IG Metall und Betriebsrat feiern Kahlschlag bei HKM

Die Stahlarbeiter in Duisburg sind einem beispiellosen Kahlschlag ihrer Existenzgrundlage ausgesetzt – geplant, organisiert und durchgesetzt von der IG Metall.

Bei Thyssenkrupp werden Tausende Stellen gestrichen, und bei den Hüttenwerken Krupp Mannesmann (HKM) haben die IG Metall, der Betriebsrat und die Geschäftsführung der Salzgitter Stahl AG mit der Unterzeichnung eines Sozialtarifvertrags die Vernichtung von fast 2000 der 3000 Jobs besiegelt.

Thyssenkrupp-Betriebsratschef Tekin Nasikkol (links), Linken-Politiker Bodo Ramelow und HKM-Betriebsrat und Linken-Bundestagsabgeordneter Mirze Edis (ganz rechts) am 12. Juni 2026 auf einer Stahldemonstration in Berlin

Gerhard Erdmann, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Stahl und bis 2023 HKM-Finanzvorstand, erklärte am Montag in der Lokalpresse: „Was jetzt kommt, ist schlimmer als Rheinhausen.“

Mit „Rheinhausen“ meint Erdmann die Schließung des Krupp-Stahlwerks im Duisburger Stadtteil Rheinhausen, die den längsten Arbeitskampf in der Geschichte der Bundesrepublik auslöste. Als der Krupp-Konzern 1987 die Schließung des Stahlwerks ankündigte, zählte es noch 6300 Arbeiter. In der westdeutschen Stahlindustrie arbeiteten zu der Zeit noch 200.000 Menschen. Die Belegschaft in Rheinhausen reagierte mit der Besetzung des Betriebs und zahlreichen Protesten und Demonstrationen, die die gesamte Region einbezogen.

Schon damals hatte der IGM-Vorstand in Frankfurt längst dem Arbeitsplatzabbau in der Stahlindustrie – einschließlich Rheinhausen – zugestimmt. Die Gewerkschaftsspitzen machten gute Miene zum bösen Spiel. Sie taten, als ob sie an der Seite der Belegschaft kämpften, nur um hinter ihrem Rücken den Ausverkauf der Kruppianer zu organisieren.

Heute gibt es noch 80.000 Arbeitsplätze in der deutschen Stahlindustrie, und allein in Duisburg werden mindestens 7000 davon vernichtet. Und was machen der IGM-Apparat und seine Betriebsräte? Sie versuchen, dieses Arbeitsplatzmassaker als großen Erfolg und sogar als Maßnahme zur Sicherung von Arbeitsplätzen zu verkaufen. In einer gemeinsamen Presseerklärung bewerten die IG Metall und der HKM-Betriebsrat den Umbau des Konzerns „als mutige unternehmerische und industriepolitisch wichtige Entscheidung für Duisburg, Nordrhein-Westfalen und den Stahlstandort Deutschland“.

„Hier wird nicht abgewickelt, hier wird investiert. Hier wird industrielle Zukunft geschaffen“, freut sich Thomas Hay, Organisationssekretär der IG Metall und stellvertretender Vorsitzender des HKM-Aufsichtsrats. Und weiter: „In Zeiten, in denen viele Menschen das Gefühl haben, in Deutschland breche industriell alles weg, ist diese Entscheidung ein starkes Gegenbeispiel.“ Denjenigen, die dieses Gefühl haben, wirft er vor, sich zu täuschen. „Häufig ist das Gefühl düsterer als die Realität. Bei HKM erleben wir jetzt, dass mutige Entscheidungen Realität verändern können. Das freut uns sehr.“

Während der Funktionär Hay sich auf seinem gutbezahlten Gewerkschaftsposten über die Zerstörung der Arbeitsplätze und der Errungenschaften früherer Generationen freut, wittert die IG Metall offensichtlich, dass eine derart dreiste und zynische Verdrehungen der Tatsachen Wut und Empörung entfachen könnte.

