Todesroute Atlantik: Über 140 Menschen sterben auf der Flucht aus Westafrika nach Europa

Flüchtlinge aus Afrika, die in einem überfüllten Schlauchboot auf dem Mittelmeer treiben, erhalten am 28. Januar 2022 – etwa 103 Meilen (165 km) vor der libyschen Küste – Schwimmwesten von Helfern der spanischen NGO „Aita Mary“ [AP Photo/Pau de la Calle, File]

Mindestens 143 von insgesamt 180 Flüchtlingen, die auf dem Weg von Westafrika zu den Kanarischen Inseln in Seenot gerieten, sind tot oder werden vermisst. Ihr Boot wurde am 18. Juli vor der Küste Mauretaniens gerettet. Die Fluchtroute nach Spanien gilt laut UNHCR als „eine der tödlichsten der Welt“, weil die meist überladenen, seeuntauglichen Boote große Distanzen zurücklegen müssen und geringe Chancen auf schnelle Rettung haben. Die Überfahrt von Westafrika zu den Kanaren kann je nach Ausgangspunkt zwischen 800 Kilometer (Mauretanien) und sogar 2.400 Kilometer (Guinea) lang sein.

Die Menschen an Bord des überfüllten Flüchtlingsboots erlebten eine Höllenfahrt. Schon zehn Tage, nachdem sie in Bafuloto, einem Ort in Gambia, in See gestochen waren, hatten sie kein Essen und Wasser mehr und waren gezwungen, Meerwasser zu trinken. Viele Frauen, Männer und Kinder sind wahrscheinlich unterwegs verhungert oder verdurstet. Nach etwa drei Wochen ging dem Boot auch der Treibstoff aus, so dass es auf hoher See trieb. 

Erst nach 25 Tagen wurde das Boot vor der mauretanischen Hafenstadt Nouadhibou gefunden und von der lokalen Küstenwache und Fischern an Land gebracht – mit zahlreichen Leichen und 38 Überlebenden an Bord. Unter den wenigen Geretteten waren zwei Kinder, die auf der Fahrt ihre gesamte Familie verloren haben und nun im Krankenhaus behandelt werden. 

Insgesamt wurden zwischen dem 14. und 18. Juli bei drei Rettungseinsätzen in Mauretanien 387 Menschen von havarierten Booten gerettet; eine weitere Person ist gestorben. Laut der spanischen NGO Caminando Fronteras sind allein in den ersten fünf Monaten des Jahres 2026 bereits 1.317 Menschen auf dem Weg zur spanischen Küste ums Leben gekommen oder werden vermisst, darunter 129 Kinder. Anders als offizielle Behörden oder UN-Einrichtungen berücksichtigt diese NGO in ihren Zahlen auch Berichte von Angehörigen sowie Notrufe von nie angekommenen Booten. Im genannten Zeitraum waren es demnach 27 Boote, die mit sämtlichen Menschen an Bord auf dem Atlantik spurlos verschwunden sind.

Viele Flüchtlinge weichen auf die Atlantikroute aus, da die Europäische Union (EU) die Mittelmeerrouten nach Griechenland und Italien systematisch blockiert. Die kriminelle Abschottungspolitik der EU in Zusammenarbeit mit den Regimen in Nord- und Westafrika zwingt die Menschen, die vor Armut, Krieg und Umweltzerstörung in ihren Heimatländern fliehen, immer gefährlichere Wege zu wagen und dabei ihr Leben zu riskieren. 

Im Mittelmeer steigen die Todeszahlen dramatisch an: Die Internationale Organisation für Migration (IOM) berichtete Anfang April, dass allein in diesem Jahr auf der zentralen Route von Nordafrika nach Italien bereits rund 765 Menschen ums Leben gekommen sind – 460 mehr als im gleichen Zeitraum 2025. „Das entspricht einem Anstieg von über 150 Prozent. Insgesamt wurden im Mittelmeerraum 2026 mindestens 990 Todesfälle registriert. Damit zählt dieses Jahr zu den tödlichsten Jahresanfängen seit 2014“, so die IOM. Die Dunkelziffern dürften noch deutlich höher liegen.

