Die Morde von Hanau, sechs Jahre danach

Sechs Jahre nach dem rassistischen Mordanschlag in Hanau gehen am 19. Februar erneut Tausende auf die Straße, um der Opfer zu gedenken. Am 19. Februar 2020 tötete der faschistische Killer Tobias Rathjen (43) neun ihm vollkommen unbekannte Personen, acht Männer und eine Frau im Alter zwischen 20 und 37 Jahren. Sechs weitere Personen wurden teils schwer verletzt.

Die neun Hanauer Opfer, Wandmalerei unter der Friedensbrücke in Frankfurt am Main

„Say their names“, unter diesem Slogan wird die Erinnerung an Kaloyan Velkov, Fatih Saraçoğlu, Sedat Gürbüz, Vili Viorel Păun, Gökhan Gültekin, Mercedes Kierpacz, Ferhat Unvar, Hamza Kurtović und Said Nesar Hashemi wachgehalten.

Vor wenigen Tagen ist ein zehntes Opfer hinzugekommen: Ein damals Schwerverletzter, Ibrahim Akkuş (70), starb am 10. Januar 2026 an den Spätfolgen der zahlreichen Schüsse, die der Killer in der Arena-Bar in Hanau-Kesselstadt auf ihn abgegeben hatte. Akkuş hatte nach dem Anschlag mehrere Monate im Krankenhaus verbracht, musste mehrfach operiert werden und war seither auf den Rollstuhl angewiesen. Er benötigte intensive Pflege durch Frau und Tochter und lebte isoliert in einer nicht barrierefreien Wohnung.

Auch sechs Jahre nach den Morden von Hanau sind noch immer die Hintergründe nicht vollständig aufgeklärt und kaum Konsequenzen gezogen. Offiziell war es die Tat eines „verwirrten Einzeltäters“, aber zahlreiche Fragen sind bis heute ungeklärt. Hinweise sprechen für ein viel weiterreichendes Geflecht aus rechten Netzwerken, behördlichem Wegsehen und einer Politik, die immer mehr nach rechts, in das Fahrwasser der AfD abdriftet.

Schon die Tatabfolge am 19. Februar 2020 wirft drängende Fragen auf. Der Täter konnte nacheinander mehrere Tatorte aufsuchen – erst die Lokale La Votre und Midnight-Bar am Heumarkt im Zentrum, danach in Hanau-Kesselstadt den Kiosk und die Arena-Bar – und anschließend ungehindert ins Elternhaus zurückehren, wo ihn die Polizei erst nachts um drei aufsuchte (und ihn und seine Mutter tot auffand).

Der Notruf 110 war zur Tatzeit nicht erreichbar, was mindestens Vili Viorel Păun, der die ersten Morde melden und weitere verhindern wollte, das Leben kostete: Der Täter erschoss ihn auf dem Lidl-Parkplatz in Kesselstadt mit mehreren Schüssen durch die Windschutzscheibe. Auch Überlebende vom ersten Tatort in Hanau hatten zwanzig Minuten lang vergeblich versucht, über den Notruf Hilfe anzufordern, ehe sie das Kennzeichen von Rathjens Wagen durchgeben konnten. Auch dann lief die Fahndung noch äußerst schleppend an.

Zudem war der Killer den Behörden seit Jahren als Rassist und psychisch auffällig bekannt. Er war schon Jahre zuvor in mehreren Verfahren aufgetaucht, hatte paranoid anmutende Texte an die Behörden geschickt und sechs Monate vor der Tat ein 24-seitiges Bekennerschreiben ins Netz gestellt, in dem er offen Völkermordphantasien formulierte. Dennoch besaß er einen erweiterten Waffenschein, hatte Waffen zuhause und durfte mehrere Scharfschützen-Trainings absolvieren. Auch sein Vater ist als aggressiver Rassist stadtbekannt.

Hinzu kommt die soziale Dimension des Verbrechens, das sich nicht zufällig auf Hanau-Kesselstadt konzentrierte: eine überwiegend proletarische, international zusammengewürfelte Wohnstadt. Die Opfer gehörten Familien an, deren Eltern aus Italien, der Türkei, Bosnien, Rumänien, Syrien und Afghanistan eingewandert waren. Sie hatten auf dem Bau, bei der Bahn, in Rüsselsheim, am Flughafen oder in Hanau bei Dunlop, Heräus und BBC Arbeit gefunden und für ihre Kinder, die Opfer, auf eine bessere Zukunft gehofft.

Die mörderischen Schüsse richteten sich gegen diese internationale Gemeinschaft – es war ein Anschlag auf die Arbeiterklasse. Das ist zugleich ein Hinweis darauf, warum die wirklichen Zusammenhänge und Hintergründe bis heute verschleiert und die Ursachen nicht beseitigt werden. Die tonangebenden Politiker aller etablierten Parteien spüren und erkennen in dieser Gemeinschaft eine wachsende Bedrohung.

