Diese Rede hielt Tomas Castanheira, führendes Mitglied der Socialist Equality Group in Brasilien, bei der Online-Kundgebung zum 1. Mai 2026, die von der WSWS und dem Internationalen Komitee der Vierten Internationale organisiert wurde.
Genossinnen und Genossen, im Namen der Sozialistischen Gleichheitsgruppe in Brasilien übermittle ich allen Teilnehmern dieser Veranstaltung zum 1. Mai revolutionäre Grüße.
In den vergangenen Jahren haben wir davor gewarnt, dass ein neuer Weltkrieg Lateinamerika in einem Ausmaß wie in keinem früheren Krieg auf die Landkarte der Konflikte setzen werde. Dies ist keine Vorhersage mehr, sondern die politische Realität der Gegenwart.
Am 3. Januar marschierte Donald Trump in Venezuela ein und entführte Präsident Nicolás Maduro. Dieser sitzt nach wie vor illegal in einem New Yorker Gefängnis in Haft. Die vom „Interims“-Regime von Delcy Rodríguez verhängten neuen Gesetze haben die venezolanische Souveränität über seine Ölreserven um 80 Jahre zurückgedreht, auf einen Stand vor den ersten Verstaatlichungen. Die Öleinnahmen des Landes fließen nun auf ein Konto in Katar, und Washington entscheidet, ob und wie das venezolanische Volk sie ausgeben darf.
Kuba ist das nächste erklärte Ziel. Am 10. April stellte Trump Havanna ein zweiwöchiges Ultimatum: Es müsse sich für amerikanisches Kapital öffnen und „Entschädigungen“ an die Unternehmen zahlen, die während der Revolution von 1959 enteignet wurden. Die seit Januar verhängte Energieblockade führt zu anhaltenden Stromausfällen, dem Zusammenbruch der Wasserversorgung und einer Medikamentenknappheit. Dies ist eine Form der Kollektivstrafe, die nach internationalem Recht verboten ist. Es ist ein Gaza ohne Bomben, und es ist die Vorstufe für eine Invasion und Plünderung.
Dies sind die schwerwiegendsten Taten im Rahmen der kriminellen imperialistischen Interventionen, die weltweit zugenommen haben. In der Karibik und im Südpazifik hat das US-Militär seit September über 50 Fischerboote versenkt und 181 unschuldige Menschen ermordet. Die wenigen Überlebenden – Fischer wie Johnny Sebastián Palacios, dessen Boot auf feige Weise von einer amerikanischen Drohne angegriffen wurde – berichten, dass sie gefesselt, mit Kapuzen über dem Kopf gefoltert und in das berüchtigte CECOT-Gefängnis in El Salvador deportiert worden waren.
Zynisch bemerkte Trump: „Niemand will mehr angeln gehen.“ Diese kriminellen Methoden werden in der gesamten Region immer mehr zur Normalität.
Das Gipfeltreffen „Shield of the Americas“, das Trump inmitten des Vernichtungskriegs gegen den Iran einberufen hat, machte deutlich, dass die Eröffnung einer neuen Front im globalen Krieg keinen Abzug aus Lateinamerika bedeuten würde.
Die Teilnehmer dieses Gipfels, darunter [Javier] Milei aus Argentinien, [José Antonio] Kast aus Chile und [Nayib] Bukele aus El Salvador, sind die politischen Erben der Militärdiktaturen der 1970er Jahre, die nun in der gesamten Region wieder an die Macht gelangt sind. Sie unterzeichneten eine Erklärung, in der sie Washingtons Ansprüche auf Lateinamerika bekräftigten und sich dafür aussprachen, die Region in ein Schlachtfeld im Krieg gegen China zu verwandeln.
Trump und seine faschistische Clique haben eine Erweiterung der Monroe-Doktrin proklamiert: das angebliche Recht der Vereinigten Staaten auf die gesamte westliche Hemisphäre. Ihre Handlungen machen deutlich, dass dieses Projekt für die Arbeitenden – ob sie nun in Lateinamerika oder in den Vereinigten Staaten selbst leben – die Form eines „Hemisphere CECOT“ annehmen wird: also eines interkontinentalen Komplexes aus Polizeiterror und uneingeschränkter Ausbeutung.
Arbeitende und Jugendliche müssen dieses Komplott von Hitler’schen Dimensionen klar zurückweisen und dagegen in die Offensive gehen. Die treibende kapitalistische Oligarchie – demoralisiert und auf allen Ebenen von politischen Krisen zerrissen –, ist machtlos, sobald sich die kolossale Macht der Arbeiterklasse erhebt. Ihr Auftritt auf der Bühne wird die neokolonialen und diktatorischen Anmaßungen der herrschenden Klasse in einem revolutionären Aufstand quer durch Amerika hinwegfegen.
Dies erfordert jedoch eine entschiedene politische Wende. Vom Castroismus in Kuba bis zur „bolivarischen Revolution“ und den Regierungen der „Rosa Welle“ ist der bürgerliche Nationalismus unter den Schlägen des Imperialismus zusammengebrochen. Mehr als ein Jahrhundert voller Niederlagen hat die Unfähigkeit dieser Perspektiven, die sozialen und demokratischen Probleme der Region zu lösen, klar demonstriert, geschweige denn, dass sie dem Imperialismus entgegentreten würden.
Diese Wahrheit zeigt sich besonders deutlich in der unberechenbaren Politik der Lula-Regierung in Brasilien.