Menschenrechtsorganisationen betonen immer wieder, dass die Abschreckungspolitik nicht dazu führt, dass Menschen aufhören zu fliehen. Sie machen sich dennoch auf den Weg, weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden oder keine Perspektive haben. 

Karte der Fluchtbewegungen in Afrika, Februar 2025 [Photo: Africa Center for Strategic Studies]

Die 38 Überlebenden auf dem Boot stammen unter anderem aus Gambia, Senegal, der Elfenbeinküste, Guinea und Mali. In allen diesen Ländern herrschen bittere Armut, Arbeitslosigkeit und Repression. Die Folgen jahrzehntelanger Kolonialherrschaft und der heutigen neokolonialen Ausbeutung sind verheerend. Die Rohstoffe dieser Länder – etwa Gold, Bauxit, Kakao und zunehmend auch Erdöl und Erdgas  – werden von internationalen Konzernen aus Nordamerika und Europa geplündert, wobei auch China an Einfluss gewinnt. 

Dürren und andere Auswirkungen des Klimawandels entziehen den Menschen die Lebensgrundlage. Der NATO-Krieg gegen Libyen 2011 destabilisierte die gesamte Sahelzone. Laut aktuellen UN-Angaben befinden sich in Westafrika und der Sahelzone fast 6,8 Millionen Binnenvertriebene und 1,3 Millionen Flüchtlinge und Asylsuchende.

Mali wird seit Jahren von bewaffneten Konflikten und Militärinterventionen der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich erschüttert. Seit April unterstützt Paris indirekt eine Offensive nationalistischer und islamistischer Milizen, die versuchen, das Militärregime in Bamako zu stürzen. Laut dem Africa Center for Strategic Studies waren die meisten Flüchtlinge, die 2024 nach Europa kamen, aus Mali. Viele berichten von Mord, Folter und sexualisierter Gewalt in ihrer Heimat.

Gambia zählt zu den ärmsten Ländern der Welt, mit einer hohen Arbeitslosigkeit bzw. Unterbeschäftigung. In Senegal treibt eine ebenso hohe Jugendarbeitslosigkeit bei einem Medianalter von nur 18 Jahren viele junge Menschen zur Flucht. In Guinea werden seit dem Militärputsch von 2021 Proteste gewaltsam unterdrückt. Rund 21.700 Menschen flohen allein im Jahr 2023 aus Guinea nach Europa.

Die Normalisierung des Massenmords vor der Festung Europa

Die jüngste Katastrophe auf dem Atlantik hat in der bürgerlichen Presse und Politik in Europa kaum Beachtung gefunden, geschweige denn einen Aufschrei verursacht. Keine prominente Schlagzeile, keine breite Debatte, kein Gedenken, nicht einmal Krokodilstränen und heuchlerische Bekundungen der Trauer, wie sie früher üblich waren. 

Dass der Tod von über 140 Menschen lediglich als Randnotiz behandelt wird, ist kein Zufall, sondern gewollt. Was in den Medien als „Tragödie“ präsentiert wird, ist in Wirklichkeit eine gezielte und systematische Politik des Mords vor den Grenzen der EU. Das Massensterben von Flüchtlingen im Atlantik und Mittelmeer wird ebenso normalisiert wie die Hetze gegen Migranten im Innern. 

Die Verfolgung und Dämonisierung der Geflüchteten dient dazu, die Wut über soziale Ungleichheit und Massenentlassungen gegen einen Sündenbock zu richten, um vom eigentlichen Verursacher dieser sozialen Krise abzulenken – der herrschenden Klasse und ihren kapitalistischen Profitinteressen. Bürgerliche Parteien aller Couleur, ob konservativ oder sozialdemokratisch, übernehmen die rechtsextremen Positionen von Meloni, Le Pen, Farage oder Höcke und machen sie hoffähig. Ein totes Flüchtlingskind mehr oder weniger hat für sie keine Bedeutung – Hauptsache die Ankunftszahlen in der EU sinken. 

