Bereits in der dritten Verhandlungsrunde hat die IGBCE (Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie) mit dem Arbeitgeberverband BAVC für die bundesweit 585.000 Beschäftigten der chemisch-pharmazeutischen Industrie Reallohnsenkungen vereinbart.
Die in Bad Breisig (Eifel, Nordrhein-Westfalen) getroffene Vereinbarung sieht zunächst eine neunmonatige Nullrunde vor. Erst ab Januar 2027 wird der Lohn um 2,1% und im Januar 2028 um 2,4% erhöht. Der alte Tarifvertrag war Ende Februar ausgelaufen, der neue hat eine Laufzeit von 27 Monaten bis Mai 2028.
Die geringen nominalen Lohn- und Gehaltserhöhungen bedeuten angesichts der Explosion der Energiepreise und der steigenden Inflationsrate infolge des Angriffskriegs auf den Iran eine deutliche Senkung der Reallöhne. Derzeit liegt die offizielle Inflationsrate in Deutschland noch bei 2,1%, aber selbst die optimistischsten Prognosen gehen von einer Steigerung auf 2,5% bis 2,6% im kommenden Jahr aus. Wenn sich die gestiegenen Energiepreise auch auf Waren und Dienstleistungen auswirken, wird die Inflationsrate noch viel höher sein.
Die IGBCE, die schon immer zu den unternehmerfreundlichsten Gewerkschaften zählte, hatte in diesen Verhandlungen aufgrund der Krise, die die Profite der Industriekonzerne gefährden, gar keine konkrete Lohnforderung aufgestellt. Man wolle eine Sicherung der Löhne, das heißt, eine Entgelterhöhung knapp über der Inflationsrate, betonten die Gewerkschaftsspitzen um den Vorsitzenden Michael Vassiliadis. Doch selbst das war nicht ernst gemeint, wie der Abschluss nun belegt.
Das bezeugen auch die vereinbarten Sonderzahlungen der Konzerne von jeweils 300 Euro pro Beschäftigtem für die Jahre 2026 und 2027 in den so genannten Demografiefonds, den IGBCE und Konzerne 2008 vereinbart und 2010 eingerichtet hatten. Seitdem zahlen die Unternehmen jährlich 750 Euro pro Beschäftigtem in den Fonds.
Die IGBCE behauptet, die Zahlungen dienten der Beschäftigungssicherung. Tatsächlich dient der Fonds, ähnlich wie ein Sozialtarifvertrag, der Finanzierung des Arbeitsplatzabbaus über Altersteilzeit, Fortbildung und ähnliche Maßnahmen. Es ist ein Fonds, mit dem die Unternehmen „Standortsicherung, Umqualifizierung oder Arbeitszeitreduzierung“ finanzieren, wie die IGBCE schreibt. Darum ging es von Anfang an: Um die Unterstützung unter Druck geratener Chemie-Konzerne und den „sozialverträglichen“ – d.h. reibungslosen – Abbau von Arbeitsplätzen.
Die Aufträge der Chemie-Industrie aus dem In- und Ausland sind seit 2021 um mehr als 20 Prozent eingebrochen. Jedes zweite Unternehmen habe zu wenig Aufträge, erklärte Markus Steilemann, Präsident des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), bereits Ende 2025. Die Produktionsanlagen der drittgrößten deutschen Industriebranche nach dem Auto- und Maschinenbau seien nur noch zu 70 Prozent ausgelastet. Das sei „ein historischer Tiefpunkt und weit entfernt von Rentabilität“.
Seitdem hat sich der Niedergang beschleunigt. Der Iran-Krieg bedroht die Konzernprofite, denn die Branche ist vom Anstieg der Energiepreise stark betroffen. Sie verbraucht viel Öl und Gas, zugleich sind diese Rohstoffe Ausgangsstoffe etwa für Dünger, Kunststoffe, Medikamente, Lösungsmittel und Kosmetika.
Die Konzerne reagieren auf die Absatz- und Umsatzkrise mit der Ankündigung von massivem Stellenabbau. Insgesamt sollen laut IGBCE 40.000 bis 50.000 Arbeitsplätze in Gefahr sein.
Der gemessen am Umsatz weltweit größte Chemiekonzern BASF hat schon zwischen Ende 2023 und Anfang 2026 rund 4.800 Stellen in aller Welt abgebaut. Am Hauptstandort Ludwigshafen sind bereits im vergangenen Jahr 1000 Stellen gestrichen worden, nun soll erneut in Produktion, Service, Forschung und in der Zentrale der Rotstift angesetzt werden. Anlagen werden stillgelegt, auch die IT-Abteilung wird umstrukturiert.
Evonik will weltweit 2.000 Stellen abbauen, davon ca. 1.500 in Deutschland. Betroffen sind vor allem Verwaltung und Management, um die Kosten jährlich um 400 Mio. Euro zu senken.
Die Bayer AG hat allein in Leverkusen bereits über 900 Stellen gestrichen. In Dormagen fallen rund 200 Jobs weg. Der Standort Frankfurt/Main wird komplett aufgegeben.
