Weltweit finden derzeit Massenentlassungen statt. Unternehmen zerstören Arbeitsplätze, drücken Löhne und erklären Millionen Arbeiter für überflüssig, weil sie sie durch Künstliche Intelligenz (KI) ersetzen.
Am 7. Mai kündigte das IT-Unternehmen Cloudflare an, 20 Prozent seiner Belegschaft zu entlassen. Der Konzernchef Matthew Prince teilte den 1.100 betroffenen Beschäftigten per E-Mail mit, dass ihre Stellen im „Zeitalter autonomer KI-Systeme“ keine Zukunft hätten.
Die Internet-Sicherheitsdienste und das Content-Delivery-Network des Unternehmens spielen eine zentrale Rolle in der Architektur des Internets und versorgen mehr als ein Fünftel aller Websites. Laut Konzernangaben wird Cloudflare von 35 Prozent der 500 umsatzstärksten amerikanischen Unternehmen genutzt, die jährlich vom Fortune Magazine gelistet werden. Es gebe zudem zahlreiche Verträge mit dem US-Verteidigungsministerium und Geheimdiensten. Im Februar wurde bekannt, dass Cloudflare einer der Auftragnehmer des 151 Milliarden Dollar teuren SHIELD-Programms der US-Raketenabwehr ist, das zu Trumps geplanten „Golden Dome“-System gehört.
Die Entlassungen wurden am selben Tag angekündigt, an dem der Konzern seinen höchsten Quartalsumsatz aller Zeiten meldete – 639,8 Millionen Dollar, ein Anstieg von 34 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Als ein Finanzanalyst fragte, warum nach einem Rekordquartal derart drastische Einschnitte notwendig seien, antwortete Prince: „Nur weil man fit ist, heißt das nicht, dass man nicht noch fitter werden kann.“
Es ist der jüngste Stellenabbau in einer Welle von Massenentlassungen, die die Weltwirtschaft erfasst hat. KI ist zum mächtigsten neuen Instrument der herrschenden Klasse geworden, um Arbeitsplätze zu vernichten und Lohnkosten zu senken.
Das ist ein globaler Krieg gegen die Arbeiterklasse, auf den mit einer weltweit koordinierten Kampagne zur Verteidigung der Arbeitsplätze reagiert werden muss. Das zentrale Ziel muss sein, der Oligarchie die Kontrolle über die neuen Technologien zu entreißen. Die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees ermutigt und organisiert größtmöglichen Widerstand gegen das Jobmassaker, das immer mehr beschleunigt wird.
Laut der Outplacement-Firma Challenger, Gray & Christmas, die entlassene Arbeiter bei der Jobsuche berät, haben amerikanische Arbeitgeber in den ersten vier Monaten des Jahres 2026 mehr als 300.000 Stellenstreichungen angekündigt. Der Technologiesektor lag mit 85.411 Stellen vorne und baut mehr als doppelt so viele Arbeitsplätze ab wie der zweitplatzierte Transportsektor (33.479). KI wird jetzt schon zwei Monate in Folge als Hauptgrund für Entlassungen genannt.
Nach den neuesten Zahlen der US-Statistikbehörde Bureau of Labor Statistics verzeichnet der IT-Sektor seit 16 Monaten in Folge Arbeitsplatzverluste und hat 342.000 Stellen oder 11 Prozent gegenüber seinem Höchststand im November 2022 abgebaut.
Die Tech-Unternehmen, die Stellen abbauen, sind insgesamt nicht nur profitabel, sondern spielen auch eine zentrale Rolle im KI-Boom. Facebooks Mutterkonzern Meta baut 8.000 Arbeitsplätze ab und streicht 6.000 offene Stellen. Außerdem plant Meta, in diesem Jahr 145 Milliarden Dollar an Kapitalinvestitionen zu tätigen, die überwiegend in die KI-Infrastruktur fließen sollen. Microsoft startete das erste freiwillige Abfindungsprogramm in seiner 51-jährigen Geschichte, das bis zu 8.750 Arbeiter betrifft. Oracle kürzt bis zu 30.000 Stellen. Wie Beschäftigte dem Time Magazine berichteten, sind darunter auch jene Mitarbeiter, die in den letzten Monaten die KI-Systeme trainiert haben, die sie jetzt überflüssig machen.
Die Aktienmärkte belohnen die Ankündigungen von Massenentlassungen, insbesondere wenn sie mit dem Einsatz von KI verbunden sind, und treiben damit die „Ära der Mega-Entlassungen“ voran, um eine Formulierung des Wall Street Journal zu verwenden.
