Klimakrise: Westeuropa im heißesten Sommer aller Zeiten

Der Sommer 2026 hat sich in Westeuropa als der bisher heißeste aller Zeiten erwiesen. Der Juni und der Juli waren laut den Messungen des EU-Klimadienstes Copernicus so heiß wie nie zuvor seit Beginn der Temperaturaufzeichnungen. Die Durchschnittstemperatur lag in diesen zwei Monaten bei rund 21,6 Grad und damit fast 2,8 Grad Celsius über dem langjährigen Vergleichswert. Auch in den USA war dieser Juli der heißeste je gemessene Monat.

Der Rhein in Köln bei historischem Niedrigwasser, 1. August 2026 [Photo by Raimond Spekking / wikimedia / CC BY-SA 4.0]

Schon im Juni lag die Durchschnittstemperatur in Europa 3,06 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel, und seither reißen die Hitzewellen nicht ab. Auch die Weltmeere sind (mit Ausnahme der Polargebiete) seit diesem Juli so aufgeheizt wie nie zuvor. Auf Mallorca wurde mit 33 Grad die höchste jemals aufgetretene Wassertemperatur gemessen.

In Portugal, Spanien, Frankreich, Italien und Griechenland kommt es immer wieder zu massiven Waldbränden. Seit Beginn dieses Jahres gab es in Spanien schon mehr als doppelt so viele Großbrände wie 2025; im Juli wurde deshalb erstmals der Notstand ausgerufen.

In Südfrankreich und in Spanien kämpfen immer noch hunderte Feuerwehrleute gegen das Ausbreiten der Flammen, und viele Menschen haben ihr Hab und Gut verloren. In dem kleinen Département Lozère mussten am 9. August zwei Dörfer evakuiert werden. Der Brand, der bei Bordeaux in der Gironde wütete, gilt inzwischen als größter Waldbrand seit 1949, und er ist noch nicht vollständig gelöscht. 42.000 Hektar Fläche sind dort bisher zerstört worden.

In Zentraleuropa haben die anhaltende Dürre und die Hitzewellen zu dramatisch niedrigen Pegelständen geführt. Wichtige Wasserstraßen wie Rhein und Donau verzeichnen historische Tiefststände. Die Frachtschiffe transportieren nur noch 20 Prozent der Ladung und sind nahe daran, den Verkehr ganz einzustellen.

An Stellen wie Koblenz und Andernach liegt der Rhein-Pegelstand zwei Meter unter dem langjährigen Mittel. Infolgedessen sah sich Thyssenkrupp Steel gezwungen, die Produktion im Duisburger Stammwerk zu drosseln. Auch Chemiekonzerne wie BASF und Evonik und andere Konzerne reagieren auf den reduzierten Nachschub der Binnenschifffahrt.

Auch die Donau und andere Flüsse sind betroffen. Die niedrigen Pegelstände gefährden die Kühlung zahlreicher Kraftwerke. In Polen wurden die Kohlekraftwerke Kozienice und Połaniec wegen gefährlich niedriger Wasserstände der Weichsel stillgelegt.

Und auch die vermeintliche „Brückentechnologie“ Atomkraft erweist sich als der Extremhitze nicht gewachsen: Wegen des Niedrigwassers in der Donau musste am Samstag in Ungarn das AKW Paks abgeschaltet werden, da es mit Flusswasser gekühlt wird. Wegen des zu warmen Kühlwassers wurde auch in Frankreich, Rumänien und der Schweiz in mehreren Reaktoren die Leistung gedrosselt. Das Schweizer Kernkraftwerk Beznau wurde aufgrund der mit über 25 Grad ungewöhnlich warmen Aare vorübergehend vom Netz genommen.

Die wirtschaftlichen Schäden des Niedrigwassers sind enorm und könnten laut Warnungen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW) „stark genug sein, um das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal um 0,1 bis 0,2 Prozent zu dämpfen“.

