Eine Beurteilung des Jahrzehnts der sozialistischen Revolution und die Aufgaben der Socialist Equality Party

Wir veröffentlichen hier den Bericht, mit dem David North den Neunten Parteitag der Socialist Equality Party (US) eröffnete. Der Kongress fand vom 2. bis zum 7. August 2026 statt. Der Eröffnungsbericht leitete die Diskussion über die erste Resolution ein, die anschließend einstimmig angenommen wurde: „Die SEP und der Kampf gegen den imperialistischen Krieg“.

Ein historischer Wendepunkt

1. Der Neunte Parteitag der Socialist Equality Party findet an einem entscheidenden Wendepunkt in der politischen Geschichte der Vereinigten Staaten und der Welt statt – am Schnittpunkt von Krieg, Wirtschaftskrise und rasch fortschreitender sozialer Radikalisierung. Die Aura der amerikanischen Unbesiegbarkeit, die über dreieinhalb Jahrzehnte hinweg mit der brutalen Strategie der „Shock and Awe“-Bombardements aufgebaut wurde, ist zerstoben.

2. Die herrschende Klasse hat Trump im Glauben an die Macht gebracht, dass die Interessen der Oligarchie bei diesem skrupellosen Gangster gut aufgehoben seien. Im Vorwort zu „Oligarchy: Trump and the Breakdown of American Democracy“ – dem derzeit wichtigsten Buch über amerikanische Politik – wird folgende Frage aufgeworfen:

Welche Konstellation aus sozialen und wirtschaftlichen Prozessen hat einen solchen Mann an die Macht gebracht? Was hat dafür gesorgt, dass er ein Jahrzehnt voller Skandale und Verbrechen überlebt hat, von denen jeder einzelne ausgereicht hätte, die Karriere eines jeden anderen amerikanischen Politikers vor ihm zu ruinieren? Und die wichtigste Frage: In wessen Interesse regiert er?

Diese letzte Frage ist eindeutig zu beantworten. Trump ist das politische Werkzeug der Wirtschafts- und Finanzoligarchie, die die Herrschaft über die Vereinigten Staaten übernommen hat – eine Finanzaristokratie, die Reichtümer angehäuft hat, deren Ausmaß in der Menschheitsgeschichte ohne Beispiel ist. Ihren grundlegenden Interessen gemäß begegnet diese Aristokratie demokratischen Regierungsformen mit unversöhnlicher Feindschaft.[1]

3. Im Kampf gegen die Macht der Sklavenhalter, die die Union zu zerstören drohte, machte die noch junge amerikanische Bourgeoisie in der provinziellen Prärie-Stadt Springfield (Illinois) einen Abraham Lincoln ausfindig und brachte ihn ins Weiße Haus. In den 1930er Jahren, mitten in der Weltwirtschaftskrise, brachte der noch im Aufschwung befindliche amerikanische Imperialismus einen Politiker vom Kaliber eines Franklin Delano Roosevelt hervor. Heute dagegen findet die Degeneration der amerikanischen herrschenden Klasse ihren obszönsten Ausdruck in einem Präsidenten, der an eine Figur aus einem Scorsese-Film erinnert.

4. Trumps Erfahrungen in der Unterwelt des New Yorker Immobiliengeschäfts und den Casinos von Atlantic City haben ihn allerdings nicht auf die katastrophalen Folgen seines verbrecherischen Krieges gegen den Iran vorbereitet. Allerdings ist nicht nur die Trump-Regierung orientierungslos und diskreditiert. Dieser Krieg wurde mit der Unterstützung beider Parteien angezettelt. Die Demokratische Partei begrüßte die ersten Bombenangriffe und die Entmachtung der iranischen Regierung. Die Strategie, die die Außenpolitik der Vereinigten Staaten seit 35 Jahren bestimmt – zusammengefasst in dem berüchtigten Satz des Wall Street Journal: „Force Works“ („Gewalt funktioniert“) – liegt in Trümmern.

Präsident Donald Trump in einer Kabinettssitzung im Weißen Haus am 2. Dezember 2025, in Washington, mit Außenminister Marco Rubio (links) und Verteidigungsminister Pete Hegseth (rechts) [AP Photo/Julia Demaree Nikhinson]

5. Das Iran-Debakel wird Schockwellen durch das gesamte amerikanische und internationale politische System jagen. Die ersten wirtschaftlichen und politischen Erschütterungen machen sich bereits bemerkbar. Ganz unmittelbar wird sichtbar, wie verfault das bestehende, auf dem Kapitalismus basierende Gesellschaftssystem bereits ist – das Zweiparteiensystem, die von Konzernen kontrollierten Medien, die korrupte Wissenschaft, der bürokratischen Gewerkschaften, der identitätsbesessenen, wohlhabenden Pseudolinken und die stumpfsinnige Kultur.

6. Der Krieg ist kein isoliertes Ereignis, das nichts mit umfassenderen Prozessen zu tun hätte. Das Zusammentreffen von militärischer Niederlage, gesellschaftlicher Radikalisierung und politischer Krise ist weder Zufall noch ein Blitz aus heiterem Himmel. Es ist das Ergebnis der Widersprüche des amerikanischen und des Weltkapitalismus, die von der trotzkistischen Bewegung vorhergesehen und analysiert wurden. Die Arbeit dieses Kongresses muss daher mit einer Überprüfung der Perspektive beginnen, von der sich die Partei bei ihrer Arbeit leiten ließ.

I. Das Jahrzehnt der sozialistischen Revolution

7. Am 3. Januar 2020 veröffentlichte die World Socialist Web Site eine Neujahrserklärung mit dem Titel „Das Jahrzehnt der sozialistischen Revolution ist angebrochen“. In den sechseinhalb Jahren, die seither vergangen sind, hat diese Erklärung eine bestimmte Art von Kritik auf sich gezogen, deren Methode im Wesentlichen darin besteht, mit dem Finger auf den Kalender zu zeigen: Da bislang noch nirgendwo auf der Welt eine Arbeiterregierung errichtet wurde, sei die Aussage dieser Überschrift widerlegt. Diese Argumentation geht auf keinen einzigen Satz ein, den das Dokument tatsächlich enthält.

8. Die Kritik dieses Genres findet ihren ausgefeiltesten akademischen Ausdruck in John Kellys „The Twilight of World Trotskyism“. Dieses Buch ist der These gewidmet, dass die trotzkistische Bewegung ein dem Aussterben geweihtes historisches Relikt sei, und wendet sich insbesondere gegen unsere Neujahrsperspektive aus dem Jahr 2020. Kelly schreibt:

Hermetisch in ihrem Doktrinarismus eingeschlossen und feindlich gegenüber echter empirischer Forschung oder theoretischer Innovation sind die Organisationen des orthodoxen Trotzkismus dazu verdammt, die Parolen und Strategien des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts ewig zu wiederholen, in der Überzeugung, dass diese Ideen – und nur diese – den Schlüssel zu ihrer bevorstehenden Verwandlung in revolutionäre Massenparteien darstellen, die weltweit Angriffe im leninistischen Stil auf die Macht des Kapitals führen werden.[2]

9. Dieser Absatz verdeutlicht den theoretischen und politischen Bankrott des Neostalinismus und der damit verbundenen Formen kleinbürgerlicher Politik, die in der akademischen Welt florieren. Jeder Punkt dieser Anklage stellt die Realität auf den Kopf. Was Kelly als „Doktrinarismus“ verspottet, ist die Verteidigung der historischen Kontinuität des Marxismus – der einzigen theoretischen Grundlage, auf der eine wissenschaftliche Prognose möglich ist. Die „empirische Forschung“, die er für sich beansprucht, hat ein Buch hervorgebracht, das am Vorabend der größten Krise des Weltkapitalismus seit 1945 den Niedergang des Trotzkismus verkündet.

10. Die von Kelly verspotteten „Parolen und Strategien“ bilden die theoretischen und programmatischen Grundlagen der Strategie der sozialistischen Revolution in der imperialistischen Epoche. Hier ein paar Beispiele für den „Doktrinarismus“, den Kelly beanstandet:

Der Kern des gegenwärtigen Krieges ist der Aufruhr der Produktivkräfte… gegen ihre nationalstaatliche Ausbeutungform … der objektive Sinn des Krieges besteht in der Zertrümmerung der gegenwärtigen national-wirtschaftlichen Zentren im Namen der Weltwirtschaft. Doch nicht auf der Grundlage einer verständig organisierten Mitarbeit der gesamten produzierenden Menschheit trachtet man diese Aufgabe des Imperialismus zu lösen, sondern auf der Grundlage der Ausbeutung der Weltwirtschaft durch die kapitalistische Klasse des siegreichen Landes, das durch diesen Krieg aus einer Großmacht zu einer Weltmacht werden soll. (Leo Trotzki, 1915)[3]

Dass der Imperialismus parasitärer oder faulender Kapitalismus ist, zeigt sich vor allem in der Tendenz zur Fäulnis, die jedes Monopol auszeichnet, wenn Privateigentum an den Produktionsmitteln besteht. Der Unterschied zwischen der republikanisch-demokratischen und der monarchistisch-reaktionären imperialistischen Bourgeoisie verwischt sich gerade deshalb, weil die eine wie die andere bei lebendigem Leibe verfault … Politische Reaktion auf ganzer Linie ist eine Eigenschaft des Imperialismus. (Lenin, 1916)[4]

11. Ich möchte nun einige Jahre über die genaue Grenze der ersten 25 Jahre des letzten Jahrhunderts hinausgehen und noch ein einige Passagen zitieren, die den „Doktrinarismus“ veranschaulichen, der Kellys Einwänden zum Trotz nach wie vor die wesentliche Grundlage der revolutionären Strategie bildet:

In unserer Epoche, welche die Epoche des Imperialismus, d. h. der Weltwirtschaft und Weltpolitik unter der Herrschaft des Finanzkapitals ist, vermag keine einzige kommunistische Partei ihr Programm lediglich oder vorwiegend aus den Bedingungen und Entwicklungstendenzen ihres eigenen Landes abzuleiten …

Ein internationales Programm muss unmittelbar aus der Analyse der Bedingungen und Tendenzen der Weltwirtschaft und des politischen Weltsystems als Ganzem hervorgehen, mit all ihren Verbindungen und Widersprüchen, d. h. mit der gegenseitigen antagonistischen Abhängigkeit ihrer einzelnen Teile. … In der gegenwärtigen Epoche muss und kann die nationale Orientierung des Proletariats in noch viel größerem Maße als in der vergangenen nur aus der internationalen Orientierung hervorgehen und nicht umgekehrt. Darin besteht der grundlegende und ursächliche Unterschied zwischen der Kommunistischen Internationale und allen Abarten des nationalen Sozialismus. (Trotzki, 1928)[5]

Während der Krise wird sich die Hegemonie der Vereinigten Staaten noch viel vollständiger, offener. schärfer und rücksichtsloser auswirken als während der Aufstiegsperiode. Die Vereinigten Staaten werden versuchen, ihre Schwierigkeiten und Krankheiten vorwiegend auf Kosten Europas zu bekämpfen und zu überwinden, ganz gleich, ob in Asien, Kanada, Südamerika, Australien oder Europa selbst, oder ob auf friedlichem oder kriegerischem Wege. (Trotzki, 1928)[6]

Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden, entwickelt sich international und wird vollendet in der Weltarena. Folglich wird die sozialistische Revolution in einem neuen, breiteren Sinne des Wortes zu einer permanenten Revolution: Sie findet ihren Abschluss nicht vor dem endgültigen Sieg der neuen Gesellschaft auf unserem gesamten Planeten. (Trotzki, 1930)[7]

Ein „Sozialist“, der die nationale Verteidigung predigt, ist kleinbürgerlicher Reaktionär im Dienste des faulenden Kapitalismus. Während des Krieges sich nicht an den Nationalstaat ketten, sich leiten lassen nicht von der Kriegskarte, sondern der Karte des Klassenkampfes, kann nur die Partei, welche dem Nationalstaat schon in Friedenszeiten unversöhnlichen Krieg erklärt hat. Nur wenn sie die objektiv reaktionäre Rolle des imperialistischen Staates vollauf begreift, kann die proletarische Vorhut gefeit sein gegen Sozialpatriotismus aller Art. Das bedeutet: der wirkliche Bruch mit Ideologie und Politik der „nationalen Verteidigung“ ist möglich nur vom Standpunkt der internationalen proletarischen Revolution. (Trotzki, 1934)[8]

Lenin bei einer Rede vor revolutionären Arbeitern in Petrograd im Jahr 1920. Trotzki steht rechts auf den Stufen.

