Am 4. August wurde Raymond L. Jensen Jr., der in seiner Rolle als Organisator von der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) bezahlt wurde, für zwei Jahre die Mitgliedschaft aberkannt. Zudem darf er für den Rest seines Lebens nicht mehr für Ämter in der Gewerkschaft kandidieren. Der gerichtlich bestellte Aufseher (Monitor) der UAW hatte erklärt, dass Jensen mit seinem Facebook-Post, in dem er dem sozialistischen Kandidaten für das Amt des UAW-Präsidenten, Will Lehman, mit dem Tod gedroht hatte, gegen die Wahlregeln verstoßen habe. Die Sanktionen gegen Jensen sind in der Geschichte der UAW beispiellos und repräsentieren einen großen politischen Sieg für die Arbeiterklasse.
Aufseher Neil Barofsky kam zu dem Schluss, dass der Post einen Verstoß gegen Regel 4-4 der UAW-Wahlregeln von 2026 darstellt, die Drohungen, Einschüchterung und Vergeltung jeder Art verbieten. Die Vereinbarung, die Jensen unterzeichnet hat, legt zudem fest, dass er sich nicht am Wahlkampf eines Kandidaten in diesem Jahr beteiligen darf und dass er sich außerdem bei Lehman direkt entschuldigen muss. Barofsky bestätigte die Beschwerde, die Will Lehman, der bei Mack Trucks arbeitet, und sein Anwalt eingereicht hatten, in allen Punkten.
Jensen ist Organisator in der Abteilung der UAW für Strategie in Tarifauseinandersetzungen und ehemaliger stellvertretender Direktor des UAW-Regionalverbands, dem auch Lehman angehört. Im letzten Jahr bezog Jensen in diesen Positionen rund 202.000 Dollar Gehalt. Am 16. Juli postete er auf Lehmans öffentlicher Facebook-Seite, auf der dieser eine Erklärung zu den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft gegen UAW-Präsident Shawn Fain veröffentlicht hatte, ein KI-generiertes Bild. Es zeigte Lehman, gefesselt und geknebelt, während ihm gleichzeitig Blut aus dem Mund tropft und eine maskierte Gestalt ein Gewehr auf seinen Rücken richtet. Fünf Tage später wurde Jensen von Ermittlern des Aufsehers befragt und er bestätigte, dass ihm der Account gehört und dass der Post von ihm stammt.
Barofsky handelte nicht auf eigene Initiative, sondern weil die Arbeiter selbst eingegriffen und sich gegen diese Morddrohung eines UAW-Bürokraten gegen Lehman gestellt hatten. Arbeiter der Werke Stellantis Warren Truck und Sterling Stamping sowie des Autozulieferers Bridgewater Interiors in Detroit gaben Videostatements ab. Ein junger Arbeiter bei Bridgewater verurteilte die Morddrohung und erklärte gegenüber Lehmans Wahlkampfteam: „Sie versuchen, dich zum Schweigen zu bringen“, und fügte hinzu: „Das tun sie normalerweise nur, wenn jemand die Wahrheit sagt.“ Thomas, ein junger Arbeiter im Stellantis-Werk Sterling Heights Assembly, erklärte gegenüber der World Socialist Web Site, die hohen Funktionäre hätten „im Grunde eine Mafia-Mentalität.“ Camille, die früher in einem Autoteilewerk in Detroit gearbeitet hat, erklärte, dass ein Arbeiter sofort entlassen worden wäre, wenn er ein solches Bild gepostet hätte und fügte hinzu: „Ich habe schon erlebt, dass Leute für weniger gefeuert wurden.“
Die WSWS erhielt unterstützende Zuschriften von Arbeitern bei Dana und Nexteer, von einem UPS-Fahrer, von Autoarbeitern in Jalisco und Guanajuato (Mexiko), von Beschäftigten bei der Post und im Gesundheitswesen in Großbritannien, von Arbeitern in Kanada und Australien sowie von neuseeländischen Studenten. Viele dieser Erklärungen wurden zweifellos auch direkt an den UAW-Aufseher geschickt. Lehman veröffentlichte am Mittwoch eine Erklärung, in der den Erfolg auf das Eingreifen der Arbeiter aus aller Welt zurückführte und erklärte, was das Bild eigentlich erreichen sollte:
Die Veröffentlichung des Bildes eines gefesselten und geknebelten Kandidaten sollte jedem Arbeiter eine Lektion erteilen, der gegen einen Tarifvertrag gestimmt, bei einer Veranstaltung die Stimme erhoben oder im eigenen Ortsverband versucht hat, sich gegen den Apparat zu stellen: das wird mit euch passieren.
Ich war zwar das Ziel, aber nie das einzige. Arbeiter sind ständig mit Drohungen und Einschüchterungsversuchen der Gewerkschaftsbürokratien konfrontiert. Antwiane Sanders wurde vor kurzem bei Nexteer gefeuert, weil er sich UAW-Funktionären in seinem eigenen Werk entgegengestellt hat. Woche für Woche werden Arbeiter in ihren Werken im ganzen Land angegriffen, isoliert und aus ihren Jobs getrieben, wenn sie sich gegen diesen Apparat stellen, und in kaum einem Fall wird das untersucht oder bestraft. Die meisten dieser Arbeiter haben keinen Anwalt oder ein Wahlkampfteam, das hinter ihnen steht. Das ist die wirkliche Atmosphäre in dieser Gewerkschaft, und ein Urteil ändert nichts daran.