Tatsächlich folgt die offizielle Regierungspolitik in wachsendem Maß der migrationsfeindlichen AfD-Politik. Die Regierung, die massiv für Krieg und Polizeistaat aufrüstet, geht gleichzeitig immer aggressiver gegen Migranten und Flüchtlinge vor und versucht, mit Ausländerhetze und Nationalismus einen Keil in die Arbeiterklasse zu treiben.

Unter der Regie von Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) schottet die Regierung die Grenzen ab, fährt die Abschiebungen – sogar nach Syrien und Afghanistan – weiter hoch, setzt den Familiennachzug aus und tritt auch in der EU für immer schärfere Ausländergesetze ein. Ihre Aufrüstung gegen Russland und ihre offene Parteinahme für Israel zeigen, dass für die Merz-Klingbeil-Regierung nicht die demokratischen und sozialen Rechte der Bevölkerung an erster Stelle stehen, sondern die Wirtschafts- und Finanzinteressen einer abgehobenen Oligarchie.

So ist das anhaltende Verwirrspiel um die Hanauer Morde und das Festhalten an der „Einzeltäter“-Theorie kein Zufall. Vielmehr trägt die behördliche Untätigkeit sämtlicher etablierter Parteien dazu bei, in einer Situation der wachsenden Arbeitslosigkeit und sozialen Verelendung Bedingungen für neue, noch grauenhaftere Geschehnisse und Amokläufe zu schaffen.

Besonders lähmend und vergiftet wirkt sich dabei die Politik der Gewerkschaftsführungen von IG Metall und Verdi aus, die sich loyal an die Interessen der deutschen Wirtschaft und Eliten halten. Es sind nur noch dem Namen nach „Gewerkschaften“. Sie stehen auf der Seite der Regierung und unterstützen deren Kriegs- und Sparpolitik, wie der jüngste Verdi-Abschluss erneut bewiesen hat. In der Industrie verfolgen sie eine nationalistische Standortpolitik, die mit der Zerstörung tausender Arbeitsplätze einhergeht.

So werden gerade in Hanau und im Rhein-Main-Gebiet zahlreiche Industriebetriebe geschlossen oder es werden Stellen abgebaut, wie beispielsweise bei Opel-Stellantis in Rüsselsheim oder Goodyear-Dunlop in Hanau, und die Gewerkschaftsführer unterzeichnen jeden Schließungs- und Entlassungsbeschluss.

Die Morde von Hanau müssen Mahnung sein: Erinnern heißt kämpfen! Um die Rückkehr des Faschismus zu verhindern, darf man sich nicht auf den Staat und seine Behörden, die Polizei und die Geheimdienste stützen, sondern muss unabhängige, demokratisch kontrollierte Arbeitergremien schaffen, wie sie zum Teil nach der Mordnacht in Hanau im Ansatz schon entstanden sind.

Für eine lückenlose Aufklärung und für den Schutz aller Arbeitenden gegen die rechte Gefahr ist es wichtig zu verstehen, wer Freund ist und wer Feind. Verbündete sind nicht die Staatsvertreter, Gewerkschaftsbürokraten und Parteipolitiker im Bundestag und in den Kommunen, die ihre Gleichgültigkeit und Feindschaft seit sechs Jahren bewiesen haben.

Verbündete sind die Arbeiterinnen und Arbeiter auf der ganzen Welt, die den Kampf gegen Krieg und Faschismus aufgenommen haben. Das sind insbesondere auch die Arbeitenden in den Vereinigten Staaten, in Kalifornien, New York, Minneapolis und Detroit (Michigan), die den Kampf gegen die Trump-Diktatur und deren mörderische Einwandererpolizei ICE aufgenommen haben.

Einer von ihnen, Will Lehman, ein 39-jähriger Sozialist und Autoarbeiter von Mack Trucks in Macungie (Pennsylvania), tritt gegen die korrupte Führung der Autogewerkschaft UAW auf und kandidiert selbst für das Amt des UAW-Präsidenten, um den Arbeitern an der Basis die Entscheidungsgewalt zurückzugeben.

Will Lehman weist in einem Video auf seiner Wahlwebsite WillforUAWPresident.org auf das enorme Machtpotenzial der Arbeiterklasse hin. „Aber diese Macht“, so Lehman, „kann nicht verwirklicht werden, solange die Arbeiter an Händen und Füßen gefesselt sind durch einen Gewerkschaftsapparat, der uns bei jeder Gelegenheit zuwider arbeitet (…) Die Wahrheit ist, dass diese Bürokratie nicht reformiert werden kann. Sie muss abgeschafft werden.“ Und er schließt sein Video mit einem starken Plädoyer für Sozialismus:

Ich kandidiere als Sozialist und Internationalist. Sozialismus bedeutet eine Gesellschaft, die von der Arbeiterklasse geführt wird, nicht von den Milliardären, die von unserer Ausbeutung profitieren. Wir müssen jeden Versuch, uns nach Rasse, Nationalität oder ethnischer Zugehörigkeit zu spalten, zurückweisen und dafür kämpfen, dass sich Arbeitende über alle Grenzen hinweg in einem gemeinsamen Kampf zusammenschließen.

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