Nürnberg: Woher kommt die faschistische Barbarei?

James Vanderbilts neuer Film Nürnberg, der seit dem 7. Mai in den deutschen Kinos läuft, dreht sich um die Nürnberger Prozesse, den Internationalen Militärgerichtshof gegen 22 Nazi-Führer, der nach dem Zweiten Weltkrieg zum bekanntesten solchen Prozess gegen hochrangige Nationalsozialisten wurde.

Die Nazi-Funktionäre wurden wegen ihrer Verantwortung für den Angriffskrieg und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht gestellt, vor allem wegen des Völkermords an sechs Millionen europäischen Juden. Die Nürnberger Prozesse begannen vor etwas mehr als 80 Jahren, am 20. November 1945, und dauerten bis zum 1. Oktober 1946. Neunzehn der Angeklagten wurden für schuldig befunden, von denen zwölf zum Tode, drei zu lebenslanger Haft und vier zu geringeren Strafen verurteilt wurden.

Nürnberg

Der neue Film basiert weitgehend auf Jack El-Hais Buch „The Nazi and the Psychiatrist“ aus dem Jahr 2013, einem Sachbuch, das die Untersuchungen des US-Armeearztes Douglas Kelley zum psychischen Zustand und zur Verhandlungsfähigkeit der Angeklagten nachzeichnet, insbesondere von Hermann Göring, der Nummer zwei im NS-Regime nach Adolf Hitler.

Ein Film, der versucht, die Nürnberger Prozesse darzustellen, ist in der heutigen Zeit, da Völkermord und faschistische Diktatur erneut die Menschheit bedrohen, sicherlich willkommen. Nürnberg ist als Darstellung eines wesentlichen Teils der Geschichte des 20. Jahrhunderts jedoch ziemlich unausgewogen. Zwar weist der Film gravierende Schwächen auf, doch müssen wir auch mehrere bedeutende Stärken anerkennen.

Zu den wichtigsten zählen die Szenen des eigentlichen Prozesses, einschließlich seiner letzten Tage. Dabei wechseln sich inszenierte Gerichtsszenen effektiv und zügig mit 80 Jahre altem Schwarz-Weiß-Filmmaterial ab. Diese Sequenzen beinhalteten die Vorführung von Bildern aus den kurz zuvor befreiten Konzentrationslagern.

Während Namen wie Bergen-Belsen, Buchenwald und andere über den Bildschirm flimmern, sehen wir die riesigen Leichenberge sowie einige wenige Überlebende, die dem Tod nahe sind. Das Kinopublikum ist fassungslos, so wie es die Zuschauer während des ursprünglichen Prozesses waren. Die Menschheit hatte so etwas noch nie gesehen. Die ganze Grausamkeit der Nazi-Barbarei begann 1946 ins Massenbewusstsein zu sickern. Die Nürnberger Prozesse trugen entscheidend dazu bei, die Welt über die Verbrechen des deutschen Imperialismus aufzuklären.

Es ist jedoch eine Sache, diese Geschichte anschaulich darzustellen, und eine ganz andere, sie zu verstehen. Das Hauptproblem von Nürnberg besteht darin, dass der Film die treibende Kraft des Nazi-Holocausts vor allem in der Psychologie der einzelnen Führer sucht und nicht in den akuten sozialen Widersprüchen, die Europa und insbesondere Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg erschütterten.

Folglich kann Nürnberg nicht erklären, warum die Nazi-Führer zu solch monströsen Verbrechen fähig waren. Regisseur Vanderbilt (aus der prominenten Vanderbilt-Familie) sagt in einem Interview bezüglich der Haupthandlung des Films lediglich soviel: „Der ranghöchste noch lebende Nazi fiel Kelley in den Schoß. Das war eine Gelegenheit, das Wesen des Bösen zu sezieren.“

Der Internationale Militärgerichtshof war zugleich eine wichtige juristische Neuerung – der erste systematische Versuch, einzelne politische und militärische Führer für das Verbrechen rechtlich zur Verantwortung zu ziehen, dass sie einen Angriffskrieg geplant und ausgeführt hatten. Gleichzeitig war es ein zutiefst kompromittiertes, parteiisches Instrument der siegreichen imperialistischen Mächte, vor allem der Vereinigten Staaten.

