Autoarbeiter verurteilen Drohung von Gewerkschaftsfunktionär gegen sozialistischen Wahlkandidaten Will Lehman

Will Lehman mit einer Arbeiterin von Warren Trucks am 20. Juli 2026 (Foto: willforuawpresident.org)

Arbeiter aus der Autoindustrie und anderen Branchen haben Erklärungen zur Verteidigung von Will Lehman veröffentlicht, der bei Mack Trucks arbeitet und als Sozialist für das Amt des Präsidenten der Autoarbeitergewerkschaft United Auto Workers (UAW) kandidiert. Darin fordern sie ein sofortiges Vorgehen gegen den Funktionär der UAW, der eine Morddrohung gegen Lehman veröffentlicht hatte.

Dieser Funktionär, Raymond Jensen Jr., organisiert die Arbeit im UAW-Bezirk 9, dem auch Lehman angehört. Auf seinem Facebook-Profil ist ein Kampagnen-Button mit der Aufschrift „Ich unterstütze [UAW-Präsidenten] Shawn Fain“ zu sehen. Letzte Woche postete er auf Lehmans öffentlicher Facebook-Seite ein KI-generiertes Bild von Lehman, auf dem dieser gefesselt und geknebelt ist. Ihm läuft Blut aus dem Mund und eine maskierte Person richtet von hinten ein Sturmgewehr auf ihn. Laut Angaben der UAW erhielt Jensen letztes Jahr 202.000 Dollar an Gehalt und anderen Vergütungen. Bisher hat sich weder Fain noch irgendein anderer Funktionär des UAW International Executive Board, des höchsten Gremiums der Gewerkschaft, von der Drohung distanziert, und Jensen steht weiter auf der Gehaltsliste der Gewerkschaft.

Lehman verurteilte die Drohung als Versuch, den zunehmenden Widerstand der Arbeiter an der Basis einzuschüchtern, denen seine Kampagne eine Stimme gibt. In einem Schreiben an den Rechtsbeistand des gerichtlich bestellten Aufsehers (court-appointed monitor), der die UAW seit einem Korruptionsskandal überwacht, forderte Lehmans Anwalt Eric Lee: eine sofortige Untersuchung, Jensens Suspendierung ohne Gehaltsfortzahlung, eine öffentliche Verurteilung des Vorfalls durch die Gewerkschaft und die Weiterleitung der Angelegenheit an das Arbeitsministerium und die staatlichen Strafverfolgungsbehörden.

Am Dienstag veröffentlichte Lehman ein Video, in dem er Arbeiter dazu aufrief, sich dem Angriff entgegenzustellen.

Loading Tweet ...
Tweet not loading? See it directly on Twitter

Arbeiter, die die WSWS kontaktierten, verurteilten die Morddrohung und das Schweigen der UAW-Führung und der nationalen UAW-Zentrale „Solidarity House“.

Tanya, eine Arbeiterin aus dem Stellantis-Montagewerk in Detroit-Jefferson, erklärte: „Als UAW-Mitglied halte ich die Drohung, die Raymond Jensen gegen Will Lehman gepostet hat, für respektlos, für eine Anstiftung und für entsetzlich. Es muss etwas getan werden, damit das aufhört. Wir haben alle das Recht auf freie Meinungsäußerung, aber das geht zu weit.“

Tanya erklärte: „Es ist nicht richtig, dass UAW-Funktionäre tun und lassen können, was sie wollen, ohne dafür Verantwortung übernehmen zu müssen. Die Arbeiter haben die Gewerkschaft satt, weil wir nicht den Eindruck haben, dass unsere Stimme berücksichtigt wird, wenn gewählt wird, oder dass wir überhaupt etwas mitzubestimmen hätten.“

Sie sagte weiter: „Was Jensen getan hat, geht absolut zu weit. Wenn es anders herum gekommen wäre und Lehman so etwas getan hätte, dann wäre mit Sicherheit die Hölle los gewesen. Es ist Zeit, dass die UAW diese Drohungen unterbindet.“