Flávio Bolsonaro tritt als Stellvertreter für seinen Vater an, der wegen eines Putschversuchs zu 27 Jahren Haft verurteilt wurde. Er hat deutlich gemacht, dass die Präsidentschaftswahlen im Oktober im Schatten imperialistischer Intervention und der Fortsetzung der faschistischen Verschwörung stattfinden werden, die am 8. Januar 2023 ihren bisherigen Höhepunkt fand. Auf dem faschistischen CPAC-Gipfel verkündete Bolsonaro das Ziel, brasilianische Seltene Erden und kritische Mineralien an die Vereinigten Staaten zu übergeben, um Amerika von der Abhängigkeit von China zu befreien.
Und welche Alternative bietet Lula? Um Trumps Offensive entgegenzutreten, unternahm er eine Pilgerreise nach Spanien und Deutschland, um mit dem europäischen Imperialismus über die Ausbeutung brasilianischer Seltener Erden zu verhandeln. Er traf sich mit Merz genau zu dem Zeitpunkt, als Deutschland eine Eskalation seines Engagements im Krieg gegen Russland in der Ukraine ankündigte.
Nachdem Lula es feige vermieden hatte, die Invasion Venezuelas und die Entführung Maduros zu verurteilen, versuchte er, seine persönliche „Chemie“ mit Trump ins Feld zu führen. „Ich will mit niemandem Krieg führen. Ich will Narrative aufzubauen“, verkündete er ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als Washington seinen Vernichtungskrieg gegen den Iran entfesselt hatte.
Seit dem ersten Golfkrieg 1990–1991 führen die Vereinigten Staaten ununterbrochen Krieg. Gestützt auf ein marxistisches Verständnis der Widersprüche des US- und des Weltimperialismus analysiert David North die Militärinterventionen und geopolitischen Krisen der letzten 30 Jahre.
Krieg ist jedoch kein Zufall. Illusionen in eine Rückkehr zu einer „regelbasierten internationalen Ordnung“ dienen nur dazu, den Kampf zu behindern, der den Krieg, der bereits im Gange ist, stoppen könnte. Im Inland bedeutet diese Politik die Unterdrückung der Arbeiterklasse als unabhängigen politischen Akteur und ebnet den Weg für Faschismus und imperialistische Intervention.
Es ist entscheidend, das Programm der „nationalen Front“ abzulehnen, das die Gewerkschaften und die Pseudolinken seit Trumps Zöllen im letzten Jahr propagieren.
Kürzlich haben die Gewerkschaftsverbände Lula ein Dokument mit dem Titel „Agenda der Arbeiterklasse 2026–2030“ überreicht. Der CUT-Vorsitzende Sérgio Nobre erklärte: „Herr Präsident, hier ist Ihre Armee, und wir werden diesen Kampf an Ihrer Seite führen. Sie sind unser General.“ Die Wortwahl lässt keinen Zweifel: Hier wird eine „Kriegspolitik“ angekündigt, die den Klassenkampf und die politischen Rechte der Arbeitenden im Namen des „Vaterlandes“ – also der nationalen Kapitalisten – außer Kraft setzt.
In ganz Lateinamerika ist die Arbeiterklasse in Aufruhr. Der Krieg gegen den Iran führt bereits zu direkten wirtschaftlichen Schocks in der Region – steigende Kraftstoffpreise, explodierende Düngemittelkosten und grassierende Inflation bei den Lebensmittelpreisen –, und schürt so eine neue Welle von Arbeitskämpfen.
In Mexiko errichteten Lkw-Fahrer und Landwirte in zwanzig Bundesstaaten Blockaden. Grund waren die durch den Krieg ausgelösten Preiserhöhungen bei Diesel und Düngemitteln. Gleichzeitig tobte eine Streikwelle in der Auto- und Reifenindustrie, und auch unter den Lehrkräften gab es Streiks. In Chile brachen Massenproteste gegen die Benzinpreissteigerungen aus, die der neue faschistische Präsidenten José Kast verordnet hatte. Im Jahr 2025 nahmen die Streiks in Brasilien um 14 Prozent zu, und in den letzten Wochen hat sich eine neue Welle von Kämpfen herausgebildet. Die Streiks haben sich auf den Bildungssektor ausgeweitet, wobei landesweit mehr als 50 Universitäten bestreikt wurden; auch App-basierte Beschäftigte legten in vier Bundesstaaten die Arbeit nieder.
Diese Kämpfe erfordern ein revolutionäres, internationalistisches Programm, dessen Kern die Einheit der lateinamerikanischen Arbeitenden mit den Arbeitenden der imperialistischen Länder bildet. Dieselbe kapitalistische Oligarchie, die nach neokolonialer Herrschaft über Lateinamerika strebt, will die sozialen und demokratischen Rechte der Arbeitenden in den Vereinigten Staaten abschaffen.
Das Internationale Komitee der Vierten Internationale und die Sozialistische Gleichheitsgruppe rufen die Arbeitenden und Jugendlichen in Brasilien und ganz Lateinamerika dazu auf, für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse zu kämpfen und ihre revolutionäre internationale Einheit gegen Krieg und Neokolonialismus zu stärken.
Baut die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees auf! Baut die Sozialistischen Gleichheitsparteien auf, die Sektionen des Internationalen Komitees der Vierten Internationale!
