Der Imperialismus, die Ebola-Epidemie und die politische Ökonomie des gesellschaftlichen Mords

Wenn ein einzelner Mensch einem anderen körperlichen Schaden tut, und zwar solchen Schaden, der dem Beschädigten den Tod zuzieht, so nennen wir das Totschlag; wenn der Täter im Voraus wusste, dass der Schaden tödlich sein würde, so nennen wir seine Tat einen Mord. Wenn aber die Gesellschaft Hunderte von Proletariern in eine solche Lage versetzt, dass sie notwendig einem vorzeitigen, unnatürlichen Tode verfallen … wenn sie nur zu gut weiß, dass diese Tausende solchen Bedingungen zum Opfer fallen müssen, und doch diese Bedingungen bestehen lässt – so ist das ebensogut Mord wie die Tat des einzelnen, nur versteckter, heimtückischer Mord … Aber es bleibt Mord.

– Friedrich Engels, „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ (1845)

Sanitäter tragen einen Ebola-Patienten zu einem Behandlungszentrum in Rwampara, Kongo, 21. Mai 2026 [AP Photo/Moses Sawasawa]

Die Ebola-Epidemie, die die Demokratische Republik Kongo und Uganda erfasst hat, wird gemeinhin als Naturkatastrophe dargestellt. Damit wird die Wahrheit verschleiert und der Resignation Vorschub geleistet. Denn in Wirklichkeit ist diese Epidemie kein Schicksalsschlag, sondern das Ergebnis von Entscheidungen, Strukturen und Interessen, für die bestimmte Leute verantwortlich sind.

Das Auftreten eines Erregers aus der Tierwelt ist ein natürliches Ereignis. Doch die moderne Wissenschaft hat das Verhältnis der Menschheit zu solchen Ereignissen von Grund auf verändert. Es ist möglich, einen Ausbruch bereits in den ersten Tagen zu erkennen, seine Ausbreitung nachzuverfolgen und Infizierte zu behandeln. Ob das Überspringen eines zoonotischen Erregers lokal begrenzt bleibt oder sich zur großflächigen Katastrophe auswächst, ist keine Frage der Natur, sondern der Gesellschaft.

Die Bedingungen, unter denen solche Infektionen stattfinden, sind selbst Produkte der gesellschaftlichen Entwicklung – das Vordringen der Rohstoffausbeutung in entlegene Ökosysteme, die beschleunigte Entwaldung, die Konzentration vertriebener Bevölkerungsgruppen in ungeplanten Siedlungen und vor allem die Folgen des Klimawandels. Eine 2022 in der Zeitschrift Nature veröffentlichte Studie prognostiziert, dass klima- und landnutzungsbedingte Verschiebungen der Verbreitungsgebiete von Tieren in den kommenden Jahrzehnten zu Tausenden neuer Möglichkeiten für Virusübertragungen zwischen verschiedenen Arten führen werden, vor allem in Asien und Afrika.

Dieselben technologischen Fortschritte, die die Welt gefährlicher gemacht haben, geben der Menschheit zugleich die Mittel, diese Gefahren zu beherrschen. Doch dem steht eine anarchische Gesellschaftsordnung entgegen, die unfähig ist, diese Mittel sinnvoll zu nutzen. Die global verflochtene Wirtschaft, die über enorme produktive Kapazitäten verfügt, ist in rivalisierende Nationalstaaten zersplittert und den Profitinteressen einer Finanzoligarchie unterworfen, die weder planmäßig noch im Interesse der Allgemeinheit handeln kann.

In diesem präzisen Sinn bedeutet die Ebola-Epidemie Mord durch gesellschaftliche Verhältnisse. Das heutige Massensterben in Zentralafrika ist das Ergebnis von Verbrechen durch sowohl aktives Handeln als auch Unterlassen – begangen von einer herrschenden Klasse, die über alle Möglichkeiten verfügte, den Ausbruch zu verhindern, sich aber stattdessen entschied, die Schutzmechanismen zu zerschlagen, mit denen er hätte verhindert werden können.

