Beschleunigter Arbeitsplatzabbau in der deutschen Auto- und Zulieferindustrie

Der Angriff auf die Arbeitsplätze in der deutschen Auto- und Zulieferindustrie beschleunigt sich. Er geht Hand in Hand mit dem sozialen Kahlschlag, den die Bundesregierung beim Bürgergeld, der Krankenversorgung und den Renten eingeleitet hat, und mit der Verschwendung gewaltiger Summen für Aufrüstung und Krieg. Wird diese Entwicklung nicht gestoppt, droht eine Katastrophe.

Protestierende VW-Arbeiter am 9. Dezember 2025 in Wolfsburg [AP Photo/Martin Meissner]

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) hat seine Prognose über den Arbeitsplatzabbau in den kommenden zehn Jahren um 35.000 erhöht. Nachdem in der Branche seit 2019 bereits 100.000 Arbeitsplätze zerstört worden sind, rechnete der Verband mit der Vernichtung weiterer 90.000 Arbeitsplätze bis 2035. Diese Zahl hat er nun auf 125.000 erhöht. Als Grund nannte VDA-Präsidentin Hildegard Müller eine „gravierende und anhaltende Standortkrise“.

Die Zahl dürfte aber eher zu niedrig gegriffen sein, da allein der VW-Konzern den Abbau von 50.000 Arbeitsplätzen mit Betriebsrat und IG Metall vereinbart hat. Gleichzeitig explodiert die Zahl der Insolvenzen und Betriebsstillegungen in der Zulieferindustrie. Die nationalen Medien berichten kaum darüber – um keine betriebsübergreifende Solidarisierung und Kampfbereitschaft aufkommen zu lassen. Man muss die regionalen Zeitungen durchsuchen, um entsprechende Meldungen zu finden.

Doch hier ist die Bilanz verheerend. Allein seit Beginn dieses Monats – also in den letzten zwei Wochen – ist der Abbau tausender Arbeitsplätze angekündigt oder bestätigt worden. Viele liegen in kleineren Städten, wo es kaum Ersatzarbeitsplätze gibt. Hier eine (keineswegs vollständige) Liste:

