Am 26. Mai flog das israelische Militär mehr als 120 Luftangriffe auf den Libanon - die stärkste Eskalation an einem einzelnen Tag, seitdem Israel Anfang März seine Bombardierungen des Landes wieder aufgenommen hat. Laut dem libanesischen Gesundheitsministerium wurden bei den Angriffen im gesamten Süden sowie im Bekaa-Tal mindestens 31 Menschen getötet und 40 verwundet.
Die anhaltende Zerstörung des Libanon erfolgt im Rahmen des Irankriegs, den die USA und Israel am 28. Februar begonnen haben. Während sich die US-Medien auf die Bedingungen der Verhandlungen mit dem Iran konzentrieren, weitet Israel seine Massenmord- und Annexions-Kampagne im Libanon aus. Die Bombardierungen sind eine Ausweitung des Angriffs auf die gesamte Region, der im Oktober 2023 mit dem Völkermord in Gaza seinen Anfang nahm.
Bei einem nächtlichen Angriff auf Burj al-Shamali töteten israelische Streitkräfte 14 Menschen, darunter zwei Kinder und drei Frauen. In Mashghara im Bekaa-Tal wurden bei israelischen Angriffen elf Menschen getötet, darunter eine Frau und zwei Kinder. In Kawthariyat al-Ruz töteten sie fünf Menschen, in Habboush weitere vier, darunter jeweils zwei Kinder.
Laut dem libanesischen Gesundheitsministerium wurden seit Wiederaufnahme der israelischen Bombardements auf das Land am 2. März insgesamt 3.213 Menschen getötet und 9.737 verwundet. Die Weltgesundheitsorganisation verzeichnete 608 Tote im Libanon seit Inkrafttreten des Waffenstillstands am 16. April.
Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu erklärte am Dienstag vor seinem Sicherheitskabinett: „Die IDF operieren mit starken Bodenstreitkräften und besetzen dominantes Gelände. Wir befestigen den Sicherheitsstreifen, um die nördlichen Gemeinden zu schützen.“
Am Montag veröffentlichte Netanjahu ein Video, in dem er erklärte: „Wir befinden uns im Krieg mit der Hisbollah. Wir nehmen den Fuß nicht vom Gaspedal. Im Gegenteil, ich habe sie [die IDF] angewiesen, noch fester aufs Pedal zu treten.“
Am Dienstag sind israelische Bodentruppen über die sogenannte Gelbe Linie hinaus vorgerückt – eine Pufferzone, die Israel im Süden des libanesischen Staatsgebiets deklariert hat. Ein Sprecher des israelischen Militärs erklärte gegenüber Reuters, das Militär operiere „gezielt jenseits der vorderen Verteidigungslinie im Libanon (…) im Einklang mit den Anweisungen der politischen Führungsebene“.
Die Hisbollah behauptete am Dienstag, sie habe bei 32 separaten Operationen israelische Truppen in Zawtar al-Sharqiya mit Raketen, Artillerie und Sprengstoffdrohnen angegriffen.
Das israelische Militär ordnete in den frühen Morgenstunden des Dienstags die Evakuierung der gesamten Stadt Nabatiyeh an, der zweitgrößten Stadt im Süden des Libanon. Im Verlauf des Tages folgten weitere Evakuierungsbefehle für 21 weitere Städte und Dörfer, darunter Mashghara und Sahmar im Bekaa-Tal und Khirbet Selm, Bir al-Sanasil, Qabrikha, Majdal Selem, Qalawiya, Kfar Dunin, Touline und as-Sawana im Süden.
Im Dorf Qaraoun, nahe dem größten Staudamm des Libanon, wurde ein Motorradfahrer von einer israelischen Drohne getroffen. Ein Angehöriger des Zivilschutzes, Youssef Zein, hielt seinen Wagen an, ließ seine Familie im Auto zurück und versuchte, dem Getroffenen zu helfen. Ein zweiter israelischer Angriff traf genau dieselbe Stelle und tötete auch ihn. Die Direktion des libanesischen Zivilschutzes veröffentlichte ein Video des Double-Tap-Angriffs und identifizierte Zein als Opfer. In der südlibanesischen Stadt Khirbet Selm zielte laut der National News Agency ein israelischer Angriff auf einen Krankenwagen, der auf dem Weg in das Dorf Bir al-Salasil war, und zwang ihn zum Rückzug.
Drei weitere israelische Angriffe trafen die unmittelbare Umgebung des Qaraoun-Staudamms selbst, was Befürchtungen hinsichtlich der Sicherheit des Stausees schürte. Weitere Angriffe richteten sich gegen die Umgebung von Beaufort Castle, einer Kreuzfahrerfestung aus dem 12. Jahrhundert, die die UNESCO als eine der am besten erhaltenen ihrer Art bezeichnet hat.