Mit über 650 Verdachtsfällen, mehr als 150 mutmaßlichen Todesopfern und einem Virus, das bereits die Städte Bunia, Goma und Kampala erreicht hat, wird die Zahl der Toten in den kommenden Monaten voraussichtlich in die Tausende, möglicherweise Zehntausende gehen. Gegen den derzeit zirkulierenden Bundibugyo-Stamm gibt es keinen zugelassenen Impfstoff und keine spezifische Behandlung. Bei den beiden früheren Ausbrüchen starben 30 bis 50 Prozent der Infizierten. Laut Angaben der Vertreter der Weltgesundheitsorganisation (WHO) dürfte ein Impfstoff frühestens in sechs bis neun Monaten verfügbar sein.

Das Virus ist in einer Region ausgebrochen, in der bereits eine der gravierendsten humanitären Krisen der Welt wütet. Der Osten Kongos wurde durch mehr als 30 Jahre Krieg verwüstet. Mehr als 6 Millionen Menschen starben, die große Mehrheit an Krankheit und Hunger. Mehr als 7 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes vertrieben, viele von ihnen in überfüllten Lagern ohne sauberes Wasser oder sanitäre Versorgung; rund 27 Millionen leiden unter akuter Nahrungsmittelunsicherheit. Cholera, Masern und Affenpocken zirkulieren dauerhaft. Das sind die Bedingungen, unter denen sich ein hämorrhagisches Fieber, wie es die Ebola-Erkrankung darstellt, verstärkt und ausbreitet. Jean Kaseya, Generaldirektor der afrikanischen Gesundheitsbehörde mit Sitz in Addis Abeba, erklärte, er sei im „Panikmodus“, angesichts des Fehlens von Medikamenten, Impfstoffen und Schutzausrüstung, und fügte hinzu: „Wir haben keine Produktion für persönliche Schutzausrüstung.“

Geographische Ausbreitung der Ebola-Infektionen im Osten Kongos und in Uganda. Die höchste Konzentration findet sich in der Provinz Ituri, die grenzübergreifenden Infektionen haben bereits Kampala erreicht, die Hauptstadt Ugandas. [Photo by Sources: Natural Earth, geoBoundaries. Map by WSWS. / CC BY 4.0]

Die Trump-Regierung in den USA reagierte mit einer Mischung aus Nationalismus und Wissenschaftsfeindlichkeit. Sie griff auf eine selten genutzte gesetzliche Regelung zurück, um Nicht-Staatsbürgern, die sich kürzlich in der DRK, Uganda oder Südsudan aufgehalten hatten, die Einreise in die USA zu verwehren, und ordnete an, dass alle in die USA fliegenden Maschinen mit entsprechenden Passagieren auf einen einzigen Flughafen umgeleitet werden. Am Mittwoch zwang der US-Zoll- und Grenzschutz (CBP) einen Air-France-Flug von Paris nach Detroit, nach Montreal auszuweichen, weil sich „irrtümlich“ ein einzelner kongolesischer Passagier an Bord befand, symptomlos und ohne jede Gefährdung. Da Ebola ohne Symptome nicht übertragbar ist, handelte es sich bei dieser Umleitung nicht um eine Maßnahme des Gesundheitsschutzes, sondern um eine fremdenfeindliche Show. Washingtons einziger Beitrag zur Bekämpfung der Epidemie an ihrem Ursprung ist ein Versprechen über rund 13 Millionen US‑Dollar – ein Tropfen auf den heißen Stein verglichen mit dem, was tatsächlich nötig wäre.

