gegen Krieg zu mobilisieren.

Lehmans Kampagne hat bereits in den ersten Tagen eine große Resonanz gefunden. Das erste Kampagnenvideo, das er auf seiner Website veröffentlicht hat, wurde hunderttausendfach angesehen, und die Kampagne wird von Arbeitern aus verschiedenen Branchen und Ländern unterstützt.

Die Beschäftigten von VW sollten Will Lehmans Kampagne ebenfalls unterstützen und eigene Aktionskomitees aufbauen. Nehmt Kontakt mit uns auf, um jetzt aktiv zu werden. Schreibt uns eine Nachricht über WhatsApp an die +491633378340 und registriert euch über das Formular

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