„Raymond L. Jensen sollte sofort gefeuert werden“, forderte ein GM-Arbeiter aus dem Montagewerk in Flint. „Ich fass‘ es nicht, dass nichts unternommen wurde. Seine Drohungen, Will Lehman, einen Arbeiter aus dem Werk, der als UAW-Präsident kandidiert, zu ermorden, hatte bisher keine Folgen. Arbeiter werden aus viel geringeren Gründen entlassen! Das hätte längst zeitnah angegangen werden müssen.“

Er erklärte: „Der Apparat der UAW fürchtet Will, weil immer mehr Arbeiter wie ich wissen, dass er Recht hat und die Wahrheit aufdeckt! Wenn es innerhalb der UAW möglich ist, Morddrohungen an Arbeiter zu schicken, mit was für Leuten haben wir es dann zu tun? Bestimmt nicht mit Leuten, die für uns oder auf unserer Seite kämpfen. Die UAW-Funktionäre verhalten sich wie Gangster.“

Der Arbeiter sagte weiter: „Das zeigt wirklich: es ist ein Kampf von uns Arbeitern gegen sie. Denen geht es nur um Gewinne und nicht um unsere Interessen, und offenbar wollen sie jedem Schaden zufügen, der ihnen im Weg steht. Die Korruption ist so offensichtlich, vor unseren Augen. Es gibt viel zu viele eindeutige Vorfälle, um das noch zu ignorieren. Ein Funktionär der UAW hat gedroht, einen unserer Kollegen zu ermorden. Wir müssen Aktionskomitees gründen, um dieser Einschüchterung und den unsicheren Arbeitsbedingungen ein Ende zu machen.“

Auch ein Arbeiter aus dem Werk des Autozulieferers Nexteer in Saginaw im US-Bundesstaat Michigan hat die WSWS kontaktiert. Er ist führendes Mitglied eines Aktionskomitees im Werk, das bereits die wiederholten Versuche der Gewerkschaft zurückgewiesen hat, einen Tarifvertrag mit Verschlechterungen durchzusetzen. Er erklärte:

„Der UAW-Apparat bedroht Will, weil das, wofür er kämpft, die UAW als Institution gefährdet. Es handelt sich nicht um eine Institution, die die Arbeiter, die Mitgliedschaft, verteidigt oder sie vertritt. Sie vertritt diejenigen, die die Macht haben und die sie nicht freiwillig abgeben werden. Es muss eine Untersuchung geben, um alle aufzudecken, die für dieses Unrecht gegen Will verantwortlich sind. Es sollte ein Strafverfahren geben. Der Fall zeigt eindeutig, dass die UAW-Zentrale, Fain und alle anderen mit Ford, GM und Stellantis und allen Konzernen der Autoindustrie unter einer Decke stecken. Sie benehmen sich wie Mafiapaten. Fain hat nichts für die Arbeiter getan.“

Er sagte weiter: „Unter Bedingungen in den Werken, in denen die Arbeiter giftiger Luft und extremer Hitze ausgesetzt sind, hat die UAW jede Unterbrechung der Arbeit abgelehnt. Die Profite der Unternehmen sollen nicht beeinträchtigt werden! Die Drohungen gegen Will richten sich gegen uns, die Arbeiterbasis.“

Will Lehman und Unterstützer seines Wahlkampfs bei Warren Trucks (Foto: willforuawpresident.org)

Thomas Adams, ein GM-Arbeiter im Ruhestand und Autor von „UAW, Inc.“, einer Untersuchung der korporatistischen Degeneration der UAW, verurteilte die Morddrohung und wies auf die Bedeutung der Region hin, für die Jensen arbeitet: „Ich finde es interessant, dass Raymond Jensen Jr. aus der Region 9 stammt. In meinem Aufsatz aus dem Jahr 2019 ,Tale of Corruption by the United Auto Workers and the Big Three American Automakers‘ habe ich mich mit einem gemeinnützigen Unternehmen namens UAW Region 9 New York Training Initiative befasst, dessen Aufgabe es war, Arbeiter von Perry's Ice Cream auszubilden.“