12. Diese Auffassungen aus dem ersten Viertel und Drittel des 20. Jahrhunderts bilden auch heute, zu Beginn des entscheidenden zweiten Viertels des 21. Jahrhunderts, die Grundlage der marxistischen Strategie. Kelly, dessen politische Abstammungslinie durch die stalinistische Bewegung verläuft, die neunzig Jahre lang das Verschwinden des Trotzkismus prophezeite und dabei zuerst dessen Kader und dann sich selbst liquidierte, hat einen Nachruf auf ausgerechnet die Strömung verfasst, deren Perspektive durch die Ereignisse bestätigt wurde. Aber wir wollen Mr. Kelly nicht verurteilen, ohne seine Alternative zum Doktrinarismus des Trotzkismus mit der gebührenden Sorgfalt zu prüfen. Er lässt uns wissen, dass

die Reduzierung der Politik der Arbeiterklasse auf die binäre Wahl zwischen reformistischem und revolutionärem Sozialismus … einen noch wichtigeren dritten Strang außer Acht lässt, nämlich den der „sozialen Reform“, also das Streben nach Verbesserungen der Lebensqualität innerhalb der Rahmenbedingungen des Kapitalismus. [9]

13. Ich vermute, dass Kelly die Antwort Rosa Luxemburgs auf Eduard Bernstein aus dem Jahr 1898 – „Sozialreform oder Revolution“ – nicht sorgfältig gelesen hat. Jedenfalls verweist er in seinem Buch aus dem Jahr 2022 auf Lateinamerika als Beweis für die Tragfähigkeit seiner Vision der sozialen Reform. Hat die Geschichte der letzten fünf Jahre – ganz zu schweigen vom vergangenen Jahrhundert – tatsächlich Kellys Sichtweise bestätigt, sei es in Lateinamerika, in Europa oder anderswo?

14. In den vier Jahren, seit Kelly die Revolution in die Archive verbannt hat, haben die „Rahmenbedingungen des Kapitalismus“, innerhalb derer friedlich Verbesserungen angestrebt werden sollten, ihren wahren Inhalt offenbart: Es sind die Rahmenbedingungen von Sozialkürzungen, Diktatur und Krieg. Das von ihm erträumte demokratisierte Lateinamerika, das ihn noch vor wenigen Jahren so begeistert hat, wird in Lima von Fujimori, in Santiago von einem Pinochet-Anhänger, in Buenos Aires von einem kettensägenschwingenden Bewunderer der Junta und in Caracas von einer Übergangsregierung beherrscht, die eingesetzt wurde, nachdem amerikanische Überfallkommandos den Staatschef entführt und die Ölvorkommen des Landes an die Wall Street überreicht hatten.

15. Die sozialdemokratischen Parteien, die er als Vorbilder für „soziale Reformen“ anführt, rüsten Europa wieder auf und demontieren die Reste des Sozialstaats – dessen Vorgaben und Gesetze Kelly als Beweis für das Reformpotenzial des Kapitalismus anführte. Und derselbe Kelly behauptet, der Trotzkismus verfolge ein Programm, das niemals verwirklicht werden könne!

16. Wir können mit deutlich größerer Berechtigung entgegnen, dass Kelly eine Perspektive vertritt, deren Prämissen – die Beständigkeit der bürgerlichen Demokratie, die Unmöglichkeit eines Weltkriegs, das Ende der revolutionären Epoche – allesamt durch die Ereignisse widerlegt wurden. Es erweist sich, dass nicht die Vierte Internationale dem Untergang geweiht ist, sondern die Illusionen derer, die sich berufen fühlten, ihren Nachruf zu verfassen.

17. Der erste Satz unserer Neujahrserklärung von 2020 lautete: „Mit dem neuen Jahr ist ein Jahrzehnt des verschärften Klassenkampfs und der sozialistischen Weltrevolution angebrochen.“ Die Betonung liegt auf „ist angebrochen“. Die Erklärung charakterisierte die objektive Situation und ihren Verlauf; sie gab keinen Terminplan für Aufstände vor. Der Verlauf der letzten fünf Jahre hat die Perspektive, mit der wir das Jahrzehnt begonnen haben, voll und ganz bestätigt.

18. Die unserem Neunten Parteitag vorliegenden Resolutionen enthalten eine systematische Einschätzung der Weltlage ein Jahr nach der Mitte des Jahrzehnts. Alle grundlegenden Tendenzen, die in den Resolutionen benannt werden – der Ausbruch des imperialistischen Militarismus, die Krise der Weltwirtschaft, der Zusammenbruch der bürgerlichen Demokratie und die Wende hin zu autoritären Herrschaftsformen, der explosive Widerspruch zwischen technologischer Entwicklung und dem auf Privateigentum basierenden Profitsystem, das irrationale Ausmaß der Vermögenskonzentration und der sozialen Ungleichheit sowie die internationale Radikalisierung der Arbeiterklasse – haben sich in größerem Umfang und schneller entfaltet, als in den Formulierungen der Perspektive von 2020 vorausgesagt.

II. Der metastasierende Dritte Weltkrieg

19. In der Erklärung von 2020 stellten wir die Gefahr eines Dritten Weltkriegs in den Mittelpunkt unserer Analyse des kommenden Jahrzehnts. Wir führten diese Gefahr auf den zentralen Widerspruch des kapitalistischen Weltsystems zurück: den Widerspruch zwischen dem global integrierten Charakter der Produktivkräfte und dem Nationalstaatensystem, in dem der Kapitalismus historisch verwurzelt ist. Sechseinhalb Jahre später geht es nicht mehr darum, ob ein solcher Krieg ausbrechen wird.

20. Der Weltkrieg ist bereits im Gange und entwickelt sich gleich einem metastasierenden Prozess: Als chronischer und wuchernder Zustand breitet er sich weltweit aus, dringt in neue Regionen vor, verschmilzt zuvor getrennte Konflikte, steuert auf einen allgemeinen Weltbrand zu und erfasst dabei sukzessive die Weltwirtschaft und jeden Nationalstaat. Aus dieser Sicht erweist sich die bekannte Frage „Wird es einen Dritten Weltkrieg geben?“ als falsch gestellt.

21. Wie ich am 1. Mai 2026 sagte: „Ein Weltkrieg ist keine zukünftige Bedrohung, sondern eine Realität, die sich bereits entfaltet.“ Es handelt sich um einen fortlaufenden Prozess, der analysiert werden muss und der aus der Vermehrung der Fronten, der Verflechtung der Kriegsschauplätze, der Unterordnung des Wirtschaftslebens unter militärische Erfordernisse, der Umstrukturierung des Staates im Sinne einer Diktatur und der ideologischen Einstimmung der Bevölkerung besteht.

22. Diese Analyse wird mittlerweile von den einigermaßen nüchternen Organen der bürgerlichen Meinungsbildung bestätigt. Am 26. Juli veröffentlichte die Financial Times einen Artikel ihres Chefkommentators für Außenpolitik, Gideon Rachman, unter dem Titel „Die Ukraine, der Iran und wie regionale Kriege global werden“. Rachman fasst die wesentlichen Fakten zusammen: der blutigsten Krieg in Europa seit 1945; ein Krieg im Nahen Osten, in den zwölf Staaten direkt hineingezogen wurden; die Aufrüstung Nordkoreas und seine Absage an eine friedliche Wiedervereinigung; Chinas Vorbereitungen für die Unterbrechung der Versorgungslinien Taiwans; regionale Konflikte, die sich über zwei Kontinente hinweg „zunehmend überschneiden“ und zugleich Kriege in Afrika beeinflussen sowie die Herausbildung dessen, was amerikanische Strategen als „Achse der Gegner“ bezeichnen.

Ukrainische Soldaten bereiten in der Region Charkiw den Beschuss russischer Stellungen mit einer von den USA gelieferten Haubitze vor, 14. Juli 2022 [AP Photo/Evgeniy Maloletka]

23. Rachman räumt ein, dass die aktuellen Konflikte „bereits einige“ der definierenden Kriterien der beiden Weltkriege erfüllen, und verweist auf Selenskyjs Beschreibung des nordkoreanischen Truppeneinsatzes als „ersten Schritt zu einem Weltkrieg“. Ergänzend fügt er hinzu, dass nun, da die Ukraine iranische Schiffe angreift, „man argumentieren könnte, dass ein zweiter Schritt getan wurde“. Was die revolutionäre Bewegung im Januar 2020 als Prognose vorbrachte, wird nun von einem führenden Kolumnisten des europäischen Finanzkapitals bestätigt.

24. Der Völkermord in Gaza, der Krieg gegen den Iran und der sich ausweitende Konflikt in der Ukraine sind miteinander verknüpfte Fronten eines globalen Krieges. Was als von den imperialistischen Mächten angezettelter Stellvertreterkrieg in der Ukraine begann, hat sich nun unbestreitbar zu einem nicht erklärten, aber sehr realen Krieg der NATO-Mächte gegen Russland entwickelt. Die Drohnenangriffe auf Russland werden – ohne jeden Vertuschungsversuch – von den USA und ihren NATO-Partnern gesteuert. Wie die Financial Times am 29. Juli berichtete: „Von den USA und Frankreich bereitgestellte Geheimdienstinformationen hatten dabei geholfen, die russische Luftabwehr zu kartieren und Routen zu identifizieren, über die Drohnen diese umgehen und Ziele tief im Inneren Russlands erreichen konnten.“

25. Unter Berufung auf Robert Brovdi, den Kommandeur der „Kräfte Unbemannter Systeme“ der ukrainischen Streitkräfte, berichtete die Financial Times, dass nun das europäische Territorium Russlands ins Visier genommen werde. „Achtzig Millionen Menschen – etwa zwei Drittel der russischen Bevölkerung – leben im europäischen Teil des Landes, innerhalb der Angriffszone, die nicht länger Russlands sicheres Hinterland ist und künftig nicht mehr als solches betrachtet wird.“ Die FT berichtet weiter, dass „die US-amerikanischen und französischen Geheimdienste zudem die Zielauswahl verbessert hatten … und so den ukrainischen Drohnenverbänden für Angriffe tief im Landesinneren halfen, ‚zu lernen, wo sie zuschlagen müssen‘ …“

26. Die katastrophalen Folgen der von der NATO gesteuerten Angriffe auf Russland liegen auf der Hand. Die Wahrscheinlichkeit eines russischen Gegenangriffs auf NATO-Länder steigt von Tag zu Tag. Putin, der ehemalige sowjetische Polizeiagent, der in der stalinistischen Schule der „friedlichen Koexistenz“ ausgebildet wurde, hat nichts von alledem vorausgesehen, als er seine „militärische Spezialoperation“ startete. Er rechnete fest damit, dass seine „westlichen Partner“ sich mit Russland arrangieren würden. Was wir jetzt erleben, sind die verheerenden Folgen der Auflösung der Sowjetunion durch die Stalinisten, vor denen die trotzkistische Bewegung gewarnt hatte.

27. Der Weltkrieg, der sich nun über fünf Kontinente ausbreitet, treibt den historischen Kampf dieser Epoche auf die Spitze: den Kampf zwischen globalem imperialistischem Krieg und Weltrevolution, zwischen dem Bestreben des Imperialismus, die Erde aufzuteilen und zu unterwerfen, und dem immer bewussteren Kampf der internationalen Arbeiterklasse, die Gesellschaftsordnung zu stürzen, die die Neuaufteilung durch den Imperialismus hervorbringt.

III. 1991 und die Entstehungsgeschichte des jetzigen Krieges

28. Der gegenwärtige globale Konflikt hat sich nicht erst seit 2022 oder 2014 entwickelt, sondern schon seit 1990–1991. Die Auflösung der Sowjetunion durch die stalinistische Bürokratie, der letzte Akt ihrer konterrevolutionären Entwicklung, wurde von den herrschenden Klassen des Westens als endgültiger Sieg in dem Kampf gefeiert, der 1917 begonnen hatte. Das Gerede vom „Ende der Geschichte“ war im Grunde keine These über die liberale Demokratie. Es war die Aussage, dass das Gespenst des Sozialismus endlich gebannt sei, dass die durch die Oktoberrevolution geschaffene Herausforderung endgültig besiegt worden sei und dass das 20. Jahrhundert nun annulliert werden könne.

