Seit Tagen streiken Piloten und Flugbegleiter gegen den brutalen Sanierungskurs der Lufthansa. Am Mittwoch, 15. April, begann erneut ein Streik von über 19.000 Stewards und Stewardessen der Lufthansa und der LH-CityLine. Auch Piloten von Lufthansa, Lufthansa Cargo, CityLine und Eurowings schlossen sich an. Die Piloten setzen seit Donnerstag ihren Arbeitskampf noch bis in die Nacht zum Samstag fort. Die CityLine wurde vom Lufthansa-Konzern am Donnerstag in einem beispiellosen Akt der Konfrontation mit den Beschäftigten stillgelegt.
Die Konzernleitung will die Lufthansa unter Bedingungen von Krieg und Handelskrieg profitabel erhalten. Ihr Sparkurs namens „Turnaround“ beinhaltet die Abwicklung unprofitabler Airlines und die Neugründung von Billiglinien, die ihre Crews schlechter bezahlen. Auch die Konditionen der Piloten und Stewardessen der Kernmarke werden verschlechtert.
Gegen diesen Kurs hatten die CityLine-Flugbegleiter in der Urabstimmung mit fast 99 Prozent für einen Arbeitskampf gestimmt; kein einziger hatte mit „Nein“ votiert. Auch bei der Lufthansa selbst war das Streikvotum mit über 94 Prozent sehr hoch. Seit Freitagmorgen sind bereits tausende Lufthansa-Flüge von Frankfurt und München ausgefallen. Am Frankfurter Rhein-Main-Flughafen allein sind es in dieser Woche bis zu 3.000 Flüge. Auch Hamburg, Bremen, Hannover, Stuttgart, Köln, Düsseldorf und Berlin sind betroffen.
In einem lautstarken Protestmarsch marschierten am Mittwoch weit über tausend Streikende bis vor das Lufthansa Aviation Center (LAC) in Frankfurt, wo im neuen Hangar One die 100 Jahr-Feier des Kranichkonzerns über die Bühne ging. CEO Carsten Spohr trat dort mit hochrangigen Gästen auf: Bundeskanzler Friedrich Merz, Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder, dem hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein (alle drei CDU) und vielen weiteren Prominenten aus Politik und Wirtschaft.
Ein großes Polizeiaufgebot hielt die Streikenden auf Abstand. Diese hatten Dutzende kreativer Plakaten vorbereitet, um klarzumachen, was sie von der Jahrhundertfeier halten: „Hier gibt es nichts zu feiern“, oder: „100 Jahre Tradition, Null Wertschätzung“; „Look what you made us do“; „Ohne uns bleibt ihr am Boden!“ oder: „We are CityLine, loud and proud!“
Viele richteten ihre Plakate gegen den „Turnaround“ bei der Lufthansa. Sie schrieben: „Carsten: ‚Wir sind zu teuer‘ – Wo ist dein Turnaround?“; „Umbau, Abbau, Raubbau“; „25 Jahre bei CityLine und jetzt abserviert!“; „Profit über Personal – wir steigen aus!“; „Fair behandelt hebt besser ab!“; „Wer an UNS spart, gefährdet die Sicherheit der Passagiere“; „Umsätze im Höhenflug. Crews am Limit“; oder schlicht: „Die Sklaverei wurde abgeschafft!“
„So geht es einfach nicht mehr weiter“, sagte ein Flugkapitän dem WSWS-Team vor Ort. „Wir haben gerade den Sommerfahrplan erhalten, und der ist dermaßen vollgestopft – einfach nicht machbar. Viele halten den Stress nicht mehr aus. Die Wut ist sehr groß, und mich wundert, dass Friedrich Merz sich überhaupt getraut, hierher zu kommen.“