Die Drohungen gehen von ganz oben aus. Bei der Debatte der UAW-Präsidentschaftskandidaten am 30. Juli äußerte sich Fain so lange nicht zu dem Bild, bis Lehman es selbst zur Sprache brachte. Fain erklärte, er billige „solche Sachen“ nicht, fügte aber schnell hinzu: „Wenn du für den Vorsitz kandidierst, dann mach dich auf etwas gefasst, denn so was wirst du jeden Tag erleben.“ Damit stellte er sich faktisch hinter die Drohung gegen Lehman und bekräftigte sie. Das Bild ist vor drei Wochen gepostet worden und bis heute hat kein einziges Vorstandsmitglied der UAW es verurteilt. Fain und der von ihm geführte Apparat haben keine Strafe dafür erhalten, aber sie wurden auf eine Weise politisch bloßgestellt, die keine PR-Aktion aus der Welt schaffen kann. Gleichzeitig werden Ende des Monats die Wahlzettel an die Mitglieder verschickt.
Lehman warnte die Arbeiter vor der Schlussfolgerung, sie könnten sich darauf verlassen, dass der Staat sie schützen würde:
Kein Arbeiter sollte daraus den Schluss ziehen, dass der UAW-Aufseher, das Arbeitsministerium oder die Gerichte uns schützen werden. Das werden sie nicht. Das Amt des Aufsehers existiert nur deshalb, weil dieser Apparat die eigenen Mitgliedern in einem Ausmaß bestohlen hat, durch das mehr als ein Dutzend seiner Angehörigen, darunter zwei ehemalige Präsidenten, ins Gefängnis mussten. Es hat diese Korruption nicht verhindert und auch die Angriffe auf Arbeiter nicht aufgehalten, die dagegen Widerstand leisten.
Lehmans Anwalt Eric Lee berief sich in seinem Brief an den Aufseher auf historische Vorgänge, die eben diesen Punkt bestätigen. 1969 kandidierte der oppositionelle Gewerkschafter Jock Yablonki gegen den Präsidenten der Bergarbeitergewerkschaft United Mine Workers, Tony Boyle, woraufhin Yablonskis Anwälte zahlreiche Beschwerden ans Arbeitsministerium richteten, dass der Apparat Gelder und Personal der Gewerkschaft gegen ihn nutze. Das Arbeitsministerium unternahm nichts. Am 31. Dezember wurden Yablonski, seine Frau Margaret und seine 25-jährige Tochter Charlotte in ihren Betten von Attentätern erschossen, die mit Geld aus der Kasse der Gewerkschaft bezahlt wurden. Boyle wurde dafür verurteilt, die Morde befohlen zu haben. Erst im März 1970 erklärte das Arbeitsministerium die Wahl für ungültig.
Die Ereignisse vom Januar 2026 in Minneapolis haben die ganze Welt schockiert und deutlich gemacht, dass die Umwandlung der amerikanischen Demokratie in einen Militär- und Polizeistaat nicht länger nur eine theoretische Möglichkeit ist. Sie vollzieht sich vor unseren Augen.
Zum Schluss seiner Erklärung schrieb Lehman, wie die Arbeiter nach ihrem Sieg fortfahren sollten:
Der Aufseher hat Jensen bestraft, aber der Apparat besteht weiterhin. Die Aufgabe, diesen Apparat abzuschaffen und einen Kampf für das, was wir brauchen, fällt den Arbeitern selbst zu.
Darum: setzt diese Kampagne fort. Stimmt im Oktober für mich, aber tut noch mehr als das. Baut in eurem Betrieb ein Aktionskomitee auf, das unabhängig vom Apparat ist und nur den Arbeitern, die es wählen, Rechenschaft schuldig ist. Verbindet es mit den Komitees bei Nexteer, American Axle, Bridgewater und den Arbeitern in Mexiko, Kanada und weiteren Ländern. In dieser Gewerkschaft findet schon jetzt eine Rebellion statt: Tarifverträge werden abgelehnt, die Zahl der Streiks und die Wut in allen Schichten nimmt zu. Verstärkt sie. Organisiert sie. Macht etwas aus ihr, das der Apparat nicht einschüchtern kann.
Nichts an diesem Erfolg wurde den Arbeitern vom juristischen Apparat geschenkt. Die Regel 4-4 galt bereits, als das Bild erschien, und sie wurde nur durchgesetzt, weil Arbeiter auf drei Kontinenten Jensens Drohung zu einer politischen Frage machten, die nicht mehr zu ignorieren war. Der Druck, der durch ein von einem Bundesgericht eingesetzte Institution ausgeübt wird, kann vielleicht eine Strafe gegen einen Funktionär durchsetzen, aber er kann nichts an den bürokratischen Interessen ändern, die diese Drohung hervorgebracht haben. Dafür ist die unabhängige Organisation der Arbeiter in Komitees in allen Werken erforderlich, international verbunden durch die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) und den Aufbau der Socialist Equality Party.