Lanxess hat angekündigt, weltweit fast 1000 Stellen abzubauen, davon ein Großteil (ca. 550) in Nordrhein-Westfalen, insbesondere an den Standorten Köln und Leverkusen.
Wacker baut 1.500 Stellen ab. Covestro hat keine Zahlen genannt, aber den Abbau von Arbeitsplätzen angekündigt, um Kosten zu senken. Der Konzern steht womöglich vor der Übernahme durch Adnoc.
Ende 2025 meldete die belgische Domo Chemicals für drei ihrer deutschen Tochterunternehmen Insolvenz an, darunter zwei im ostdeutschen Chemiedreieck Leuna-Schkopau-Bitterfeld mit rund 500 Beschäftigten. Ein Verkauf des Unternehmens bis Ende März an einen anderen Investor gilt laut einem Bericht der Wirtschaftswoche als unwahrscheinlich.
Wenn aber die Domo-Anlagen abgeschaltet werden, könnten auch andere Unternehmen im Chemiepark Leuna in Schwierigkeiten geraten. Die Unternehmen im Chemiedreieck bauen aufeinander auf. Im Chemiepark Leuna sind aktuell 100 Unternehmen mit 15.000 Beschäftigen ansässig.
Bereits Anfang Dezember kündigte der US-Konzern Dow Chemical an, seine Werke im sächsischen Böhlen und die Chlor-Alkali- und Vinyl-Anlagen in Schkopau aufgrund hoher Energie- und Rohstoffkosten zu schließen. 550 Arbeitsplätze sollen wegfallen.
In der Pharmabranche, die auch unter den jetzt abgeschlossenen Tarifvertrag fällt, wuchs dagegen die Produktion im vergangenen Jahr um drei Prozent und der Umsatz um 4,5 Prozent. Diese Konzerne, denen es besser geht, können die Entgelterhöhungen, „freiwillig vorziehen“, wie die IGBCE betont.
Mit dem Tarifabschluss stellt sich die IGBCE auf die Seite der Chemie- und Pharma-Konzerne und gegen die eigenen Mitglieder. Matthias Bürk, Verhandlungsführer der Unternehmen, lobte, die lange Laufzeit gebe Firmen viel Planungssicherheit. Zudem zahlten die Arbeitgeber erst ab 2027 – „und das zu krisengerechten Konditionen“.
Aber auch die verantwortlichen Gewerkschaftsbürokraten geben unumwunden zu, dass dieser Tarifabschluss den Konzernen und nicht den Beschäftigten dient. „Für diesen Krisen-Abschluss sind wir bis an die Schmerzgrenze gegangen“, sagte der IGBCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre habe sowohl der Branche als auch ihren Beschäftigten zugesetzt. Durch den Iran-Krieg habe sich die Lage für beide Seiten nochmals zugespitzt. „In solch einer vertrackten Ausgangslage eine Einigung zu finden, die allen Beteiligten gerecht wird, war eine große Herausforderung.“
Der Tarifvertrag wird aber nicht allen Beteiligten gerecht, sondern nur den Unternehmen. Vassiliadis machte das deutlich: „Klar ist eins: Mit diesem Tarifergebnis gehen die Beschäftigten in Vorleistung – für die Sicherung ihrer Arbeitsplätze und für mehr Investitionen in Deutschland.“ Jetzt müssten auch andere liefern: „die Bundesregierung mit der Chemieagenda 2045, die Arbeitgeber mit einer Investitionsoffensive in die nachhaltige Stärkung des Standorts“.
Die IGBCE ist schon seit langem nur noch dem Namen nach eine Gewerkschaft. Den letzten größeren Flächenstreik in der Chemieindustrie hat sie 1971, vor 55 Jahren (!) organisiert. Seitdem hat sie nur Warnstreiks und ähnliche Protestaktionen mit einigen Hundert Beschäftigten, wie in der jetzigen Tarifrunde, veranstaltet. Mit einem Kampf für angemessene Löhne, gute Arbeitsbedingungen, sichere Renten und die Verteidigung der bedrohten Arbeitsplätze haben diese Aktionen nicht das Geringste zu tun.
Der Tarifabschluss beweist einmal mehr: Die IGBCE-Funktionäre und ihre Betriebsräte in den Unternehmen fungieren als Handlanger der Konzernvorstände und setzen deren Vorgaben im Interesse der Aktionäre um. Die Bürokratie dient nicht den Beschäftigten.
Gegen die ständigen Reallohnsenkungen und den anhaltenden Stellenabbau sind Organisationen von unten, aus den Reihen der Belegschaften, echte Streiks und der Zusammenschluss über Standort- und Unternehmensgrenzen hinweg notwendig. Dies muss über den Aufbau von Aktionskomitees in jedem Werk angegangen werden, die unabhängig von der Gewerkschaftsbürokratie handeln, Informationen austauschen und regionale sowie internationale Solidarität herstellen. Wer damit übereinstimmt, sollte das untenstehende Formular ausfüllen oder eine Nachricht über WhatsApp an die +491633378340 schreiben.
