Zusammenbruch eines Hedgefonds als „warnendes Beispiel“ für den KI-Boom

Einen Vorgeschmack darauf, wie die mit Künstlicher Intelligenz (KI) verbundene Aktienmarktblase platzen und eine umfassende Finanzkrise auslösen könnte, lieferte in der vergangenen Woche der Zusammenbruch des Hedgefonds Situational Awareness.

Das Ende des Fonds war die Folge eines weltweiten Wertverlusts von Halbleiteraktien in Höhe von 3 Billionen US-Dollar im Juli.

Ein Händler an der New Yorker Börse [AP Photo/Craig Ruttle]

Situational Awareness hatte massive Wetten auf den KI-Boom abgeschlossen und seine Gewinne durch hohe Kredite von Großbanken gehebelt. Nun sah sich der Fonds mit Nachschussforderungen (Margin Calls), also der Forderung nach zusätzlichen Sicherheiten, konfrontiert. Dies hätte zu einem Notverkauf seiner Vermögenswerte und möglicherweise zu einem massiven Einbruch des gesamten Marktes geführt.

Laut der Financial Times hätte der „Ausverkauf bei Halbleitern“ völlig „außer Kontrolle“ geraten können, wenn es zu diesen Notverkäufen gekommen wäre. Dies konnte nur abgewendet werden, weil am Donnerstag, den 30. Juli, der Milliardär Ken Griffin mit seinem Hedgefonds Citadel einschritt und die öffentlichen Aktienbestände von Situational im Wert von 16 Milliarden Dollar mit einem Abschlag von zehn Prozent aufkaufte. Der Markt atmete auf und erholte sich am Freitag, während Citadel bei diesem Geschäft einen stattlichen Gewinn einstrich.

Doch was sich hier abspielte, könnte sich durchaus in noch viel größerem Maßstab wiederholen. In einem Kommentar zur Rettungsaktion schrieb die New York Times, dass sich KI-bezogene Aktien zwar erholten und der Markt anstieg: „Aber dies wird an der Wall Street eher als Aufschub, denn als dauerhaften Beleg dafür gewertet, dass die Implosion eingedämmt wird.“

Der Grund dafür ist, dass sich die Aktivitäten von Situational – obwohl es sich um einen Extremfall handelte – nicht grundlegend von dem unterscheiden, was überall an der Wall Street stattfindet: die Nutzung von geliehenen Geldern, um die Profite in der Erwartung weiter steigender Aktienkurse auf immer neue Höchststände zu treiben. Im Fall von Situational geht man davon aus, dass der Fonds für jeden Dollar Eigenkapital drei oder vier zusätzliche Dollar für seine Spekulationsgeschäfte lieh.

Der Einsatz einer solchen Hebelwirkung steigert die Rendite bei steigenden Kursen, führt aber zu massiven Verlusten, wenn die Vermögenswerte an Wert verlieren.

Leopold Aschenbrenner hat seine grundlegende These in einem im Jahr 2024 veröffentlichten Essay mit dem Titel „Situational Awareness: The Decade Ahead“ („Situationsbewusstsein: Das kommende Jahrzehnt“) dargelegt. Diesen Namen verwendet er auch für seinen in gleichem Jahr gegründeten Hedgefonds. Er behauptete, die Nachfrage nach KI werde weiterwachsen und den Bau riesiger Rechenzentren, die Herstellung von Chips sowie den Ausbau der Strominfrastruktur erfordern. Dies ist dasselbe grundlegende Szenario, das den gesamten Markt bisher angetrieben hat.

Bei der Gründung seines Fonds im Jahr 2024 schrieb er: „Schon bald wird die Welt aufwachen. Aber im Moment gibt es vielleicht ein paar hundert Menschen, die meisten von ihnen in San Francisco und in den KI-Labors, die über Situationsbewusstsein verfügen. Durch welche sonderbaren Fügungen des Schicksals auch immer, habe ich mich unter ihnen wiedergefunden.” Einige der größten Namen an der Wall Street schenkten dieser Behauptung Glauben.

Die Botschaft unterschied sich im Kern nur in der Wortwahl von jener, mit der Elon Musk im Juni den Börsengang (IPO) von SpaceX einleitete.

Als die Aktienkurse in der ersten Jahreshälfte in die Höhe schossen, wurde Situational an der Wall Street gefeiert. Aschenbrenner wurde als Visionär und Wunderkind gepriesen, während der Marktwert des Fonds um über 400 Prozent anstieg. Noch im Juni wurde er als der „Nostradamus der KI“ bezeichnet.