Markus, ein Lufthansa-Flugbegleiter, berichtete stolz: „Wir streiken jetzt alle zusammen, Lufthansa und CityLine, auch die Piloten. Wichtig ist, dass wir für den Erhalt unserer Arbeitsbedingungen streiken, nicht für mehr Geld. Wir alle, die wir hier stehen, lieben unsern Beruf, aber alles soll gekürzt werden. Wir wollen einfach nur weiterhin Menschen sicher durch die Welt fliegen, aber die Lufthansa will unsere Arbeitsbedingungen so zusammenkürzen, dass wir Passagiere nicht mehr sicher transportieren können.“
„Die Piloten und auch wir Flugbegleiter haben doch eine große Verantwortung“, fuhr er fort. „Wir haben lange Arbeitszeiten des Fliegens, viele durchflogenen Nächte, besonders für die Älteren: Je höher das Alter, je weniger die Ruhezeiten und die Erholung, desto schwieriger wird es, die Sicherheit aufrechtzuerhalten, desto größer wird der Druck.“
Markus sieht eine Verbindung zwischen der weltpolitischen Entwicklung mit dem Irankrieg und dem ihn antreibenden Kapitalismus einerseits und der harten Unnachgiebigkeit im Lufthansa-Konzern andrerseits. „Weltweit werden immer weniger Kompromisse geschlossen, es wird nur noch mit Machtpolitik regiert, und das wirkt sich bis in das Unternehmen aus.“ Für ihn ist klar: „Wir Arbeiter müssen uns alle solidarisieren, wir sind alle in einem Boot – auch gegen den Krieg.“
Carla, eine CityLine Purserin mit 30 Jahren Berufserfahrung, trug ein Plakat gegen den Kapitalismus. Sie erklärte, warum der angebotene neue Vertrag völlig inakzeptabel ist: „Die Kosten werden gedrückt; vielleicht zahlen sie uns noch die gleichen Gehälter, aber der Arbeitsaufwand ist viel größer. Weniger Freizeit, mehr Arbeitsstunden, das heißt: Der reine Stundenlohn ist deutlich geringer geworden.“
Carla sagte weiter: „Es will sich doch keiner verschlechtern. Viele hier haben lange Jahre bei CityLine gearbeitet. Die Linie gibt es doch schon über 35 Jahre lang. Die CityLine hatte immer die kleinen Flüge, oft sind wir nur zu zweit geflogen. Früher gab es sogar die kleinen Fünfzigsitzer, die durfte man auch allein machen. Das war sehr familiär und persönlich. Aber das Fluggerät ist veraltet, und neue Maschinen kriegen wir nur noch über die neue City Airline, aber dann mit neuen Tarifen. Das heißt: wir fangen wieder bei Null an.“
Sie streike auch für die Jungen, sagt Carla, für all diejenigen, die nicht in die Altersteilzeit (ATZ) abgehen könnten oder noch jahrelang arbeiten müssten. „Wir haben hier besonders viele, die noch fünf oder zehn Jahre arbeiten müssen. Sie müssten doch jetzt bei Lufthansa oder Eurowings weiterarbeiten können, es ist ja im Grunde alles ein Konzern. Aber es gibt überhaupt keine Jobgarantie bei CityLine. Da wird auf unsre Kosten immer mehr gedrückt.“
800 Arbeitsplätze sollen bei der Abwicklung von CityLine wegfallen. Auch in der Verwaltung will der Konzern bis zu 4.000 Stellen abbauen. Auf die Forderungen der Crews reagiert der Vorstand mit kompromissloser Härte. Mit seiner Hausgewerkschaft Verdi im Rücken hält er eisern am Sparkurs auf Kosten der Beschäftigten fest.
Verdi hatte am Freitag – mitten während des ersten Streiktages der Flugbegleiter von Lufthansa und CityLine – mit dem Lufthansavorstand einen Tarifabschluss für die neue Billiglinie City Airline abgeschlossen, der drei Jahre (!) Friedenspflicht und Streikverzicht beinhaltet. Lufthansa stützt sich mehr und mehr auf Verdi, die am Flughafen als gelbe Gewerkschaft agiert.
