Am Abend des 30. Juli fand eine Online-Debatte zwischen den Kandidaten für den Vorsitz der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) statt. Dabei wurde deutlich, welche Kluft den sozialistischen Arbeiter Will Lehman von den fünf anderen Kandidaten trennt, die sich um die Kontrolle über den Gewerkschaftsapparat mit einem Nettovermögen von 1,25 Milliarden Dollar streiten. Die UAW zählt nach eigenen Angaben in den USA, Kanada und Puerto Rico rund 400.000 Mitglieder, die in der Automobilindustrie und auch anderen Branchen beschäftigt sind.
Abgesehen von Lehman sind alle Kandidaten Geschöpfe des Apparats bzw. Anwärter auf dessen Führung. Gegen Amtsinhaber Shawn Fain läuft derzeit ein Ermittlungsverfahren vor einem Bundesgericht. In diesem Zusammenhang hat das Justizministerium eine Grand Jury einberufen und den gerichtlich bestellten Monitor der UAW zur Vernehmung vorgeladen. Dazu muss man wissen, dass die UAW seit 2021 infolge eines Korruptionsskandals der Aufsicht eines von einem Bundesgericht eingesetzten unabhängigen Monitors untersteht. Grund für dessen jetzige Vorladung sind Ermittlungsergebnisse, wonach Fain womöglich sein Amt missbraucht hat, um seiner Verlobten und deren Schwester Vorteile zu verschaffen, und anschließend gegen den UAW-Vizepräsidenten Rich Boyer vorging, weil er sich diesem Vorhaben widersetzte.
Boyer, der nun gegen Fain kandidiert, hat 2023 den Tarifvertrag bei Stellantis ausgehandelt, der dazu führte, dass zunächst die Arbeiter mit Zeitverträgen und anschließend Tausende weitere entlassen wurden.
Die drei anderen Kandidaten sind: 1) Brian Keller, Arbeiter bei Stellantis Mopar, der bereits 2022 kandidierte und in mehreren Werken Unterstützung gewann, bevor er dazu aufrief, in der Stichwahl für Fain zu stimmen, 2) Tricia Geiger, eine hochbezahlte Angestellte bei der Gewerkschaftszentrale (UAW International), und 3) Greg Mooney, Unterstützer der Initiative „Autoworkers for Trump“.
In seinem Eröffnungs-Statement ordnete Lehman die Wahl in ihren gesellschaftlichen Kontext ein:
Wir als Arbeiter sind mit historischen Angriffen auf unsere Arbeitsbedingungen und unser Leben konfrontiert. Der Anteil der Löhne und Gehälter am Nationaleinkommen befindet sich auf dem niedrigsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. Der eskalierende globale Krieg treibt die Preise in die Höhe. Die Löhne reichen nicht aus, um die Grundbedürfnisse zu decken – und das in einem Land, das gerade seinen ersten Billionär hervorgebracht hat. Seit Anfang 2024 wurden die Arbeitsplätze von mehr als 21.000 Autoarbeitern vernichtet. Die Konzerne planen, mit KI und Automatisierung ein globales Arbeitsplatzmassaker anzurichten. Demokratische Rechte werden zerstört, und unsere eingewanderten Kollegen werden von ICE-Agenten gejagt.
Jedes Jahr sterben in diesem Land mehr als 5.000 Arbeiter am Arbeitsplatz, weil die Sicherheit dem Profit untergeordnet wird. In unseren Werken wurden Antonio Gaston, Ronald Adams Sr. und Gregory Knopf zu Tode gequetscht – unter dem Tarifvertrag von 2023, den diese Gewerkschaftsführung als „historisch“ bezeichnet hat. In diesem Monat wurden Arbeiter auf Bahren aus den Werken getragen, weil sich die Hallen mit Rauch füllten, während die Produktion weiterlief.
Im Weiteren sagte Lehman den Mitgliedern, wofür ihre Beiträge verwendet werden: 560 Beschäftigte der UAW International verdienen mehr als 100.000 Dollar pro Jahr, Fain selbst im letzten Jahr 276.000 Dollar – das 6,6-Fache eines durchschnittlichen Mitglieds. 118 Millionen Dollar gingen an Funktionäre und Personal des Apparats, also 14-mal so viel wie für Streikgelder ausgegeben wurde. Lehman erklärte: „Es ging nie um ein paar korrupte Funktionäre. Die ganze Bürokratie ist ein verlängerter Arm des Managements.“
Lehman schloss mit einem Aufruf zur unabhängigen Mobilisierung der Autoarbeiter und der gesamten Arbeiterklasse:
Unter Arbeitern in der Autoindustrie, im Gesundheitswesen, unter Lehrkräften, Sozialarbeitern und in der UAW wächst die Wut und die Rebellion. Was wir brauchen, sind eine Strategie und eine Organisation – Klassenkampf statt Klassenzusammenarbeit, Internationalismus statt Nationalismus, von Arbeitern kontrollierte Aktionskomitees in allen Werken und Betrieben, vernetzt über alle Branchen hinweg, um die Bürokratie abzuschaffen und die Macht an die Arbeiter zu übertragen. In dieser Kampagne geht es nicht darum, was ich für euch tun werde. Es geht darum, was ihr tun werdet.