Adams fuhr fort: „Die UAW-Führung fand heraus, dass sie solche Ausbildungszentren mit staatlichen Fördermitteln – in diesem Fall vom New Yorker Arbeitsministerium – aufbauen konnte. Der Bundesstaat New York hat für den Ausbildungsfond für Perry's Ice Cream eine Summe von 579.463 Dollar bereitgestellt. Das spricht für sich selbst. FBI-Agenten lachten darüber, dass ,diese 127 Eishersteller wohl die am besten ausgebildeten Eishersteller in der Geschichte der Eisherstellung‘ waren.“

Adams erklärte weiter: „Der Administration Caucus [die dominanteste und konservativste Fraktion innerhalb der UAW] ist wie eine allumfassende tödliche Krankheit, die die ganze Arbeiterbewegung infiziert hat, nicht nur die UAW. Ich fordere eine umfassende und offene Untersuchung dieser Drohungen und eine öffentliche Stellungnahme, in der das Recht von Will Lehman, einen Wahlkampf zu führen, verteidigt wird.“

Lyle Roussey, ein pensionierter Autoarbeiter aus Michigan, wies auf die Verantwortung des Aufsehers der UAW hin, der im Nachgang des staatlichen Korruptionsverfahren ernannt wurde, in dessen Folge mehr als ein Dutzend Gewerkschaftsfunktionäre – darunter zwei ehemalige Präsidenten – wegen Veruntreuung von Mitgliedsbeiträgen und Annahme von Bestechungsgeldern ins Gefängnis mussten. Er fragte: „Ist es nicht die Aufgabe des Aufsehers bei einer Gewerkschaftswahl, für eine ehrliche und redliche Durchführung zu sorgen? Wenn dem so ist, dann ist es jetzt an der Zeit, gegen dieses schreckliche Verhalten der UAW-Führung aktiv zu werden.“

Anstatt Lehman einzuschüchtern und zu isolieren, löste die Drohung Wut unter den Arbeitern aus und stärkte den Rückhalt für seinen Wahlkampf. Dieser ist darauf ausgerichtet, den korrupten UAW-Apparat abzuschaffen und die Macht durch den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees an die Arbeiter zurückzugeben.

Ein Bericht auf Lehmans Wahlkampf-Website schilderte die Unterstützung, die er am Montag von Arbeitern beim Zulieferer Bridgewater Interiors und in einem Werk von Stellantis bei Detroit erhalten hat. Arbeiter blieben stehen, um die Drohung zu verurteilen, nahmen stapelweise Flugblätter mit ins Werk und ließen sich an den Werkstoren gemeinsam mit dem Kandidaten fotografieren.

„Sie versuchen, dich zum Schweigen zu bringen“, meinte ein junger Arbeiter bei Bridgewater im Gespräch mit dem Wahlkampfteam. „Und das machen sie normalerweise nur, wenn jemand die Wahrheit sagt.“

Will antwortete: „Der Typ verdient 202.000 Dollar im Jahr als Organisator. Ich bin in Region 9, und er ist Organisator für meine Region. Sie haben nichts neues organisiert. Sie haben keine zusätzlichen Arbeiter in unserer Region gewonnen.“

Will fuhr fort: „Alles, was ich tue, ist, dass ich für ein Amt in der UAW kandidiere. Alles, was ich tue, ist, Arbeitern zu sagen, dass wir diese Leute und diese Posten im Solidarity House nicht brauchen. Wir brauchen die Macht im Werk. Das gefällt ihnen nicht, und deshalb drohen sie.“