29. Die Reaktion des Imperialismus auf die Auflösung der UdSSR war nichts Geringeres als der Versuch, die Welt so umzugestalten, wie sie gewesen wäre, wenn die Oktoberrevolution nie stattgefunden hätte: die unmittelbare Herrschaft des Kapitals über jedes Gebiet, jede Ressource und jede Bevölkerung wiederherzustellen, die durch die Revolution und ihre Nachwirkungen dem imperialistischen System entzogen oder vor ihm abgeschirmt worden waren, und – mit 75 Jahren Verspätung – die Perspektive zu vollenden, mit der die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg eingetreten waren: die Organisation des gesamten Planeten unter dem, was Präsident George Herbert Walker Bush als „Neue Weltordnung“ bezeichnete, also die Organisation des Planeten unter der Hegemonie des amerikanischen Imperialismus.

30. Daraus ergaben sich die beiden prägenden strategischen Motive der postsowjetischen imperialistischen Politik. Das erste war die Neuaufteilung des ehemaligen sowjetischen Raums selbst. Das Ende der UdSSR eröffnete unmittelbar die Möglichkeit, die riesige territoriale, industrielle und ressourcenreiche Hinterlassenschaft, die im Rahmen des einstigen Arbeiterstaats zusammengefasst war, aufzuteilen – die größte offene Beute in der Geschichte des Imperialismus. Von diesem Moment an war die Neuaufteilung der Welt in der Praxis damit verbunden, den ehemaligen Sowjetstaat in seiner gesamten Ausdehnung unter imperialistische Kontrolle zu bringen: sein Land, seine Energierohstoffe, seine Bodenschätze, seine Arbeitskräfte, seine strategische Lage an der Schnittstelle zwischen Europa und Asien.

31. Dieses Ziel steht seit 35 Jahren im Zentrum der amerikanischen und europäischen Politik. Es wurde bereits in den „Defense Planning Guidance“, den verteidigungspolitischen Leitlinien von 1992 festgeschrieben, die das Verhindern eines neuen Rivalen auf dem eurasischen Kontinent als oberstes Ziel der amerikanischen Strategie definierten. Und es wurde in der geopolitischen Literatur offen zur Theorie erhoben, in der die Kontrolle über die postsowjetische Peripherie – vor allem die Ukraine – als Schlüssel zur weltweiten Vormachtstellung ausgemacht wurde. Umsetzt wurde dies durch die fünf Osterweiterungen der NATO bis an die Grenzen Russlands[10]; die militärische Zerstörung und Teilung Jugoslawiens (den ersten Krieg in Europa seit 1945, der als Vorlage für „humanitäre“ imperialistische Interventionen diente) und in der systematischen Inszenierung von „Farbrevolutionen“ in den ehemaligen Sowjetrepubliken, die 2014 im Putsch in Kiew gipfelten, durch den die Ukraine zum Vorposten des Vorstoßes nach Osten wurde.

Die Osterweiterungen der Nato seit 1949 [Photo by Patrickneil / CC BY-NC-SA 4.0]

32. Der Krieg, der 2022 ausbrach, ist der Höhepunkt dieser gesamten Entwicklung – ungeachtet der reaktionären Antwort des Putin-Regimes auf die Provokation der NATO. Das Ziel dieses Kriegs, das im strategischen Diskurs des Westens mittlerweile immer offener mit Begriffen wie „strategische Niederlage“ und „Dekolonisierung“ formuliert wird, ist die Zersplitterung der Russischen Föderation.

33. Das zweite strategische Motiv ergab sich aus dem Wegfall des sowjetischen Gegengewichts im Rest der Welt. Die stalinistische Politik der Sowjetunion in den kolonialen und weniger entwickelten Ländern hatte nie einen wirklich antiimperialistischen Charakter. Der Kreml unterstützte nationale Selbstbestimmungsbewegungen in der „Dritten Welt“, um den imperialistischen Druck auf die UdSSR abzumildern. Der Kreml hat eine sozialistische Revolution jenseits der Grenzen der Sowjetunion nie unterstützt, geschweige denn gefördert.

34. Dennoch hatte die Existenz der UdSSR einer ganzen Schicht bürgerlich-nationalistischer Regime in der ehemaligen Kolonialwelt – so zynisch der Kreml sie auch im Interesse der stalinistischen Außenpolitik ausgenutzt und manipuliert haben mag – ein gewisses Maß an diplomatischer, militärischer und wirtschaftlicher Sicherheit geboten. Die Möglichkeit, zwischen dem imperialistischen und dem stalinistischen Block zu balancieren, bot ihnen einen gewissen Handlungsspielraum. Das Verschwinden der UdSSR beseitigte alle Hemmschwellen und setzte sie der direkten imperialistischen Gewalt aus.

35. Mit dem Golfkrieg von 1990–1991, der noch während der Auflösung der Sowjetunion begann, setzte die Ära der „ewigen Kriege“ ein. In einem Bericht an einen Sonderkongress der Workers League (Vorgängerin der Socialist Equality Party) im August 1990, der aus Anlass der bevorstehenden Invasion des Irak durch die Vereinigten Staaten und eine Koalition imperialistischer Mächte einberufen worden war, erklärte ich:

Diese internationale Zusammenrottung gegen den Irak macht den historischen Wesenskern der Krise am Persischen Golf deutlich. Sie kennzeichnet den Beginn einer imperialistischen Neuaufteilung der Welt. Mit der Nachkriegszeit endet auch das postkoloniale Zeitalter. Mit dem „Scheitern des Sozialismus“ verkündet die imperialistische Bourgeoisie –in Taten, wenn auch noch nicht in Worten – das Scheitern der nationalen Unabhängigkeit. Angesichts ihrer zunehmenden Krise sehen sich die großen imperialistischen Mächte gezwungen, sich die Kontrolle über strategische Rohstoffquellen und Märkte zu sichern. Ehemalige Kolonien, die eine gewisse politische Unabhängigkeit erlangt hatten, müssen erneut unterworfen werden. Mit seinem brutalen Überfall auf den Irak lässt der Imperialismus seine Absicht erkennen, seine unbeschränkte Herrschaft über die zurückgebliebenen Länder aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wiederherzustellen.[11]

Trümmer der Fahrzeuge auf dem „Highway of Death“, die nach Operation „Desert Storm“ beim Rückzug der irakischen Streitkräfte aus Kuwait zerstört wurden. 8. April 1991

36. Alle nachfolgenden Ereignisse haben diese Analyse bestätigt. Der Irak wurde in den 1990er Jahren einer permanenten Blockade und Bombardierung ausgesetzt und 2003 durch eine Invasion zerstört. Somalia und Jugoslawien wurden angegriffen; Afghanistan war zwanzig Jahre lang besetzt; Libyen wurde 2011 in Schutt und Asche gelegt; Syrien musste einen zehnjährigen Stellvertreterkrieg erdulden; der Jemen wurde ausgehungert; der Sudan wurde zerschlagen; und jetzt, im Jahr 2026, ist der Iran einem offenen und unbegrenzten Krieg ausgesetzt. Diese dreieinhalb Jahrzehnte ununterbrochener Kriegführung, die sich über einen Bogen vom Balkan bis zum Hindukusch erstrecken, bilden ein einziges langfristiges Unterfangen: die systematische Beseitigung – Staat für Staat – jedes Hindernisses, das durch die revolutionären und antikolonialen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts gegen die ungehinderte Herrschaft des Imperialismus in den entscheidenden Weltregionen mit Energierohstoffen errichtet worden war.

37. Der Krieg gegen den Iran ist der Höhepunkt dieser gesamten 35-jährigen Entwicklung und zugleich die historische Abrechnung damit. Die Hybris wird nun von der Nemesis eingeholt. Als krönender Abschluss des 1991 begonnenen Projekts sollte der Angriff vom 28. Februar – der mitten in Verhandlungen gestartet und mit der Ermordung eines Staatsoberhaupts und seiner Familie eingeleitet wurde – ein für alle Mal zeigen, dass kein Staat dem konzentrierten Einsatz amerikanischer Militärmacht standhalten kann.

38. Das Ergebnis fünf Monate später ist ein schwerer strategischer Rückschlag. Der Iran hat nicht kapituliert. Die Straße von Hormus, durch die ein Fünftel des Welthandels mit Erdöl verläuft, ist weiterhin Kriegsgebiet. Die amerikanischen Munitionsvorräte sind aufgebraucht; die Stützpunkte der USA in der Region stehen unter anhaltendem Beschuss. Washingtons eigene Strategen räumen nun ein, dass die Vereinigten Staaten in einer „strategischen Sackgasse“ stecken und ihre Ziele nicht erreichen können. Diese Einschätzung sollte nicht so aufgefasst werden, als ob die Trump-Regierung darauf verzichten würde, durch weitere Eskalationen – einschließlich einer Invasion des Iran – einen Ausweg aus der aktuellen Pattsituation zu finden. Aber eine solch brutale Aktion würde das Ausmaß der Katastrophe nur vergrößern.

Handelsschiffe in der Straße von Hormus vor Bandar Abbas (Iran), 30. Juni 2026 [AP Photo/Amirhosein Khorgooi]

39. Die Tragweite dieses Debakels reicht – selbst ohne eine Invasion – weit über den Persischen Golf hinaus. Die Vorstellung, die die amerikanische Politik seit 1991 geleitet hat – dass der Welt durch den zügellosen Einsatz militärischer Stärke eine „Pax Americana“ aufgezwungen werden könne –, entpuppt sich als Wahn. Die früheren Opfer der „ewigen Kriege“ waren isolierte, verarmte und militärisch ohnmächtige Staaten, und nicht einmal gegen diese haben 35 Jahre Krieg eine neue Weltordnung hervorgebracht, sondern nur Trümmer hinterlassen. Gegen den Iran, ein Land mit 90 Millionen Einwohnern, versagt diese Formel völlig. Die Illusion selbst war jedoch ein ideologischer Reflex einer herrschenden Klasse, die den anhaltenden Niedergang ihrer wirtschaftlichen Position mit militärischen Mitteln umzukehren versuchte. Und eben deshalb wird der strategische Rückschlag am Golf keinen Rückzug zur Folge haben, sondern eine weitere und noch krampfhaftere Eskalation, die sich gegen Russland und China richtet – also die Ausweitung eben jenes Weltkriegs, dessen Front dieser Bericht beleuchtet.

40. Die Vereinigten Staaten führten den neuen imperialistischen Kreuzzug an. Doch er war nie ein ausschließlich amerikanisches Unterfangen. Wie es in dem bereits zitierten Bericht von 1990 heißt,

begrüßen die imperialistischen Strategen der „Alten Welt“ die Gelegenheit zur Wiederherstellung quasi kolonialer Herrschaftsformen, die Bush ihnen geboten hat. Die amerikanische Intervention wird als Auftakt zu einer Neuaufteilung der Welt wahrgenommen. Aus diesem Grund sind alle imperialistischen Staaten erpicht darauf, an dem modernen Kreuzzug gegen den heidnischen Irak teilzunehmen. Selbst die wabbeligsten alten Ganoven ziehen ihren Speckbauch ein und zwängen sich wieder in die imperialen Uniformen, die sie umständehalber jahrzehntelang im Schrank lassen mussten.[12]

41. Der eskalierende Konflikt mit China 35 Jahre später gehört zum selben historischen Komplex. China ist zu einem mächtigen wirtschaftlichen Konkurrenten der Vereinigten Staaten herangewachsen, und das kann Washington nicht hinnehmen. Die Spannungen werden dadurch verschärft, dass Chinas massives Wirtschaftswachstum untrennbar mit seiner revolutionären Geschichte verbunden ist. Die Revolution von 1949, selbst ein Produkt der durch den Oktober 1917 eingeleiteten Epoche, beendete ein Jahrhundert imperialistischer Zerstückelung, vertrieb das ausländische Kapital, vereinte das Land und schuf – ungeachtet der anschließenden Entwicklung unter dem Maoismus und der 1978 begonnenen kapitalistischen Restauration – einen Staat, dessen Ursprünge in der vom Oktober inspirierten antiimperialistischen Revolution liegen. Seine Entwicklungskapazitäten sind das direkte Erbe dieser Revolution.

42. Die US-Politik begrüßte die Wiederherstellung des Kapitalismus in China zunächst als Erschließung eines schier unerschöpflichen Reservoirs an billigen Arbeitskräften. Sie ging davon aus, dass dies zu einer Unterordnung und schließlich – durch eine Kombination aus imperialistischem wirtschaftlichem Druck und dem Schüren sprachlicher, ethnischer und nationaler Konflikte – zum Zerfall Chinas führen werde.

Mao ruft 1949 die Volksrepublik China aus

43. Die gesamte strategische Ausrichtung der letzten 15 Jahre – der „Pivot to Asia“, der Handelskrieg, die Technologieblockade, das Bündnisgeflecht von Quad bis AUKUS – wurde von der Erkenntnis getrieben, dass diese Annahme gescheitert ist. Der chinesische kapitalistische Staat lehnt die ihm zugewiesene untergeordnete Rolle ab, und so stellt sich sein wirtschaftlicher Aufstieg für Washington nicht als Chance auf neue Märkte dar, sondern als kapitalistische Rivalität gegenüber dem Weltmachtstreben der USA, das auf die Auflösung der UdSSR folgte.

