David North beantwortet Fragen bei der internationalen Trotzki-Gedenkfeier auf Prinkipo

Am 16. August 2026 fand die vierte jährliche Internationale Gedenkfeier für Leo Trotzki in der Taş Mektep auf Büyükada (Prinkipo) in der Türkei statt. Veranstaltet wurde sie von der Gemeinde Adalar (Prinzeninseln) mit Unterstützung des türkischen Mehring-Verlags und der World Socialist Web Site. Der Vorsitzende der internationalen Redaktion der WSWS, David North, hielt vor mehr als 100 Zuhörern die Rede „Trotzkis ,Mein Leben: ein unsterblicher Beitrag zum Marxismus und zur Weltliteratur‘, die im Voraus aufgezeichnet und den Anwesenden gezeigt wurde.

Im Folgenden veröffentlichen wir die Abschrift der anschließenden Fragerunde, in der North Fragen zum Schicksal von Ernst Thälmann, zur Unterdrückung des Kronstädter Aufstands, zu den Aufgaben von Revolutionären im Nahen Osten und zum Einfluss der Linken Opposition in der Sowjetunion beantwortete. Die Veranstaltung wurde von der amtierenden Bürgermeisterin von Adalar, Medine Pamuk, eröffnet. Sie vertrat Bürgermeister Ali Ercan Akpolat, der seit Juni im Gefängnis sitzt. Der Grund für seine Inhaftierung ist die Kampagne der Erdoğan-Regierung gegen Gemeinden, die von Oppositionellen regiert werden. Bei der Eröffnung unterstützt wurde sie vom Vorsitzenden der türkischen Sozialistischen Gleichheitspartei, Ulaş Ateşçi, dessen Beitrag wir hier veröffentlichen.

Frage 1: Der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands, Ernst Thälmann, wurde von den Nazis in einem Konzentrationslager ermordet. Können Sie sich zu Thälmanns Schicksal äußern?

Nun, Thälmann wurde wie auch viele führende Sozialdemokraten kurz nach der Machtergreifung der Nazis verhaftet. Als Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) trug Thälmann natürlich eine enorme Verantwortung für die Niederlage der deutschen Arbeiterklasse. Die KPD selbst war bis 1933 völlig unfähig, irgendeinen Widerstand zu organisieren. Natürlich war Thälmann von seiner Biografie her ein sehr militanter Arbeiter, aber keineswegs ein kompetenter politischer Führer. Er war ein Instrument der stalinistischen Bürokratie.

Aber ich möchte dennoch etwas über sein endgültiges Schicksal sagen. Wie du schon erwähnt hast, wurde er 1944 oder 1945 von den Nazis ermordet. Er saß jahrelang in Haft. Allerdings ist nicht allgemein bekannt oder Gegenstand von Diskussionen, dass Stalin bei der Unterzeichnung seines Pakts mit Hitler bewusst auf die Forderung nach der Freilassung Thälmanns aus dem Konzentrationslager verzichtete. Die Nazis hatten angenommen, dies wäre eine der Bedingungen für die Unterzeichnung des Vertrags. Doch Stalin setzte sich nicht für Thälmanns Freilassung ein. Und insofern trug Stalin selbst die direkte Verantwortung für Thälmanns tragisches Schicksal.

Ich hoffe, das beantwortet die Frage.

Ernst Thälmann, KPD-Führer (Wikipedia)

Frage 2: Trotzki verteidigte den sowjetischen Staat, indem er den Kronstädter Aufstand unterdrückte. Wie bewerten Sie dieses Ereignis heute?

Ja, Trotzki übernahm die Verantwortung für die Unterdrückung des Kronstädter Aufstands. Und ich denke, man muss die Umstände verstehen, unter denen es dazu kam. Zweifellos hatten sie etwas Tragisches. Doch der Kronstädter Aufstand stellte eine direkte und unmittelbare Bedrohung für das Überleben des sowjetischen Staats dar.

