In Städten in ganz Westeuropa war es heißer als in weiten Teilen des Nahen Ostens. Die schwerste Hitzewelle in der Geschichte Europas ließ die Temperaturen in Frankreich auf bis zu 44,3 Grad Celsius steigen – der heißeste Tag, der dort je gemessen wurde. Sie sorgte für Rekordwerte in der Hälfte der 850 europäischen Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern.
In großen Teilen von Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien wurden die bisher seltenen roten Hitzewarnungen ausgegeben. Inzwischen hat sich die Hitzewelle nach Norden und Osten auf Deutschland, Polen und den Balkan ausgedehnt. In mehr als 50 französischen Departements wurden Temperaturen von über 40 Grad registriert, u.a. in Paris. Großbritannien kündigte den bisher heißesten Juni-Tag mit 36,9 Grad an, in Spanien und Italien wurden Temperaturen von 42 bzw. 41 Grad Celsius erreicht.
In Deutschland nahm die Hitzewelle am Wochenende historische Ausmaße an. Nach vorläufigen Daten des Deutschen Wetterdienstes wurde der bisherige Allzeitrekord von 41,2 Grad Celsius aus dem Juli 2019 an drei Tagen in Folge übertroffen: am Freitag mit 41,3 Grad in Saarbrücken-Burbach, am Samstag mit 41,5 Grad in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt und am Sonntag mit 41,7 Grad im brandenburgischen Neißemünde-Coschen an der polnischen Grenze. Auch die Nächte brachten keine Erholung. In Kubschütz im ostsächsischen Landkreis Bautzen sank die Temperatur in der Nacht zum Sonntag nicht unter 29,4 Grad – der höchste jemals in Deutschland gemessene nächtliche Tiefstwert.
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Aufgrund der Luftfeuchtigkeit liegt die gefühlte Temperatur oft um etliche Grad höher. Für zig Millionen Menschen in Ländern, die auf solche Temperaturen nicht vorbereitet sind, bedeutet das, unter der Hitze stark zu leiden. Gebäude und Städte in großen Teilen Europas sind nicht darauf ausgelegt, kühl zu bleiben, und nur in 20 Prozent aller Haushalte gibt es Klimaanlagen. In „Tropennächten“, in denen die Temperaturen nicht unter 20 Grad – oder in Teilen Frankreichs nicht einmal unter 30 Grad – sinken, gibt es keine Erholung.
Es wurden bereits Hunderte durch die Hitze verursachte Todesfälle gemeldet. Die tatsächliche Zahl der Toten wird erst nach einiger Zeit bekannt, sie wird sich mutmaßlich im fünfstelligen Bereich bewegen. Die Bedingungen sind mindestens vergleichbar mit der Hitzewelle vom Juni 2022, die schätzungsweise 70.000 Todesopfer forderte. Weitere 60.000 starben während der Hitzewelle im Sommer 2024. Auch der Anstieg der Luftverschmutzung, die mit extremer Hitze einhergeht, wirkt sich langfristig negativ auf die Gesundheit aus. Es handelt sich um eine Katastrophe von gewaltigem Ausmaß.
Am stärksten gefährdet sind kleine Kinder, ältere Menschen und Personen, die im Freien arbeiten. In Vereinigten Königreich leben mehr als 1,6 Millionen Kinder, darunter 70.000 Babys, in überhitzten Wohnungen. Besonders gefährdet sind dabei Kinder unter fünf Jahren, die ihre Körpertemperatur noch nicht gut regulieren können. Während der Hitzewelle 2022 stieg die Zahl der Todesfälle in Altenheimen um über ein Drittel.
Zu den wenigen Toten der Hitzewellen von 2022 und 2024, über die detailliert berichtet wurde, zählten die 51-jährige Montse Aguilar, die bei der Straßenreinigung von Barcelona arbeitete – sie brach mit einem Schwindelanfall und Schmerzen zusammen und verletzte sich am Kopf –, der 50-jährige französische Bauarbeiter David Azevedo, der an einem Herzinfarkt starb und der 54-jährige Landarbeiter Dalvir Singh aus Indien, der auf dem Feld in Italien starb, auf dem er arbeitete.
Safiullah, ein aus Afghanistan stammender Gärtner aus Paris, sagte gegenüber France24: „Ich habe keine Wahl. Ich muss wegen meiner sozialen und beruflichen Situation weiterarbeiten, unabhängig von den Bedingungen.“ Darren, ein Busfahrer in Großbritannien, erklärte gegenüber der BBC: „Es ist unerträglich, die Sonne brennt unerbittlich und wird durch die Scheiben noch verstärkt, der Bus ist 20 Jahre alt und hat keine Klimaanlage.“
Die französische Gewerkschaft Confédération générale du travail verurteilte die „kaum zu ertragenden“ Bedingungen, und der Trades Union Congress in Großbritannien bekräftigte seine Forderung nach einer gesetzlichen Höchsttemperatur am Arbeitsplatz. Doch diese Erklärungen sind reine Formsache. Abgesehen von einzelnen Vereinbarungen mit Arbeitgebern über zusätzliche Pausen oder einem zynischen Aufruf der französischen Lehrergewerkschaften, die Mitglieder sollten eigenhändig streiken, hat keine europäische Gewerkschaft proaktive Maßnahmen für verbesserte Sicherheit am Arbeitsplatz ergriffen.
