Am Freitag wurden bei israelischen Angriffen im Südlibanon mindestens vier Menschen getötet. Im Distrikt Sidon ordnete das Militär die zwangsweise Räumung von neun weiteren Städten und Dörfern an.
Hunderte Familien flohen aus Aanqoun, einem Dorf, in dem bereits rund 2.500 Vertriebene aus früheren Angriffen untergekommen waren, nachdem das israelische Militär Angriffe auf angebliche Hisbollah-Stellungen ankündigt und die Bewohner zum Verlassen aufgefordert hatte. Die Straßen in Richtung Sidon waren verstopft mit Autos, weil Familien eine Zuflucht suchten.
Die Angriffe auf den Libanon sind eine Eskalation des Kriegs, den Israel zeitgleich mit dem US-amerikanisch-israelischen Krieg gegen den Iran führt. Seit dem 2. März wurden laut libanesischem Gesundheitsministerium mindestens 3.516 Menschen getötet und 10.674 verwundet. Die Vereinten Nationen zählten am Wochenende vom 30. und 31. Mai mindestens 88 Todesopfer. Zudem wurden am Dienstag bei israelischen Angriffen mindestens acht Menschen getötet, am Mittwoch neun und am Donnerstag vier. Darunter war auch ein Sanitäter – einer der mehr als 130 medizinischen Kräfte, die seit März im Libanon getötet wurden.
Am Donnerstag erklärte der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor Bürgermeistern aus Nordisrael, der Südlibanon werde dauerhaft besetzt. Israel brauche „Sicherheitszonen: Trennungs- und Sicherheitsbereiche auf der anderen Seite der Grenze. Dies ist eine grundlegende Veränderung.“
Während sich die US-Medien weiterhin auf die „Friedensverhandlungen“ zwischen Trump und dem Iran konzentrieren, machen die Ereignisse im Libanon, im Gazastreifen und im Westjordanland deutlich, dass jeder „Waffenstillstand“ lediglich als Deckmantel für eine Fortsetzung der Massenmorde dient.
Am Mittwoch gaben die USA bekannt, Israel und der Libanon hätten sich auf eine Erneuerung des Waffenstillstands geeinigt. Darin wird die Hisbollah verpflichtet, sämtliche Kampfhandlungen einzustellen und ihre Kämpfer aus dem südlichen Libanon abzuziehen, während von den israelischen Besatzungstruppen keinerlei Gegenleistungen gefordert werden. Nur wenige Stunden später erklärte der israelische Verteidigungsminister Israel Katz, das Militär werde sich nicht zurückziehen und Hunderttausenden vertriebenen Libanesen werde die Rückkehr in die Heimat nicht erlaubt. Weiter erklärte er, Israel behalte sich „die Handlungsfreiheit vor, Beirut anzugreifen, was von den USA unterstützt wird“. Hisbollah-Führer Naim Qassem lehnte dieses Abkommen ab und erklärte gegenüber dem Fernsehsender Al-Manar, der Abzug seiner Kämpfer aus dem Süden, während die Angriffe andauern, käme einer „Kapitulation, einer Niederlage und der Erfüllung der Ziele des Feindes“ gleich.
Bei Marjayoun wurde ein Mitglied der UN-Friedenstruppen durch Mörserbeschuss getötet, wofür sich Israel und die Hisbollah gegenseitig die Schuld zuweisen.
Israelische Truppen besetzten letzte Woche die Burg Beaufort, überschritten den Fluss Litani und weiteten die besetzten Gebiete im Südlibanon auf rund 2.000 Quadratkilometer aus – fast ein Fünftel des Landes. Das von US-Präsident Donald Trump mit Waffen versorgte und unterstützte israelische Militär hat den Süden des Landes in eine freie Schusszone verwandelt.
Laut der Abteilung der Vereinten Nationen für die Koordination humanitärer Angelegenheiten wurden mehr als eine Million Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, und 1,24 Millionen, fast ein Viertel der Bevölkerung, leiden unter Hunger.
In Bezug auf Gaza erklärte Netanjahu letzte Woche, Israel kontrolliere inzwischen 60 Prozent des Gebiets – zuvor 50 Prozent – und er habe das Militär angewiesen, noch mehr zu besetzen. „Zunächst einmal 70 [Prozent]“, worauf die Menge „100!“ skandierte.
Gemäß der Waffenruhe vom Oktober 2025, der auf Trumps 20-Punkte-Plan basiert, sollten sich die israelischen Truppen hinter die sogenannte gelbe Linie zurückziehen. Stattdessen haben sie diese weit überschritten.