Ich weiß nicht, ob der Fragesteller mit der Geografie Leningrads vertraut ist. Kronstadt nahm eine strategisch absolut entscheidende Lage vor der Küste von Petersburg – später Leningrad – ein. Und wenn der Aufstand gegen das bolschewistische Regime erfolgreich gewesen wäre, dann hätte die britische Marine Kronstadt besetzt. Das wäre ein vernichtender Schlag für die Sowjetrepublik gewesen. Das ist eine bekannte historische Tatsache.

Deshalb übernahm Trotzki die Verantwortung dafür, was passierte. Es war eine politische und militärische Notwendigkeit. Der Aufstand fand inmitten eines Bürgerkriegs statt. Das Regime kämpfte, um sich gegen die Konterrevolution zu verteidigen.

Frage 3: Angesichts des Völkermords in Gaza, der Niederlage der Hamas, des Zusammenbruchs Syriens und der Auflösung der größten Guerillaorganisation durch die kurdische PKK, erleben wir keine eigene Intervention der Arbeiterklasse. Was, schlagen Sie vor, sollten Revolutionäre und Kommunisten in dieser Situation tun?

Nun, das ist eine sehr wichtige Frage. Ich möchte, wie schon in meiner Rede, erneut die Solidarität des Internationalen Komitees mit dem Bürgermeister von Büyükada, Ali Ercan Akpolat, bekräftigen. Wir werden uns weiterhin für seine Freilassung aus der Haft einsetzen. Dies ist eine Kampagne, die wir international führen. Und daher hoffe ich, dass wir in Zukunft, wenn das Museum öffnet – und ich bin mir sicher, dass dies eines Tages geschehen wird – die Eröffnung zusammen mit Bürgermeister Ercan feiern können. Und wenn du eine Gelegenheit hast, Ercan zu sehen, überbringe ihm bitte meine persönlichen Grüße sowie meine nachdrückliche Unterstützung für seine Befreiung aus der ungerechtfertigten Haft.

Büyükadas Bürgermeister Ali Ercan Akpolat (links) im Gespräch mit David North (rechts) und Ulaş Ateşçi

Zu deiner Frage: Ich denke, wenn man die internationale Situation und die Entwicklung des Klassenkampfs untersucht, wird man feststellen, dass sich die Arbeiterklasse zunehmend radikalisiert. In den letzten zwei Jahren hat die Zahl der Streiks und Massendemonstrationen beträchtlich zugenommen. Und hier in den Vereinigten Staaten wird es immer offensichtlicher, dass sich die Arbeiterklasse durch die Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen, die Inflation und den Angriff auf ihren Lebensstandard radikalisiert. Und, wie ich hinzufügen muss, existiert auch ein sehr tiefgehender und wachsender Widerstand gegen den Iran-Krieg. Dies ist kein Krieg, der von der breiten Masse der Arbeiterklasse unterstützt wird – ganz im Gegenteil.

Die objektiven Bedingungen radikalisieren die Arbeiterklasse auf der ganzen Welt. Und man muss verstehen, dass die Arbeiterklasse eine globale Kraft ist und viel stärker als noch vor 30 oder 40 Jahren. Die Auflösung der Sowjetunion durch das stalinistische Regime und die Wiedereinführung des Kapitalismus in China haben zweifellos für große Verwirrung und Desorientierung gesorgt. Doch nach 35 Jahren weicht diese Desorientierung einer wachsenden Wut und Militanz.

Deshalb ist die entscheidende Frage heute nicht, ob die Arbeiterklasse kämpfen wird oder nicht. Die Arbeiterklasse wird kämpfen. Sie wird überall auf der Welt kämpfen: in den USA, in Europa, in Asien und der Türkei. Doch die Arbeiterklasse braucht eine politische Führung. Und die große Herausforderung unserer Epoche ist der erneute Aufbau einer wirklich revolutionären marxistischen Bewegung. Genau das hat sich das Internationale Komitee der Vierten Internationale zur grundlegenden Aufgabe gemacht.

