Am Dienstag starb Reverend Jesse Jackson, Bürgerrechtsaktivist, zweimaliger Präsidentschaftskandidat und vollendeter politischer Opportunist. Er wurde 84 Jahre alt. Wie kaum ein anderer verkörperte Jackson die Verwandlung der Bürgerrechtsbewegung aus einer Massenbewegung der Arbeiterklasse gegen Rassendiskriminierung in ein Instrument, das einer schmalen Mittelschicht unter den Schwarzen den sozialen Aufstieg ermöglichte.
Jahrzehntelang war Jackson eine der bekanntesten Figuren in der amerikanischen Politik. Er schien allgegenwärtig: auf Streikposten, bei Präsidentschaftswahlen, in den Vorstandsetagen und in den Nachrichtenstudios – immer wieder wurde er als Erbe von Martin Luther King Jr. vorgestellt und regelrecht gesalbt.
Sein Tod bot Anlass zu diversen Huldigungen der herrschenden Klasse. Ex-Präsident Biden sprach von einem „Mann Gottes und des Volkes“, und der Fraktionsführer der Demokraten im Senat, Chuck Schumer, bezeichnete ihn als „eine der stärksten Kräfte für positive Veränderungen in unserem Land und unserer Welt“. Die Republikanerin Nikki Haley lobte ihn als „prinzipientreuen Kämpfer“, und kein Geringerer als Donald Trump nannte ihn „einen guten Mann mit viel Persönlichkeit, Schneid und ‚Straßenweisheit‘.“
Diese bereitwillige Anerkennung – von führenden Demokraten und Republikanern und sogar von dem Faschisten Trump – zeugt von Jacksons Rolle als eine Art Chamäleon im politischen Leben Amerikas. Im Gegensatz zu dem Bild, das er von sich pflegte, und der überhitzten Phantasie seiner medialen und pseudolinken Bewunderer war Jackson niemals eine wirklich „linke“ oder oppositionelle Figur.
Sicherlich konnte er „links reden“ und genoss eine Zeit lang große Unterstützung in der Bevölkerung. Wie die Workers League auf dem Höhepunkt seiner Kampagne für die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten 1988 schrieb, war Jackson „typisch für die populistischen Demagogen, die der amerikanische Kapitalismus immer wieder hervorbringt, um die Arbeiterklasse vom Weg des unabhängigen politischen Kampfs abzubringen.“ Seine Aufgabe war es, „den Arbeitern, Arbeitslosen und Armen die Illusion zu vermitteln, dass die Demokratische Partei zu einem Instrument fortschrittlicher Veränderungen gemacht werden kann.“
1988 erhielt Jackson im Vorwahlkampf der Demokraten fast 7 Millionen Stimmen. Er profitierte davon, dass die Bürgerrechtsbewegung unter den Arbeitern, die in der Reagan-Ära mit Deindustrialisierung und sinkendem Lebensstandard zu kämpfen hatten, immer noch ein gewisses Ansehen genoss. Doch trotz seiner starken Sprüche – so nannte er Carters Deregulierungspolitik eine „innenpolitische Neutronenbombe“ – erwies sich Jackson als der getreueste Wahlkämpfer der Demokratischen Partei. Unermüdlich trieb er den Demokraten Wähler zu, obwohl jeder ihrer Kandidaten weiter rechts stand als sein Vorgänger: Carter, Mondale, Dukakis, Clinton, Gore, Kerry, Obama, Biden und Harris.
Wenn Jackson heute von den Herrschenden betrauert wird, dann deshalb, weil er ihnen einen guten Dienst erwies: Er konnte mit der Sprache des Protests Unterstützung gewinnen und diese in den Rahmen der bestehenden Ordnung zurückschleusen. Aufschlussreich ist Jacksons Ansicht über Obama. Er betrachtete den Jüngeren zu Recht als „Carpetbagger“, der nur deshalb nach Chicago gekommen war, weil er mithilfe des Parteiapparats der Demokraten ein nationales Amt ergattern wollte. 2008 hörte man Jackson bei versehentlich noch eingeschaltetem Mikrofon sagen, er wolle Obama „die Eier abschneiden“, denn der rede „von oben herab zu den Schwarzen“. Das hat ihn nicht davon abgehalten, Obama zu unterstützen und ein Freudentränchen zu zerdrücken, als er zum Präsidenten gewählt wurde.