Der rechtsextreme israelische Finanzminister Bezalel Smotrich schrieb auf X: „Wir müssen der Bedrohung durch Sprengstoffdrohnen der Hisbollah ein Ende setzen. (...) Für jede Sprengstoffdrohne müssen in Beirut zehn Gebäude fallen.“
Die Angriffe auf den Libanon verlaufen parallel mit den anhaltenden US-Angriffen auf den Iran. Am Montag attackierte das US-Militär Raketenstellungen bei Bandar Abbas und versenkte zwei Schnellboote der iranischen Revolutionsgarde; das US Central Command bezeichne das Vorgehen als „Schläge zur Selbstverteidigung“.
Das iranische Außenministerium verurteilte dies als „eklatante Verletzung“ des Waffenstillstands und kündigte Vergeltung an. Der Oberste Führer Modschtaba Chamenei erklärte am Dienstag: „Die Völker und Länder der Region werden nicht länger als Schutzschilde für US-Stützpunkte dienen.“
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
US-Präsident Donald Trump ist derweil bestrebt, die Normalisierung der Beziehungen zu Israel zu einem zentralen Kriegsziel zu machen. Am Wochenende schrieb er in einem Post auf Truth Social, er fordere „alle Länder zwingend dazu auf, sofort das Abraham-Abkommen zu unterzeichnen“, und nannte dabei Saudi-Arabien, Katar, Pakistan, die Türkei, Ägypten und Jordanien. [Im Rahmen des Abraham-Abkommens hatten die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), Bahrain, der Sudan und Marokko im Jahr 2020 auf Initiative der USA volle diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu Israel aufgenommen.]
Die Eskalation im Libanon geht mit einer Krise im politischen Establishment der USA über die Verhandlungen der Trump-Regierung mit dem Iran einher. In den Talkshows am Sonntagmorgen schlossen sich mehrere Demokraten den Republikanern an und attackierten Trump von rechts. Dabei verurteilten sie seinen angestrebten Deal mit dem Iran als nicht hinreichend vorteilhaft für den US-Imperialismus.
Senator Cory Booker erklärte am Sonntag auf CNN, Trump lasse sich „zum Narren halten (...) Er hat uns in eine Lage gebracht, die schlimmer ist als zuvor.“ Die USA würden bei den Verhandlungen über den Abbau des iranischen Atomprogramms „auf Milliarden Dollar verzichten“. Er warnte, wenn man dem Iran mehr Geld gebe, könne er damit „seine terroristischen Stellvertreter finanzieren“.
Die Kommentare, die in den US-Medien veröffentlicht werden, verdeutlichen die Stimmung einer verzweifelten Krise des US-Imperialismus. Thomas Friedman erklärte am Dienstag in einer Kolumne in der New York Times mit dem Titel „Wie viel Demütigung wird Trump beim Thema Iran hinnehmen müssen?“: „Es bleiben zwei Fragen hinsichtlich des Kriegs der USA gegen den Iran: Erstens, wie viel Demütigung wird Trump hinnehmen müssen, um diesen Konflikt zumindest mit ein paar Erfolgen zu beenden? Und zweitens, wird er uns erklären, die Demütigungen, die er schluckt, seien Hummer oder Filet Mignon?“
Bret Stephens sprach sich am Dienstag in einer Kolumne der Times für eine Eskalation des Kriegs ohne Rücksicht auf die Kosten aus. Er schrieb: „Beherzigt Robert Frosts Worte: Der beste Ausweg ist immer der Weg hindurch. [The best way out is always through]“. Stephens forderte die USA auf, „eine für das Regime militärisch bedeutende Einrichtung zu zerstören – vorbehaltlich eines substanziellen iranischen Zugeständnisses –, und diese Drohung wahrzumachen. Am nächsten Tag zwei Ziele, und so weiter.“
Das Wall Street Journal veröffentlichte am Dienstag einen Leitartikel mit dem Titel „Irans Scharmützel-Strategie in der Meerenge“, in dem der Vorwurf erhoben wurde, die Hisbollah habe „seit Inkrafttreten der ,Waffenruhe‘ im Libanon am 17. April mehr als 900 Raketen und 1.300 Drohnen“ abgefeuert. Um „die Dynamik umzukehren“, forderte es zudem ein „entschlossenes Vorgehen der USA oder Israels“.
Der amerikanische Imperialismus, der mit Krisen konfrontiert ist, auf die er keine Antwort hat, kann seine Bestrebungen zur Sicherung der globalen Hegemonie mit militärischen Mitteln nur weiter verschärfen. Was für eine Vereinbarung mit dem Iran auch getroffen wird – sofern überhaupt eine zustande kommt –, sie wird dem Muster des Waffenstillstands in Gaza von 2025 und dem Waffenstillstand im Libanon vom November 2024 und April 2026 folgen. Jede dieser Waffenruhen diente als Ausgangspunkt für eine noch weitergehende Offensive.