Alle politischen Ereignisse des letzten Jahrhunderts, und natürlich der jüngeren Vergangenheit, haben die Analyse der trotzkistischen Bewegung bestätigt. Die großen Probleme unseres Zeitalters werden nicht durch bürgerlich-nationale Bewegungen gelöst werden. Sie werden nicht durch Guerilla-Organisationen gelöst werden. Sie werden einzig und allein von der international vereinten Arbeiterklasse auf der Grundlage eines revolutionär-sozialistischen Programms gelöst werden. Und der Kern dieses Programms ist der Internationalismus. Es geht um die Enteignung der Bourgeoisie und die Auflösung des gesamten Nationalstaatensystems. Das ist die einzige gangbare Lösung.

Wenn du denkst, das sei sehr schwer zu bewerkstelligen – natürlich ist es das. Doch Revolutionen sind nicht leicht zu bewerkstelligen. Revolutionen finden statt, und zwar deshalb, weil es große, schwierige, historische Probleme zu lösen gilt. Das sind keine einfachen Probleme. Es sind gewaltige Probleme. Und genau deshalb kommt es zu Revolutionen. Und die kommende Revolution wird eine Revolution der Arbeiterklasse sein. Und es wird eine Revolution sein, die die Arbeiterklasse auf der ganzen Welt vereint, wie Trotzki es vorhergesehen hat.

Und das ist unsere Strategie. Wir haben nicht einfach eine nationale Strategie. Wir haben eine globale Strategie. Und wir kämpfen in jedem einzelnen Land – sei es in den USA, in Deutschland oder in der Türkei – für die Umsetzung dieser internationalen Strategie. Und wir sind überzeugt, dass sie sich als erfolgreich erweisen wird. Doch man muss dafür kämpfen. Ich kann unsere Politik zwar erklären, aber ihr Erfolg hängt natürlich davon ab, dass sie von der Arbeiterklasse angenommen wird. Und daran müssen wir arbeiten. Wir müssen die Arbeiter überzeugen, und das erfordert unsere direkte Beteiligung am politischen Kampf.

Um ehrlich zu sein: Es ist einfach, sich darüber zu beklagen, wie schwer die Dinge sind. Aber die Welt wurde noch nie verändert, indem man sich nur beklagt hat. Sie wird durch Menschen verändert, die in den historischen Prozess eingreifen und den Kampf aufnehmen. Das ist es, was wir tun müssen.

Eine letzte Sache noch, die ich bereits in meiner Rede erwähnt habe: Im Januar 1917 befand sich Trotzki in New York. Lenin war in der Schweiz. Die Revolution brach aus. Sie waren erfolgreich, weil sie sich theoretisch und politisch vorbereitet hatten. Deshalb denke ich, wir müssen von dieser historischen Erfahrung lernen.

Frage 4: Wie groß war der Einfluss der Linken Opposition und Trotzkis innerhalb der Roten Armee und der Arbeiter- und Soldatenräte?

Nun, tatsächlich ist eine enorme Menge an neuen Informationen und Material über genau dieses Thema aus Archiven aufgetaucht, die bisher nicht zur Verfügung standen. Tatsächlich war die Linke Opposition in der Sowjetunion eine sehr starke Kraft. Sie hatte enormen Rückhalt unter breiten Teilen der Arbeiter, der studentischen Jugend und in bedeutenden Teilen der Intelligenzija. Und die Sowjetbürokratie unter Führung von Stalin hatte große Angst vor der Linken Opposition. Deshalb musste sie zunehmend auf Unterdrückung, Ausweisung und physische Gewalt setzen.