Das Mittel der Abschreckung durch Tod ist dabei Teil der Strategie. Die EU hat die Seenotrettung faktisch eingestellt, verhindert NGO-Rettungseinsätze und lagert die „Grenzsicherung“ an Regierungen und Milizen aus, die Flüchtlinge in Lager sperren, foltern und versklaven.

Das zeigt auch das Beispiel Mauretanien, ein wichtiger Ausgangspunkt der Atlantikroute. In dem Land mit einer Gesamtbevölkerung von fast 5,5 Millionen leben mittlerweile über 300.000 Flüchtlinge, die meisten aus Mali. 

2024 hat EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen mit dem mauretanischen Präsidenten Mohamed Ould Ghazouani ein Migrationsabkommen unterzeichnet. Mauretanien erhielt 210 Millionen Euro, wovon fast 60 Millionen Euro für die Bekämpfung der „illegalen Einwanderung“ nach Europa in Zusammenarbeit mit der EU-Grenzschutzagentur Frontex bestimmt sind. Eine treibende Kraft hinter diesem Abkommen war Spanien unter der sozialdemokratischen Regierung von Pedro Sánchez.

Seit letztem November fliegt Frontex von Kap Verde aus Überwachungseinsätze vor der westafrikanischen Küste. Wie Netzpolitik berichtet, ist ihr Ziel, die Flüchtlingsboote zu finden und gemeinsam mit westafrikanischen Behörden abzufangen und zurückzuholen – ein „Pullback-System“, das Frontex schon mit der Küstenwache in Libyen praktiziert.

Die EU finanziert eine riesige Unterdrückungs- und Todesmaschinerie an den Grenzen der Festung Europa. Ähnliche Vereinbarungen zur Abwehr von Migranten hatte sie zuvor schon mit Tunesien, Marokko und Ägypten geschlossen. Geflüchtete werden im Auftrag der EU in der Wüste ausgesetzt oder im Meer ihrem Schicksal überlassen. Schaffen sie es doch an Land, werden sie ihrer Rechte beraubt, inhaftiert, gefoltert und abgeschoben.

Seit dem Abkommen macht die mauretanische Polizei Jagd auf Migranten, wie Arte in einer Video-Reportage schildert. Tausende Flüchtlinge werden bei Razzien aufgegriffen und ohne rechtmäßige Verfahren massenhaft abgeschoben.

Laut UNHCR sind auch die Ankunftszahlen auf den Kanarischen Inseln seit dem Abkommen rasant zurückgegangen. 2024 kamen noch fast 47.000 Geflüchtete an, ein Jahr später nur noch rund 18.000. Und im ersten Halbjahr 2026 waren es 61 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Da die klassischen Abfahrtsorte in Mauretanien stärker kontrolliert werden, verlagern sich die Abfahrten weiter südlich – etwa nach Gambia, wo auch das jetzt verunglückte Boot herkam. Die Routen werden immer länger und gefährlicher. 

Diese Spirale wird sich weiterdrehen, wenn die europäische Arbeiterklasse nicht einschreitet und die Menschen aus Afrika und anderen Regionen verteidigt und schützt. Humanitäre Bitten und Forderungen, wie sie NGOs und UN-Organisationen an die europäischen Regierungen richten, verhallen seit Jahren in der Wüste. 

Das Massensterben im Atlantik und Mittelmeer wird erst aufhören, wenn die EU und ihre Mitgliedsregierungen gestürzt und für ihre Verbrechen und den tausendfachen Mord an Flüchtlingen auf die Anklagebank gebracht werden. Dafür ist es notwendig, eine revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse aufzubauen, die das kapitalistische System abschafft und für die Errichtung der Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa kämpft.

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