Während die Tech-Branche ihren Profitboom mit Massenentlassungen verbindet, nutzt die herrschende Klasse auch Insolvenzen als bewährtes Mittel, um Arbeitsplätze über Nacht zu vernichten. Das war der Fall bei der amerikanischen Fluggesellschaft Spirit Airlines, die letzte Woche über Nacht zusammenbrach und 17.000 Arbeiter arbeitslos machte. Der unmittelbare Auslöser war die Verdopplung der Treibstoffpreise aufgrund des Irankriegs. Das Weiße Haus weigerte sich, Spirit zu retten, weil die Insolvenz die nächste Runde von Fusionen und Konsolidierungen in der Luftfahrtbranche beschleunigt.
Auch in anderen Branchen, in denen KI ein weniger unmittelbarer Faktor ist, finden Massenentlassungen statt. In der Logistik hat UPS automatisierte Mega-Hubs geschaffen und auf diesem Weg den Abbau von 68.000 Stellen umgesetzt bzw. vorbereitet. Kürzlich kündigte das Unternehmen an, später im Jahr weitere 26 Standorte zu schließen. Auch die Autoindustrie ist betroffen: VW will bis 2030 insgesamt 50.000 Arbeitsplätze vernichten, Renault streicht 15 bis 20 Prozent seiner Ingenieurstellen und US-Autohersteller entlassen Tausende.
Dennoch spielt KI eine absolut zentrale Rolle in den Massenentlassungsplänen der herrschenden Klasse. Bei Block, dem Finanztechnologieunternehmen, dem Cash App und Square gehören, kürzt CEO Jack Dorsey 40 Prozent der gesamten Belegschaft und erklärt: „Ich glaube, dass die Mehrheit der Unternehmen im Laufe des nächsten Jahres zu demselben Schluss kommen wird.“
Dario Amodei, Chef des KI-Unternehmens Anthropic, geht davon aus, dass KI innerhalb eines Jahres im Wesentlichen den gesamten Softwarecode schreiben wird. Sundar Pichai, Chef des Google-Konzerns Alphabet, hat erklärt, dass drei Viertel des neuen Codes bei Google bereits von KI geschrieben werden. Der Investor Vinod Khosla prognostiziert, dass bis 2030 „80 Prozent aller Jobs von einer KI erledigt werden können“.
KI an sich ist nicht das Problem. Sie ist eine außergewöhnliche Technologie, die in der Lage ist, mühsame Arbeit zu übernehmen und die Produktivität enorm zu steigern. Der Einsatz von KI kann den Arbeitstag auf ein Minimum reduzieren und die Möglichkeiten des Lernens enorm erhöhen.
Die entscheidende Frage ist, wer diese Technologie kontrolliert. Sie muss von den Fesseln des Privateigentums befreit werden. Die Entwicklung und das Training von KI-Systemen sind im wahrsten Sinne des Wortes gesellschaftliche Arbeit, und ihre Vorteile müssen allen zugutekommen.
KI-Systeme sind das Ergebnis der akkumulierten Arbeit, des Wissens und der schöpferischen Leistung von Millionen Arbeitern – der Codes, die die Softwareentwickler geschrieben haben, der Gespräche, die Kundendienstmitarbeiter führten, und der Analysen, die Forscher und Datenwissenschaftler erstellten.
Zudem untergräbt künstliche Intelligenz die Grundlagen des kapitalistischen Systems selbst. Wenn Khosla vorhersagt, dass der Arbeitsaufwand innerhalb weniger Jahre um 80 Prozent reduziert werden könnte, oder wenn Führungskräfte der Tech-Branche davon sprechen, dass KI zu „Überfluss“ führe, beschreiben sie – ohne es selbst zu begreifen – einen Zustand, in dem der Kapitalismus hoffnungslos überholt ist.
In der Realität kann das Potenzial dieser Technologie im Kapitalismus niemals vollständig verwirklicht werden, da dieser gezwungen ist, sie zu beschränken, zu instrumentalisieren und als Waffe einzusetzen, um sich selbst zu erhalten. Statt zu Überfluss führt sie zu Massenarbeitslosigkeit. Statt die Menschen von anstrengender Arbeit zu befreien, verschärft sie diese für diejenigen, die übrig bleiben. Statt dass die KI-Systeme der Entwicklung der Menschheit dienen, wird eine ganze Generation als überflüssig eingestuft, obwohl sie diese Systeme mit ihrem eigenen Wissen geschaffen hat.