44. Das ändert nichts an der Tatsache, dass der politische Kurs der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), der von Nationalismus strotzt, von Grund auf reaktionär ist. Der von der KPCh proklamierte „Sozialismus chinesischer Prägung“ ist ein Widerspruch in sich. Wie stark seine wirtschaftliche Entwicklung auch sein mag – das Schicksal Chinas wird vom Ausgang des internationalen Klassenkampfs bestimmt, in dem die Kämpfe der chinesischen Arbeiterklasse gegen das kapitalistische Regime eine immense Rolle spielen werden. Ohne eine soziale Revolution, die die Herrschaft der kapitalistischen Oligarchie beendet und in China einen wirklichen Arbeiterstaat errichtet, führt seine wirtschaftliche Entwicklung unausweichlich zu einem katastrophalen Krieg mit den Vereinigten Staaten.

45. Das vielleicht auffälligste Merkmal der gegenwärtigen Lage besteht darin, dass die Führer der großen imperialistischen Mächte keinen Hehl mehr aus ihrer Überzeugung machen, dass ein Krieg gegen China und Russland unvermeidlich ist und dass es die Aufgabe der Staatskunst ist, sich darauf vorzubereiten. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges gaben die Staatschefs der Großmächte – unabhängig davon, wie es tatsächlich um ihre Vorbereitungen stand – in der Öffentlichkeit stets vor, einen Krieg verhindern zu wollen. US-Präsident Kennedy bezeichnete im Juni 1963 in einer Rede an der American University einen „totalen Krieg“ im Atomzeitalter als „sinnlos“ und den Frieden als das „notwendige rationale Ziel vernünftiger Menschen“.

46. Kennedy hielt diese berühmte Rede weniger als ein Jahr, nachdem seine eigene Politik zur Kubakrise geführt hatte, und nur fünf Monate vor seiner Ermordung. Da er im Oktober 1962 am Rand eines thermonuklearen Krieges stand, meinte er es vielleicht ernst mit seiner Erklärung, dass ein solches Resultat „sinnlos“ wäre. Doch der grundlegende Fehler in Kennedys Überlegungen lag in der Annahme, der Imperialismus werde von einer moralisch verankerten Rationalität geleitet, die das Überleben in den Vordergrund stelle. Wenn sich die heutigen Machthaber wie Wahnsinnige zu gebärden scheinen, dann deshalb, weil ihre Entscheidungen von den im Wesentlichen irrationalen Interessen einer Konzern- und Finanzoligarchie bestimmt werden, die auf den zwangsläufig gewalttätigen Kampf um die Neuaufteilung der Welt, der Märkte, der Rohstoffe und der Investitionsbereiche fixiert ist – ungeachtet der Konsequenzen.

47. Das heutige Motto in jeder imperialistischen Hauptstadt lautet: „Vorbereitung auf Krieg“. Bundeskanzler Merz hat der deutschen Öffentlichkeit erklärt: „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden“ – während seine Regierung ein Paket von Kriegsmaßnahmen verabschiedet, um Staat, Wirtschaft und Gesellschaft „krisenfest“ zu machen, und sein Verteidigungsminister erklärt, dass Deutschland Jahr 2029 „kriegstüchtig“ sein muss. Merz, der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende von BlackRock Deutschland, stolziert nicht wie Kaiser Wilhelm einher und schwadroniert auch nicht im Stil von Adolf Hitler. Doch seine Vorbereitungen auf einen Krieg mit Russland stehen in historischer Kontinuität mit den Zielen der deutschen imperialistischen Außenpolitik, die sich über mehr als ein Jahrhundert erstrecken.

48. Der ehemalige britische Premierminister Keir Starmer gab im Juni 2025 bekannt, dass Großbritannien „die Kriegsbereitschaft zum zentralen Ziel unserer Streitkräfte macht“, und versprach, „im Kriegstempo“ Innovationen voranzutreiben. Der französische Präsident Macron kündigte die Verdopplung des Militärhaushalts an und erklärte: „Seit 1945 war die Freiheit noch nie so bedroht.“ Er instruierte seine Staatsbürger: „Um in dieser Welt frei zu sein, muss man gefürchtet werden; um gefürchtet zu werden, muss man mächtig sein.“

Bundeskanzler Friedrich Merz, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Großbritanniens Premierminister Keir Starmer und Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni (v.l.n.r) treffen am 17. April 2026 zu einer Konferenz im Élysée-Palast ein, bei der es um die Initiative zur Seefahrt in der Straße von Hormus geht [AP Photo/Jeanne Accorsini]

49. In seiner Neujahrsansprache im Januar dieses Jahres versicherte Macron den Streitkräften, dass „wir bereit sind“ und dass das Jahrzehnt der französischen Wiederaufrüstung „Früchte getragen“ habe. Bereits im Juli verkündete er, Frankreich sei kampfbereit „selbst um den Preis unseres Blutes“. Bei diesen Worten fragt man sich: „Woher kommt dieser Wahnsinn? Glauben diese Leute selbst, was sie sagen?“ Dies sind keine geheimen Überlegungen von Generalstäben, die an die Presse durchgesickert sind oder von Historikern im Nachgang einer militärischen Katastrophe rekonstruiert wurden. Es sind öffentliche Reden von Regierungschefs, gerichtet an ihre eigene Bevölkerung, und ihr Zweck ist es, diese Bevölkerung an den Krieg zu gewöhnen, der über ihre Köpfe hinweg und gegen ihren Willen geführt wird.

50. Das Kriegsfieber beschränkt sich nicht auf die alten imperialistischen Zentren. Auch die regionalen Mächte werden immer tiefer in den Strudel des Weltkonflikts hineingezogen, und keine davon so vehement wie die Türkei. Mit der größten Landarmee der europäischen NATO und einer rasant wachsenden Rüstungsindustrie hat die Erdoğan-Regierung militärisch in Syrien, Libyen und im Südkaukasus interveniert, ihren wirtschaftlichen und militärischen Einfluss auf Afrika ausgeweitet und präsentiert sich nun als unverzichtbarer Vermittler in der Weltkrise – sie hält die Kanäle zwischen Moskau und Kiew offen und bietet ihre Dienste als Vermittler im Krieg gegen den Iran an, während zugleich die NATO-Stützpunkte in İncirlik, Konya und Kürecik als Sammel- und Geheimdienstzentren für den US-israelischen Angriff dienen. Zudem richtete die Türkei im Juli dieses Jahres den NATO-Gipfel in Ankara aus, auf dem Erdoğan die Türkei als „nicht nur ein Gastgeberland, sondern als zentralen Verbündeten“ bezeichnete.

51. Diese zunehmend aggressive Einmischung in die Weltpolitik drückt nicht Stärke aus, sondern die Unmöglichkeit von Neutralität: Die metastasierende Ausbreitung des Krieges zwingt die Bourgeoisie jeder Regionalmacht dazu, um einen Platz bei der Neuaufteilung der Welt zu rangeln, um nicht selbst zum Objekt dieser Aufteilung zu werden. Und wie überall ist die nach außen gerichtete militärische Macht untrennbar mit Reaktion im Inneren verbunden – der Inhaftierung von Oppositionsführern, der jahrzehntelangen Unterdrückung der kurdischen Bevölkerung und der systematischen Verfolgung von oppositionellen Kriegsgegnern und Sozialisten.

52. Während wir hier im Sommer 2026 zusammenkommen, wird auf fünf Kontinenten Krieg geführt: in Europa, in Asien, in Afrika und – durch die Operation in Venezuela, deren Ausweitung auf Kuba und die damit einhergehende Militarisierung der Karibik – in Nord- und Südamerika. In Mexiko, Kanada, den Vereinigten Staaten und Grönland finden zwar noch keine direkten militärischen Auseinandersetzungen statt, es gibt jedoch eine massive Eskalation wirtschaftlicher und politischer Konflikte, die in einen Krieg auszuarten droht.

53. Daher ist der Dritte Weltkrieg keine Hypothese über die Zukunft. Er ist eine Beschreibung der Gegenwart. Die Warnung unserer Neujahrserklärung von 2020, dass der Kampf gegen den Krieg im Zentrum des kommenden Jahrzehnts stehen würde, hat sich bestätigt. Der Krieg ist keine Anomalie, die einer gesunden US-Wirtschaft aufgezwungen wird. Er ist die politische Folge der Widersprüche der Wirtschaft selbst. Die Erklärung von 2020 hat die objektiven Anzeichen für den Zusammenbruch identifiziert. Sechseinhalb Jahre später hat sich jeder dieser Indikatoren um ein Vielfaches verschlechtert.

IV. Die ökonomische Basis

54. Ende 2020 betrug die Bruttoverschuldung der USA auf Bundesebene etwa 27,7 Billionen Dollar. Am 7. Januar 2026 hatte sie 38,43 Billionen Dollar erreicht – 10,73 Billionen Dollar mehr als fünf Jahre zuvor – und war im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 8,03 Milliarden Dollar pro Tag, 334 Millionen Dollar pro Stunde oder rund 93.000 Dollar pro Sekunde gestiegen. Im Juni 2026 lag der Gesamtbetrag bei 39,5 Billionen Dollar, und das Haushaltsjahr 2026 wird voraussichtlich bei knapp 40 Billionen Dollar abschließen. Die Verschuldung ist somit in fünfeinhalb Jahren um rund 12 Billionen Dollar oder mehr als 40 Prozent gestiegen, wobei mittlerweile etwa alle fünf Monate eine neue Billion Dollar hinzukommt. Das gemeinnützige Committee for a Responsible Federal Budget prognostiziert, dass die Verschuldung bis 2035 53 Billionen Dollar bzw. 120 Prozent des BIP überschreiten wird.

55. Im Haushaltsjahr 2020 beliefen sich die Nettozinsausgaben auf rund 345 Milliarden Dollar, der durchschnittliche Zinssatz für handelbare US-Staatsschuldtitel lag bei etwa 1,5 Prozent. Die Nettozinsausgaben haben sich seitdem fast verdreifacht. Der durchschnittliche Zinssatz für handelbare Staatsschuldtitel liegt nun bei 3,36 Prozent, und das Congressional Budget Office (die Haushalts- und Wirtschaftsfachbehörde des US-Kongresses) prognostiziert, dass die Nettozinsausgaben im Haushaltsjahr 2026 13,85 Prozent der gesamten Bundesausgaben beanspruchen werden; bis zum Haushaltsjahr 2028 soll dieser Anteil auf 14,52 Prozent steigen. Angesichts dieser Zahlen fragt man sich, warum sich der französische Finanzminister Necker 1788 Sorgen um die Staatsverschuldung machte. Im Vergleich zu den USA heute war das damalige Frankreich ein Muster an äußerster Sparsamkeit. Die jährlichen Zinszahlungen, die 2025 fast 1 Billion Dollar erreichten, werden bis 2035 voraussichtlich 1,8 Billionen Dollar erreichen. Die Zinsen für die Staatsverschuldung übersteigen mittlerweile den Militärhaushalt – ein klassisches Symptom für den finanziellen Verfall eines Imperiums.

Die Entwicklung der US-Staatsschulden im Zeitverlauf [Photo: FRED]

56. Das US-Außenhandelsdefizit bei Waren und Dienstleistungen betrug 2020 678,7 Milliarden Dollar. Im Jahr 2025 lag es bei 901,5 Milliarden Dollar. Dieser Betrag umfasste ein Defizit beim Warenhandel von 1,24 Billionen Dollar, das teilweise durch einen Überschuss bei den Dienstleistungen von 339,5 Milliarden Dollar ausgeglichen wurde. Die Bedeutung liegt nicht nur in der Höhe, die etwa ein Drittel über dem Stand von 2020 liegt, sondern auch im offenkundigen Scheitern der Zolloffensive: Trotz des aggressiven Zollregimes der Trump-Regierung sank das Defizit 2025 gegenüber 2024 nur um 0,2 Prozent bzw. 2,1 Milliarden Dollar. Bemerkenswert ist, dass das größte Handelsdefizit bei Waren mittlerweile gegenüber der Europäischen Union besteht (218,8 Milliarden Dollar). Es übertrifft damit die Defizite gegenüber China (202,1 Milliarden Dollar) und Mexiko (196,9 Milliarden Dollar) – ein Umstand, der in direktem Zusammenhang mit der Verschärfung des Handelskonflikts zwischen den USA und der EU steht.