Präventiv erklärt Karsten Kaus, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Duisburg-Dinslaken: „Wer jetzt nur von Arbeitsplatzabbau spricht, greift viel zu kurz.“ Denn die Alternative zu diesem „Fortführungskonzept“ sei „im schlimmsten Fall die Schließung“ gewesen. Das ist die Erpressungslogik des Konzerns: Entweder ihr akzeptiert, dass zwei Drittel der Belegschaft auf die Straße gesetzt werden, oder wir wickeln das Werk komplett ab. So spricht keine Arbeiterorganisation, sondern ein Komplize der Geschäftsleitung.

Der Kahlschlag bei HKM ist das Ergebnis eines mehrjährigen Prozesses, in dessen Verlauf die IG Metall und der HKM-Betriebsrat keinen Finger für die Verteidigung der Arbeitsplätze gerührt haben, dafür aber umso umtriebiger waren, den Widerstand der Belegschaft mit ohnmächtigen Warnstreiks und Protestaktionen zu demobilisieren.

Seitdem eine Schließung von HKM vor vier Jahren erstmals in die Diskussion gebracht wurde, agierte die IG Metall als verlängerter Arm des Konzerns. Anstatt die Arbeiter bei HKM, bei Thyssenkrupp – wo per „Sozialtarifvertrag“ ebenfalls insgesamt 11.000 Arbeitsplätze vernichtet werden – und in der gesamten Schwerindustrie zu gemeinsamen Streiks zu mobilisieren und ihre enorme Macht zu demonstreren, sorgten sie dafür, dass der Widerstand der Belegschaft möglichst unwirksam blieb.

Als Thyssenkrupp im April 2025 ankündigte, dass der Konzern nach 2032 keinen Stahl mehr von HKM beziehen werde, rief Kaus die Kapitulation aus. Man müsse sich „auf das Schlimmste vorbereiten – nämlich auf eine Schließung“. Seither ging die Gewerkschaft mit dem Vorschlag hausieren, dass der Verkauf oder die Übernahme von HKM die Arbeitsplätze „retten“ werde. Flankiert wurde dies durch gelegentliche Proteste und Warnstreiks, die als Sicherheitsventile für die Wut der Beschäftigten dienten.

„Wir wollen nicht streiken“, rief Vertrauenskörperleiter Dengel auf einer Protestkundgebung vor HKM Anfang Februar den versammelten Arbeitern zu und brachte damit das Kerninteresse des IGM-Apparats auf den Punkt.

Als im Februar dieses Jahres bekannt wurde, dass sich Thyssenkrupp und die Salzgitter AG auf Eckpunkte für die vollständige Übernahme von HKM durch Salzgitter geeinigt hatten, zeigten sich führende Vertreter der IG Metall begeistert – darunter NRW-Bezirksleiter Knut Giesler, der Geschäftsführer der IG Metall Duisburg-Dinslaken, Karsten Kaus, und HKM-Vertrauenskörperleiter Philipp Dengel.

Marco Gasse, Chef des Betriebsrats bei HKM, erklärte: „Für den Moment sind wir einfach nur glücklich. Nun gilt es für uns als Betriebsrat, den Übergang fair zu gestalten.“ Dabei hatte Salzgitter-Chef Gunnar Groebler von Beginn an klargestellt, dass er nur mit 1000 der 3000 Beschäftigten die Aufrechterhaltung der Stahlproduktion plane.