Alle Bereiche der Gesellschaft stehen unter enormer Belastung. Französische Mediziner vermeldeten einen Anstieg der Notaufnahmebesuche und Krankenhauseinweisungen um 20 Prozent, in Paris wurde die Kapazitätsgrenze erreicht. Die Zahl der Herzstillstände hat sich vervierfacht, mit einem deutlichen Anstieg besonders unter jungen Menschen. In Großbritannien berichten die Krankenhäuser von kritischen Vorfällen, da medizinische Geräte, Kühlungen und IT-Systeme versagen. Die ohnehin schon skandalöse Praxis der Patientenversorgung auf Fluren hat sich zu einer tödlichen Falle entwickelt.
In Frankreich wurden mehr als 1.800 Schulen geschlossen, in weiteren 8.000 wurde die Unterrichtszeit verkürzt; in Großbritannien haben rund 1.000 Schulen ähnliche Maßnahmen ergriffen. Der Zugverkehr in beiden Ländern wurde eingestellt oder eingeschränkt, da die Schienen und Stromleitungen überhitzen. Aufgrund defekter oder fehlender Klimaanlagen werden viele Züge ohnehin gemieden.
Auch in Deutschland waren die Folgen im ganzen Land zu spüren. Rettungsdienste und Feuerwehren arbeiteten am Limit. In Köln erklärte die Feuerwehr, der Rettungsdienst sei nach zehn Tagen extremer Hitze und ohne nennenswerte nächtliche Abkühlung an seiner Kapazitätsgrenze angelangt. In Nürnberg musste der Straßenbahnbetrieb wegen Hitzeschäden eingestellt werden, weil der Straßenbelag so weich geworden war, dass die Bahnen nicht mehr sicher fahren konnten; auch in Leipzig kam es zu ähnlichen Ausfällen. In Hannover fiel an der Medizinischen Hochschule zeitweise die Kältetechnik aus, wodurch die Notklimaversorgung des Rechenzentrums überlastet wurde.
Auch die Stromerzeugung ist betroffen, da die Nachfrage durch Klimaanlagen und Kühlsysteme steigt, was wiederum zu einem starken Anstieg der Strompreise führt. Fünf britische Gaskraftwerke meldeten eine Drosselung ihrer Produktion, da die Wetterbedingungen ihren Betrieb beeinträchtigten. In Frankreich wurden Atomkraftwerke vom Netz genommen oder mussten ihre Leistung einschränken, weil sich die Flüsse, die ihre Kühlsysteme speisen, zu stark erwärmt hatten. Im Westen des Landes fiel in mehr als 68.000 Haushalten der Strom aus, nachdem ein Transformator beschädigt wurde.
Die Hitzewelle wird durch eine „Omega-Wetterlage“ verursacht, eine hufeisenförmige Tiefdruckzone um das betroffene Gebiet, die heiße Luft von Süden aus Afrika ansaugt und in einer „Hitzeglocke“ festhält. Der hohe Druck beeinträchtigt zudem die Wolkenbildung, sodass die Sonne direkt auf die Erde brennt.
Der Klimawandel verstärkt die Schwere dieser Ereignisse. Laut Forschungen des französischen Institute Pierre-Simon Laplace hat die globale Erwärmung die derzeitige Hitzewelle um zwei bis vier Grad extremer ausfallen lassen, als sie es bei einer vergleichbaren Wetterlage in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen wäre. Dies wurde durch Ergebnisse des World-Weather-Attribution-Konsortiums bestätigt.
Steigende globale Temperaturen erhöhen auch die Häufigkeit von Hitzewellen in Europa. Der Kontinent heizt sich doppelt so schnell auf wie der globale Durchschnitt. So verzeichnete Spanien von 1975 bis 2000 insgesamt 129 Hitzetage und in den 25 Jahren seit der Jahrtausendwende mehr als doppelt so viele, nämlich 329 Tage. In Großbritannien ist die Wahrscheinlichkeit für Temperaturen über 40 Grad seit 2000 um das Dreifache gestiegen.