57. Das Haushaltsdefizit des US-Bundes von 3,1 Billionen Dollar im Fiskaljahr 2020 war außergewöhnlich – eine Folge der Pandemie-Notfallmaßnahmen. Doch Defizite von 1,7 bis 1,9 Billionen Dollar sind seitdem zur dauerhaften Norm in Friedenszeiten geworden. Das Defizit wird den Projektionen zufolge von 1,7 Billionen Dollar im Jahr 2025 auf 2,6 Billionen Dollar im Jahr 2035 steigen, mit kumulierten Defiziten von 22,7 Billionen Dollar im kommenden Jahrzehnt. Die langfristigen Prognosen des Congressional Budget Office ergeben Defizite von durchschnittlich 7,2 Prozent des BIP in den nächsten drei Jahrzehnten, wobei die Staatsverschuldung von 100 Prozent des BIP im Jahr 2026 auf 175 Prozent bis 2056 ansteigen wird. Das ist eindeutig nicht tragbar.

58. Der Goldpreis lag 2020 im Durchschnitt bei etwa 1.770 Dollar pro Unze und zum Jahresende bei knapp 1.895 Dollar. Am 30. Juli 2026 notiert er bei etwa 4.080 Dollar pro Unze – ein Anstieg von 24 Prozent allein im letzten Jahr – und hat wiederholt Rekordhöhen erreicht, wobei er seit Anfang 2025 um mehr als 25 Prozent gestiegen ist. Der Goldpreis hat sich somit seit 2020 mehr als verdoppelt: ein unmissverständliches Urteil des Weltmarkts über den Dollar und über Papierwerte im Allgemeinen. Der World Gold Council, der internationale Branchenverband der Goldindustrie, meldete für 2025 eine weltweite Rekordnachfrage, die vor allem durch Käufe der Zentralbanken angetrieben wurde – ein konkreter Ausdruck der Entdollarisierung.

59. Der Dollar hat im vergangenen Jahr gegenüber den wichtigsten Währungen rund 10 Prozent an Wert eingebüßt, allein im Januar 2026 gab er weitere 1,2 Prozent nach. Sein Anteil an den weltweiten Devisenreserven, der 2020 noch bei rund 59 Prozent lag, sank im dritten Quartal 2025 auf 56,9 Prozent – den niedrigsten Stand seit 1995 und weit unter dem Höchststand von 72 Prozent aus dem Jahr 2001. Das Einfrieren von 300 Milliarden Dollar an Vermögenswerten der russischen Zentralbank im Jahr 2022 erwies sich als Wendepunkt, der die Risikoeinschätzung von Reserveverwaltern weltweit grundlegend veränderte und die Diversifizierung in Gold und Nicht-Dollar-Anlagen beschleunigte. Gleichzeitig verbindet Chinas grenzüberschreitendes Interbank-Zahlungssystem (CIPS) mittlerweile Teilnehmer aus 117 Ländern.

60. Der wirtschaftliche Niedergang des amerikanischen Kapitalismus ist untrennbar mit der schwindelerregenden Bereicherung der Finanzoligarchie verbunden, die ihn beherrscht. Laut im Januar veröffentlichten Daten der US-Zentralbank erreichte der Anteil des nationalen Vermögens, der sich im Besitz des reichsten 1 Prozent der Amerikaner befindet, im dritten Quartal 2025 31,7 Prozent und damit den höchsten jemals verzeichneten Stand. Die obersten 10 Prozent besitzen mehr als 68 Prozent des Vermögens und die untere Hälfte der Bevölkerung kaum 2,5 Prozent. Weltweit wuchs das Vermögen der Milliardäre im Jahr 2025 dreimal so schnell wie im Durchschnitt der vorangegangenen fünf Jahre und erreichte einen Rekordwert von 18,3 Billionen Dollar – ein Anstieg von 81 Prozent seit der Veröffentlichung unserer Erklärung von 2020. Die Zahl der Milliardäre liegt mittlerweile bei über 3.000, und ihr Gesamtvermögen entspricht 14 Prozent des weltweiten BIP, gegenüber 2,5 Prozent im Jahr 1990. Parallel zu den imperialistischen Kriegen der letzten 35 Jahre wuchs der Reichtum der Oligarchie, die Triebkraft und Nutznießer dieser Kriege ist.

61. Zusammengenommen beschreiben diese Zahlen keinen konjunkturellen Abschwung, sondern eine strukturelle Situation: einen Staat, dessen Schulden etwa alle fünf Monate um eine Billion Dollar wachsen; einen Schuldendienst, der ein Siebtel des Bundeshaushalts verschlingt; ein Handelsdefizit, das sich durch protektionistische Maßnahmen nicht eindämmen lässt; eine Währung, deren Wechselkurs sinkt und die ihren Status als Reservewährung verliert; und Gold – der ultimative Wertmaßstab –, dessen Wert ein Misstrauensvotum gegenüber der gesamten auf Dollar lautenden Kreditstruktur darstellt. Und über all dem thront eine Finanzoligarchie, deren Anteil am nationalen Vermögen auf den höchsten jemals verzeichneten Stand gestiegen ist.

Dinner mit Trump und den Tech-Oligarchen im Weißen Haus [Photo: White House]

62. Diese Zahlen dokumentieren nicht nur eine Vermögensverteilung, sondern eine Form der Herrschaft. Der heutige amerikanische Staat ist seinem Wesen nach oligarchisch. Der Oxfam-Bericht vom Januar 2026 mit dem treffenden Titel „Resisting the Rule of the Rich“ dokumentiert, dass Milliardäre eine 4.000-mal höhere Wahrscheinlichkeit haben, ein politisches Amt zu bekleiden, als andere Bürger; dass jeder sechste Dollar, der bei den US-Wahlen 2024 ausgegeben wurde, von nur 100 Milliardärsfamilien stammte; dass das Trump-Kabinett mit einem Gesamtvermögen von über 7 Milliarden Dollar das reichste in der amerikanischen Geschichte ist; und dass der Präsident sein Amt genutzt hat, um sein Privatvermögen innerhalb eines einzigen Jahres um mehr als 1 Milliarde Dollar zu vergrößern. Mehr als die Hälfte der weltweit größten Medienunternehmen und acht der zehn führenden KI-Firmen stehen unter der Kontrolle von Milliardären.[13]

63. Marx’ Charakterisierung des Staates als „Ausschuss, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse verwaltet“, hat eine präzise Konkretheit erlangt. Die Regierung der Vereinigten Staaten fungiert als direktes Instrument einer Konzern- und Finanzaristokratie, und die Zerstörung demokratischer Formen, das Streben nach Diktatur und der Rückgriff auf Krieg sind die politischen Methoden, die zur Verteidigung ihres Reichtums gegen die Arbeiterklasse erforderlich sind. Werden diese Zahlen in Zukunft erwogen, zusammengestellt und untersucht, wird es Historikern offensichtlich erscheinen, dass eine Revolution unvermeidlich war. Alle werden sie schreiben: „Wie konnte man das nur übersehen?“ Aber heute sehen es die Historiker natürlich nicht, ebenso wenig wie die überwältigende Mehrheit der politischen Kommentatoren.

64. Ein weiteres entscheidendes Element der Wirtschaftskrise, die aus der massiven Ausweitung von Krediten und Schulden resultiert, ist das Wachstum des fiktiven Kapitals, das sich derzeit in der Spekulationswut rund um das ballt, was die herrschende Klasse als „künstliche Intelligenz“ bezeichnet. Die WSWS lehnt diesen Begriff ab und bevorzugt den Begriff „erweiterte Intelligenz“. Denn diese Technologie ist weder eine künstliche noch eine außerirdische Intelligenz. Sie ist die Vergegenständlichung der akkumulierten geistigen Arbeit der Menschheit, und die vorherrschende Terminologie stellt – ähnlich wie der von Marx analysierte Warenfetischismus – das gesellschaftliche Produkt der Menschheit als eine über ihr stehende, autonome Macht dar.

65. Doch die Bedeutung dieser Technologie reicht weit über das Schicksal der Spekulanten hinaus. Wie in den Vorträgen vom letzten Herbst in Berlin und London dargelegt, untergräbt die erweiterte Intelligenz objektiv das gesamte Wertsystem, auf dem der Kapitalismus basiert, indem sie die lebendige Arbeit – die einzige Quelle des Mehrwerts – wie nie zuvor aus dem Produktionsprozess verdrängt. Sie treibt die organische Zusammensetzung des Kapitals in ungeahnte Höhen, beschleunigt den tendenziellen Fall der Profitrate und läuft auf den von Marx in den „Grundrissen“ vorhergesehenen Zustand hinaus, in dem die auf dem Tauschwert basierende Produktion zusammenbricht. Eine ausführliche Analyse würde den Rahmen dieses Berichts sprengen, doch wir können den objektiven Rahmen definieren, in den die Spekulationsmanie eingeordnet werden muss.

66. Unter kapitalistischen Eigentumsverhältnissen wird eine Technologie mit immensem befreiendem Potenzial zum Vehikel einer Spekulationsblase. Das gesamte amerikanische Finanzgefüge ruht auf einem außerordentlich schmalen Fundament: einer Handvoll Technologiemonopole. Drei Jahrzehnte wiederkehrender Blasen, die jeweils durch eine Ausweitung der Kreditvergabe aufgefangen wurden, haben zu Bedingungen geführt, in denen die traditionellen Heilmittel – fiskalische Expansion und geldpolitische Lockerung – durch den Schuldenberg und die Anfälligkeit des Dollars an Wirkung verlieren. Unter diesen Umständen wendet sich die herrschende Klasse dem Krieg als Antwort auf die Wirtschaftskrise zu. Krieg ist die klassische kapitalistische Lösung der Krise der Überproduktion und Überakkumulation: die physische Zerstörung von Kapital, die Aneignung von Ressourcen und Märkten – wofür das venezolanische Öl das jüngste Beispiel ist – und die Disziplinierung der Arbeiterklasse durch die Verhängung des nationalen Notstands.

67. Der Übergang zu einer kriegsorientierten Wirtschaft ist derzeit in Europa am weitesten fortgeschritten. Auf dem Gipfel in Den Haag 2025 ersetzte die NATO ihr 2-Prozent-Ziel durch ein 5-Prozent-Ziel – 3,5 Prozent für den militärischen Kern und weitere 1,5 Prozent für kriegsbezogene Infrastruktur –, und auf dem Gipfel in Ankara im Juli dieses Jahres legten die Mitgliedstaaten ihre Pläne zur Umsetzung vor. Die baltischen Staaten und Polen geben bereits zwischen 4 und 5 Prozent aus.

68. Deutschland hat den größten Aufrüstungshaushalt in der Geschichte der Bundesrepublik verabschiedet. Es hat seine verfassungsmäßige Schuldenbremse für Militärausgaben ausgesetzt und sich verpflichtet, das 3,5-Prozent-Kernziel sechs Jahre vor dem Zeitplan des Bündnisses zu erreichen- Es hat Kurs auf kriegsbezogene Ausgaben von über 200 Milliarden Euro pro Jahr genommen und sich öffentlich zum Ziel gesteckt, die stärkste konventionelle Armee Europas aufzustellen.

69. Seit Januar erhalten alle deutschen 18-Jährigen einen Fragebogen zur Wehrtauglichkeit. Ab Juli 2027 wird die ärztliche Untersuchung für die erste männliche Kohorte verpflichtend. Sollte die Zahl der Freiwilligen nicht ausreichen, kann die allgemeine Wehrpflicht wieder gesetzlich vorgeschrieben werden. In den Vereinigten Staaten wird dasselbe vorbereitet. Ab September sollen alle Männer im Alter von 18 bis 26 Jahren erfasst werden.

70. Die Weltlage lässt sich nicht allein anhand objektiver Fakten beurteilen. Man muss auch das Bewusstsein der handelnden Klassen untersuchen. Auf der Titelseite der Juli-August-Ausgabe von Foreign Affairs, dem Organ des einflussreichen Thinktanks Council on Foreign Relations, wird die Frage gestellt: „Wer wird den nächsten Krieg gewinnen?“ Das zentrale theoretische Organ des amerikanischen Imperialismus widmet eine ganze Ausgabe nicht der Frage, ob es zu einem Krieg zwischen den Großmächten kommen wird, geschweige denn, wie er verhindert werden könnte, sondern wer ihn gewinnen wird. Der erlaubte Rahmen der Debatte reicht von denen, die den nächsten Krieg möglichst bald führen möchten, bis zu denen, die ihn besser vorbereiten möchten. Die Position, dass er gar nicht geführt werden sollte, kommt nicht vor. Die herrschende Klasse hat den Dritten Weltkrieg als ihre Arbeitshypothese verinnerlicht.

