Oscar-Verleihung in angespannter internationaler Lage

In der Nacht von Sonntag auf Montag findet im Dolby Theatre in Los Angeles die 98. Verleihung der Academy Awards (Oscar) statt. In 24 Kategorien werden Preise vergeben. Angesichts der Geschichte und Bedeutung des Filmschaffens in den USA hat die Oscar-Verleihung weiterhin politische und kulturelle Bedeutung, auch wenn die Zuschauerzahlen in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen sind.

One Battle After Another

Wie üblich gibt es zahlreiche Spekulationen und Prognosen darüber, welcher der häufiger nominierten Filme – One Battle After Another, Blood & Sinners, Sentimental Value, Marty Supreme oder Frankenstein – die Verleihung der Preise dominieren wird.

Paul Thomas Andersons durchwachsener Film One Battle After Another enthält eindrucksvolle Szenen, die den Kurs des amerikanischen Establishments in Richtung brutale autoritäre Herrschaftsformen offenlegen und das Militär und die Einwanderungs-Gestapo ICE anprangern. Hauptsächlich deshalb hat er beträchtliche Aufmerksamkeit und Interesse geweckt. The Secret Agent aus Brasilien befasst sich mit Diktatur und Faschismus. Bugonia zeigt – zumindest bevor der Film aus dem Ruder läuft – Sequenzen, die auf das Elend und die Verzweiflung eines Großteils der amerikanischen Bevölkerung hinweisen.

Andererseits äußert sich der Hollywood-typische, starke Einfluss von Identitätspolitik in der Rekordzahl von Nominierungen für Blood & Sinners und in der Unterstützung für Marty Supreme. Zudem gibt es immer ein Publikum für Dramen voller Selbstbezogenheit und sogar Selbstmitleid, die eine Abkehr von der Welt propagieren und behaupten, alles würde vom Privatleben oder familiären Beziehungen abhängen. Dazu gehören etwa Sentimental Values und Hamnet (man könnte noch If I Had Legs I’d Kick You hinzufügen, für den Rose Byrne nominiert ist). Der visuell fesselnde Film Frankenstein weist ebenfalls Elemente dieser Tendenz auf, während F1 nur aus Bombast und Lärm und Song Sung Blue weitgehend aus Trivialitäten besteht. Train Dreams ist undurchsichtig, düster und ziellos, mit bedauerlichen Anklängen an Terrence Malick und Heidegger aus zweiter Hand, ein wirrer „Kunstfilm“, wie der französische Sirāt, der in der Kategorie „bester internationaler Film“ nominiert ist.

Das wichtigste für einen Preis nominierte Werk ist Die Stimme von Hind Rajab, in dem die tunesische Regisseurin Kaouther Ben Hania die kaltblütige Ermordung eines fünfjährigen Mädchens in Gaza durch das israelische Militär im Januar 2024 dokumentiert. Die zionistische Lobby tat alles in ihrer Macht Stehende, um den Kinostart des Films in den USA zu verhindern. Deadline schrieb im Oktober 2025:

Ein aktuelles Thema, begeisterte Kritiken (97% auf Rotten Tomatoes), Auszeichnungen bei Festivals, eine gefeierte Regisseurin, der längste Beifall auf den Festivals und zahlreiche prominente Förderer würden normalerweise garantieren, dass ein Film in den USA einen Verleih findet. In diesem Jahr sind viele Filme erschienen, die weniger vorzuweisen haben. Dennoch hat Die Stimme von Hind Rajab von der zweifach für einen Oscar nominierten Kaouther Ben Hania, der in Venedig mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet wurde, in den USA immer noch keinen Verleih gefunden...

Ein führender US-amerikanischer Abnehmer, der großes Interesse an dem Film äußerte, erklärte: „Die Käufer schrecken aus Angst zurück und/oder sind nicht mit der politischen Botschaft des Films einverstanden. Ich bin sehr überrascht.“

Saja Kilani in Die Stimme von Hind Rajab

Die Stimme von Hind Rajab fand schließlich im Dezember einen Verleih und kam in den USA in begrenztem Maß in die Kinos. Tausende von Schauspielern, Drehbuchautoren und von anderen weltweit haben ihr Entsetzen über den Völkermord in Gaza und über die Rechtfertigung und Unterstützung des Massenmords durch ihre Regierungen geäußert. Die Auszeichnung von No Other Land, das ebenfalls Ziel von erbitterter pro-israelischer Opposition wurde, in der Kategorie „bester Dokumentarfilm“ im letzten Jahr war Ausdruck dieser starken Stimmung.