Die Welt steht kurz davor, die im Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 festgelegte Obergrenze von 1,5 °C Erwärmung gegenüber dem vorindustriellen Durchschnitt zu überschreiten. Prognosen zufolge wird der Anstieg bei einer Fortsetzung der aktuellen Politik bis zum Ende des Jahrhunderts bei 2,8 °C liegen. Dies würde zu weitaus extremeren Bedingungen führen, als sie jetzt in Europa herrschen. Wissenschaftler der Universität Reading prognostizieren, dass Großbritannien in den nächsten 30 Jahren Temperaturen von 45 Grad Celsius erleben wird, wodurch 90 Prozent aller Wohngebäude überhitzt werden.
Die Krise ist ihrem Wesen nach global. Laut einem Bericht des Lancet Countdown von 2025 ist die Zahl der Hitzetoten seit 1990 weltweit um 60 Prozent gestiegen – von geschätzten 335.000 pro Jahr im Zeitraum 1990–1999 auf jährlich 546.000 im Zeitraum 2012–2021.
Anfang des Jahres gab es in Indien und Pakistan eine Hitzewelle mit Temperaturen im oberen 40-Grad-Bereich. Die offiziellen Zahlen zu den Hitzetoten sind jedoch völlig unzureichend. Eine Studie der University of California in Berkeley vom Juni schätzt, dass ein Tag mit extremer Hitz mit einer Übersterblichkeit von 3.400 Menschen einhergeht und fünf Tage in Folge 30.000 Menschenleben kosten.
Die überwiegende Zahl der Opfer sind die am stärksten ausgebeuteten Arbeiter. In Mumbai führen Unterschiede bei Bebauungsdichte, Baumaterial, Baumbestand, Grünflächen und Zugang zu Kühlung zu einem Temperaturunterschied von 5,6 Grad zwischen den reichsten und den ärmsten Teilen der Stadt. Die wirtschaftlichen Verluste – für die Hitzewelle des Jahres 2024 in Indien auf 194 Milliarden US-Dollar geschätzt – gehen zu einem großen Teil direkt zulasten der Löhne der 200 Millionen Arbeiter, die im informellen Sektor Indiens beschäftigt sind.
Jeder Tag Verzögerung bei der Absenkung von CO2-Emissionen und der Bereitstellung von Geldern zur Anpassung an die bereits eingetretene Erwärmung wird diese Folgen verschlimmern. Doch die jüngsten Zahlen zeigen, dass im Jahr 2025 nur 2,1 Billionen Dollar zur Finanzierung des Klimaschutzes bereitgestellt wurden, während weltweit zwischen 2025 und 2030 laut der Climate Policy Initiative jährlich 7,8 Billionen Dollar benötigt würden. In den darauffolgenden fünf Jahren steigt dieser Betrag auf 9 Billionen US-Dollar.
Laut den Vereinten Nationen sind weitere 365 Milliarden Dollar pro Jahr notwendig, um Entwicklungsländern dabei zu helfen, sich an den Klimawandel anzupassen. Derzeit stehen dafür nur lächerliche 26 Milliarden Dollar zur Verfügung.
Alle Initiativen scheitern an den beiden fundamentalen Merkmalen einer kapitalistisch organisierten Wirtschaft: der Produktion für privaten Profit und der Konkurrenz zwischen Unternehmen und Ländern.
Kapitalistische Unternehmen sind nicht bereit, ihren Rivalen die potenziellen Vermögen zu überlassen, die in fossilen Brennstoffen und den mit ihnen verbundenen Industrien stecken. Laut Oxfam werden sechs der größten fossilen Brennstoffkonzerne im Jahr 2026 voraussichtlich 96 Milliarden Dollar an Gewinnen machen – das sind 3.000 Dollar pro Sekunde.
Die Früchte dieser Geschäfte gehen an die reichsten zehn Prozent der Menschheit (mit einem durchschnittlichen Vermögen von einer Million Dollar Kaufkraftparität), und vor allem das reichste Prozent (mit einem durchschnittlichen Vermögen von sechs Millionen Dollar), deren auf Eigentum basierende Emissionen – Aktien etc. – jeweils 77 bzw. 44 Prozent der Gesamtemissionen ausmachen.
Die Verbrennung fossiler Brennstoffe, um die Konten der Reichen zu füllen, läuft zunehmend darauf hinaus, Menschen für Profit zu verheizen. Auch auf diese Weise gefährdet das kapitalistische System Menschenleben – neben seinen Kriegen, Pandemien und den Suiziden aus Verzweiflung.
Die Oligarchie muss enteignet werden, weil sich die Gesellschaft ihre Gier nicht leisten kann. Auch die Anarchie des Marktes kann sie sich nicht mehr leisten, sie muss durch demokratische Planung abgelöst werden. Dies ist nur möglich durch die sozialistische Weltrevolution, durchgeführt von der internationalen Arbeiterklasse.