V. Die Radikalisierung der Arbeiterklasse und die Krise der Führung

71. Die wichtigste Lehre aus der Epoche von 1914–1945 hat direkte Auswirkungen auf die Gegenwart. Weltkrieg und soziale Revolution sind miteinander verknüpfte Phasen einer einzigen Krise. Der Erste Weltkrieg brachte innerhalb von drei Jahren die größte revolutionäre Welle der Geschichte hervor. Der Zweite Weltkrieg führte zu den Umwälzungen von 1943–1948, die nur durch die gemeinsamen Anstrengungen von Imperialismus und Stalinismus eingedämmt werden konnten. Und natürlich waren die großen antikolonialen Bewegungen, die sich durch die 1950er, 1960er und bis in die 1970er Jahre hinein fortsetzten, Nachbeben des Zweiten Weltkriegs und der darauf folgenden revolutionären Welle.

72. Ein totaler Krieg erfordert die totale Mobilisierung der Arbeiterklasse und setzt einen Prozess der sozialen und politischen Radikalisierung in Gang, wie es ihn 1917 und im Vorfeld und als Nachwirkung des Zweiten Weltkriegs gab. Die Herrschenden der heutigen Zeit kennen diese Geschichte. Sie ist im institutionellen Gedächtnis jedes kapitalistischen Staates verankert. Die revolutionären Folgen des imperialistischen Krieges, der 1914 begann, bereiten der herrschenden Klasse Alpträume. Wie der rechtsgerichtete Historiker Sean McMeekin zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution schrieb: „Mit dem Leninismus verhält es sich leider wie mit den Atombomben, die ebenfalls dem ideologischen Zeitalter entsprangen, das 1917 begann: Einmal erfunden, ist er nicht mehr aus der Welt zu schaffen.“[14]

Sitzung des Petrograder Soldatenrats während der Revolution 1917

73. Die metastasierende Ausbreitung des imperialistischen Krieges findet ihren dialektischen Gegenpol in der globalen Ausweitung des Klassenkampfs. Sein Wachstum vollzieht sich – um es mit einem Begriff zu sagen, den Trotzki für das Heranreifen revolutionären Bewusstseins verwendete – „molekular“, unter der Oberfläche der offiziellen Politik, in Millionen einzelner Erfahrungen von Ausbeutung, Krieg und staatlicher Gewalt, die sich still und leise ansammeln, bis sie einen kollektiven Ausdruck finden – mit einer Wucht, die jede Regierung überrascht. Wo der Krieg die Welt in Fronten spaltet, vereint der Klassenkampf sie.

74. Die internationale Vereinigung der Arbeiterklasse wurde bereits im Eröffnungsbericht zum dreizehnten nationalen Kongress der Workers League am 30. August 1988 vorausgesehen:

Wir gehen davon aus, dass sich das nächste Stadium der proletarischen Kämpfe unter dem gemeinsamen Druck der objektiven ökonomischen Tendenzen und des subjektiven Einflusses der Marxisten unvermeidlich in einer internationalistischen Richtung entwickeln wird. Das Proletariat wird mehr und mehr dahin tendieren, sich selbst in der Praxis als internationale Klasse zu definieren, und die marxistischen Internationalisten, deren Politik der Ausdruck dieser organischen Tendenz ist, werden diesen Prozess fördern und ihm eine bewusste Form geben.[15]

75. Im Jahr 1988 steckte die globale Integration der Produktion im Vergleich zu ihrem heutigen Ausmaß noch in den Kinderschuhen. Der transnationale Konzern begann gerade erst, die ältere multinationale Organisationsform abzulösen. In den vierzig Jahren seitdem wurde dieser Prozess zu seinem Abschluss geführt. Der multinationale Konzern älterer Prägung war im Wesentlichen ein nationales Unternehmen mit Auslandsgeschäft – ein amerikanisches, deutsches oder japanisches Unternehmen, das Tochtergesellschaften im Ausland gründete, während seine Produkte einen erkennbar nationalen Charakter behielten. Diese Welt gibt es nicht mehr. Die Produktion wurde zu einem einzigen, global integrierten Prozess umgestaltet, und im Zuge dieser Umgestaltung hat die Ware ihre nationale Identität eingebüßt.

76. So etwas wie ein amerikanisches Auto, eine deutsche Werkzeugmaschine, ein koreanisches Handy oder einen chinesischen Computer gibt es heute nicht mehr. Das in Michigan montierte Fahrzeug enthält Halbleiter, die in Taiwan auf japanischen Wafern hergestellt wurden, die wiederum mit niederländischen Lithografiemaschinen produziert wurden. Es enthält Kabelbäume aus Ciudad Juárez und Honduras, in China raffinierte seltene Erden, in Bangalore und Seattle geschriebene Software sowie Aluminium, das aus guineischem Bauxit geschmolzen wurde. Die Herkunftsangabe, die einst die nationale Herkunft eines Produkts bezeichnete, ist zu einer wirtschaftlichen Fiktion geworden. Sie verschleiert eine wesentliche Tatsache: Jede bedeutende Ware ist heute das Produkt eines weltweiten Produktionsprozesses, der aus komplexen Produktionsnetzwerken besteht und die vereinte Arbeit von Arbeitern auf allen Kontinenten verkörpert.

Schiffscontainer im Hafen von Guangzhou in der südchinesischen Provinz Guangdong [AP Photo/Ng Han Guan]

77. Was heute vorherrscht, ist die grenzüberschreitende Organisation der Produktion – ein kontinuierlicher, von wechselseitigen Abhängigkeiten geprägter Prozess, in dem kein nationales Segment autark oder gar in sich geschlossen ist. Die Fabrik hat sich praktisch über den ganzen Planeten ausgebreitet. Der Arbeiter in Guangdong, der Arbeiter in Stuttgart, der Arbeiter in São Paulo und der Arbeiter in Detroit produzieren nicht nur parallel ähnliche Dinge; sie arbeiten an verschiedenen Stationen ein und desselben Prozesses an ein und demselben Produkt.

78. Die Bourgeoisie hat aus diesem Wandel ihre eigenen Schlussfolgerungen gezogen: dass die Ressourcen, Märkte und Lieferrouten der ganzen Welt lebenswichtige nationale Interessen darstellen, die mit Gewalt gesichert werden müssen. Doch die Arbeiterklasse wird durch denselben Wandel zu der gegenteiligen Schlussfolgerung getrieben.

79. Die globalen Lieferketten, Kommunikationssysteme und integrierten Produktionsnetzwerke sind die Adern, die den Arbeitern aller Kontinente vor Augen führen, dass sie es mit denselben Banken, denselben Konzernen und denselben Regierungen zu tun haben.

80. Die lebendige Grundlage für diesen Zusammenfluss ist die historisch beispiellose Größe der internationalen Arbeiterklasse. Nach Schätzungen der internationalen Gewerkschaftsorganisationen umfasst die weltweite Erwerbsbevölkerung mittlerweile etwa dreieinhalb Milliarden Menschen – die größte soziale Kraft, die es jemals in der Geschichte gab. Und ein Großteil der Menschheit lebt heute in Städten, eine Schwelle, die in diesem Jahrhundert zum ersten Mal überschritten wurde.

81. Allein die industrielle Arbeiterklasse Asiens ist um ein Vielfaches größer als das gesamte Weltproletariat von 1917. Chinas Arbeiterklasse, die etwa eine Dreiviertelmilliarde Menschen umfasst, ist die größte der Weltgeschichte. Die Generalstreiks in Indien haben wiederholt mehr als 200 Millionen Arbeiter an einem einzigen Tag mobilisiert – die größten kollektiven Aktionen, die jemals von Menschen unternommen wurden. In „Die heilige Familie“, in einer Passage, auf die das IKVI wiederholt zurückgekommen ist, haben Marx und Engels das Gesetz formuliert, das das Verhältnis zwischen dieser Masse und ihrer historischen Aufgabe bestimmt: „Mit der Gründlichkeit der geschichtlichen Aktion wird also der Umfang der Masse zunehmen, deren Aktion sie ist.“[16] Politisch gesehen ist diese Erkenntnis genauso wichtig wie Einsteins Formel E = mc².

82. Der Satz lässt sich auch umgekehrt lesen, und gerade in dieser umgekehrten Lesart zeigt sich seine volle Bedeutung für unsere Epoche. Die Größe der Masse, die jetzt zur Aktion getrieben wird, ist ein Maß für die Tragweite der bevorstehenden geschichtlichen Aktion. Eine soziale Kraft von dreieinhalb Milliarden Menschen, konzentriert in den Städten, verbunden durch den am stärksten integrierten Produktionsapparat, der je geschaffen wurde, und gleichzeitig konfrontiert mit Weltkrieg, Diktatur und sozialer Verelendung – diese Kraft wird von der Geschichte nicht für einen Protest versammelt. Sie wird für die tiefgreifendste gesellschaftliche Umwälzung versammelt, die je unternommen wurde: die sozialistische Weltrevolution.

83. Die Radikalisierung der Arbeiterklasse, die in der Neujahrserklärung 2020 als entscheidende Tendenz des Jahrzehnts identifiziert wurde, ist unverkennbar im Gange. Die Erklärung ging von dem globalen Aufschwung der Jahre 2018–2019 aus – den Gelbwesten, den Massenaufständen von Chile bis zum Sudan, dem Wiederaufleben der Streikaktivitäten in den Vereinigten Staaten. Die folgenden sechseinhalb Jahre haben diesen Kurs in immer größerem Umfang bestätigt.

84. Die Pandemie, die durch die Politik der gezielten Masseninfektion mehr als dreißig Millionen Menschenleben forderte, hat in grausamer Form offenbart, wie das Leben dem Profit untergeordnet wird, und Streikwellen auf allen Kontinenten ausgelöst. Die französischen Kämpfe gegen die Rentenreform, die britischen Streikwellen, die amerikanischen Streiks in der Autoindustrie, der Logistik und im Gesundheitswesen, Generalstreiks in Südeuropa und Südasien, mehr als zwei Jahre andauernde Demonstrationen gegen den Völkermord im Gazastreifen und die drei „No Kings“-Proteste – die größten eintägigen Demonstrationen in der amerikanischen Geschichte – bilden eine einzige aufsteigende Kurve. Nach einem achtzigjährigen Tabu kehrt der Sozialismus in den Vereinigten Staaten zurück, wenn auch in verzerrter Form. Er wird von den Democratic Socialists of America in Richtung der Demokratischen Partei gelenkt, ist aber Ausdruck eines Bewusstseinswandels, den kein Apparat dauerhaft eindämmen kann.

„No Kings“-Demonstration in einem Park in Portland, Oregon, 18. Oktober 2025 [AP Photo/Jenny Kane]

85. In Nordamerika ist die Klasse, die als soziale Kraft für tot erklärt wurde, in jedem Sektor wieder in den Kampf eingetreten. Sie zeigte sich in den Aufständen bei Amazon und UPS und den spontanen Streiks in Matamoros, die ankündigen, dass die Arbeiterklasse auf dem gesamten amerikanischen Kontinent als eine einheitliche Kraft in den Kampf treten wird. Innerhalb der Gewerkschaften zeugen Urabstimmungen, bei denen Tarifeinigungen mit über 90 Prozent der Stimmen abgelehnt werden, und die Reaktion auf die Kampagne von Will Lehman um den Vorsitz der UAW von einer Revolte gegen die Bürokratie. Dieses Erwachen vollzieht sich im Zentrum des Weltimperialismus, innerhalb der Arbeiterklasse, ohne deren Unterwerfung die amerikanische Hegemonie nicht durchsetzbar ist, und führt den wirtschaftlichen und politischen Kampf zu einem einzigen Strom zusammen.

86. In Afrika entwickelt sich die jüngste und am schnellsten wachsende Arbeiterklasse der Welt zu einem revolutionären Faktor von weltgeschichtlicher Tragweite. Die Generalstreiks in Nigeria, der Aufstand der kenianischen Jugend, die das Parlament stürmte, und die Streikbewegungen der südafrikanischen Arbeiterklasse sind die ersten Aktionen einer Klasse, die im Zentrum der Weltrevolution des 21. Jahrhunderts stehen wird.