Einige Details der „fairen Gestaltung“, an der die IG Metall entscheidend mitbeteiligt war, sind seit Mitte Juli bekannt. Im Zentrum des Sozialtarifvertrags steht ein massiver Stellenabbau. Von den bisher knapp 3000 Stammbeschäftigten und Leiharbeitern werden rund 1800 – mehr als die Hälfte – bis zum 30. Juni 2029 entlassen. 500 sollen bis zum 1. Oktober dieses Jahres „freiwillig ausscheiden“. Zu diesem Datum soll einer von zwei verbliebenen Hochöfen im Werk außer Betrieb gehen. Der zweite Hochofen soll dann Mitte 2029 durch einen Elektrolichtbogenofen ersetzt werden, für dessen Betrieb dann nur noch etwas mehr als 1000 Beschäftigte notwendig sind.

Angepriesen wird der Umbau unter dem Schlagwort der „grünen“ Stahlproduktion. Doch diese wird nicht im Interesse von Klima oder Beschäftigten betrieben, sondern dient als Hebel, um Standorte zu schließen, Belegschaften zu reduzieren und die Profite in einem verschärften Handels- und Wirtschaftskrieg zu sichern.

Unterstützt werden Betriebsrat und Gewerkschaft von der Linkspartei. Deren industriepolitischer Sprecher im Bundestag, Mirze Edis, der gleichzeitig HKM-Betriebsrat ist, setzte nach der Bekanntgabe der Übernahme durch Salzgitter zu einer Lobeshymne auf alle Beteiligten an. Er erklärt völlig ungeniert, er persönlich sei „glücklich, dass ich mit zahlreichen Gesprächen mit Vorstandschefs zu diesem Erfolg beitragen konnte“.

Im Namen der Linksfraktion im Bundestag sprach er nicht nur den sogenannten „Arbeitnehmervertretern“ seinen Dank aus, sondern auch dem Salzgitter-Konzern, „der die Verantwortung nicht nur HKM gegenüber übernommen hat, sondern auch für die Region eingesetzt hat [sic!]“. Es brauche „mehr solche Konzernleitungen in Deutschland, die ihrer Verantwortung auch gegenüber unseren Regionen gerecht werden“. Auch der Demokratie werde auf diese Weise geholfen, behauptete er.

Edis stellt hier die Rolle der Linkspartei offen zur Schau. Während die Merz-Regierung Kriegspolitik, Sozialkahlschlag und den Umbau der Industrie auf Kriegsproduktion mit Volldampf vorantreibt, stellt sich die Linkspartei hinter die IG Metall, die den Kahlschlag organisiert, und sogar offen auf die Seite der Konzerne, die aus dem Kahlschlag ihre Profite ziehen. Indem sie den notwendigen Kampf für die Rechte der Arbeiter sabotiert, hilft die Linkspartei nicht der Demokratie, sondern treibt der AfD Wähler zu.

Die letzten Jahre machen klar: Bei HKM und in der gesamten Industrie sind neue Arbeiterorganisationen notwendig, um die Stärke der Arbeiter, ohne die kein einziges Kilo Stahl produziert werden könnte, kompromisslos gegen die jahrzehntelangen Angriffe der Konzerne zu mobilisieren. Die Bilanz des IGM-Apparats bei HKM und anderswo zeigt, wie dringend der Aufbau von Aktionskomitees ist, die von den Arbeitern selbst kontrolliert werden.

Wer nicht tatenlos zusehen will, wie die IG Metall weiter Arbeitsplatz um Arbeitsplatz aufgibt und den Kahlschlag auch noch als Erfolg feiert, muss jetzt handeln. Die Verteidigung der Arbeitsplätze können die Arbeiter nur selbst in die Hand nehmen – unabhängig vom Gewerkschaftsapparat, der längst auf der anderen Seite der Barrikade steht.

Wir rufen alle Stahlarbeiter, alle Beschäftigten bei HKM, Thyssenkrupp und in der gesamten Industrie auf: Baut mit uns Aktionskomitees auf, die ihr selbst kontrolliert, die keine faulen Kompromisse schließen und die den Kampf für jeden einzelnen Arbeitsplatz führen! Meldet euch bei uns. Füllt das Formular aus oder schreibt eine schreibt eine Nachricht über WhatsApp an die +491633378340.

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