Moderator Steve Greenhouse, ehemaliger Gewerkschaftsreporter der New York Times, erklärte zu Beginn, die UAW sei eine der großartigsten Gewerkschaften des Landes, und versprach, „strikt neutral“ zu bleiben. Doch schon seine erste Frage entlarvte dies als Heuchelei: Er wollte wissen, was „es der UAW ermöglicht hat, 2023 siegreich aus dem ‚Stand Up-Streik‘ gegen GM, Ford und Stellantis hervorzugehen“, und ob Fehler gemacht wurden.
Ob der Streik überhaupt siegreich war, stand gar nicht zur Debatte, und fünf der sechs Kandidaten akzeptierten diese Prämisse. Fain bezeichnete den Tarifkampf als „brillant“, erklärte: „Ich bin stolz auf das, was wir geschafft haben“, und warb für einen angeblich vorbereiteten Generalstreik am 1. Mai 2028.
Lehman wies diese Darstellung als einziger zurück und erklärte direkt: „Das war kein echter Streik, sondern eine Katastrophe, ein Hollywood-Streik.“ Die Arbeiter hatten mit überwältigender Mehrheit für den Streik gestimmt, doch nur 30 Prozent durften tatsächlich die Arbeit niederlegen, während der Rest Überstunden leisten musste. Die Streikenden wurden mit unzureichendem Streikgeld ausgehungert. Lehman betonte: „Das ist keine Solidarität. Das ist Isolation.“
Er wies darauf hin, dass der angebliche „Sieg“ zur Entlassung tausender Zeitbeschäftigter, zu weiterem Arbeitsplatzabbau – etwa in der Factory Zero, im Ford-Elektrofahrzeugzentrum in Rouge und in Batteriewerken – sowie zum Tod von Kollegen geführt hat. Die Mainstream-Medien hätten den Streik als „historischen“ Erfolg dargestellt, obwohl er die Arbeiter gespalten habe und die Mehrheit weiter am Fließband arbeiten musste. Kein Kandidat reagierte auf diese Analyse.
Ein zentraler Punkt der Debatte war die jüngste Morddrohung gegen Lehman durch Raymond L. Jensen Jr., UAW-Organisator und bis vor Kurzem stellvertretender Direktor der UAW-Region 9, zu der auch Lehman gehört. Jensen, der 2025 rund 202.000 Dollar Jahresgehalt bezog, postete auf der öffentlichen Facebook-Seite von Lehmans Kampagne ein KI-generiertes Bild: Lehman gefesselt und geknebelt, Blut läuft aus seinem Mund, während ein maskierter Mann ein Sturmgewehr auf seinen Rücken richtet. Dieses Bild veröffentlichte Jensen, auf dessen Facebook-Profil ein Button mit der Aufschrift „Ich unterstütze Shawn Fain“ zu sehen ist, unter Lehmans Erklärung zum Ermittlungsverfahren gegen Fain.
Ein Gewerkschaftsmitglied zu bedrohen, um ihn bei der Ausübung seiner Rechte als Kandidat zu behindern, ist eine Straftat. Doch bis zur Debatte hatten sich weder Fain noch ein Mitglied des Gewerkschaftsvorstands dazu geäußert. Während der Debatte erklärte Lehman, die Drohung richte sich nicht nur gegen ihn, sondern zeige die Reaktion des Apparats auf jeden Widerstand der Basis. Er verwies auf den Fall des Nexteer-Arbeiters Antwiane Sanders, der entlassen wurde, weil er bei einem Treffen zum Tarifvertrag gegen UAW-Funktionäre Stellung bezogen hatte.
Fain versuchte zunächst, das Thema zu ignorieren, und reagierte erst auf direkte Nachfrage: „Ich billige so etwas nicht... Wenn du für den Vorsitz kandidierst, dann mach dich auf etwas gefasst, Kollege, denn so etwas wirst du jeden Tag erleben.“ Damit stellte er sich faktisch hinter die Drohung und bekräftigte sie. Nichts in seinem Verhalten deutete darauf hin, dass Jensen mit Konsequenzen rechnen muss.
Ein langjähriger Autoarbeiter aus Detroit, der die Veranstaltung verfolgte, erklärte gegenüber der WSWS:
Fain sagte, es sei falsch gewesen, hat aber keine Verantwortung übernommen. Stattdessen stichelte er noch und meinte, daran müsse man sich gewöhnen, wenn man kandidiert. Dabei ist eine Morddrohung eine Straftat.
Will hat das von Anfang an gesagt. Leute wie Ronald Adams verlieren ihr Leben, und von der Gewerkschaftsführung hört man kein Wort.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Auf die Frage zur Haltung gegenüber der Trump-Regierung warnte Lehman, Trump „versucht, eine faschistische Diktatur zu errichten“, und rief dazu auf, keine der beiden kapitalistischen Parteien in den USA zu unterstützen. Zölle dienten der herrschenden Klasse: Sie erhöhten die Preise, sicherten keine Arbeitsplätze und spielten Arbeiter verschiedener Länder gegeneinander aus. Er verurteilte sowohl die Trump- als auch die Biden-Regierung als Kriegsverbrecher.