  • Der Autozulieferer Mahle schließt sein Werk in Neustadt a. d. Donau (Bayern) endgültig. Rund 350 Arbeitsplätze sind betroffen. Die Produktion wird schrittweise heruntergefahren und im ersten Halbjahr 2027 eingestellt.
  • Der Autozulieferer Preh baut an seinem Hauptsitz in Bad Neustadt an der Saale (Bayern) weitere 280 Stellen ab, nachdem im vergangenen Jahr bereits 420 vernichtet wurden. Das 1919 gegründete Unternehmen gehört seit 2011 zur Joyson-Gruppe mit Sitz in China und beschäftigt weltweit 6000 Menschen.
  • Der insolvente Autozulieferer Boryszew Kunststofftechnik schließt seine Werke in Gardelegen (Sachsen-Anhalt) mit 330 und Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz) mit 100 Arbeitsplätzen zum Jahresende, nachdem trotz einjähriger Suche kein neuer Investor gefunden wurde.
  • TE Connectivity beendet bis Dezember 2028 schrittweise die Produktion am Standort Speyer (Rheinland-Pfalz), rund 630 Beschäftigte sind betroffen. Der irische Konzern, der Konnektivitäts- und Sensorlösungen für die Übertragung von Strom, Signalen und Daten in der Automobil- und anderen Branchen entwickelt, beschäftigt weltweit 90.000 Menschen.
  • Drei Wochen vorher hatte bereits der Filter-Hersteller Mann+Hummel die Schließung des Werks in Speyer mit 600 Beschäftigten bekannt gegeben.
  • Der Automobilzulieferer Moldtecs, der 2022 aus Mann+Hummel ausgegliedert wurde, hat Insolvenz angemeldet. In Sonneberg (Thüringen) sind 330 Arbeitsplätze betroffen. Ein weiterer Betrieb befindet sich in Bad Harzburg (Niedersachsen).
  • Der Sportwagenhersteller Porsche führt seine Tochtergesellschaften Cellforce Group in Kirchentellinsfurt (Baden-Württemberg), Porsche eBike Performance in Ottobrunn (Bayern) sowie Cetitec in Pforzheim (Baden-Württemberg) nicht weiter. Insgesamt sind mehr als 500 Arbeitsplätze betroffen. Die Gesellschaften waren gegründet worden, um leistungsstarke Antriebsbatterien für Autos und Fahrräder sowie Software für den VW-Konzern zu entwickeln.
  • Der Automobilzulieferer Bayrak Technik in Rehburg-Loccum (Niedersachen) hat zum vierten Mal innerhalb von fünf Jahren Insolvenz angemeldet. Knapp dreihundert Beschäftigte bangen um ihre Jobs.
  • Der Automobilzulieferer IAV zieht sich aus Berlin zurück und baut in Deutschland insgesamt 1400 Stellen ab. Von den 1250 Arbeitsplätzen in Berlin sollen nur wenige verbleiben, das Firmengelände wird verkauft. Der Entwickler von Software sowie Elektronik- und Fahrzeugarchitekturen beschäftigt weltweit 6600 Menschen an 25 Standorten.
  • Die Continental-Tochter ContiTech, die Kautschuk- und Kunststoffprodukte für die Autoindustrie herstellt, hat sich mit der Gewerkschaft IG BCE auf den Abbau von 1600 der insgesamt 7700 Arbeitsplätze in Deutschland geeinigt. Der Abbau ist Teil früherer Pläne, weltweit 3000 von 20.000 Stellen zu streichen.
  • Der Volkswagen-Konzern erwägt – wie die WSWS berichtet hat – vier Werke in Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm mit insgesamt 40.000 Arbeitsplätzen zu schließen. Entsprechende Überlegungen stellte der Vorstand Ende April dem Aufsichtsrat vor.

Dies ist, wie erwähnt, nur ein Teil des Arbeitsplatzabbaus, der seit Anfang Juni bekannt wurde. Er beschränkt sich auch nicht auf die Auto- und Zulieferindustrie, auch Chemie, Pharma, Stahl, Bau und andere Branchen sind betroffen.

So will der Industrieanlagenbauer Festo mit Sitz in Esslingen in Deutschland rund 1300 von 8200 Stellen streichen. Der traditionsreiche Augsburger Bandstahl-Hersteller Eberle mit 250 Beschäftigten hat Insolvenz angemeldet. Das Mainzer Biopharmaunternehmen BioNTech stellt die Corona-Impfstoffproduktion in Deutschland ein, schließt fast alle deutschen Produktionsstandorte und streicht 1860 Stellen.

Die Gründe, die für die Zerstörung von Arbeitsplätzen genannt werden, sind immer dieselben: Hohe Lohnkosten, hohe Steuern und Abgaben, teure Energie, zu viele Vorschriften und Bürokratie, Trumps Strafzölle und Chinas Konkurrenz, die Umstellung auf Elektroautos und die Nutzung Künstlicher Intelligenz.

Die Gewerkschaften stimmen dem zu und unterstützen eine Kürzungsrunde nach der anderen. Sie verteidigen die Löhne, Arbeitsbedingungen und Arbeitsplätze nicht, sondern planen und organisieren sie und ersticken jeden Widerstand dagegen. Sie begründen das damit, dass nur so die Wettbewerbsfähigkeit erhalten und der Standort verteidigt werden könne.

Doch das ist offensichtlicher Unsinn. Die Standortpolitik rettet keine Arbeitsplätze, sondern zerstört sie. Sie spielt die Kolleginnen und Kollegen eines Werks gegen die aller anderen aus. Sie spaltet sie nach Standorten und Ländern, anstatt sie zu vereinen. Sie ermöglicht es den Konzernen so erst, den Kahlschlag durchzuführen.

