Der gewaltsame Tod von sechs Menschen im norddeutschen Stade hat weit über die Grenzen Deutschlands hinaus Entsetzen ausgelöst. Bei den Opfern handelt es sich um vier Mitarbeiterinnen und zwei Mitarbeiter einer Jugendhilfeeinrichtung und des Jugendamts. Sie hatten sich – soweit dies bisher bekannt ist – in einer Einrichtung, die jungen Müttern mit Kindern Schutz bietet, getroffen, um einen Sorgerechtsfall zu besprechen.
Es ging um ein drei Monate altes Kind, das von seinen Eltern getrennt worden war. Später wurde es unter Auflagen an die Mutter zurückgegeben, die mit dem Kind in der Einrichtung in Stade lebte. Zu dem Termin war auch der Vater gebeten worden, der offenbar das Feuer eröffnete. Vier Opfer starben auf der Stelle, ein fünftes bei einem Reanimationsversuch vor dem Haus, das sechste kurz danach im Krankenhaus. Mutter und Kind blieben unverletzt.
Der mutmaßliche Täter wurde auf der Flucht vom Tatort gestellt und verhaftet. Es handelt sich um einen 45-Jährigen, der in Deutschland geboren wurde und türkische Wurzeln hat. Ebenfalls verhaftet wurde eine 65-jährige Frau, die das Fluchtauto fuhr.
Die Gewalttat erinnert ihrem Ausmaß und ihrer Brutalität nach an die Amokläufe, die regelmäßig in den USA stattfinden. Dort wurden den letzten Jahren jeweils 15.000 bis 20.000 Menschen durch Schusswaffen getötet, Selbstmorde nicht eingerechnet.
Auch in Deutschland nimmt die Zahl brutaler Gewaltausbrüche zu. So erschoss im März 2023 ein 35-jähriger Mann in Hamburg acht Menschen in den Räumen der Glaubensgemeinschaft Jehovas Zeugen. Im Dezember 2024 raste in Magdeburg ein Attentäter mit dem Auto auf den Weihnachtsmarkt, tötete sechs Menschen und verletzte 300 weitere teils schwer. Im Juni ermordete ein Amokläufer an einer Schule im österreichischen Graz zehn Menschen und verletzte elf weitere.
Die Motive der Täter und die Umstände der Taten sind von Fall zu Fall verschieden. Doch ihre Rücksichtslosigkeit wiederspiegelt eine Gesellschaft, in der explosive soziale Spannungen zunehmen, ohne einen fortschrittlichen Ausweg zu finden, und in der Gewalt von höchster Stelle propagiert wird.
Verteidigungsminister Pistorius wirbt dafür, Deutschland wieder „kriegstüchtig“ zu machen. Jugendoffiziere schwärmen in die Schulen, um Jugendliche für das Kriegshandwerk zu begeistern. Die Medien bejubeln jede Drohne, die ein russisches Wohnhaus oder Öllager zerstört. Sie verteidigen die Ermordung von mehr als 100.000 Palästinensern und die vollständige Zerstörung Gazas durch die israelische Armee und denunzieren jeden, der dagegen protestiert. US-Präsident Donald Trump droht, den Iran in die Steinzeit zurückzubomben. Ex-Linken-Chef van Aken bejubelt die heimtückische Ermordung des Obersten Führers des Landes: „Möge er in der Hölle schmoren.“
Gleichzeitig wachsen die sozialen Spannungen ins Unermessliche. Jeder Cent der vielen hundert Milliarden, die in Krieg und Aufrüstung fließen, wird aus der Arbeiterklasse wieder herausgepresst. Renten, Gesundheitsausgaben, und Löhne werden zusammengestrichen. In der Industrie werden Monat für Monat über 10.000 Arbeitsplätze zerstört. Während der erklärte Faschist Elon Musk an einem Tag um 300 Milliarden Dollar reicher wird und die Zahl der Centimillionäre in Deutschland über 5000 steigt, wissen Millionen nicht mehr, wie sie über die Runden kommen sollen. Die Gewerkschaften tun alles, um den Widerstand dagegen zu ersticken.
Unter diesen Bedingungen entladen sich die sozialen Spannungen in individuellen, irrationalen und reaktionären Gewaltausbrüchen, wobei die Täter oft selbst am Rande des Wahnsinns stehen. Diese Gewaltausbrüche sind Symptome der Krankheit eines verfaulten Gesellschaftssystems, das nur noch Krieg und Reaktion hervorbringt und gestürzt werden muss.
Die politischen Reaktionen auf die Gewalttat von Stade waren vorhersehbar: Hohle Phrasen des Bedauerns und Rückkehr zur Tagesordnung. Bundeskanzler Friedrich Merz schrieb: „Die Nachricht aus Stade erschüttert bis ins Mark.“ Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte seinen Dank an alle Einsatzkräfte und Ärzte. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies schrieb, die Tat mache „die gesamte Landesregierung tief betroffen“.
Nicht ein Wort des Nachdenkens, der Selbstkritik. Wenn Schlussfolgerungen gezogen werden, dann lauten sie: Mehr Polizei, mehr Überwachung, mehr Repression. Wie immer in solchen Fällen, werden die türkischen Wurzeln des mutmaßlichen Täters benutzt, um Rassismus zu schüren und die AfD zu stärken.
Die öffentlichen Nachrichtensender NDR und WDR verbreiteten die Nachricht, der mutmaßliche Täter gehöre zu einem großen Clan in Hannover. „Clan-Kriminalität“ ist eines der Schlagwörter, mit denen die Hetze gegen Flüchtlinge aus dem Nahen Osten geschürt wird. Selbst die Polizei und das niedersächsische Innenministerium sahen sich gezwungen, zu dementieren. Ihnen sei eine Clan-Verbindung nicht bekannt, erklärten sie auf einer Pressekonferenz.
Die AfD schlachtete die Gewalttat sofort für ihre Zwecke aus. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah schrieb auf X: „Deutschland ist bunt und vielfältig geworden – dank Merkel und ihren Epigonen. Nur die AfD wird es wieder heilen!“ Auf dem Instagram-Account der Parteivorsitzenden Alice Weigel häuften sich rassistische Kommentare.
Die arbeitende Bevölkerung muss aus diesem furchtbaren Ereignis ihre eigenen Schlussfolgerungen ziehen. Es ist ein Symptom einer tiefkranken Gesellschaft, die nicht mehr reformiert, sondern nur noch gestürzt und durch eine sozialistische Ordnung abgelöst werden kann, in der nicht der Profit, sondern die Bedürfnisse der Gesellschaft an vorderster Stelle stehen.