Wie aber reagiert die bürgerliche Politik? In Deutschland ergreift sie eine einzige konkrete Maßnahme: Das LKW-Fahrverbot am Sonntag wird aufgehoben. Zehn Bundesländer haben bisher das Sonn- und Feiertagsverbot für LKWs aufgehoben.

Die Maßnahme ist bezeichnend: Sie demonstriert den ganzen Bankrott der deutschen Politik, die auf den Klimawandel keine Antwort hat. Um einen einzigen großen Binnenschiff- oder Schubverband-Transport auf dem Rhein zu ersetzen, werden 150 bis 175 Lastwagen benötigt. Wäre die Maßnahme von Dauer, müsste die Autobahninfrastruktur rasch ausgebaut werden. Denn auch der Schienentransport ist in den letzten Jahren systematisch kaputtgespart worden und wird weiter dezimiert. Seit diesem Frühjahr läuft bei DB Cargo ein einschneidendes „Umbau“-Programm, dem bis zum Jahr 2030 weitere 14.000 Vollzeitstellen zum Opfer fallen sollen.

Seit Jahren konzentrieren regierende Politiker sich auf Profitwirtschaft und Krieg zulasten der wirklich wichtigen Gesellschaftsfragen. Der Klimawandel ist seit 40 Jahren bekannt, doch alle Warnungen werden in den Wind geschlagen. Notwendig sind die Entsiegelung der Böden, großflächige Aufforstung und die konsequente Einhaltung wissenschaftlich fundierter Klimavorgaben. Notwendig ist die Förderung nachhaltiger Energiequellen anstelle von Kohle, Gas und Kernkraftwerken.

Doch das Gegenteil geschieht. Die elf größten börsennotierten Öl- und Gaskonzerne – darunter Shell, BP, TotalEnergies und Equinor – planen, ihre Produktion von 2024 bis 2030 um durchschnittlich 14 Prozent zu erhöhen. Sechs führende europäische Ölkonzerne haben im ersten Quartal 2026 Gewinne von 21,7 Milliarden Dollar erwirtschaftet – ein Anstieg um 43 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, noch befeuert durch den Irankrieg.

Statt die Reißleine zu ziehen, befinden sich die kapitalistischen Regierungen Europas im Rausch der Kriegsvorbereitung. Der deutsche Bundeshaushalt 2026 treibt die Militärausgaben auf 108 Milliarden Euro – den höchsten Rüstungsetat in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Mittel, die Union und SPD für die Aufrüstung bereitstellen, belaufen sich auf eine Billion Euro. Während den Kommunen das Geld für Wasserstellen, Kühlzentren und Klimaanlagen in Kliniken, Pflegeheimen und Schulen fehlt, fließen alle gesellschaftlichen Ressourcen in die Kriegsmaschinerie.

Dabei warnen die Wissenschaftler: Inzwischen ist schon der Grundwasserpegel – der Süßwasserschatz, aus dem die Menschen ihr Trinkwasser beziehen – in seiner Regenerierung gefährdet. Dahinter steht ein Prozess, der auf den ersten Blick paradox erscheinen mag: Das beschleunigte Abschmelzen der Gletscher führt nicht etwa zu mehr, sondern auf Dauer zu immer weniger verfügbarem Wasser.

Denn die Gletscher, diese natürlichen Süßwasserspeicher, von denen letztlich Hunderte Millionen Menschen in Europa, Asien und Südamerika abhängen, sind durch mehrere Mechanismen, die sich gegenseitig verstärken, bedroht: Die große Hitze beschleunigt die Schmelze, wobei kurzfristig mehr Wasser in die Flüsse gelangt. Doch wird der „Peak Water“, der Punkt, an dem der maximale Schmelzwasserabfluss erreicht ist, überschritten, dann schrumpft die Eismasse so stark, dass trotz anhaltend hoher Temperaturen immer weniger Wasser freigesetzt wird. In der Schweiz wird vorausgesagt, dass die Alpen bis zum Ende des Jahrhunderts komplett eisfrei sein könnten.