87. In Russland und China wecken imperialistische Einkreisung und Provokationen das historische Gedächtnis wieder, auf dessen Unterdrückung beide Oligarchien beruhen. In Russland stehen immer mehr Arbeiter auf den Listen der Gefallenen des Krieges, der geführt wird, um das geraubte ehemalige Staatseigentum der Sowjetunion zu verteidigen. Das russische Regime verdammt Lenin, weil es die Schlussfolgerung fürchtet, die Arbeiter aus dem Jahr 1917 ziehen werden. In China konkurriert das Budget für innere Sicherheit mit den Militärausgaben. Darin zeigt sich, wo die KPCh ihren Hauptfeind sieht. Die kommenden Bewegungen in beiden Ländern werden keine von Washington gesteuerten Farbrevolutionen sein. Sie werden sich gleichermaßen gegen den Imperialismus und die nationalen Oligarchien richten und ihre Antworten in dem Erbe finden, das die Vierte Internationale gegen den Stalinismus verteidigt hat.

88. Was zwischen dieser Bewegung und ihrem politischen Ausdruck steht, ist die Krise der revolutionären Führung. Die IKVI hat nie behauptet, dass sich das Problem der Führung von allein löst. Die Massenbewegungen bleiben politisch gefangen. Die „No Kings“-Proteste wurden zurück in die Demokratische Partei, die Partei des Krieges, kanalisiert. Die Gewerkschaftsbürokratien fungieren immer offener als Polizei der Kriegswirtschaft in den Betrieben.

89. Der Dachverband AFL-CIO mit seinen Millionen Mitgliedern hat keine Stellungnahme zum Iran-Krieg abgegeben. Der Vorsitzende der Autoarbeitergewerkschaft UAW beruft sich auf den alten imperialistischen Mythos vom „Arsenal der Demokratie“ aus dem Zweiten Weltkrieg. Der Apparat, dem er vorsteht, sabotiert Streikabstimmungen, setzt Tarifabschlüsse durch, die von der Mitgliedschaft mit über 90 Prozent abgelehnt wurden, und reagiert auf den Widerstand der Basis – wie die Erfahrungen der Will-Lehman-Kampagne und ihrer Rechtsstreitigkeiten im Detail zeigen – mit Zensur, manipulierten Wahlen und Einschüchterung, weil es unmöglich ist, das Bündnis der Bürokratie mit dem Staat und den Unternehmern vor der Mitgliedschaft mit Argumenten zu rechtfertigen.

90. Die Internationale Arbeiterallianz der Aktionskomitees wurde 2021 mit dem Ziel gegründet, die Macht von den Bürokratien auf die Arbeiter selbst zu übertragen.

VI. Fazit

91. Unsere Erklärung von 2020 bewertete die Entwicklungstendenzen des neuen Jahrzehnts: den Ausbruch des imperialistischen Militarismus in Richtung eines Dritten Weltkriegs, den Zusammenbruch der kapitalistischen Weltwirtschaft, das Scheitern der bürgerlichen Demokratie und den Drang zu autoritärer Herrschaft und auf der anderen Seite die internationale Radikalisierung der Arbeiterklasse, die mit einer Krise der revolutionären Führung konfrontiert ist. Zur Halbzeit des Jahrzehnts hat sich jede einzelne dieser Tendenzen mit einer Wucht entfaltet, die über die Formulierungen der damaligen Erklärung hinausgeht.

92. Der gegenwärtige Konflikt ist, historisch betrachtet, der dritte Akt eines Dramas, das 1914 begann. Der amerikanische Imperialismus trat im April 1917 in den europäischen Krieg ein, um den Planeten unter seiner Hegemonie neu zu ordnen. Sieben Jahrzehnte lang wurde dieses Vorhaben durch die Oktoberrevolution und ihre weltgeschichtlichen Folgen behindert. Die Auflösung der UdSSR im Jahr 1991 wurde als Beseitigung dieses Hindernisses und als Freibrief zur Vollendung des Projekts empfunden, die Welt so neu zu gestalten, als hätte die Oktoberrevolution nie stattgefunden.

93. Ist der Krieg im Wesentlichen die Fortsetzung des hundertjährigen Kampfs des Imperialismus gegen die sozialistische Revolution, so ist der Kampf gegen den Krieg die Wiederaufnahme dieser Revolution – und kann nichts anderes sein. Er kann weder die Form der Verteidigung irgendeines Nationalstaates annehmen noch die der Wiederherstellung einer „regelbasierten Ordnung“, die selbst ein Instrument des konterrevolutionären Projekts war, noch die Form des Druckausübens, wie es von den Pseudolinken vertreten wird. Der Kampf gegen den Krieg erfordert die unabhängige politische Mobilisierung der Arbeiterklasse auf internationaler Ebene auf der Grundlage des Programms der sozialistischen Revolution.

94. Eine Perspektive ist ein Instrument des Kampfs. Ihre Veröffentlichung, ihre Überprüfung und ihre Verteidigung sind Momente in der Lösung der Führungskrise, die nicht allein durch objektive Prozesse überwunden wird, sondern durch den bewussten Aufbau der revolutionären Partei innerhalb dieser Prozesse. Die in diesem Bericht analysierten Widersprüche nehmen einen immer explosiveren Charakter an, und das verleiht dem Kampf um die revolutionäre Führung seinen entscheidenden und unaufschiebbaren Charakter.

95. Das Metastasieren des imperialistischen Krieges und das Zusammenfließen des weltweiten Klassenkampfs sind nicht zwei Prozesse, sondern einer. Es ist ein und dieselbe Krise, betrachtet aus der Perspektive der beiden rivalisierenden Klassen, deren Konflikt darüber entscheiden wird, welches der beiden möglichen Ergebnisse dieser Epoche eintreten wird. Vor fast neunzig Jahren, am Vorabend des zweiten imperialistischen Krieges, definierte Trotzki im Gründungsdokument der Vierten Internationale das Wesen dieser Epoche: Die historische Krise der Menschheit läuft auf die Krise der revolutionären Führung hinaus.

Leo Trotzki

96. Die Vierte Internationale ist eine Partei der Geschichte. Aus marxistischer Sicht bedeutet dies, dass die Perspektive und Praxis der Partei in einer bestimmten Auffassung vom Wesen der historischen Epoche verwurzelt ist und durch diese definiert wird. Die Partei kann ihre Aufgaben nur in dem Maße richtig bestimmen, wie sie die Ereignisse bewusst in den Kontext der gesamten historischen Epoche einordnet. Die grundlegende theoretische und politische Herausforderung, vor der die revolutionäre Bewegung steht, besteht darin, die Entwicklung des Klassenkampfs richtig in den historischen Verlauf der Epoche von Krieg und Revolution einzuordnen.

97. Die am 3. Januar 2020 veröffentlichte Erklärung war nicht das Ergebnis einer plötzlichen Eingebung. Auf der internationalen Sommerschulung der Socialist Equality Party im August 2019 haben wir eine umfassende Bestandsaufnahme der Geschichte des Internationalen Komitees vorgenommen. Im Zuge dieser Bestandsaufnahme haben wir fünf Phasen in der Geschichte der trotzkistischen Bewegung identifiziert.

98. Die erste Phase umfasste einen Zeitraum von 15 Jahren, von der Gründung der Linken Opposition unter der Führung Trotzkis im Jahr 1923 bis zum Gründungskongress der Vierten Internationale 1938. Die zweite Phase erstreckte sich vom Gründungskongress bis zur historischen Spaltung in der Vierten Internationale – dem Bruch mit den pablistischen Revisionisten – im November 1953. Die dritte Phase reichte von der Gründung des Internationalen Komitees bis zur Spaltung mit der Workers Revolutionary Party in den Jahren 1985–1986. Sie war geprägt vom langwierigen Kampf gegen den schädlichen Einfluss der pablistischen Theorie und Politik auf und innerhalb der Vierten Internationale. Die vierte Phase reichte von der Vollendung des Bruchs mit der WRP im Februar 1986 bis zur Sommerschulung im Jahr 2019. In dieser Phase ging es vor allem darum, das Erbe der trotzkistischen Bewegung wiederherzustellen und darauf aufzubauen sowie die Lehren aus den früheren Erfahrungen in der Epoche der sozialistischen Weltrevolution zu ziehen.

99. Auf der Schulung wurde das Jahr 2019 als Beginn der fünften Phase in der Geschichte der trotzkistischen Bewegung identifiziert. Natürlich hatte dieser Zeitpunkt einen eher ungefähren Charakter. Er war nicht mit einem einzigen entscheidenden Ereignis verbunden, wie es 1923, 1938, 1953 und 1985–1986 der Fall war. Die Identifizierung einer neuen Phase in der Geschichte der trotzkistischen Bewegung war jedoch nicht willkürlich. Bis zum Sommer 2019 war hinreichend klar geworden, dass die globale Krise ein neues Stadium erreicht hatte und dass dies die Rolle des Internationalen Komitees in den Kämpfen der Arbeiterklasse tiefgreifend verändern würde.

100. Im Eröffnungsbericht zur SEP-Schulung 2019 wurde die neue, fünfte Phase in der Geschichte der trotzkistischen Bewegung als die Phase bezeichnet,

in der das IKVI als Weltpartei der sozialistischen Revolution ein enormes Wachstum erleben wird. Die objektiven Prozesse der ökonomischen Globalisierung, die das Internationale Komitee vor mehr als 30 Jahren identifizierte, haben sich in riesigem Ausmaß weiterentwickelt. In Kombination mit dem Aufkommen neuer Technologien, die die Kommunikation revolutionierten, haben diese Prozesse den Klassenkampf in einem Maße internationalisiert, das selbst vor 25 Jahren noch kaum vorstellbar war. Das Internationale Komitee der Vierten Internationale wird als bewusste politische Führung dieses objektiven sozioökonomischen Prozesses aufgebaut. Es wird der kapitalistischen Politik des imperialistischen Kriegs die klassenbasierte Strategie der sozialistischen Weltrevolution entgegensetzen. Darin besteht die wesentliche Aufgabe des neuen Stadiums in der Geschichte der Vierten Internationale.[17]

101. Die Herausforderung für unseren Kongress besteht darin, die Praxis der Partei noch besser mit diesen beiden zusammenhängenden Konzepten in Einklang zu bringen, d. h. mit dem Konzept der fünften Phase der Vierten Internationale und dem Konzept der Rückkehr des revolutionären Klassenkampfs.

102. Was bedeutet diese Ausrichtung in der Praxis? Sie bedeutet vor allem den Aufbau der Partei in der Arbeiterklasse. Die in diesem Bericht dargelegte Analyse ist kein Kommentar zu den Ereignissen, sondern ein Leitfaden für das Eingreifen in die Ereignisse. Die Radikalisierung der Arbeiterklasse, die auf allen Kontinenten voranschreitet, wirft die Frage nach der Führung auf; und die Frage nach der Führung lässt sich nur auf eine Weise lösen – durch den Aufbau der revolutionären Partei innerhalb der Kämpfe der Arbeiterklasse selbst.

103. Im Zentrum dieser Aufgabe steht die Ausdehnung der Arbeit der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees. Die Aktionskomitees müssen erstens als Instrumente des Klassenkampfs aufgebaut werden: als Organe, durch die die Arbeiter ihre Forderungen formulieren, ihre Aktionen über Betriebe, Branchen und Landesgrenzen hinweg koordinieren und die Isolation durchbrechen können, die der offizielle Apparat jedem Kampf auferlegt. Zweitens müssen sie als Organisationszentren eines antibürokratischen Aufstands aufgebaut werden – als Mittel, durch die die Basis den korporatistischen Bürokratien die Macht entreißt und die Führung ihrer Kämpfe selbst in die Hand nimmt. Und drittens dürfen sie nicht nur defensive Organisationen sein: Sie müssen Formen echter Arbeiterdemokratie und Arbeitermacht vorwegnehmen. Damit leistet die Arbeiterklasse nicht nur Widerstand gegen die bestehende Ordnung, sondern beginnt, sich als zukünftige herrschende Klasse zu konstituieren. Sie entwickelt im Keim die Organe, durch die sie das soziale, wirtschaftliche und politische Leben neu ordnen wird.

104. Der Aufbau der Partei in der Arbeiterklasse ist untrennbar mit dem Aufbau der International Youth and Students for Social Equality verbunden. Etwa 38–39% der US-Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt – das sind etwa 128–130 Millionen Menschen von insgesamt rund 340 Millionen. Rund 22 Prozent der Gesamtbevölkerung sind jünger als 18 Jahre, weitere 16 bis 17 Prozent gehören zur Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen. Der Prozess der sozialen Radikalisierung konzentriert sich besonders auf junge Menschen.