Die Linke Opposition war keine Randerscheinung. Und tatsächlich genoss Trotzki selbst trotz aller Verfolgung und aller Lügen über ihn enorme politische Autorität unter den fortgeschrittenen Arbeitern in der Sowjetunion. Er hatte die Rote Armee angeführt. Neben Lenin galt er als der wichtigste Führer der Oktoberrevolution. Und niemand hatte bei der Niederwerfung der Konterrevolution eine so entscheidende Rolle gespielt wie Trotzki. Daher genoss er weiterhin enormen Rückhalt. Aus diesem Grund verbannte ihn die Bürokratie zuerst nach Alma Ata und schob ihn später aus der Sowjetunion ab. Sie versuchten, die sehr mächtige Verbindung zu zerstören, die Trotzki weiterhin zur Arbeiterklasse, den besten Teilen der Intelligenzija und zweifellos zur Jugend hatte.

Zum Schluss möchte ich noch Folgendes erwähnen. In drei Tagen, am 19. August, wird sich zum 90. Mal der Beginn des ersten Moskauer Prozesses jähren. Stalin war es nicht gelungen, den noch immer beträchtlichen Einfluss Trotzkis und seiner Unterstützer in der Sowjetunion zu unterdrücken. Deshalb kam er 1936 zu dem Schluss, dass seine einzige Alternative ein umfassender Massenmord war, der 1936 begann. Zwischen 1936 und 1939 wurden unter Stalins Führung Hunderttausende überzeugter marxistischer Revolutionäre, Kommunisten, in der UdSSR systematisch ermordet.

Grigori Sinowjew im Jahr 1936

Trotzki hat die Lügen, auf denen die Moskauer Prozesse basierten, umfassend entlarvt. Der erste Prozess richtete sich u.a. gegen viele der wichtigsten Führer der Oktoberrevolution, wie Sinowjew, Kamenew, Smirnow, Mratschkowski und andere. Und es ist geradezu verbrecherisch, dass bis heute führende Vertreter existierender kommunistischer Parteien, maoistischer Gruppen und anderer radikaler Tendenzen die Lügen unterstützen und propagieren, auf denen der Massenmord an großen Teilen der sowjetischen marxistischen Arbeiterklasse und der Intelligenzija basierte.

Viele der historischen Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, und viele der aktuellen politischen Probleme sind eine Folge dieser Verbrechen. Verbrechen von solchem Ausmaß haben lang anhaltende Auswirkungen. Daher sind auch die Wiederherstellung der historischen Wahrheit und die Entlarvung der Lügen der Moskauer Prozesse und der Geschichtsfälschung, die so große Schäden am politischen Bewusstsein der Arbeiterklasse hinterlassen haben, bis heute von immenser Bedeutung.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Ja, das stalinistische Regime hatte panische Angst vor dem Trotzkismus. Und deshalb setzte es auf so gewaltsame Methoden, um ihn zu zerstören. Aber hier sind wir, 90 Jahre später, und die historische Bedeutung Trotzkis ist weiterhin ein wichtiger Faktor in der politischen Geschichte und der aktuellen Lage. Und ich bin davon überzeugt: Wenn wir sagen, dass der Trotzkismus der Marxismus des 21. Jahrhunderts ist, dann bedeutet das, dass der Trotzkismus, der alle politischen Lehren aus einem Jahrhundert Kampf beinhaltet, die Grundlage für die erneute politische Bildung der Arbeiterklasse und die künftige soziale Revolution bilden wird.

Leo Trotzki an seinem Schreibtisch auf Büyükada (Prinkipo)

Zuletzt, Genossen, möchte ich der Sozialistischen Gleichheitspartei der Türkei und der Gemeinde Adalar danken, dass sie diese Veranstaltung möglich gemacht haben. Wie ich bereits sagte, gewinnt ihre jährliche Gedenkfeier für Trotzkis Aufenthalt auf Prinkipo (Büyükada) immer größere internationale Anerkennung. Und ich freue mich auf den Tag, an dem Trotzkis Villa wieder aufgebaut und ein allgemeines Zentrum für politische, kulturelle und historische Aufklärung sein wird.

Daher danke ich euch für die Einladung. Bitte nehmt meine revolutionären Grüße entgegen, und lasst uns gemeinsam den Kampf für den Sozialismus aufnehmen. Vielen Dank, Genossen.

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