Die Standortpolitik entspricht der sozialen Stellung der Gewerkschaftsbürokraten und Betriebsratsfürsten, die oft mehrmals so viel wie ein einfacher Arbeiter verdienen und den Managern und Aktionären viel näher stehen als jenen, die sie angeblich vertreten. Sie schwören auf Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft, doch Arbeitsplätze, Einkommen und soziale Rechte können nur mit den Methoden des Klassenkampfs verteidigt werden. Das beweist die gesamte Geschichte der Arbeiterbewegung und gilt insbesondere für Krisenzeiten wie jetzt.

Die Arbeitsplätze werden nicht vernichtet, weil Deutschland gegenüber anderen Ländern nicht wettbewerbsfähig ist, sondern weil das kapitalistische Profitsystem und das Privateigentum, auf dem es beruht, nicht mehr mit den Lebensbedürfnissen der überwiegenden Mehrheit der Menschheit vereinbar sind.

Autoarbeiter in Italien, Frankreich, Osteuropa, den Vereinigten Staaten und zahlreichen anderen Ländern sind denselben Angriffen ausgesetzt wie ihre Kolleginnen und Kollegen in Deutschland, oft sogar von denselben Konzernen. Die Autoarbeiter in Indien und China, wo der Absatz noch wächst, werden brutal ausgebeutet. Jedes Zugeständnis, dass die Gewerkschaften in einem Land machen, ermutigt die Konzerne, ihre Angriffe weltweit zu verschärfen.

Fortschritte wie die internationale Arbeitsteilung, der Einsatz von Robotern in der Produktion oder Künstliche Intelligenz, die die Arbeit und das gesellschaftliche Leben enorm erleichtern könnten, werden benutzt, um den Reichtum der Konzerne, Banken und milliardenschweren Oligarchen zu steigern, während Arbeiter ihren Job verlieren und Bildung, Gesundheitsversorgung und Sozialsysteme zerschlagen werden.

Billionen werden abgezweigt, um aufzurüsten, Kriege zu führen und neue vorzubereiten. Wie vor hundert Jahren wird der Kampf um Rohstoffe, Absatzmärkte und Weltherrschaft wieder militärisch geführt. US-Präsident Trump hat ohne Scham erklärt, dass der Überfall auf Venezuela und der Krieg gegen den Iran dazu dienen, sich ihres Öls zu bemächtigen. Bundeskanzler Merz hat zugegeben, dass Israels Regierungschef Netanjahu mit dem Völkermord an den Palästinensern die „Drecksarbeit für uns alle“ macht. Die Bundeswehr wird zur größten Streitmacht Europas aufgerüstet, um zum dritten Mal Krieg gegen Russland zu führen.

Die Arbeitsplätze können nur mit einer Perspektive verteidigt werden, die diesem mörderischen Gesellschaftssystem den Kampf ansagt. Wir schlagen die Gründung von Aktionskomitees vor, in denen die Mitglieder das Sagen haben und in denen es keinen Platz für Gewerkschaftsbürokraten gibt. Sie müssen vom Grundsatz ausgehen, dass die Rechte der Arbeiter Vorrang vor den Profitinteressen haben, und jeden Arbeitsplatz verteidigen. Sie müssen Verbindungen zu Aktionskomitees in anderen Werken und anderen Ländern aufbauen und die Spaltung der Arbeiterklasse überwinden. Die Vierte Internationale (IKVI) hat zu diesem Zweck die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) ins Leben gerufen.

Der Kampf zur Verteidigung der Arbeitsplätze muss mit dem Kampf gegen Militarismus und Krieg und ihre Ursache, den Kapitalismus, verbunden werden. Wenn sich die Gesellschaft etwas nicht mehr leisten kann, dann ist es nicht – wie Bundeskanzler Merz sagt – der Sozialstaat, sondern die milliardenschweren Oligarchen, deren Vermögen jede Vorstellungskraft übersteigen. Sie müssen enteignet werden.

Loading