Mittlerweile liegt die Zahl der bestätigten und mutmaßlichen Erkrankungen an der Bundibugyo-Variante des Ebola-Virus bei über 1.000, und mindestens 231 Menschen sind daran gestorben. Darüber hat am Montag die niederländische Nachrichtenagentur BNO News berichtet.
Das Zentrum der Epidemie liegt im Osten der Demokratischen Republik Kongo (DRK), allerdings hat sie sich auf Uganda ausgebreitet. Mit 1.005 Erkrankungen und 230 Todesfällen ist die DRK am stärksten betroffen. Infektionscluster konzentrieren sich in Ituri, dem Norden und Süden von Kivu, und nun sind auch in wichtigen Zentren wie Bunia und Goma bestätigte Fälle aufgetreten. Uganda meldete fünf bestätigte Fälle und einen Todesfall, darunter auch die ersten lokal übertragenen Erkrankungen, die am 23. Mai bestätigt wurden.
Am Montagabend meldeten die italienischen Gesundheitsbehörden zwei Verdachtsfälle in der Lombardei. Es handelt sich dabei um Mitglieder zweier Familien, die vor kurzem aus Uganda zurückgekehrt waren. Ein Patient, ein 31-jähriger Einwohner von Bulgarograsso, wies Fieber um 38 Grad und Magen-Darm-Symptome auf. Fünf weitere Familienmitglieder stehen unter ärztlicher Beobachtung. Unabhängig davon, ob diese Fälle bestätigt werden, verdeutlicht das Auftreten von Verdachtsfällen in Westeuropa – ebenso wie die Evakuierung eines infizierten amerikanischen Arztes nach Deutschland einige Tage zuvor – die immensen Gefahren, die von der Ausbreitung dieser Krankheit ausgehen, deren Letalitätsrate bei etwa 25 bis 50 Prozent liegt.
Seit die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Ausbruch am 16. Mai zur gesundheitlichen Notlage internationaler Tragweite (PHEIC) erklärte hatte, hat sich die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle mehr als verdoppelt. Binnen weniger Tage gab WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus bekannt, dass die Organisation ihre Risikobewertung nach oben korrigiert habe – auf „sehr hoch“ auf nationaler Ebene für die Demokratische Republik Kongo und auf „hoch“ auf regionaler Ebene in Afrika. Das globale Risiko wurde weiterhin als „gering“ eingestuft. Dass die Zahlen fast zeitgleich mit der Hochstufung die 1.000er-Marke überschritten, bestätigt, was unabhängige Modellrechnungen seither belegt haben: Der Ausbruch war bereits weit stärker verbreitet, als es die offizielle Überwachung erfasst hatte.
Eine Analyse von Ruth McCabe und Kollegen am Imperial College aus diesem Jahr kam zu dem Schluss, dass die tatsächlichen Infektionszahlen in den ersten Wochen die offiziellen Zählungen um das Doppelte oder mehr übertrafen. Die eskalierende Wortwahl kommt einem stillschweigenden Eingeständnis gleich, dass es sich nicht bloß um einen viralen Notstand handelt, sondern um eine humanitäre Katastrophe, angetrieben durch Krieg, Massenvertreibung, Hunger und dem Zusammenbruch der Institutionen – die kein schneller technokratischer Mechanismus eindämmen kann.
Nirgendwo ist die Kluft zwischen der offiziellen Einschätzung und der Realität vor Ort größer als bei den vorläufigen Empfehlungen des IHR-Notfallausschusses an die Vertragsstaaten. Sie wirken wie eine Checkliste für ein vollständig funktionierendes und gut finanziertes Gesundheitssystem, und nicht für ein Kriegsgebiet.
Das Komitee rät den Staaten, die Früherkennung, Untersuchung und labortechnische Bestätigung von Verdachtsfällen zu stärken sowie eine 21-tägige Nachbeobachtungszeit für Kontaktpersonen sicherzustellen. Es rät zur Stärkung der Infektionsprävention und -kontrolle in Gesundheitseinrichtungen, sichere und würdevolle Begräbnisse unter Teilnahme der Gemeinden durchzuführen und die Risikokommunikation zu intensivieren, um Falschinformationen entgegenzuwirken. Von Grenzschließungen und Reise- oder Handelsverboten wird abgeraten, da diese wirkungslos und wirtschaftlich schädlich seien.