Ein Arbeiter aus dem Truck-Werk Warren erklärte gegenüber dem Team, alle Verantwortlichen für die Drohung sollten „gemeinsam mit Shawn Fain ins Gefängnis wandern. Man kann nicht einfach Leute bedrohen.“

Auf die Frage, was er von Wills Forderung halte, die Macht vom UAW-Apparat an die Arbeiter in den Betrieben zu übertragen, erklärte er: „Das wäre besser. Wir haben genug Probleme damit, die Gewerkschaft dazu zu bringen, für uns zu kämpfen oder überhaupt irgendetwas zu tun.“

Als Beispiel wies er auf den Rauch in den Fabriken wegen der Waldbrände in Kanada hin: „Die Tage mit dem Rauch waren wirklich schlimm. Sie haben uns Masken gegeben, aber die waren nur für Staub, nicht für Chemikalien oder Feuer gedacht. Du brauchst eine Atemschutzmaske, sonst kannst du es vergessen. Diese Staubmasken helfen gar nichts. Die Fabriken hätten stillgelegt werden müssen. Sogar in den Nachrichten haben sie gesagt, man soll zu Hause bleiben und nicht rausgehen.“

Auf Lehmans Wahlkampf-Website willforuawpresident.org gibt es detailliertere Berichte über diese Gespräche. Lehmans Wahlkampfteam hat Arbeiter dazu aufgerufen, der UAW über feedback@uaw.org zu schreiben, eine öffentliche Distanzierung von der Drohung zu fordern und Kopien der Mails an info@willforuawpresident.org zu schicken.

Raymond Jensen (ganz rechts) mit Shawn Fain (zweiter von rechts) bei einem Besuch im GM-Motorenwerk Tonawanda (New York) im Juni 2025. Ebenfalls auf dem Bild sind UAW-Vizepräsident Mike Booth und Shop Chairman Mike Grimmer vom Ortsverband 774 [Photo: UAW Region 9]

Die Vergangenheit der Person, die die Drohung geäußert hat, wirft ein Schlaglicht darauf, wem die Arbeiter gegenüberstehen. Jensen war Mitglied der mittlerweile aufgelösten Gruppierung Unite All Workers for Democracy (UAWD), die im Jahr 2022 Fains Wahl als „Reform“-Kandidat unterstützt hatte. In einem Interview mit Labor Notes im Jahr 2019 erklärte Jensen, der als „Aktivist“ im Ortsverband 774 im GM-Motorenwerk in Tonawanda bei Buffalo (New York) bezeichnet wurde: „Der Administration Caucus ist völlig korrupt.“ Er beschuldigte dessen Führung, dass diese an der Korruption entweder direkt beteiligt gewesen sei oder davon gewusst und nichts unternommen hätte.

Er erklärte, die Gewerkschaft zu säubern, bedeute, den Mitgliedern durch die direkte Wahl der Funktionäre eine Stimme zu geben. Noch bis ins Jahr 2024 wurde Jensen als Gesicht der „Reform“ dargestellt und erschien als Redner bei der Labor-Notes-Konferenz, wo er eine Rede unter dem Titel „Wie wir unsere Gewerkschaften reformieren“ hielt.

Der Autor des Labor-Notes-Artikels von 2019, Chris Brooks, wurde später Fains Stabschef, bis der UAW-Aufseher ihn zum Rücktritt zwang, weil Brooks versuchte, Fains interne Rivalen im International Executive Board einzuschüchtern. Sieben Jahre später haben sich die einstigen Kritiker des Gangstertums des Administration Caucus dessen Methoden selbst zu eigen gemacht. Jensens eigener Beitrag zur „Reform unserer Gewerkschaften“ ist mittlerweile aktenkundig: Das System „Ein Mitglied, eine Stimme“, für das eher früher angeblich stand, hat eine echte Herausforderung durch die Belegschaft hervorgebracht. Seine Reaktion darauf besteht darin, ein Bild des Herausforderers zu verbreiten, in dem eine Waffe auf dessen Rücken gerichtet ist.

Loading