Von grundsätzlicherer Bedeutung ist, dass die Trump-Regierung in den vergangenen 15 Monaten eine Politik der verbrannten Erde betrieben hat. Sie setzte die Axt an genau die Programme, die den Ausbruch an der Quelle hätten stoppen können. Seit Januar 2025 hat sie das 100‑Millionen‑Dollar‑Programm STOP Spillover eingestellt, das in der jetzt betroffenen Region zur Erkennung hämorrhagischer Fieber aufgebaut worden war. Sie hat die U.S. Agency for International Development (USAID) zerschlagen, die PEPFAR‑Netzwerke (President’s Emergency Plan for AIDS Relief) aufgelöst, die das Rückgrat der afrikanischen Seuchenüberwachung bildeten, den Austritt aus der WHO vollzogen und deren Finanzierung gestrichen sowie einen Maulkorberlass verhängt, der die US-amerikanischen Gesundheitsbehörden, die für die Bekämpfung von Epidemien zuständig sind, von ihren internationalen Partnern abkoppelt.

Jede dieser Maßnahmen hatte direkt tödliche Folgen vor Ort. Labore wurden geschlossen, die Kontaktnachverfolgung brach zusammen, ausgebildetes Personal wurde auseinandergerissen. Die Folge war, dass das Virus rund sechs Wochen lang unentdeckt in Ituri zirkulierte. Dies ist gesellschaftlicher Mord in exakt dem Sinn, von dem Engels sprach – Tod nicht durch die Tat eines einzelnen, sondern durch das Verhalten einer herrschenden Klasse, die bewusst Verhältnisse aufrechterhält, die das Sterben unvermeidlich machen.

Die Verbrechen der Trump-Regierung sind nur das jüngste Kapitel in mehr als einem Jahrhundert imperialistischer Unterdrückung und Plünderung. Unter dem belgischen König Leopold II. starben bis zu 10 Millionen Kongolesen unter einem Regime aus Zwangsarbeit und Terror. Diese Verhältnisse begünstigten Seuchenausbrüche, darunter den HIV‑Stamm, den genetische Studien um 1920 in Kinshasa verorten. 1961 half die CIA, die Ermordung Patrice Lumumbas zu organisieren und den von den USA gestützten Diktator Mobutu Sese Seko an die Macht zu bringen, unter dem die Gesundheitsinfrastruktur des Landes in Trümmer geschlagen wurde.

Unter der Herrschaft von König Leopold II. wurden Kinder verstümmelt, wenn sie nicht genügend Kautschuk ernteten.

Die Kriege, die seit 1996 im Osten der Demokratischen Republik Kongo wüten und heute von der ruandisch gestützten M23‑Miliz vorangetrieben werden, sind Kämpfe um das Coltan und Gold in den Provinzen Kivus und Ituri – genau jener Region, in der Ebola jetzt wütet. Diese Mineralien, zusammen mit Kobalt im Süden, gelangen über die Lieferketten globaler Großkonzerne in die Smartphones, Laptops und Elektrofahrzeuge der hochentwickelten Volkswirtschaften und füllen die Kassen von Bergbaugiganten wie Glencore und der von ihnen belieferten Technologiekonzerne. Das „Washingtoner Abkommen“ der Trump-Regierung, das im vergangenen Jahr geschlossen wurde, war ein Versuch, sich privilegierten US‑Zugang zu diesem Rohstoffreichtum zu sichern – ausgehandelt von denselben herrschenden Kreisen, die jetzt bereit sind, die Arbeiter der Region sterben zu lassen.

Darüber hinaus ist die jetzige Katastrophe die Fortsetzung der Covid‑19‑Pandemie mit anderen Mitteln. Schon vor dieser Pandemie war in weiten Teilen der Bourgeoisie ein Neo‑Malthusianismus wiederaufgelebt. Dabei werden die Armen zu einer überflüssigen Last erklärt, die den Planeten überfordere – eine Doktrin, die Massensterben als düstere Notwendigkeit betrachtet. Während der Covid‑19‑Pandemie, die weltweit mehr als 30 Millionen Menschen tötete und über 400 Millionen mit Long Covid zurückließ, wuchs sich diese Haltung zu einer offen faschistischen, eugenische Normalisierung des Massensterbens aus, die sich nun in der Reaktion auf Ebola wiederfindet.