Wichtig ist auch der sogenannte Albedo-Effekt, der das Rückstrahlvermögen von Oberflächen beschreibt. Verschwinden die hellen Eis- und Schneeflächen, welche die Sonnenstrahlung zurück ins All reflektieren, dann wird die dunklere Erdoberfläche freigelegt, die mehr Wärme absorbiert, und die Erderwärmung beschleunigt sich weiter.

Inzwischen ist eine Situation erreicht, bei der die extreme Hitze zu so starker Verdunstung führt, dass selbst das zusätzliche Schmelzwasser den Verlust nicht ausgleichen kann. Die Böden trocknen aus, ehe Wasser überhaupt ins Grundwasser versickern kann. Gleichzeitig fehlen die Niederschläge.

Christian Griebler, Ökologe und Klimaforscher in Österreich, kommentierte: „Es wird noch sehr viel schlimmer. Zu der Hitze, die mit starker Verdunstung einhergeht und Trockenheit verursacht, kommt ein Wetter hinzu, das mit sehr, sehr wenigen Niederschlägen einhergeht. Trotz der abschmelzenden Gletscher sinkt der Grundwasserpegel.“

Und auch Tim Staeger vom ARD-Wetterkompetenzzentrum stellt fest, dass das aktuelle Wetter „kein Ausrutscher [ist]. Im Zuge des Klimawandels wird es solche Sommer immer häufiger und intensiver geben. Auch in Zukunft wird es wiederholt zu solchen großen Hitzewellen kommen, auch die Dürren werden uns in den nächsten Jahren und Jahrzehnten weiter begleiten.“

Für die menschliche Gesundheit ist die anhaltende Hitze außerordentlich belastend und lebensgefährlich. Das Robert-Koch-Institut meldete von Anfang April bis Ende Juli 11.900 hitzebedingte Todesfälle in Deutschland. Davon entfielen 9600 auf die extreme Hitzewelle in der zweiten Junihälfte.

Frankreich berichtete über mehr als 5.700 Todesopfer. Andere Schätzungen liegen noch höher, wie eine Analyse von Politico, die die zusätzlichen Todesfälle während der Juni-Hitzewelle in sechs Ländern auf 14.000 beziffert.

Statistik Austria wies während der ersten Hitzewelle im Juni eine um 20 Prozent erhöhte Sterblichkeit nach. Die WHO schätzt, dass allein in den letzten vier Jahren europaweit etwa 200.000 Menschen durch extreme Hitze ums Leben gekommen sind – Todesfälle, die nach Einschätzung der Organisation „völlig vermeidbar“ gewesen wären.

In den erhitzten Städten fehlt es an beschatteten Grünflächen, Wasserstellen und Kühlzentren. In öffentlichen Gebäuden, v.a. Kliniken, Pflegeheimen und Schulen, fehlen die Klimaanlagen. Das Pflegepersonal, das in belastender Hitze arbeiten muss, sieht sich einem wachsenden Ansturm von Patienten gegenüber: Krebs, Diabetes, Asthma und psychische Erkrankungen verschlimmern sich unter den Extrembedingungen. Die zusätzliche Herausforderung trifft auf ein ohnehin durch jahrzehntelange Sparpolitik und Privatisierungen ausgezehrtes Gesundheitssystem. Aber den Kommunen fehlt es an Geld für die Hitzeprävention, während für die Aufrüstung unbegrenzt Mittel vorhanden sind.

All dies zeigt, dass der Kampf gegen den Klimawandel und für eine lebenswerte Umwelt eng mit dem Kampf gegen den Kapitalismus verbunden ist. Nur die internationale Arbeiterklasse hat das Potenzial, diesen Kampf zu gewinnen. Entscheidend ist der Aufbau der dafür notwendigen marxistischen Führung – des Internationalen Komitees der Vierten Internationale und seiner Sektionen, in Deutschland der Sozialistischen Gleichheitspartei.

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