Die Salzburger Festspiele im Schatten von Aufrüstung und Krieg

Noch bis Ende August finden die diesjährigen Salzburger Festspiele statt. Das weltweit bedeutendste Festival der klassischen Musik und darstellenden Kunst wurde vor über 100 Jahren vom Theaterregisseur Max Reinhardt und dem Dramatiker Hugo von Hofmannsthal ins Leben gerufen und bietet auch diesen Sommer eine Vielzahl von Konzerten, Opern-, Theater- und Filmvorführungen, darunter eine Reihe faszinierender Neuinszenierungen.

Die Plätze und Cafés von Salzburg sind von Diskussionen über Musik, Schauspiel und Regie erfüllt. Anders als im vergangenen Jahr herrschen allerdings eine gespannte Stimmung und Unruhe.

Markus Hinterhäuser [Photo by Salzburger Festspiele / Franz Neumayr ]

Denn derjenige, dessen künstlerische Handschrift das Programm prägt, wurde wenige Wochen vor Beginn der Festspiele gefeuert. Markus Hinterhäuser, weltbekannter Pianist und Kulturmanager, hatte von 2014 bis 2016 die Wiener Festwochen und ab Oktober 2016 die Salzburger Festspiele geleitet. Unter seiner Regie erreichten letztere eine über 98-prozentige Auslastung mit über 250.000 Besuchern im letzten Jahr. Im April 2024 wurde sein Vertrag vom Festspielkuratorium ein weiteres Mal um fünf Jahre bis September 2031 verlängert.

Doch Ende März, wenige Wochen vor Beginn der Proben, wurde er überraschend „mit sofortiger Wirkung“ beurlaubt, sein Vertrag auf Ende September verkürzt. Das Festspielkuratorium, zu dem die ÖVP-Landeshauptfrau Karoline Edlstadler und der SPÖ-Bürgermeister der Stadt Salzburg und frühere Betriebsratsvorsitzende der Porsche Holding Bernhard Auinger gehören, sprach von „unüberbrückbaren Differenzen“, Kommunikationsproblemen und einer Missachtung der „Wohlverhaltensklausel“.

In Wahrheit deutet alles auf eine politische Einflussnahme hin, um die Salzburger Festspiele der zunehmenden Aufrüstung gegen Russland anzupassen.

Der Ablauf der Ereignisse macht das sehr deutlich. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 geriet Markus Hinterhäuser in die Kritik, weil er zu den wenigen Kulturmanagern gehörte, die sich weigerten, russische Künstler auszuladen. Die Sängerin Anna Netrebko durfte auftreten, und vor allem arbeitete Hinterhäuser weiterhin eng mit dem international gefeierten griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis zusammen, der auch in diesem Jahr mit seinem Ensemble auftritt. Seine Hommage an den ungarisch-jüdischen Komponisten György Kurtág in der Salzburger Kollegienkirche mit Musik von Kurtag und Arvo Pärt stieß auf große Bewunderung.

Die Forderung an Teodor Currentzis, sich öffentlich gegen Russland und das Putin-Regime zu wenden, lehnt dieser ab, betont die Freiheit der Kunst und sein Recht, zum gegenwärtigen Krieg „zu schweigen“. Markus Hinterhäuser hat ihn bis zuletzt gegen die Attacken verteidigt.

Erst Ende letzten Jahres, wenige Wochen vor Bekanntwerden der Querelen im Kuratorium, spitzte sich der Streit um Currentzis zu. Als ihn der österreichische Kultusminister Andreas Babler (SPÖ) Ende 2025 in die „Kurie für Kunst“ aufnahm und mit dem „Österreichischen Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst“ auszeichnete, schalteten sich der ukrainische Botschafter in Österreich Vasyl Khymynets und einige Medien ein und versuchten, dies zu verhindern. Markus Hinterhäuser verteidigte Currentzis erneut vehement.

Kurze Zeit später brachen im Kuratorium „Differenzen“ über die Neubesetzung der Schauspielleitung auf. Hinterhäuser habe die Kriterien des Bewerbungsprozesses nicht eingehalten, hieß es. In Wahrheit steht auch hier die Frage der Ukraine im Hintergrund.

2024/25 war eine Saison lang Marina Davydowa Schauspielleiterin der Festspiele, eine exilrussische Theatermanagerin, die sich unmittelbar nach Beginn des Ukraine-Kriegs als Putin-Gegnerin positioniert und nach Berlin übergesiedelt war. Hinterhäuser beendete ihren Vertrag, als bekannt wurde, dass sie sich parallel für das „Voices Performing Arts Festival“ in Berlin als künstlerische Beraterin betätigte, was sie ihm nicht als Nebentätigkeit angezeigt hatte. Das „Voices“-Festival war nach Beginn des Ukrainekriegs als Plattform für Exilkünstlerinnen und Künstler unter anderem aus Russland und Belarus sowie für ukrainische Kulturschaffende gegründet worden.