Laut Gesundheitsministerium von Gaza wurden in den sieben Monaten seit Inkrafttreten der Waffenruhe 929 Palästinenser getötet und weitere 2.811 verwundet. Katz erklärte am 27. Mai, der Plan zur „freiwilligen Auswanderung“ – mit dem Ziel, Gaza von seiner Bevölkerung zu räumen – werde „zur richtigen Zeit und auf die richtige Weise“ vonstatten gehen.
Finanzminister Bezalel Smotrich forderte, das Militär müsse sich „sofort auf die vollständige Eroberung des Gazastreifens vorbereiten“ und dort jüdische Siedlungen errichten. Menschenrechtsorganisationen bezeichnen den Auswanderungsplan als Plan zur ethnischen Säuberung.
Im besetzten Westjordanland haben israelische Truppen am Freitag nahe Hebron ein sieben Monate altes palästinensisches Baby erschossen und seine Eltern verwundet.
Die Eskalationen im Libanon und in Palästina erfolgen vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden Krise wegen des US-israelischen Kriegs gegen den Iran. Die durch den Krieg angestrebten Ziele wurden nicht erreicht. Die USA und Israel hatten am 28. Februar einen Überraschungsangriff begonnen, bei dem ein Großteil der iranischen Führung getötet wurde, darunter der Oberste Führer Ali Chamenei, außerdem bis zu zehn weitere hochrangige Regierungsvertreter. Dies führte jedoch nicht zum Zusammenbruch des Regimes. Nur wenige Tage später wurde Chameneis Sohn Modschtaba als neuer Ajatollah eingesetzt, und ein Aufstand blieb aus.
Daraufhin versuchten die USA, den Iran durch eine Seeblockade der Straße von Hormus wirtschaftlich abzuschnüren, doch auch das brachte Teheran nicht dazu einzulenken. In mehr als drei Monaten wurden 13 US-Soldaten getötet und die Kämpfe ziehen sich hin, ohne dass ein Ende in Sicht wäre.
Die Unstimmigkeiten zwischen Trump und Netanjahu, über die bisweilen berichtet wird, stellen ein Zerwürfnis unter Dieben wegen dieses Versagens dar. Axios berichtete am 1. Juni, Trump habe Netanjahu am Telefon wegen der Eskalation im Libanon als „verrückt“ bezeichnet und hinzugefügt: „Wenn ich nicht wäre, dann wärst du im Gefängnis... alle hassen Israel deswegen.“ Trump bestätigte am 3. Juni, dass dieses Gespräch stattgefunden habe und erklärte, er sei „ein bisschen verstimmt“ gewesen, möge Netanjahu aber und habe ihm erklärt: „Wir müssen das beenden.“
Trotz der „Waffenstillstandsverhandlungen“ greifen die USA den Iran regelmäßig an. Letzte Woche attackierten US-Truppen Radarstellungen, nachdem sie vier iranische Drohnen über der Straße von Hormus abgeschossen hatten, die von den USA blockiert wird. Trump verlängerte den Waffenstillstand auf unbestimmte Zeit und erklärte, die Blockade werde fortgesetzt, bis die Verhandlungen „auf die eine oder andere Weise“ enden.
Die Demokraten teilen Trumps Kriegsziele. Am Donnerstag lehnte das Repräsentantenhaus eine War Powers Resolution für den Abzug der US-Truppen aus dem Libanon, eingebracht von den Demokratischen Abgeordneten Rashida Tlaib (Michigan) und Delia Ramirez (Illinois), mit 324 zu 92 Stimmen ab. 91 Demokraten stimmten dafür, 117 dagegen, von den Republikanern stimmte nur Thomas Massie dafür.
Die Fraktionsvorsitzenden der Demokraten im Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries, Katherine Clark und Pete Aguilar führten die Opposition dagegen an. In einer gemeinsamen Erklärung hieß es: „Wir stehen an der Seite des libanesischen Volks, der Regierung des Libanon und der libanesischen Streitkräfte in ihren Bestrebungen, in Frieden zu leben und die die Hisbollah zu besiegen – eine gewalttätige Terrororganisation, die ein erklärter Feind der Vereinigten Staaten ist.“
Diese Erklärung offenbart die wahren politischen Ziele der Demokratischen Partei. Trotz ihrer taktischen Kritik an der Trump-Regierung unterstützt sie deren grundlegendes Ziel, den Nahen Osten zu unterwerfen.
Der Libanon und der Gazastreifen zeigen bereits an, wie ein „Deal“ zwischen Trump und dem Iran aussehen würde – sofern eine solche Einigung überhaupt möglich ist. Katz wird den Südlibanon nicht verlassen, Netanjahu will den Rest des Gazastreifens einnehmen und die Vertriebenen aus beiden Gebieten nicht zurückkehren lassen. Ein Abkommen mit dieser Regierung bedeutet die sichere Fortsetzung des Gemetzels und der Plünderung.