Im Gegensatz zu Obama hatte Jackson noch eine echte Verbindung zur schwarzen Arbeiterklasse und der Bürgerrechtsbewegung. Er wurde 1941 in Greenville (South Carolina) geboren, wo damals noch Rassentrennung herrschte. Er wuchs inmitten bitterer Armut und täglicher Demütigungen auf. In der „Schrotflintenhütte“, in der er von seiner Großmutter großgezogen wurde, gab es weder fließendes Wasser noch Kanalisation. Als studentischer Aktivist und späterer Organisator der SCLC (Southern Christian Leadership Conference) am College fühlte sich Jackson zur Bürgerrechtsbewegung hingezogen, als im Süden der USA deren Aktivisten ermordet und verstümmelt wurden.
Doch schon bald traten seine persönlichen Ambitionen hervor. Er war im Lorraine Motel in Memphis, als Martin Luther King Jr. 1968 ermordet wurde. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Beziehung bereits angespannt, nicht zuletzt, weil King Jacksons Finanzgeschäften in Chicago misstraute. Dorthin war er 1966 geschickt worden, um die „Operation Breadbasket“ zu leiten, den Arm der Bewegung im städtischen Norden. In den Stunden nach dem Mord trat Jackson im nationalen Fernsehen auf und behauptete, den sterbenden King in den Armen gehalten und seine letzten Worte gehört zu haben – eine Darstellung, die von anderen Anwesenden bestritten wurde, was die Verbitterung in Kings innerem Kreis vertiefte und einen Schatten auf Jacksons späteren Aufstieg warf.
Fest steht, dass King eine Figur mit einem grundlegend anderen Charakter war: ein Massenführer im eigentlichen Sinne, dessen politische Entwicklung ihn in immer direkteren Konflikt mit dem amerikanischen Kapitalismus und Imperialismus brachte. Die von King geführte Bewegung war durch einen tiefen inneren Widerspruch zwischen den konservativen Zielen ihrer bürgerlichen, hauptsächlich klerikalen Führung und den revolutionären Bestrebungen der Massen gekennzeichnet.
Kings Antwort auf diesen Widerspruch war immer radikaler geworden. Er räumte ein, dass die Errungenschaften der Bewegung „hauptsächlich auf die Mittelschicht der Neger beschränkt“ waren, und argumentierte, dass eine Bewegung der Armen aller Hautfarben erforderlich sei, um die Diskriminierung durch die Mehrheit zu bekämpfen. „Wir sagen, dass etwas nicht stimmt … mit dem Kapitalismus“, erklärte er seinen Mitstreitern. „Der Reichtum muss besser verteilt werden, und vielleicht muss sich Amerika in Richtung eines demokratischen Sozialismus bewegen.“
Durch seine Anprangerung des US-Imperialismus – er bezeichnete Washington als „den größten Gewalttäter der heutigen Welt“ – machte er sich den amerikanischen Staat zum Feind, wie aus FBI-Akten eindeutig hervorgeht. Dies dürfte zu seiner Ermordung im Jahr 1968 beigetragen haben, ein Verbrechen, das nie vollständig aufgeklärt wurde.
Nach Kings Tod rückten seine Nachfolger – darunter Jackson – nach rechts, sprachen nicht mehr von systemischen Veränderungen und orientierten sich an der unter Lyndon Johnson und Richard Nixon entwickelten Förderung einer privilegierten Schicht der Schwarzen, die ein „Stück vom Kuchen“ abbekommen sollte, wie Nixon es ausdrückte.
Wie von King befürchtet, hatte Jackson schnell gelernt, das moralische Kapital der Bewegung in seinen persönlichen und finanziellen Aufstieg umzumünzen. In Chicago, an der Spitze der Operation Breadbasket, verfeinerte er die Mischung aus Kanzelreden, Medienauftritten und Hinterzimmerdeals, die sein politisches Leben ausmachte: die Umsetzung von Protest in gute Geschäfte.
Nachdem er 1971 mit der Southern Christian Leadership Conference gebrochen hatte, verlangte Jacksons neue Organisation PUSH (People United to Save Humanity) Zugeständnisse von der Großindustrie. Die Unternehmen stellten dunkelhäutige Führungskräfte ein und vergaben Aufträge an Firmen, die sich im Besitz von Farbigen befanden. „Schon 1974 hatte sich Jesse Jackson einen eigenen wirtschaftlichen Patronage-Apparat geschaffen“, schreibt seine Biografin Barbara Reynolds. Die New York Times meinte 1972, Jackson sei „eine gute Kopie, aber zugleich eine sichere Kopie; radikal im Stil, nicht im Handeln. Der Jesse Jackson von heute ist keine Bedrohung für die etablierten Institutionen.“
Als 1988 seine Steuererklärung veröffentlicht wurde, zeigte sich, dass Jackson „seine Dienste zur Verteidigung des kapitalistischen Systems und der Demokratischen Partei in ein persönliches Vermögen umgemünzt hat“, wie das Bulletin, die Zeitung der Workers League, damals feststellte. Das Einkommen seines Privathaushalts war von 59.000 Dollar im Jahr 1984 auf über 200.000 Dollar im Jahr 1987 gestiegen. Davon spendete er weniger als 1 Prozent für wohltätige Zwecke. Zum Zeitpunkt seines Todes wurde Jacksons Nettovermögen auf 4 Millionen Dollar geschätzt – zugegebenermaßen nicht gerade viel im Vergleich zu den Oligarchen, die heute die amerikanische Politik kontrollieren.