Die anderen Kandidaten vermieden jede scharfe Kritik an Trump und signalisierten Verhandlungsbereitschaft gegenüber dem Faschisten im Weißen Haus, vor allem in der Frage der Zölle, die alle unterstützten. Fain rühmte sich seiner Zusammenarbeit mit Trump und erklärte, die UAW habe an Verhandlungen zwischen den USA, Mexiko und Kanada in Mexiko-Stadt teilgenommen und „sehr eng“ mit dem US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer zusammengearbeitet.
In der UAW sind auch rund 100.000 Hochschulbeschäftigte organisiert. Sie stellen mehr als ein Viertel der Mitgliedschaft. Eine Frage zur gewerkschaftlichen Organisierung im akademischen Bereich machte deutlich, was die fünf Kandidaten gegen Lehman vereint: ihre Fixierung auf Mitgliedsbeiträge, von denen die Gehälter der Apparatschiks abhängen. Boyer beklagte, das Hochschulwesen biete nicht „das Beste für unser Geld“, und fragte, wie lange es dauern würde, die 100 Millionen Dollar für diese Organisierung wieder einzuspielen. Geiger, Mooney und Keller äußerten sich ähnlich.
Lehman entgegnete, das Geld gehöre in die Streikkasse. Arbeiter würden nicht durch bezahlte Funktionäre gewonnen, sondern durch reale Erfolge in den Betrieben. Die Gewerkschaft dürfe keine „bequemen Posten für Organisatoren“ finanzieren, die „nichts tun und nichts beitragen, sondern fürs Nichtstun bezahlt werden“. Akademische Beschäftigte, die sich der UAW anschließen, um gemeinsam mit Autoarbeitern zu kämpfen, würden stattdessen bei einer Organisation landen, die sie ausverkauft und ihren Mitgliedern sogar verbietet, für politische Forderungen wie den Widerstand gegen den Völkermord in Gaza zu streiken.
In seinem Abschluss-Statement erläuterte Lehman sein Programm mit den Worten:
Seien wir ehrlich über unsere Lage. Die herrschende Klasse führt einen offenen Krieg gegen die Arbeiterklasse... Wir können nicht so tun, als hätten die Interessen der Arbeiter in der UAW nichts mit dem zu tun, was in diesem Land und der Welt passiert. Tatsache ist, dass die Interessen der Arbeiter und die Interessen der Kapitalisten sich gegenseitig ausschließen. Sie lassen sich nicht vereinbaren. Was wir brauchen, können wir nur durch Kampf erreichen.
Alle anderen Kandidaten sagen: „Wählt mich, bringt jemand Besseren an die Spitze des Apparats, und alles wird sich ändern.“ Das haben die Arbeiter bereits vor vier Jahren erlebt. Shawn Fain machte die gleichen Versprechen – und jeder weiß, wie es endete. Setzt man eine neue Person an die Spitze desselben Apparats, erhält man dieselbe Politik, denn der Apparat ist den Konzernen und sich selbst verpflichtet. Er verteidigt ein Gesellschafts- und Wirtschaftssystem, das auf der Ausbeutung der Arbeiter beruht.
Die Alternative besteht im Aufbau einer neuen Macht in den Betrieben, vernetzt über Branchen und Grenzen hinweg, verbunden mit dem Kampf für eine grundlegende Neuorganisation des wirtschaftlichen Lebens. Lehman erklärte: „Sozialismus bedeutet Gleichheit. Er bedeutet Kontrolle der Arbeiter über die Produktion. Er bedeutet die internationale Einheit der Arbeiterklasse auf der Grundlage unserer Interessen. Dieser Kampf hat bereits begonnen.“ Er verwies auf Tarifkämpfe bei Bridgewater Interiors und American Axle sowie auf Millionen Teilnehmer an Protesten gegen Trumps Diktaturbestrebungen: „Die Arbeiterklasse, der schlafende Riese der amerikanischen Politik, beginnt zu erwachen.“
Zum Schluss paraphrasierte Lehman Thomas Paine: „Dies sind Zeiten, die die Seelen der Menschen auf die Probe stellen.“ Der selbstgefällige Bürokrat und der verlogene Reformer versagen in der Krise, doch der Arbeiter, der jetzt aufsteht, verdient die Anerkennung der gesamten Menschheit.
Die Debatte machte deutlich, dass nur die Arbeiterklasse selbst – organisiert in unabhängigen Aktionskomitees – in der Lage ist, das Arbeitsplatzmassaker, die Todesfälle in den Werken und den Kurs auf Weltkrieg zu stoppen. Lehman schloss mit einem Appell: „Stimmt für mich – aber tut mehr als das. Baut die Komitees auf, baut diese Bewegung auf. Darin liegt unsere Stärke.“