Die zentrale Lehre, die die Finanzoligarchie aus Corona zog, war nicht, wie die nächste Pandemie verhindert werden kann, sondern wie sichergestellt wird, dass nichts – weder Quarantänen, noch der Einsatz von Ressourcen, noch Produktionsunterbrechungen – den ungehinderten Fluss der Profite stört.

Kein Teil der herrschenden Kreise weist einen Ausweg. Die gesamte bürgerliche Medienlandschaft arbeitet daran, diese Krise als entferntes, lokales Ereignis darzustellen, losgelöst von der globalen Vernetzung der Menschheit und von den Entscheidungen, die in Washington und anderen imperialistischen Hauptstädten getroffen wurden.

Die WHO, finanziell den imperialistischen Mächten verpflichtet, bringt es nicht einmal fertig, die Regierung beim Namen zu nennen, deren Kürzungen die globale Epidemiebekämpfung gelähmt haben. In seiner Grundsatzrede vor der Weltgesundheitsversammlung sprach WHO‑Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus in der Passivform von „Hilfskürzungen“ und von einer Welt, in der „alle im selben Boot“ sitzen, als gäbe es keine Klassengegensätze und keinen Imperialismus. Welche Absichten ihre Funktionäre auch haben mögen: Eine Institution, die die Quelle der Katastrophe nicht benennen kann, wird sie auch nicht stoppen.

Die Maßnahmen, die nötig sind, um diese Epidemie zu stoppen und die nächste Pandemie zu verhindern, sind weder rätselhaft noch außerhalb der Reichweite der Menschheit. Sie erfordern die sofortige Mobilisierung der weltweiten Ressourcen zur Umsetzung eines Notfallprogramms im öffentlichen Gesundheitswesen:

  • Wiederherstellung und massive Ausweitung der globalen Seuchenüberwachung, beginnend mit den Programmen, die die Trump-Regierung zerstört hat.
  • Einsatz von medizinischem Personal, Laboren und Schutzausrüstung in der betroffenen Region, unter der Führung derjenigen, die die praktische Arbeit leisten.
  • Schnelle Entwicklung sicherer und kostenloser Impfstoffe und Therapien, die allen Menschen in der betroffenen Region gleich zugutekommen. Die Antikörpertherapie MBP134, die sich als wirksam gegen das Bundibugyo‑Virus erwiesen hat und vollständig im Besitz der US‑Regierung ist, muss freigegeben und an kongolesischen und ugandischen Patientinnen und Patienten erprobt werden – statt, wie derzeit, exklusiv für „Hochrisiko‑Amerikaner“ gehortet zu werden.
  • Enteignung des immensen Reichtums, den die Bergbaukonzerne und Technologiekonzerne, die vom Kongo profitieren, angehäuft haben, und seine Verwendung zum Aufbau einer modernen Gesundheitsinfrastruktur in der gesamten Region.

Es gibt keine Lösung innerhalb des Rahmens von Kapitalismus und Nationalstaatensystem. Keine dieser Maßnahmen wird von den imperialistischen Regierungen, den Konzernen oder den ihnen untergeordneten Institutionen wie der WHO umgesetzt werden.

Diese Maßnahmen können nur von der internationalen Arbeiterklasse erkämpft werden, wenn sie sich unabhängig von allen kapitalistischen Parteien und Gewerkschaftsbürokratien in Kampforganen zusammenschließt – in Basisorganisationen, die Arbeiterinnen und Arbeiter über alle Grenzen hinweg unter dem Banner der International Workers Alliance of Rank‑and‑File Committees (IWA‑RFC) verbinden.

Die Verteidigung der Weltgesellschaft gegen Pandemien und Infektionskrankheiten erfordert die rationale, internationale Organisation von Produktion und wissenschaftlicher Forschung nach menschlichen Bedürfnissen, nicht nach privatem Profit. Dies ist nur durch die internationale Vereinigung der Arbeiterklasse im Kampf für den Weltsozialismus möglich. Der Kampf gegen Ebola ist – wie der Kampf gegen jede Krankheit der Armut und des Krieges – untrennbar mit diesem revolutionären Programm verbunden.

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