Diese Verordnungen widersprechen der Realität vor Ort. Laut einem Bericht von Associated Press setzten Jugendliche am 21. Mai in der Stadt Rwampara ein Ebola-Behandlungszentrum in Brand, nachdem sie von Polizisten und Gesundheitsbeamten daran gehindert wurden, den Leichnam eines Freundes abzuholen, der an dem Virus gestorben war, um ihn für eine traditionelle Bestattung nach Hause zu bringen. Die Polizei trieb die Menge mit Warnschüssen auseinander, die Einrichtung brannte ab, und die Helfer flohen in Fahrzeugen.
Der Vorfall in Rwampara war kein Einzelfall. Am 23. Mai setzten Einwohner in Mongbwalu eine zweite Behandlungseinrichtung in Brand, die von den Ärzten ohne Grenzen betrieben wurde, woraufhin 18 mutmaßliche Ebola-Patienten in die umliegende Bevölkerung flohen. Aus einem Konferenzraum in Genf heraus sichere und würdevolle Begräbnisse zu empfehlen, bedeutet wenig, wenn diese Maßnahmen von der staatlichen Polizei gegen eine verarmte, traumatisierte Bevölkerung durchgesetzt werden, die seit Jahrzehnten Gewalt und systemischer Vernachlässigung ausgesetzt ist.
Diese Kluft ist das Thema einer aktuellen Analyse von Annie Sparrow von der Icahn School of Medicine am Mount Sinai and Daniel Lucey von der Geisel School of Medicine des Dartmouth College, die in Foreign Policy unter dem Titel „Die nächste Pandemie wird aus einer Konfliktzone kommen“ veröffentlicht wurde. Ihr zentrales Argument ist, dass die nächste katastrophale Pandemie am wahrscheinlichsten nicht aus einem Labor oder einem isolierten Übergreifen in einer funktionierenden Gesellschaft entstehen wird, sondern genau aus jener Art von kriegszerrüttetem, vernachlässigtem Umfeld, aus dem Bundibugyo hervorgeht. Sie warnen, ein begrenzter technokratischer Vorsorgeansatz sei unter solchen Bedingungen außerordentlich gefährlich – Bedingungen, unter denen die Besetzung des Ostkongo durch Milizen die staatliche Autorität zerstört hat, während Kürzungen der ausländischen Entwicklungshilfe die lokalen Partner dezimiert und das Vertrauen der Bevölkerung zerstört haben.
Der Bundibugyo-Ausbruch passt in dieses Schema. Bewaffnete Gruppen wie M23 halten einen Großteil des Ostens der DRK besetzt, sodass humanitäre Hilfe von Verhandlungen mit de facto paramilitärischen Kräften abhängig wird. Klinikpersonal und medizinische Fachkräfte, die ungewöhnliche Krankheitscluster zu melden versuchen, riskieren Schikanen, Verhaftungen oder Schlimmeres, da die bewaffneten Gruppen Informationen über Ausbrüche als Militärgeheimnis betrachten. Gemeinden, in denen bereits chronische Unsicherheit, Unterernährung, Malaria, Cholera und sexuelle Gewalt herrschen, betrachten die von der Polizei durchgesetzte Kontaktverfolgung, Isolation und Begräbnisse häufig als fremd und als Gewaltmaßnahme – oder als Vorwand für weitere staatliche Übergriffe.
Das Ausmaß des Zusammenbruchs wurde im Juni 2025 in einem Bericht des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) dokumentiert, in dem gewarnt wurde, das Gesundheitssystem im Norden und Süden von Kivu stehe kurz vor dem Kollaps. Das IKRK verzeichnete auf der Grundlage einer Einschätzung von 109 Gesundheitszentren einen 50-prozentigen Rückgang der Arztbesuche bei Kindern unter fünf Jahren und eine Vervierfachung der Fehlgeburten. Zudem wurden drei von fünf der untersuchten Einrichtungen geplündert. François Moreillon, der Leiter der IKRK-Delegation in der DRK, erklärte, mit derart begrenztem Zugang zu Behandlungen und Medikamenten sei das Risiko für die Einwohner im Norden und Süden von Kivu, an Wunden oder einfachem Durchfall zu sterben, „so hoch wie noch nie“.