Jackson konzentrierte sich stets darauf, die schwarze Elite zu fördern, während sich die Lebensbedingungen der großen Mehrheit der schwarzen Arbeiter zusammen mit denen der Arbeiterklasse insgesamt immer weiter verschlechterten. „Für schwarze Unternehmer, vor allem für die großen, ist Jesse Jackson ein wohlwollender Pate“, wie seine Biografin es ausdrückte. Im Jahr 2001 brachte er ein Selbsthilfebuch heraus, das er gemeinsam mit seinem Sohn Jesse Jackson Jr. verfasst hatte: It’s About the Money!: The Fourth Movement of the Freedom Symphony: How to Build Wealth, Get Access to Capital, and Achieve Your Financial Dreams (Es geht ums Geld!: Der vierte Satz der Freiheitssymphonie: Wie Sie Vermögen aufbauen, Zugang zu Kapital erhalten und Ihre finanziellen Träume verwirklichen).
Nach den 1980er Jahren nahm Jacksons Bekanntheit als Politiker ab. In diesem Jahrzehnt wurde er von der Gewerkschaftsbürokratie immer wieder losgeschickt, um Streikposten zu besuchen, gemeinsame Gebete abzuhalten und auf „verantwortungsvolle“ Einigungen zu drängen. Auf diese Weise begleitete er Kämpfe gegen die Stilllegung von Stahl- und Autowerken bis zu den Streiks bei Hormel und Phelps Dodge. Veteranen dieser Kämpfe erinnern sich, dass die Ankunft Jacksons in der Regel bedeutete, dass die Geier kreisten und ein schmutziger Ausverkauf vorbereitet wurde, um die Arbeiter wieder in den Betrieb zu schicken, ohne dass ihre grundlegenden Forderungen erfüllt worden waren, oder Schlimmeres.
Vom Streik der Kohlebergarbeiter in Pittston 1989 über den Zeitungsstreik in Detroit 1995 bis hin zur Krise der städtischen Wasserversorgung in Flint 2016 – immer wieder trat Jackson als besänftigender Schlichter auf und nicht als der Fürsprecher der Benachteiligten, als der er sich ausgab. Doch sein Einfluss auf die Arbeiterschaft hatte stark abgenommen. Als er 2014 die Stadt Ferguson im Bundesstaat Missouri besuchte, nachdem Michael Brown von der Polizei ermordet worden war, empfing ihn die Menge mit Spott: „Wann hörst du auf, uns zu verraten, Jesse?“ und „Wir wollen dich hier in St. Louis nicht haben.“
Indem er jeden Widerstand der Demokratischen Partei unterordnete, förderte Jackson den jahrzehntelangen Rechtsruck in der amerikanischen Politik, der nun mit der Errichtung einer Präsidialdiktatur durch Trump in eine neue Phase eingetreten ist. Jackson war Teil dieser Entwicklung und ebnete ihr den Weg. Und nun lässt Trump, der im Auftrag der Oligarchie einen Krieg gegen die Verfassung führt, all den reaktionären Schmutz der Vergangenheit wieder aufleben, einschließlich der rückständigsten Formen von Rassismus und Chauvinismus.
Die herrschende Klasse ist jedoch mit einer massiven sozialen Kraft konfrontiert, die jetzt in den Kampf eintritt: die Arbeiterklasse. Jackson beschwor die Erinnerung an die Bürgerrechtsbewegung, um die soziale Wut in die Kanäle der Institutionen zu lenken, die die Ausplünderung der Arbeiter im Interesse eines immer unersättlicheren Kapitalismus organisierten. Die Nostalgie der herrschenden Klasse für Jackson ist im Grunde genommen die Sehnsucht nach der Rückkehr zu einer Art von sozialer Demagogie, deren Glaubwürdigkeit sich gerade schnell verflüchtigt.