105. Eine Umfrage nach der anderen bestätigt, dass die Sympathie für den Sozialismus gerade unter der Jugend am stärksten zum Ausdruck kommt – in einer Generation, die nichts als Krieg, Wirtschaftskrise, Pandemie und das unaufhaltsame Wachstum sozialer Ungleichheit erlebt hat und die den Kapitalismus nicht mit Wohlstand und Demokratie, sondern mit Katastrophen assoziiert. Das Hochschulstudium ist mittlerweile ein Massenphänomen, doch Millionen junger Menschen verlassen die Hochschulen mit erdrückenden Schulden und verpfänden ihre Zukunft für das Recht, ausgebeutet zu werden. Die Strategen der Bourgeoisie sind sich dieser Entwicklung sehr wohl bewusst. Wie unsere Partei bereits in früheren Erklärungen festgestellt hat, verfolgen die Thinktanks und Redaktionen der herrschenden Klasse die Linksbewegung der Jugend mit unverhohlener Besorgnis und erkennen darin eine tödliche Gefahr für die Stabilität der bestehenden Ordnung.

106. Außerdem sind es die Jugendlichen, die in den Strudel des Krieges hineingezogen werden. Mit der Ausbreitung des imperialistischen Brands wird die Wehrpflicht unweigerlich auf die Tagesordnung gesetzt werden. Die herrschende Klasse, die jungen Menschen in „normalen“ Zeiten nichts als Schulden und prekäre Lebensverhältnisse bietet, wird im Krieg ihr Leben fordern. Der Kampf gegen den imperialistischen Militarismus wird daher in der Arbeit der IYSSE entscheidende Bedeutung erlangen. In diesem Kampf um Leben und Tod müssen sich junge Menschen der Arbeiterklasse zuwenden – der einzigen sozialen Kraft, die in der Lage ist, den Krieg zu stoppen – und sich auf die Strategie der internationalen sozialistischen Revolution stützen.

Studierende demonstrieren am 28. März 2024 an der Universität von Michigan gegen den Völkermord in Gaza

107. Trotzki berief sich im Übergangsprogramm auf die „frische Begeisterung und Angriffslust“ der Jugend als unverzichtbar für das Wiederaufleben der revolutionären Bewegung. Doch die Partei verlässt sich nicht einfach auf diese Begeisterung, so wertvoll sie auch sein mag. Begeisterung, die nicht geschult wird, verpufft oder wird in die falsche Richtung gelenkt. Die Aufgabe der IYSSE besteht darin, den instinktiven Radikalismus der jüngeren Generation in bewusste revolutionäre Überzeugung umzuwandeln: Studierende und junge Arbeiter theoretisch und politisch zu schulen, ihnen Wissen über die Geschichte der marxistischen Bewegung und die strategischen Erfahrungen der internationalen Arbeiterklasse zu vermitteln und sie zu Kadern der Vierten Internationale auszubilden. An den Hochschulen im ganzen Land müssen IYSSE-Gruppen aufgebaut werden. Auch darf die IYSSE ihre Arbeit unter älteren Schülern nicht vernachlässigen, deren Radikalisierung durch die sozialen Verhältnisse vorangetrieben wird, die sie seit den frühesten Jahren ihres jungen Lebens miterlebt haben. Sie dürfen nicht dem Einfluss der Pseudolinken oder den Rekrutierungsbeauftragten des Militärs überlassen werden.

108. Das Wachstum der Partei ist nicht nur quantitativer Natur. Die Gewinnung von Mitgliedern muss mit der systematischen Ausbildung von Kadern einhergehen und ist untrennbar damit verbunden. Die durch Krieg, Diktatur und soziale Ungleichheit radikalisierten Arbeiter und Jugendlichen werden nur insofern zu einer revolutionären Kraft, wie sie sich die strategischen Erfahrungen der internationalen Arbeiterbewegung aneignen, die in der Geschichte der Vierten Internationale konzentriert sind. Die marxistische Theorie ist kein schmückendes Beiwerk der Parteipraxis. Sie ist deren Fundament. Ohne revolutionäre Theorie kann es keine revolutionäre Bewegung geben.

109. Dies gewinnt besondere Bedeutung unter Bedingungen, unter denen das Aufkommen sozialistischer Stimmungen einen ersten und verzerrten Ausdruck im Wachstum der Democratic Socialists of America (DSA) findet. Die objektive Bedeutung dieses Wachstums muss anerkannt werden: Es zeugt von einer Linksbewegung breiter Massen von Arbeitern und Jugendlichen sowie vom Versagen der jahrzehntelangen Tabuisierung des Sozialismus. Aber Anerkennung bedeutet nicht Anpassung. Die DSA ist eine kleinbürgerliche Organisation, die programmatisch und organisatorisch an die Demokratische Partei gebunden ist. Ihre Funktion besteht darin, die Radikalisierung der Arbeiterklasse und der Jugend einzudämmen und sie dem amerikanischen Imperialismus unterzuordnen. Die Socialist Equality Party wird sich dieser Tendenz und anderen kleinbürgerlichen Ablenkungen vom revolutionären Sozialismus nicht anpassen. Ohnehin hat keine dieser Parteien, am allerwenigsten die DSA, eine Zukunft. Sie sind weder gerüstet noch vorbereitet auf die Stürme, die sich zusammenbrauen. Die SEP wird dafür kämpfen, neu radikalisierte Arbeiter und Jugendliche für den Trotzkismus zu gewinnen – durch geduldige Aufklärung über historische Erfahrungen und Klassenfragen und durch unnachgiebige Kritik an der Politik der Pseudolinken und aller Instrumente des Imperialismus, einschließlich all dessen, was vom Stalinismus und seinem nach wie vor bösartigen Einfluss auf die internationale Arbeiterbewegung noch verblieben ist.

110. Die SEP hat die Warnung nicht vergessen, die die Socialist Labour League in Großbritannien vor fast 60 Jahren aussprach, als sie noch eine trotzkistische Bewegung war und den Kampf gegen den pablistischen Opportunismus anführte. Im Widerstand gegen das Abdriften der OCI – damals die französische Sektion des Internationalen Komitees – in Richtung Zentrismus und Opportunismus warnte die SLL:

In einem solchen Entwicklungsstadium besteht immer die Gefahr, dass eine revolutionäre Partei nicht in revolutionärer Weise auf die Lage in der Arbeiterklasse reagiert, sondern sich an das Niveau anpasst, auf das die Arbeiter durch ihre eigene Erfahrung unter der alten Führung beschränkt sind, d.h. an die unvermeidliche anfängliche Verwirrung.[18]

111. Diese Warnungen haben sich bewahrheitet, nicht nur durch die späteren Verrätereien der OCI, sondern auch durch jene der SLL selbst. In diesem Zusammenhang gewinnt die Geschichte der Partei entscheidende Bedeutung. Der Kampf, den das Internationale Komitee gegen den pablistischen Revisionismus führte, war im Wesentlichen der Kampf gegen die Auflösung der politischen Unabhängigkeit der Arbeiterklasse in genau solchen kleinbürgerlichen Tendenzen. Die fünf Phasen der Geschichte der trotzkistischen Bewegung, die in der Schulung 2019 beleuchtet wurden, sind keine akademische Periodisierung. Sie bilden das angesammelte strategische Kapital der weltweiten sozialistischen Revolution.

112. Der nächste Parteitag der SEP im Jahr 2028 fällt mit dem hundertsten Jahrestag der Gründung der Internationalen Linken Opposition (1928) zusammen, in der James P. Cannon eine so entscheidende Rolle spielte. Die Vorbereitung auf dieses historische Jubiläum muss im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen, um eine neue Generation in dieser Geschichte zu schulen. Das ist die unverzichtbare Voraussetzung, um die Krise der Führung der Arbeiterklasse zu lösen. Socialism AI, das im Dezember 2025 von der WSWS ins Leben gerufen wurde, wird entscheidend zur Ausbildung der Parteikader und der Arbeiterklasse insgesamt beitragen.

113. Der Neunte Parteitag findet, wie dieser Bericht aufzuzeigen versucht hat, an einem Punkt statt, an dem die Perspektive der Partei und der objektive Lauf der Geschichte erkennbar zusammentreffen. Die Aufgabe, vor der er steht, besteht darin, die Partei – politisch, theoretisch und organisatorisch – auf die revolutionären Kämpfe vorzubereiten, die sich unvermeidlich aus diesem Zusammentreffen ergeben werden.


[1]

David North (Hrsg.), OLIGARCHY. Trump and the Breakdown of American Democracy, Mehring Books, 2026, das Vorwort ist auf Deutsch abrufbar unter https://www.wsws.org/de/articles/2026/06/26/hpom-j26.html

Siehe hierzu auch: David North (Hrsg.), Wohin geht Amerika? Faschismus oder Sozialismus, Essen: Mehring Verlag, 2026.

[2]

John Kelly, The Twilight of World Trotskyism, New York: Routledge, 2023, S. 97.

[3]

Leo Trotzki, „Krieg und die Internationale“, in: Leo Trotzki, Europa im Krieg, Essen: Arbeiterpresse Verlag, 1998, S. 377.

[4]

Wladimir I. Lenin, „Der Imperialismus und die Spaltung im Sozialismus“, in: Werke, Bd. 23, Berlin: Dietz Verlag, 1957, S. 103.

[5]

Leo Trotzki, Die Dritte Internationale nach Lenin, Essen: Arbeiterpresse Verlag, 1993, S. 24 f.

[6]

Ebd., S. 29.

[7]

Leo Trotzki, Die Permanente Revolution. Ergebnisse und Perspektiven, Essen: Arbeiterpresse Verlag, 1993.

[8]

Leo Trotzki, Krieg und die Vierte Internationale, zitiert nach https://www.marxists.org/deutsch/archiv/trotzki/1934/kriegvi/teil1.htm.

[9]

Kelly., op. cit, S. 78.

[10]

Erste Phase (1999): Polen, Ungarn und die Tschechische Republik – die ersten ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten, die unter der Clinton-Regierung aufgenommen wurden, was einen direkten Verstoß gegen die 1990 gegenüber Gorbatschow abgegebenen Zusicherungen darstellte, dass die NATO sich nicht „einen Zoll nach Osten“ über ein wiedervereinigtes Deutschland hinaus ausdehnen würde.

Zweite Phase (2004): Die größte einzelne Beitrittsrunde – Estland, Lettland, Litauen, die Slowakei, Slowenien, Rumänien und Bulgarien. Damit drang die NATO zum ersten Mal auf ehemaliges sowjetisches Territorium vor, wobei die drei baltischen Republiken das Bündnis direkt an die nordwestliche Grenze Russlands rückten.

Dritte Phase (2009): Albanien und Kroatien – damit dehnte sich das Bündnis nach dem Zerfall Jugoslawiens, bei dem die NATO-Bombardements von 1999 eine entscheidende Rolle gespielt hatten, auf den Westbalkan aus.

Vierte Phase (2017 und 2020): Montenegro (2017) und Nordmazedonien (2020), womit die Eingliederung des größten Teils des ehemaligen jugoslawischen Raums vollendet und die Position der NATO an der Adria sowie auf dem südlichen Balkan gefestigt wurde.

Fünfte Phase (2023–2024): Finnland (April 2023) und Schweden (März 2024), die als direkte Reaktion auf den Krieg in der Ukraine ihre jahrzehntelange formelle Neutralität aufgaben. Allein durch den Beitritt Finnlands hat sich die Länge der Landgrenze der NATO zu Russland mehr als verdoppelt.

[11]

David North, 30 Jahre Krieg. Amerikas Griff nach der Weltherrschaft, Essen: Mehring Verlag, 2020, S. 60.

[12]

Ebd. S. 60 f.

[13]

Resisting the Rule of the Rich: Protecting freedom from billionaire power, abrufbar unter https://oi-files-d8-prod.s3.eu-west-2.amazonaws.com/s3fs-public/2026-01/EN%20-%20Resisting%20the%20Rule%20of%20the%20Rich.pdf

[14]

Sean McMeekin, The Russian Revolution. A New History. New York, 2017, S. 351f, zitiert in: Warum die Russische Revolution studieren, Band 1, Essen: Mehring Verlag 2017, S. 260.

[15]

David North, in: Vierte Internationale, Juli–Dezember 1988, Jg. 15, Nr. 3-4, S. 42.

[16]

Karl Marx/Friedrich Engels, „Die heilige Familie“, in: Werke Bd. 2, Berlin: Dietz Verlag, 1962, S. 86.

[17]

Internationales Komitee der Vierten Internationale, Die Vierte Internationale und die Perspektive der sozialistischen Weltrevolution 1986-1995, Essen: Mehring Verlag, 2022, S. 60.

[18]

„Reply to the OCI by the Central Committee of the SLL“, 19. Juni 1967, in: Trotskyism versus Revisionism, Volume 5, London 1975, S. 113f.

Loading