Diese Verwüstung wurde durch die Etatkürzungen, welche die USA durchgesetzt haben, noch verschlimmert. Eine im Jahr 2025 in The Lancet veröffentlichte Studie simulierte die Folgen der Einstellung der von der US-Behörde für internationale Entwicklung (USAID) betriebenen Programme. Sie prognostizierte, dass diese Mittelkürzungen bis zum Jahr 2030 weltweit mehr als 14 Millionen zusätzliche Todesfälle verursachen könnten – darunter über 4,5 Millionen bei Kindern unter fünf Jahren.
Ebola ist nur das sichtbarste Anzeichen für die daraus resultierende Krise. Cholera, Masern, Affenpocken, Polio und multiresistente Infektionen breiten sich in den überfüllten Flüchtlingslagern ungehindert aus, während das Impfwesen und die medizinische Grundversorgung zusammenbrechen. Wenn man sich auf Bundibugyo-spezifische Impfstoffe oder bessere genomische Überwachung konzentriert, dabei aber Austerität und Krieg ausklammert, behandelt man nur das Symptom, ignoriert aber die Krankheit
Die Bevölkerung der DRK ist bemerkenswert jung. Fast 46 Prozent der etwa 115 Millionen Einwohner sind jünger als 15 Jahre. Diese große Bevölkerungsgruppe junger Menschen ist mit einer Gesellschaft konfrontiert, die vom Krieg verwüstet wurde und in der es so gut wie keine formellen Arbeitsverhältnisse gibt.
Die soziale Krise wird durch die Vertreibung verschärft, die ein erschütterndes Ausmaß erreicht hat: Schätzungsweise 7,8 Millionen Menschen sind Binnenflüchtlinge, eine der weltweit höchsten Zahlen. Alleine die Provinz Ituri beherbergt mehr als 920.000 Menschen, und die jüngsten Kämpfe um Goma haben weitere 700.000 Menschen vertrieben. Diese Bevölkerungsgruppen sind in provisorischen Lagern ohne Wasser, Sanitär- und Hygieneinfrastruktur untergebracht. In Teilen von Nord-Kivu überleben Menschen mit nur 6,3 Litern Wasser pro Tag, und auf 138 Menschen kommt eine Latrine – das sind ideale Bedingungen für die explosionsartige Ausbreitung von Ebola und Cholera.
Untrennbar mit der Vertreibung verbunden ist die eskalierende Hungerkrise. Etwa 25,6 Millionen Menschen im ganzen Land sind von Ernährungsunsicherheit auf Krisen- oder Notstandsniveau betroffen, darunter 6,2 Millionen in Ituri und dem Norden Kivus. Von chronischen Wachstumsstörungen sind 42 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren betroffen. Aktuelle Erhebungen im Süden von Kivu zeigen akute Mangelernährungsraten von 18 Prozent, die weit über den Notstandsschwellen liegen. Ein solcher Hungerzustand schwächt das Immunsystem und erhöht die Sterblichkeit durch Infektionen wie Ebola und Masern drastisch.
Die sozioökonomische Ausgangslage der Region offenbart die strukturelle Ungleichheit des Weltkapitalismus. Die Lebenserwartung liegt mit 62,5 Jahren deutlich unter dem afrikanischen Durchschnitt und Jahrzehnte unter derjenigen in den USA. Schätzungsweise 72,3 Prozent der Bevölkerung müssen mit weniger als 2,15 US-Dollar pro Tag auskommen. Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist erschütternd: 76 Todesfälle vor dem Erreichen des fünften Lebensjahrs pro tausend lebend geborener Kinder, und 846 von 100.000 Müttern sterben bei der Geburt.
Vor dem Hintergrund von Billionen von Dollar an Mineralienvorkommen, die multinationale Konzerne aus der Region herausholen, entlarven diese Zahlen die „niedrige“ Risikobewertung der WHO als kurzsichtig und falsch. Wiederkehrende Ebola-Ausbrüche und die Entstehung tödlicher Erreger werden Millionen Menschen in der Region und auf der ganzen Welt bedrohen, solange diese Bedingungen weiter bestehen. Der demografische und soziale Zusammenbruch in der östlichen DRK ist kein Naturphänomen, sondern das vorsätzliche Produkt von Imperialismus und kapitalistischer Ausbeutung, die Friedrich Engels als „sozialen Mord“ bezeichnete.
