Perspektive

Grauenhafte Zustände an Bord der USS Abraham Lincoln: Die Verachtung der herrschenden Klasse für die Soldaten, die sie in den Krieg schickt

Marinematrosen an Deck des Flugzeugträgers USS Abraham Lincoln (CVN 72) beim Munitionstransport für den illegalen Krieg gegen den Iran, 3. März 2026 [AP Photo/U.S. Navy]

Mehrere Suizidversuche von Matrosen auf der USS Abraham Lincoln haben die unerträglichen Bedingungen an Bord des Flugzeugträgers offenbart, der seit 268 Tagen, davon 200 Tage ohne Anlaufen eines Hafens, im Krieg der USA gegen den Iran im Einsatz ist.

Am 3. August versuchte ein Matrose, sich durch einen Sprung von der Lincoln ins Arabische Meer umzubringen. Zuvor hatte er wegen psychischer Probleme und Burnout Hilfe gesucht, diese wurde ihm jedoch verweigert. Der Matrose wurde schnell von seinen Schiffskameraden gerettet und nach einer medizinischen Untersuchung von Bord gebracht.

Obwohl die US-Marine keine genauen Zahlen nennt, deuten Berichte darauf hin, dass mindestens sechs Matrosen während der Rekordzeit auf See des Flugzeugträgers versucht haben, über Bord zu gehen, oder dies angedroht haben.

Am Sonntag berichtete der Guardian  über Schilderungen dreier Marinefamilien, deren Angehörige auf der Lincoln und dem amphibischen Kriegsschiff USS Tripoli dienen. Sie berichteten über Männer, die 20 bis 30 Pfund abgenommen hatten. Die Mutter eines Matrosen auf der Tripoli, die selbst sechs Jahre bei der Marine gedient hatte, sagte von ihrem Sohn, er sei „ausgemergelt“.

Die Krise beschränkt sich nicht auf diese beiden Schiffe. Wie The Daily Beast am 14. August berichtete, ist die USS George H.W. Bush, ein anderer, derzeit im Arabischen Meer kreuzender Flugzeugträger, seit 146 Tagen auf See und hat an Bord, in den Worten eines Familienangehörigen, „praktisch kein Essen, Wasser oder Seife“.

Ein Matrose von der Lincoln schrieb an seine Schwester: „Das Wasser ist so schlecht, dass man die Trinkbrunnen entfernt hat.“ Er beschrieb den Zustand der psychologischen Betreuung an Bord des Flugzeugträgers: „Unser Berater für psychische Belastbarkeit im Einsatz hat vor Monaten gekündigt. Um den EINZIGEN PSYCHIATER zu sehen, muss man fünf Wochen warten – es sei denn, man macht es wie drei unserer Schiffskameraden und springt von Bord oder nimmt 27 Schlaftabletten.“

Auf der atomgetriebenen Lincoln leben und arbeiten fünftausend Matrosen in 12-Stunden-Schichten unter einem Flugdeck, welches das Schiff Tag und Nacht mit ohrenbetäubendem Lärm erfüllt. Sie schlafen in Schlafkabinen mit drei übereinanderliegenden Kojen, essen in Kombüsen, die täglich 15.000 Mahlzeiten ausgeben, und trainieren in Fitnessräumen, in denen es oft fast 40 Grad heiß ist.

Auf den immer schlechteren psychischen Zustand der Besatzung hat die Marine mit einer 200.000 Dollar teuren Renovierung reagiert. Dabei sind die Bibliotheksräume des Schiffes in drei USO-„Notfallzentren“ umgewandelt worden. Die Marine weigert sich nach wie vor, den Familien und Matrosen ein Rückkehrdatum mitzuteilen.

Während die kapitalistischen Politiker und die Mainstream-Medien endlos über „die Truppen“ reden, haben sie für die Matrosen selbst nur Verachtung. Auf die Frage eines Reporters am Freitag auf der Joint Base Andrews, ob der Einsatz zu lange gedauert habe, antwortete US-Präsident Donald Trump: „Nein, nein, nein. Bei weitem nicht lange genug.“ Das ist die Antwort eines psychopathischen Sadisten, der nicht einmal so tut, als interessiere es ihn, ob die Matrosen, die er seit neun Monaten auf See festhält, leben oder sterben.

Trump spricht für die Elite des US-Kapitalismus, die seit 35 Jahren versucht, den Niedergang ihrer Weltmachtstellung mit militärischer Gewalt zu kompensieren. Dies begann 1991 im Irak und ging über Jugoslawien, Afghanistan, erneut den Irak, Libyen, Syrien und den Jemen bis heute zur Ukraine. Und die herrschende Schicht geht davon aus, den Krieg auf unbestimmte Zeit fortzusetzen. Der Angriff auf den Iran ist eine kriminelle Operation, die sowohl gegen internationales als auch gegen amerikanisches Recht verstößt und einem Land mit mehr als 90 Millionen Einwohnern unendliches Leid, Tod und Zerstörung zufügt.

In der Kalkulation derjenigen, die ihn lenken, sind die endlos verherrlichten „Truppen“ bloß Kanonenfutter – entbehrliches Rohmaterial wie die Bomben und der Düsentreibstoff. Noch unwichtiger sind ihnen nur die iranischen Männer, Frauen und Kinder, die von den Bomben getroffen werden.