Die diesjährige Oscar-Verleihung findet unter außergewöhnlichen politischen und sozialen Umständen statt. Die Trump-Hegseth-Regierung und ihre faschistischen Verbündeten im Netanjahu-Regime haben einen Vernichtungskrieg gegen die Menschen im Iran – ein unterdrücktes Land – begonnen. Es ist eine der schändlichsten politisch-militärischen Aktionen unserer Zeit, ein „Verbrechen gegen den Frieden“, wie es in den Nürnberger Prozessen gegen die Nazis definiert wurde – ein Angriffskrieg gegen eine Nation, die keinerlei Bedrohung für die Vereinigten Staaten darstellte.

Dieses völkerrechtswidrige Massaker ist nur wegen der Komplizenschaft der Mittäter in der Demokratischen Partei und der amerikanischen Medien möglich, deren führende Kommentatoren und Sprecher lügen, sobald sie den Mund aufmachen. Bezeichnenderweise begann der Angriff mit einem Anschlag auf eine Grundschule, bei dem mehr als 150 Mädchen ermordet wurden. Das ist die heutige bürgerliche Gesellschaft, wie Rosa Luxemburg formulierte „im Blute watend, von Schmutz triefend“.

Die Führungsetagen Hollywoods sind entweder auf Trumps Seite oder von ihm eingeschüchtert oder beides. Die Übernahme von Warner Bros. Discovery durch die extrem reaktionäre Familie Ellison legt die „Welt der Unterhaltung und der Nachrichten“ zusehends in die Hände derer, die direkt an den Verschwörungen der CIA und des Pentagon beteiligt sind.

Absurderweise ist die einzige Auswirkung des Irankriegs, die durch die Medien dringt, ein Bericht, laut dem das FBI und das Los Angeles Police Department nach einem Alarm wegen eines „möglichen [iranischen] Vergeltungsangriffs mit Drohnen“ auf die Westküste der USA die Sicherheitsvorkehrungen am Dolby Theatre „beträchtlich verstärkt“ haben. Man kann darüber nur angewidert den Kopf schütteln. Die Barbaren im US-amerikanischen und israelischen Militär sind dabei, Teheran in Schutt und Asche zu legen, und Tausende sind bereits gestorben, doch das wichtigste Anliegen der amerikanischen Behörden ist es, den Menschen Angst vor einer „Drohnenbedrohung“ zu machen, die nur in den Köpfen der Polizei existiert.

Der Krieg und die allgemeine Krise der US-Gesellschaft führen zu einer wirtschaftlichen Katastrophe für breite Bevölkerungsschichten. Die Preise für Benzin und alle anderen lebensnotwendigen Güter wie Wohnraum und Autos steigen, aber für Milliardäre war das Leben nie angenehmer. Es wird niemanden überraschen, dass die obszöne Anhäufung von Privatvermögen an der Spitze der Unterhaltungsindustrie unvermindert weitergeht, trotz (oder gerade wegen) der 17.000 Entlassungen in diesem Bereich und dem drohenden Wegfall zehntausender weiterer Arbeitsplätze durch die Fusion von Paramount und Warner Bros. sowie den zunehmenden Einsatz von KI.

Bob Iger von Disney verdiente letztes Jahr 45,8 Millionen Dollar, Lachlan Murdoch von Fox Corp. 33 Millionen, und Bob Bakish von Paramount Global erhielt eine Abfindung in Höhe von 69,3 Millionen. Chris McCarthy, George Cheeks und Brian Robbins von Paramount Global erhielten Abfindungen von jeweils etwa 20 Millionen Dollar. Ted Sarandos und Greg Peters von Netflix wurden in den letzten Jahren konstant 60 Millionen Dollar gezahlt.