Davydowa organisierte für die Festspiele 2024 auch eine Lesung „Hallo, hier spricht Nawalny – Briefe eines freien Menschen“, mit Texten des im Westen gefeierten und Anfang 2024 verstorbenen russischen Regimegegners Alexej Nawalny aus dem Gefängnis. In der Schauspielsaison danach setzte Hinterhäuser diese Lesung wieder ab.

Den letzten Auslöser der Absetzung Hinterhäusers lieferte ein Artikel des deutschen Spiegel-Magazins am 26. März, der den Zweck verfolgte, die politischen Hintergründe durch persönliche Unterstellungen und Gerüchte zu verdecken. Sebastian Hammelehle, Kulturressortleiter von 2018 bis 2023, zitiert darin anonyme Mitarbeiterinnen, die Hinterhäuser als frauenfeindlichen Choleriker angreifen und interviewt bezeichnenderweise Marina Davydowa mit Namen. Ihre Aussage, Hinterhäuser habe zu ihr gesagt, „Was grinst du mich so verächtlich an?“, war für den Redakteur gleich einen Titel wert.

Wie auf Bestellung erschien am 26. März um 12:50 Uhr sein Spiegel-Bericht online. Um 13:30 Uhr – also etwa 40 Minuten später – verkündete das Kuratorium die sofortige Trennung vom Intendanten Markus Hinterhäuser!

Einen letzten Hinweis auf die politischen Hintergründe liefert die Einladung der prowestlichen belarussischen Oppositionspolitikern Maryja Kalesnikawa als Rednerin bei der offiziellen Eröffnungsfeier am 26. Juli. Die ehemalige Aktivistin für den belarussischen Bankier Wiktar Babaryka im Präsidentschaftswahlkampf gegen Lukaschenko und politische Gefangene in Belarus seit 2020, zugleich Flötistin, die ihr Studium teilweise in Stuttgart absolvierte, war von der deutschen Regierung mithilfe der Ukraine 2025 nach Deutschland geholt worden. In Anwesenheit von Gästen aus der österreichischen und internationalen Politik und Wirtschaft schwadronierte sie in ihrer Rede über Demokratie und Freiheit, ohne ein Wort zur Freiheit der Kunst zu verlieren, für die sich Hinterhäuser einsetzte.

Kunst als Ort historischer Erinnerung und gesellschaftlicher Kritik

Der Rauswurf Hinterhäusers hat unter Künstlern und Besuchern heftigen Protest hervorgerufen. Manch ein Musikfreund erinnert in diesen Tagen an Wolfgang Amadeus Mozarts Vertreibung aus seiner Geburtsstadt Salzburg vor 245 Jahren. Erst demütigt ihn sein Dienstherr Erzbischof Colloredo als „Lump“ und „Flegel“. Und dann „schmeißt“ ihn dessen Kammerherr Graf Arco mit „einem Tritt im Hintern“ zur Tür hinaus – so Mozarts Worte im Brief an seinen Vater am 9. Juni 1781.

Der neuerliche Salzburger Fußtritt stößt in den Straßen auf Empörung. Hinterhäuser wird mit Bravo-Rufen begrüßt, bei seinen Auftritten als Pianist, die er nicht abgesagt hat, bejubelt. Beim Liederabend von Schuberts „Winterreise“ Ende Juli, bei dem er den Bariton Matthias Goerne begleitet, wurde er mit riesigen Applaus empfangen und am Ende langanhaltend mit stehendem Beifall verabschiedet.

Schon vor Beginn der Spiele im April unterzeichneten rund 60 namhafte Künstlerinnen und Künstler einen offenen Protestbrief, darunter Peter Handke, Elfriede Jelinek, Robert Carsen, Michael Haneke, Igor Levit, Tobias Moretti, Asmik Grigorian, der vor einer Beschädigung des „Geistes von Salzburg“ warnt und die internationale Bedeutung des Festivals anmahnt.

Hinterhäuser verkörpert eine Generation europäischer Kultur, die aus den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts hervorgegangen ist: aus der Auseinandersetzung mit Faschismus, Krieg und Nationalismus, aus den kulturellen Aufbrüchen der Nachkriegszeit und aus der Überzeugung, dass große Kunst gerade durch ihre internationale Offenheit und ihre kritische Distanz zu politischen Machtinteressen gesellschaftliche Bedeutung gewinnt.

Früh arbeitete Hinterhäuser mit dem 2014 verstorbenen, ehemaligen belgischen Intendanten Gérard Mortier in Salzburg zusammen, dessen Reformkonzept für die Festspiele seit 1991 darauf zielte, sie für Gegenwartskunst und gesellschaftliche Debatten zu öffnen. Zugleich arbeitete er mit Künstlern zusammen, deren Werk seit Jahrzehnten zum Kanon einer kritischen europäischen Kultur gehört: Christoph Marthaler, Elfriede Jelinek, Peter Handke oder Michael Haneke.

Die Zusammenarbeit mit Marthaler bei den Wiener Festwochen – vor allem bei der theatralisch-musikalischen Produktion „Schutz vor der Zukunft“, die sich mit den nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen und allgemein vergangener und zukünftiger Ausgrenzung und Selektion beschäftigt – zeigt exemplarisch, dass Hinterhäuser Kunst als Ort historischer Erinnerung und gesellschaftlicher Kritik verstand.