Die Lincoln selbst verkörpert diese Geschichte. Im Jahr 1988 am Vorabend des Zerfalls der Sowjetunion vom Stapel gelaufen, diente der Flugzeugträger dem amerikanischen Imperialismus während der gesamten Kriegszeit, die mit dem Golfkrieg von 1991 begann. Am 1. Mai 2003 landete George W. Bush auf seinem Flugdeck und sagte unter einem Transparent mit der Aufschrift „Mission Accomplished“ den berüchtigten Satz: „Die größeren Kampfhandlungen im Irak sind beendet.“ Das war eine Lüge.

Heute, 23 Jahre später, ist dasselbe Schiff – mit defekter Klimaanlage, schimmeligen Duschen, kaputten Toiletten und ohne funktionierende Wäscherei – seit 268 Tagen auf See, hat mehr als 10.000 Einsätze gegen den Iran absolviert und ist nun an der Blockade der Straße von Hormus beteiligt. Familienangehörige berichten nach den monatelangen, intensiven Bombardierungen über mehrere Löcher im Flugdeck der Lincoln; ein Vater, selbst Marineveteran, sagte dem Sender MS NOW, sein Sohn habe die Schäden mit eigenen Augen gesehen.

Das Projekt „Kriegskosten“ der Brown University stellte 2021 fest, dass seit den Kriegen, die auf den 11. September folgten, mindestens viermal so viele aktive Soldaten und Veteranen durch Suizid ums Leben gekommen sind, wie im Kampf getötet wurden. Nach Angaben des Kriegsveteranenministeriums nehmen sich täglich mehr als 17 Veteranen das Leben.

Die Mannschaften an Bord der Lincoln stammen, wie überall in der Marine, überwiegend aus Arbeiterfamilien und Familien der unteren Mittelschicht. Sie treten direkt nach Schulabschluss oder dem Besuch eines Community College in die Marine ein, weil sie so ein regelmäßiges Einkommen, Krankenversicherung und die Chance auf eine technische Ausbildung und finanzielle Unterstützung dafür bekommen. Ein Matrose im niedrigsten Dienstgrad verdient nach vier Monaten Dienstzeit ein Grundgehalt von 2.407,20 Dollar (2046 Euro) im Monat – für 12-Stunden-Schichten, sieben Tage die Woche, auf einem Kriegsschiff in einer Kampfzone. Eine Studie der RAND-Corporation aus dem Jahr 2022 ergab, dass jeder vierte aktive Soldat unterernährt ist.

Leo Trotzki schrieb in Die Geschichte der russischen Revolution: „Die Armee stellt überhaupt ein Abbild der Gesellschaft dar, der sie dient, mit dem Unterschiede, dass sie den sozialen Beziehungen einen konzentrierten Charakter verleiht, deren positive und negative Züge in ihr extremsten Ausdruck finden.“[1]

Ein US-Flugzeugträger verfügt über bis zu zwölf F-35C-Stealth-Kampfflugzeugen im Wert von jeweils über 100 Millionen Dollar – aber nicht über Wasser, das man trinken kann. Eine Regierung, die die Kosten des Iran-Kriegs auf 80 bis 100 Milliarden Dollar schätzt, stellt einer Besatzung von 5.000 Männern und Frauen nur einen einzigen Psychiater zur Verfügung, bei dem man fünf Wochen auf einen Termin warten muss.

Die Milliardärsoligarchie, die das Land kontrolliert und Donald Trump für eine zweite Amtszeit ins Weiße Haus gehievt hat, behandelt das Leben der Matrosen genauso wie das Leben der Arbeiter in den Fabriken und Lagerhäusern, wo sie herkommen, als Kostenfaktor, den es zu minimieren gilt.

Vertreter der Demokratischen Partei, die über die Behandlung von Matrosen und Soldaten durch das Pentagon und das Weiße Haus genau Bescheid wissen, tun so, als hätten sie die unerträglichen Zustände an Bord der Lincoln gerade erst entdeckt. Tatsächlich erwähnen sie sie nur, weil Familienangehörige über die Behandlung ihrer Liebsten wütend sind und Aufklärung fordern.

Bezeichnend war die Reaktion des demokratischen Senators Ruben Gallego aus Arizona, eines Veteranen der Marineinfanterie. In der ABC-Sendung „This Week“ am Sonntagmorgen sagte Gallego, die Trump-Regierung habe „diesen Krieg nicht geplant und keinen Plan, wie man aus diesem Krieg wieder herauskommt“. Das ist nicht die Sprache der Opposition, sondern der Unterstützung für eine Fortsetzung des Krieges.

Am aufschlussreichsten war Gallegos Sorge darüber, was passiert, „wenn sie nach Hause zurückkehren (…) lohnt es sich dann noch, wieder einzutreten?“ Seine Sorge gilt nicht den Matrosen, sondern dem Rekrutierungsbüro: Die Aufdeckung dieser Zustände untergräbt die Fähigkeit des Militärs, junge Menschen für den eskalierenden globalen Krieg zu rekrutieren.

Der Krieg gegen den Iran und die Kriege, die gegen Russland und China in Vorbereitung sind, können nur gestoppt werden, wenn die internationale Arbeiterklasse der Finanzoligarchie die politische Macht entreißt und das Wirtschaftsleben auf sozialistischen Grundlagen neu organisiert.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) und die Sozialistischen Gleichheitsparteien kämpfen für die sofortige Beendigung des Kriegs gegen den Iran, die Aufhebung der Blockade, den Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Nahen Osten, den Widerstand gegen Washingtons Kriegsvorbereitungen gegen Russland und China sowie für die Einheit der amerikanischen und iranischen Arbeiter gegen den Krieg.


[1]

Leo Trotzki, Die Geschichte der russischen Revolution, Bd. 1, Essen 2010, S. 214

Loading