Unterdessen wird die Frage, wer die neue Technologie kontrolliert und Zugang zu den Ressourcen und Lieferketten hat, die zu ihrer Entwicklung benötigt werden, immer mehr zu einem wichtigen Faktor in der imperialistischen Kriegsstrategie – heute gegen den Iran und Russland, morgen gegen China.
Diese Offensive der herrschenden Klasse kann nur bekämpft werden, wenn die Arbeiterklasse das unangefochtene „Recht“ auf kapitalistisches Eigentum selbst angreift. Teile der Pseudolinken, die in Reaktion auf die technologische Entwicklung fordern, KI solle reguliert, gänzlich gestoppt oder den gemeinsamen Gremien der Gewerkschaften und Vorstände unterworfen werden, lenken vom zentralen Problem ab: der Frage, welche Klasse die KI kontrolliert. In vielen Fällen lenken sie den Widerstand in einen reaktionären Angriff auf den technologischen Fortschritt selbst.
Die alten Gewerkschaftsapparate sind unfähig, diesen Kampf zu führen – selbst wenn sie es wollten, was sie nicht tun –, weil sie aufgrund ihrer Unterstützung für Kapitalismus und Nationalismus aufs Engste mit dem Management verflochten sind.
Sie haben auf die Massenentlassungen fast alle mit schuldbewusstem Schweigen reagiert. Die US-Autogewerkschaft United Auto Workers hat zu den Tausenden Entlassungen in den letzten zweieinhalb Jahren nichts gesagt. Letzte Woche hat sie eine Streikabstimmung im Montagewerk Sterling Heights in letzter Sekunde abgesagt. In Australien hat der nationale Gewerkschaftsverband eine formelle Vereinbarung mit Microsoft unterzeichnet. Diese sieht vor, dass Gewerkschaftsfunktionäre von Microsoft darin geschult werden, wie sie KI-bedingte Umstrukturierungen der Belegschaft schmackhaft machen können. Auch sollen sie sich gemeinsam mit Microsoft dafür stark machen, dass der Einsatz von KI am Arbeitsplatz nicht durch Vorschriften eingeschränkt wird
Um eine weltweite Massenbewegung aufzubauen, braucht die Arbeiterklasse neue Organisationen: Aktionskomitees, die unabhängig vom bestehenden Gewerkschaftsapparat aufgebaut werden. Sie können Kampfmaßnahmen vorbereiten und koordinieren, ohne sich die Erlaubnis der Gewerkschaftsbürokratie einzuholen, die völlig andere Interessen verfolgt. Die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees setzt sich für den Aufbau solcher Aktionskomitees auf der ganzen Welt und in allen Branchen ein.
Die zentralen Forderungen einer solchen Bewegung müssen lauten:
Keine einzige Entlassung wegen künstlicher Intelligenz! Wenn KI die Produktivität tatsächlich steigert, dann stehen die Gewinne den Arbeitern zu, die sie erwirtschaftet haben. Die Wochenarbeitszeit muss entsprechend verkürzt werden – ohne Lohnabzug.
Arbeiterkontrolle bei der Einführung neuer Technologien. Die Arbeiter müssen umfassend informiert sein, ein echtes Vetorecht haben und tatsächlich kontrollieren können, wie Produktivitätsgewinne verteilt werden.
Gut bezahlte und erfüllende Arbeitsplätze für alle Arbeiter, die bereits entlassen wurden, einschließlich der Spirit-Beschäftigten und der Hunderttausenden Tech-Arbeiter.
Enteignung der großen Technologiekonzerne, Banken und Finanzinstitutionen und deren Umwandlung in öffentliches Eigentum unter der demokratischen Kontrolle der Arbeiterklasse, einschließlich der KI-Technologien.
Der Kampf gegen Entlassungen und „KI-Restrukturierungen“ kann nicht in einzelnen Werken oder Ländern allein geführt werden. Die Konzerne agieren global, verlagern ihre Produktion über Grenzen hinweg und verbreiten Nationalismus, um Arbeiter gegeneinander auszuspielen. Die notwendige Antwort ist die internationale Einheit der Arbeiterklasse – die Verbindung der Arbeiter in der Tech-Branche, der Logistik, der Industrie, dem Bildungswesen und allen anderen Branchen in einem gemeinsamen Kampf.
Was die Arbeiterklasse von einer Zukunft trennt, in der Technologie der menschlichen Entwicklung dient statt Existenzen zu zerstören, ist kein technisches Problem, sondern ein gesellschaftliches und politisches: das Privateigentum an den Produktionsmitteln. Das ist es, was überwunden werden muss.