Diese Einschätzungen wurden durch Gelder von Goldman Sachs und anderen gestützt, darunter JPMorgan, Citigroup und die Bank of America. Der Fonds erhielt auch finanzielle Unterstützung von der großen Handelsfirma Jane Street, die nur selten Gelder an externe Manager vergibt.

Anfang Juli wurde Situational ausgewählt, um eine wichtige Rolle bei der 27 Milliarden Dollar schweren Börsennotierung des südkoreanischen Chipherstellers SK Hynix an der Wall Street zu spielen – es schien alles perfekt zu laufen.

Doch dann geriet der Hedgefonds im Juli in den brutalen Abschwung bei Chip-Aktien, dessen Epizentrum sich in Südkorea befand. Dort kamen Zweifel an der Tragfähigkeit des KI-Booms auf. Dabei wurde unter anderem die Frage aufgeworfen, ob und wann die massiven Investitionen in Rechenzentren Profit abwerfen würden. Hinzu kamen die Probleme der amerikanischen „Hyperscaler“ durch die Konkurrenz aus China.

Situational meldete im Juli einen Wertverlust von 67 Prozent bei den gehaltenen Aktienbeständen, was Nachschussforderungen seiner Geldgeber zur Folge hatte. Der Fonds hielt Hunderte Millionen Dollar in Aktien von Bloom Energy und SanDisk, deren Wert seit Anfang Juni um etwa 40 Prozent eingebrochen war. Die Aktien von Oracle und AMD, an denen der Fonds erhebliche Anteile hielt, fielen im Juli jeweils um rund 20 Prozent.

Insgesamt gab es laut dem NASDAQ-Index für globale Halbleiteraktien im Juli einen Verlust an Marktwert in Höhe von drei Billionen Dollar.

Ein weiteres Indiz für den Niedergang ist der Absturz des Marktwerts von SpaceX. Seit dem Börsengang Mitte Juni hat sich der Wert der Aktien im Vergleich zu ihrem Höchststand halbiert und liegt nun unter dem Ausgabepreis.

In den Finanzmärkten und in Kreisen der Konzernmedien setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass der Niedergang von Situational von weitreichender Bedeutung ist und die Warnungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) bestätigt.

Gemeinsam mit anderen Finanzinstitutionen hat die BIZ darauf hingewiesen, dass die Marktbewertungen völlig überdehnt sind und der Einsatz von Hebelwirkungen zur Profitsteigerung im Falle eines Abschwungs erhebliche Risiken birgt. Es wird befürchtet, dass Nachschussforderungen der Banken zu Notverkäufen von Vermögenswerten führen könnten. Dies würde den Abschwung weiter verschärfen und hätte verheerende Auswirkungen auf Banken und andere Institutionen, die die Mittel für diese Spekulationen bereitgestellt haben.

In Südkorea war der Einsatz von Hebelwirkungen besonders ausgeprägt, da der Aktienmarkt dort weitgehend von den Chipherstellern SK Hynix und Samsung abhängt.

Ein rasanter Preisverfall im Kospi-Index, der sich aufgrund der immer engeren Verflechtung auf die Märkte weltweit übertrug, wurde durch Nachschussforderungen ausgelöst. Allein in diesem Jahr führten diese mindestens neunmal zur Aussetzung des Handels, was laut einem Bericht von CNN „Südkoreas Markt in einen Zustand des Chaos stürzte“.

Weiter hieß es dort, der „kometenhafte Aufstieg und Beinahe-Zusammenbruch“ von Situational Awareness habe „Schockwellen durch die globalen Märkte gesendet und ist zu einer Art warnendem Beispiel für die KI-Ära geworden“.

Andere ziehen dieselbe Schlussfolgerung. So merkte ein Artikel der Times an, dass Daniel Loeb, ein bekannter US-Investor und Hedgefonds-Manager, auf X (ehemals Twitter) auf den Zusammenbruch des Hedgefonds Long Term Capital Management (LTCM) im September 1998 verwiesen hatte.

Dieser Fonds wurde damals in einer von der New York Fed (Federal Reserve Bank von New York) organisierten Aktion mit mehr als 3,6 Milliarden Dollar gerettet – eine vergleichsweise geringe Summe im Vergleich zu den heutigen Marktvolumina. Die Notenbank schritt aus Angst ein, der Untergang des Fonds könnte den gesamten Markt mit in den Abgrund reißen.

Das ist damals zwar nicht geschehen. Der LTCM-Zusammenbruch war jedoch ein Warnsignal für die sich entwickelnde Krise, die im September 2008 ausbrechen sollte. Der Zusammenbruch von Situational Awareness signalisiert nun, dass sich eine noch weitaus größere Krise als 2008 anbahnen könnte.

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