Der Gerichtshof brach mit der bisherigen Rechtspraxis, indem er erstmals zuließ, dass diejenigen, die der Planung und Führung eines Angriffskrieges für schuldig befunden wurden, vor einem Gericht bestraft wurden. Wie Robert H. Jackson (Michael Shannon), Richter am Obersten Gerichtshof der USA und Chefankläger in Nürnberg, in seinem Eröffnungsplädoyer erklärt: „Wir dürfen niemals vergessen, dass nach dem gleichen Maß, mit dem wir die Angeklagten heute messen, auch wir morgen von der Geschichte gemessen werden.“

Die Prozesse waren jedoch untrennbar mit der von den siegreichen Alliierten gestalteten Nachkriegsordnung verbunden. Die politischen und strategischen Ziele dieser Mächte, insbesondere der USA, bestimmten, welche Verbrechen (und Verbrecher) strafrechtlich verfolgt wurden und welche nicht. Wie die WSWS vor einigen Jahren erklärte, schwiegen die Prozesse

nicht nur über die eigentliche Ursache des Krieges, die historische Krise des Kapitalismus, sondern auch über die vielen Kriegsverbrechen, die vom US-amerikanischen und britischen Imperialismus begangen wurden. Insbesondere der Abwurf von Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki wurde nie verurteilt, noch wurde das Thema überhaupt angesprochen.

Nürnberg diente mehreren unmittelbaren politischen Zwecken: der Legitimierung der Nachkriegsordnung und der Schaffung von Bedingungen für die Rehabilitierung des deutschen Imperialismus, einschließlich der Rehabilitierung ehemaliger Nazis, als Teil dessen, was fast unmittelbar darauf zum Kalten Krieg gegen die Sowjetunion und zum imperialistischen Vorstoß gegen die Bedrohung durch die sozialistische Revolution werden sollte.

Rami Malek und Russel Crowe in Nürnberg

Vanderbilts Film konzentriert sich auf die Interaktion zwischen Göring und Kelley. Wie im Film dargestellt, ist Douglas Kelley (Rami Malek) gerade in Nürnberg angekommen (der Stadt, die die Alliierten in Schutt und Asche gebombt haben), nachdem er kurz zuvor bei einem anderen Einsatz amerikanische Soldaten behandelt hatte, die an dem litten, was man heute als PTBS bezeichnen würde. Kelley trifft auf Sergeant Howie Triest (Leon Woodall), der ihn wiederum Colonel Burton Andrus (John Slattery), dem Kommandanten einer Haftanstalt, vorstellt. Andrus teilt Kelley mit, dass er für die Beurteilung der psychischen Verhandlungsfähigkeit einer Reihe führender Nazis zuständig sein werde, wobei Triest als sein Übersetzer fungieren soll.

Der Film beginnt tatsächlich damit, dass Göring (Russell Crowe) sich den amerikanischen Truppen ergibt. Als korpulente Gestalt in einer makellosen weißen Uniform, den Feldmarschallstab in der Hand und begleitet von einem Chauffeur und mehreren Gepäckstücken, hebt sich der Nazi-Führer deutlich von einer Reihe zerlumpter Flüchtlinge ab und steht in krassem Kontrast zu ihnen.

Göring war der ranghöchste Nazi, der in die Hände der Alliierten fiel, nachdem Hitler, Goebbels und Himmler Selbstmord begangen hatten. Seit dem gescheiterten Münchner Bierkellerputsch von 1923 eng mit Hitler und dessen inneren Kreis verbunden, gründete Göring nach der Machtergreifung der Nazis 1933 die Gestapo [die Nazi-Geheimpolizei]. Er gilt heute als verantwortlich für den Reichstagsbrand, den die Nazis nutzten, um die Opposition auszuschalten und eine brutale Ein-Parteien-Diktatur zu errichten, die direkt nach Auschwitz führen sollte.

Crowes Darstellung als Göring sowie die von Malek und Shannon sind überzeugend. Crowe zeigt Göring als klug, bis zu einem gewissen Grad sogar charmant, bestrebt, sich nicht selbst zu belasten, aber auch das Nazi-Regime als notwendig verteidigend, um die deutsche Nation nach der vernichtenden Niederlage im Ersten Weltkrieg und im Versailler Vertrag wieder aufzurichten.

Michael Shannon als Robert H. Jackson in Nürnberg

Zu den weiteren führenden Nazis im Film gehört Rudolf Hess (Andreas Pietschmann), der ehemalige Stellvertreter des Führers, der 1941 ohne Hitlers Erlaubnis nach England flog, um ein Friedensabkommen und ein Bündnis gegen die UdSSR anzustreben. Hess gibt vor, unter Amnesie zu leiden, hebt jedoch sofort den Arm zum Nazi-Gruß, sobald er Göring erblickt.