Von Peter Handke („Schnee von gestern, Schnee von morgen“) und Elfriede Jelinek („Unter Tieren“) präsentieren die diesjährigen Festspiele neue Werke. Andere neue Aufführungen in diesem Jahr reflektieren ebenfalls die gegenwärtige Gesellschaft, wie die von Gabriela Carizzo neuinszenierte Oper Carmen von Georges Bizet, die Carmen (Asmik Grigorian) und ihren späteren Mörder Don José (Jonathan Tetelman) auf dem Hintergrund einer verrohten Gesellschaft in einem Polizeistaat darstellt.

Philipp Hochmair als Jedermann (2026) [Photo by SF / Monika Rittershaus]

Schon der traditionelle Auftakt mit dem Schauspiel „Jedermann – das Sterben des reichen Mannes“ von Hugo von Hofmannsthal, mit dem Max Reinhardt im Jahr 1920 die Festspiele begründet hatte, bringt die Gegenwart auf den Punkt. In Robert Carsens Inszenierung ist der „Jedermann“ ein heutiger protziger Superreicher. Er kommt im goldenen Mercedes-Cabriolet vorgefahren, seine Leute schleppen Golfbags, es gibt Party, Luxus, Tanz, Champagner und eine geradezu demonstrative Welt des Überflusses.

Angesichts des Todes verliert er zunächst Anzug, Luxus, Auto, Geld, Diener, Freunde, Geliebte – also alles, wodurch er gesellschaftlich „jemand“ ist. Und am Ende verliert er in der diesjährigen Aufführung sogar die letzte körperliche Hülle. Philipp Hochmair, der Darsteller des Jedermann, tritt nackt auf die Bühne, nicht in Unterhose wie vergangenes Jahr. Nicht nur der Besitz des Superreichen, sondern auch seine gesellschaftliche Rolle fallen weg, wie mit diesem allegorischen Bild gezeigt wird.

„Wohin sollen sich die Festspiele in Zukunft bewegen?“

Am 1. August ergriff Markus Hinterhäuser bei einer Solidaritätsveranstaltung des „Passauer Kreises“ selbst das Wort und erklärte: „Das Wichtige ist, dass wir in diesem Memorandum keine Selbstfeier veranstalten, sondern zum Ausdruck bringen wollten, was Festspiele sein können, sein sollten, vielleicht auch sein müssen: nämlich eine Haltung zur Welt. Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Wohin sollen sich die Festspiele in Zukunft bewegen, auch perspektivisch, damit es sie nicht nur 100 Jahre, sondern 150, 200 Jahre gibt? Einige Protagonisten, die glauben, auf die Festspiele großen Einfluss nehmen zu müssen, wird es sicher nicht mehr geben“, so Hinterhäuser.

„Aber die Festspiele wird es geben. Sie waren ganz wesentlich ein politisches Projekt, ein Friedensprojekt nach dem Ersten Weltkrieg inmitten der sozialen und wirtschaftlichen Katastrophe. Da gab es Menschen, die den Mut hatten, etwas ins Leben zu rufen, das heute noch Bestand hat. Und das sage ich jetzt bewusst: Es ist wirklich nicht in Ordnung, das Kostbarste, was Salzburg der Welt zu bieten hat, als Instrument politischer Kleingeistigkeit zu missbrauchen. Das ist ein sehr gefährlicher Vorgang. Das darf nicht passieren, da müssen wir alle achtsam sein, dass so etwas nicht wieder passiert.“

Auch wenn sein Verweis auf politische „Kleingeistigkeit“ die heutige militärische Drohkulisse zu beschränkt sieht, ist diese Warnung und Bezugnahme auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ernst zu nehmen. Die Ereignisse in Salzburg können von der gegenwärtig zugespitzten politischen Situation, die die Welt erneut in einen Weltkrieg zu stürzen droht, nicht getrennt werden.

Die hysterische Kriegspropaganda gegen Russland ist begleitet von immer heftigeren Angriffen auf die Freiheit von Kunst und Kultur. Von öffentlichen Kulturinstitutionen wird verlangt, sich den Interessen und Kriegszielen der herrschenden Eliten unterzuordnen, sei es dem diktatorischen ukrainischen Regimes im Krieg gegen Russland oder der rechtsextremen israelischen Regierung und ihrem Völkermord im Nahen Osten.

Die plötzliche Entlassung eines beliebten, in der Kulturwelt als fortschrittlich und kritisch bekannten Intendanten erinnert nicht nur an Mozarts Fußtritt durch den Salzburger Adel, sondern ruft auch düstere Erinnerungen an das Jahr 1938 hervor, als nach dem Anschluss an Nazi-Deutschland der musikalische Leiter der Festspiele und Direktor des Mozarteums Bernhard Paumgartner entlassen und die Salzburger Festspiele „gleichgeschaltet“ wurden.

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