Bugonia

Schauspieler, Drehbuchautoren und Filmcrewmitglieder versuchen in Los Angeles, New York, Atlanta, Toronto, Vancouver und anderen Zentren der Filmindustrie verzweifelt über die Runden zu kommen. Die oft hoch verschuldeten Studios (Paramount-Warner Bros hat etwa 90 Milliarden Dollar Schulden) senken die Kosten drastisch. Ein Kommentator erklärte gegenüber Marketplace: „Die Leute wollen es nicht zugeben, aber KI ersetzt die Crew in den unteren Rängen, die Spezialeffektfirmen und bei vielen Drehs sogar die Regisseure.“

Laut einer Studie von CVL Economics werden durch den Einsatz generativer KI bis Ende dieses Jahres etwa 118.500 Arbeitsplätze in der Film-, Fernseh- und Zeichentrickbranche zusammengelegt, ersetzt oder vollständig vernichtet. Das entspricht mehr als 20 Prozent der Gesamtbelegschaft.

Was tun die diversen Gewerkschaften, um diesem massiven Angriff auf die Arbeitsplätze und den Lebensstandard entgegenzuwirken?

Sie haben sich darauf konzentriert, das völlig bedeutungslose Recht zu bekommen, der Verwendung des Aussehens oder der Stimme von Künstlern die „Zustimmung“ zu erteilen oder zu verweigern. Als würden sich die skrupellosen Konzerne von ein paar schriftlichen Versprechen davon abhalten lassen, zweistellige Millionen- oder sogar Milliardenbeträge einzusparen! Ohnehin sind nur die Top-Schauspieler oder -Künstler in der Position, ihre „Zustimmung“ zu verweigern. Für alle anderen dürfte es das Ende ihrer Karriere sein, wenn sie sich den KI-Plänen der Studios entgegenstellen.

Die andere „Strategie“ der Gewerkschaften bestand darin, sich hinter die Konzerne zu stellen, um „die Arbeitsplätze in LA zu halten“ – ein hoffnungsloses und engstirniges Unterfangen, das die Belegschaften nur schwächt und spaltet.

Die Tarifverträge, welche die Gewerkschaft SAG-AFTRA und die Writers Guild ausgehandelt haben, laufen am 30. Juni bzw. am 1. Mai aus. Nach langen militanten Streiks im Jahr 2023, die schließlich von den Gewerkschaftsfunktionären ausverkauft wurden, werden die Gewerkschaften alles in ihrer Macht Stehende tun, um dieses Jahr Streiks zu verhindern. Es wird sich nichts zum Besseren ändern, bevor die einfachen Drehbuchautoren, Schauspieler, Techniker, Regisseure und andere Filmschaffende die Sache selbst in die Hand nehmen und den Konzernen und der Finanzoligarchie den Kampf ansagen.

Ellison, Sarandos Iger und Konsorten sind nichts weiter als ein Klotz am Bein der Filmproduktion und des kulturellen Lebens. Vieles von dem, was diese Parasiten hervorbringen, ist Müll und richtet im Bewusstsein der Bevölkerung sogar Schaden an. Die Kluft zwischen dem, was technisch möglich und künstlerisch wertvoll ist, und den aktuellen Erzeugnissen wird immer offensichtlicher und schmerzhafter. Im Profitsystem haben bedeutungsvolle Filme und Fernsehsendungen keine Zukunft. Dieses System kann nur fortbestehen, indem es Künstler und Filmschaffende loswird oder in die Armut treibt, Widerstand zensiert und die Produktionen so weit wie möglich von ernsthaften Inhalten entleert.

Die Bedürfnisse und Anliegen und zunehmend auch die Gedanken und Gefühle der Arbeiter und Künstler führen in eine diametral entgegengesetzte Richtung. Der allgemeine Trend geht nach links, zu Protesten, Widerstand und zur Ablehnung des gesamten heruntergekommenen kapitalistischen Systems. Diese Tendenz mag in den nominierten Filmen, vom endgültigen Urteil der Juroren ganz zu schweigen, nur schwach oder zum Teil Ausdruck finden. Aber sie ist die Strömung mit der größten Bedeutung für die Zukunft des kulturellen und politischen Lebens. Unabhängig vom Ergebnis der Oscar-Verleihung am Sonntag wird sie Bestand haben und sich vertiefen.

Loading