Außerdem ist Julius Streicher (Dieter Riesle) zu sehen, der berüchtigte Herausgeber von Der Stürmer, einem antisemitischen Schmierblatt, das so widerwärtig war, dass viele führende Nazis sich weigerten, es zu lesen. In einem Gespräch zwischen Göring und Kelley beschreibt Göring Streicher, den Besitzer der wohl größten Pornosammlung der Welt, als einen schmutzigen alten Mann, als den Typus, der Menschen in öffentlichen Parks belästigt – eine Zeile, die fast wörtlich aus Rebecca Wests Bericht über die Nürnberger Prozesse stammt, der in ihrem Buch A Train of Powder (1955) enthalten ist.

Obwohl Kelley nicht so dargestellt wird, als würde er politische oder moralische Sympathie für Göring entwickeln, willigt er ein, Briefe zwischen dem Nazi und seiner Frau sowie seiner kleinen Tochter zu übermitteln. An dieser Stelle wird die Geschichte etwas ausgeschmückt. Diese Szenen, obwohl auf Tatsachen beruhend, sind etwas sentimental inszeniert, mit Umarmungen und Sympathie rundum.

Soll damit der Nazi-Führer vermenschlicht werden, um zu zeigen, dass er ein normales Familienleben hatte? Oder wird Kelley von Göring umgarnt? Dies sind einige der „psychologisierenden“ Momente im Film, die uns nicht wirklich weiterhelfen, die Nazi-Führer zu verstehen und zu begreifen, warum sie taten, was sie taten.

Noch fiktionaler ist die Handlung, in der Kelley Informationen an einen Journalisten weitergibt und daraufhin vom Prozess ausgeschlossen wird – allerdings erst, nachdem er der Anklage umfangreiche Notizen übergeben hat. In Wirklichkeit wurde der echte Kelley nach seiner Befragung von Göring und anderen befördert. Das Ziel dieser Filmszene ist wahrscheinlich, die Geschichte „dramatischer“ und damit kommerziell rentabel zu machen, doch die Änderungen tragen auch dazu bei, die Aufmerksamkeit auf die persönlichen und psychologischen Faktoren zu lenken und eine tiefere Auseinandersetzung mit der Nazi-Herrschaft zu vermeiden.

Am Ende nutzen Jackson und sein britischer Mitankläger Kelleys Notizen, um Göring dazu zu bringen, zuzugeben, dass er Hitler treu geblieben wäre, selbst wenn er von den Gräueltaten gewusst hätte – eine Erkenntnis, die er stets geleugnet hatte. Göring und die anderen werden verurteilt, wobei Göring der Schlinge des Henkers entgeht, indem er eine Zyankali-Kapsel schluckt.

Russell Crowe in Nürnberg

Viel zu viel Aufmerksamkeit wird Spekulationen über den Einfluss geschenkt, den Göring auf Kelley gehabt haben könnte. Die letzte Einstellung des Films informiert uns darüber, dass Kelley, der unter Alkoholismus litt, sich 1958 ebenfalls mit einer Zyankali-Kapsel das Leben nahm.

Zu seiner Ehre muss man sagen, dass Kelley offenbar erkannte, dass die Nazis nicht einfach besondere Produkte der deutschen Kultur oder die Schöpfungen eines abstrakten „Bösen“ waren. Auf einer Lesereise 1947 für 22 Cells at Nuremberg, dem Bericht, den er über seine Zeit beim Prozess verfasst hatte, erklärte Kelley: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sogar in Amerika Menschen gibt, die bereitwillig über die Leichen der Hälfte der amerikanischen Bevölkerung klettern würden, wenn sie dadurch die Kontrolle über die andere Hälfte erlangen könnten, und diese Menschen (…) nutzen die Rechte der Demokratie auf antidemokratische Weise.“

Gegen Ende des Films gibt es zudem eine kurze Szene, in der Kelley aus einem Radiosender entfernt wird, weil er beschuldigt wird, Amerika „zu beschmutzen“, nachdem er den Zuhörern live im Radio erklärt hatte, dass die Vereinigten Staaten nicht immun gegen den Aufstieg des Faschismus seien.

Dies, zusammen mit den Szenen des Prozesses selbst, findet heute tiefen Widerhall. Es fällt dem Zuschauer schwer, diese Worte zu hören und die Aufnahmen aus den Konzentrationslagern zu sehen, ohne an die Szenen aus Gaza der letzten zwei Jahre zu denken, und Crowe in der Rolle des Betrügers Göring zu sehen, ohne an den faschistischen Betrüger im Weißen Haus zu denken.

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