Der Vorstand versucht, die kleineren Spartengewerkschaften UFO und Cockpit zu verdrängen. LH-Personalvorstand Michael Niggemann nannte UFO am 13. April „verantwortungslos“ und behauptete, ihr sei „das Schicksal unserer Fluggäste und die Zukunft der Lufhansa völlig gleichgültig“. Niggemann forderte die Beschäftigten auf, Rücksicht auf die „geopolitischen Herausforderungen wie extreme Kerosinpreise und große Unsicherheit“ zu nehmen – anders ausgedrückt: sich hinter die Kriegs- und Handelskriegspolitik von Regierung und Konzern zu stellen.
Beim Festakt ging Spohr nur kurz auf die Streikenden ein, die bis vor das Gebäude demonstrierten. Von ihnen sagte er, sie würden sich „mit dem neu eingeschlagenen Weg offenbar noch schwertun“. Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley schimpfte über die „Destruktivität der Gewerkschaften“ und forderte vom Bundeskanzler eine Neuregelung des Streikrechts, ehe dies sich „zu einem noch größeren Wettbewerbsnachteil auswächst“. Mit anderen Worten, in einer eskalierenden Kriegssituation fordern die Kapitalisten nichts weniger als ein Streikverbot.
Die Spartengewerkschaften UFO und Cockpit haben dem wenig entgegenzusetzen. Von der ungebrochenen Streikbereitschaft der Beschäftigten erschreckt, signalisieren sie ständig Kompromissbereitschaft und bauen dem Vorstand goldene Brücken. Sie sehen nur den Weg, als Ventil für die Wut ihrer Mitglieder die Streiks fortzusetzen und gleichzeitig immer dringlicher an den Lufthansa-Vorstand zu appellieren.
„Die Lage ist unverändert“, schrieb die Vereinigung Cockpit (VC) am Mittwoch. „Weder liegt bei Lufthansa oder Lufthansa Cargo ein Angebot zur betrieblichen Altersversorgung vor, noch gibt es bei Lufthansa CityLine ein tragfähiges Angebot für einen neuen Vergütungstarifvertrag oder bei Eurowings zur betrieblichen Altersversorgung.“ VC habe dem Vorstand eine Schlichtung angeboten, die jedoch umgehend zurückgewiesen wurde. Lufthansa ging sogar noch weiter und stellte als Forderung auf, dass nicht nur über offene Tarifkonflikte, sondern auch über bereits abgeschlossene, gültige Tarifverträge mit teilweise langer Laufzeit neu verhandelt werden müsse.
Ratlos zeigte sich auch der UFO-Verhandlungsführer Harry Jäger: „So heftig zu verschärfen, so sehr immer ‚Nein! Nein!' zu sagen, (…) Dazu fehlt mir die Fantasie. Ich weiß tatsächlich auch nicht, wie es weitergeht.“
Eins wird immer klarer: Um ihre Arbeitsplätze, Bedingungen und Ruhegelder zu verteidigen und die Sicherheit des Flugverkehrs aufrechtzuerhalten, müssen die Crews einen politischen Kampf aufnehmen. Die Angriffe auf das Flugpersonal stehen in einer Linie mit politischen Angriffen auf die Gesundheit und die Renten der Arbeiterklasse, mit den Massenentlassungen in der Industrie und der Wiedereinführung der Wehrpflicht für die Jungen.
Flugbegleiter und Piloten müssen nicht nur mit Verdi, sondern auch mit UFO und Cockpit brechen und sich in unabhängigen Aktionskomitees organisieren. Sie müssen ihren Kampf auf sozialistischer und internationaler Grundlage führen und sich mit den Beschäftigten anderer Fluglinien, Branchen und Länder zusammenschließen. Dafür kämpfen das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) und die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC).
