Der Mehring Verlag, der wichtigste Herausgeber der Werke Leo Trotzkis in deutscher Sprache und Verleger der Schriften des Internationalen Komitees der Vierten Internationale, veröffentlicht in diesem Sommer eine Neuausgabe von Leo Trotzkis Autobiografie »Mein Leben«. Wir publizieren hier das Vorwort von David North, dem Chefredakteur der World Socialist Web Site und Vorsitzenden der Socialist Equality Party in den USA. Das Buch kann hier bereits zum Subskriptionspreis vorbestellt werden. Wir rufen unsere Leserinnen und Leser auf, das gebundene Buch (inkl. E-Book) zum Solidaritätspreis vorzubestellen und damit die weitere Arbeit des Mehring Verlags zu unterstützen.
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»Mein Leben. Versuch einer Autobiografie« beginnt mit den Worten: »Unsere Zeit ist reich an Memoiren, vielleicht reicher als jede frühere. Das kommt daher, weil es viel zu erzählen gibt.« Eine treffende Beobachtung. In den 1920er Jahren erschienen zahlreiche Autobiografien von Politikern, die eine wichtige Rolle bei den Ereignissen vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg gespielt hatten. Es gab nicht nur viel zu erzählen, sondern auch viel zu rechtfertigen, wegzureden und Schuld abzuwälzen. Winston Churchills mehrbändiges Werk »Die Weltkrise« erfüllte alle drei Aufgaben mit der für ihn charakteristischen reaktionären Großspurigkeit. Die Memoiren anderer politischer Titanen jener Zeit verblassten rasch im öffentlichen Bewusstsein. Meist genießen ihre Bücher einen stillen und ausgedehnten Ruhestand in Antiquariaten, wo sie nur wenige Käufer finden, und in öffentlichen Bibliotheken, wo sie ungestört ruhen. Womöglich haben Online-Händler einige Memoirenschreiber vor dem Vergessen bewahrt. Selbst Churchills »Weltkrise« wäre fast das gleiche Schicksal widerfahren und es wäre völlig in der Versenkung verschwunden, hätte ihm der Zweite Weltkrieg nicht die Gelegenheit geboten, seine Leistungen in weiteren Memoiren zu feiern, die eine Million Wörter länger waren als die ersten.
Fast ein Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung Ende 1929 hat »Mein Leben« nichts von seiner Bedeutung eingebüßt. Eine große Autobiografie muss natürlich sehr gut geschrieben sein. Sie muss darüber hinaus – durch die Erinnerung an soziale, politische und persönliche Erfahrungen – einen Eindruck davon vermitteln, wie es war, in einer bestimmten Zeit zu leben.
All diesen Herausforderungen wurde Trotzki gerecht. Es wäre eine Untertreibung, »Mein Leben« lediglich als »gut geschrieben« zu bezeichnen – so als würde man Tolstois »Krieg und Frieden« nur als spannende Darstellung eines militärischen Konflikts beschreiben. Der Verweis auf Tolstoi ist hier nicht fehl am Platz. Trotz aller Unterschiede in den Lebensumständen ihrer frühen Jahre und den Verhältnissen, die sie beschreiben, lässt sich Trotzkis Schilderung seiner Jugend im rückständigen Janowka als literarisches Werk mit Graf Tolstois Darstellung seines Lebens auf dem weitläufigen Familiengut Jasnaja Poljana vergleichen. In der Tat war Trotzki als Schriftsteller stark geprägt von der erzählerischen Wucht und geistigen Tiefe der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts.
Wie Trotzki in »Mein Leben« schreibt, begann er im Alter von sieben Jahren zu lesen. Er war fasziniert von den Werken Puschkins, Nekrasows und Tolstois und erinnert sich an den Einfluss dieser frühen Lektüre auf die Entwicklung seines Bewusstseins: »Jedes neue Buch brachte neue Hindernisse: unbekannte Worte, unverständliche Lebensbeziehungen, schimmernde Grenzen zwischen Realität und Fantastik.«
Trotzki verglich seine Begegnung mit der Literatur in seiner Kindheit mit »dem nächtlichen Fahren über die Steppenwege … : Man hört das Knarren der Räder, sich kreuzende Stimmen, Scheiterhaufen am Wege treten aus der Dunkelheit hervor – alles erscheint so vertraut, gleichzeitig jedoch unbegreiflich: Was geschieht da, wer fährt da und zu welchem Zwecke …« Es folgt eine aufschlussreiche Aussage: »Die erwachende Sehnsucht, zu sehen, zu wissen, zu bewältigen, suchte einen Ausweg in dem unermüdlichen Verschlingen gedruckter Zeilen, in den dem Born der Worterfindung stets zugewandten kindlichen Händen und Lippen. Alles, was im ferneren Leben an Interessantem, Hinreißendem, Freudigem oder Traurigem geschah, war schon in den Erlebnissen der Lektüre als Schatten, als Versprechen, als leichte Bleistiftskizze oder Aquarell enthalten gewesen.«
Über die Literatur erhielt der junge Lew Davidowitsch erstmals Zugang zu einer Welt jenseits der Grenzen des provinziellen Janowka. Seine eigenen Erfahrungen – das zunehmend komplexe Zusammenspiel von Individuum und Gesellschaft, die Arbeiterbewegung, die marxistische Theorie und die sozialistische Politik sowie die spürbare Wucht russischer und weltweiter Ereignisse – verwandelte später das, was »als leichte Bleistiftskizze oder Aquarell« schon vorhanden war, in Trotzkis äußerst detailliertes, lebendiges und geradezu filmisches Panorama eines Lebens inmitten von Krieg und Revolution.
Trotzkis Ansehen als Schriftsteller war unbestritten. Selbst die New York Times räumte in einer ausführlichen Rezension ein: »Man kann von Trotzki als Theoretiker oder Revolutionär halten, was man will, seine außergewöhnlichen literarischen Fähigkeiten sind unbestreitbar, und die lebhaften Erfahrungen, von denen sein Leben geprägt war, verschaffen ihm eine Gelegenheit, sein literarisches Können von seiner besten Seite zu zeigen.«[1]
Doch die Bedeutung von Trotzkis Autobiografie kann weder damals noch heute allein auf ihre literarische Brillanz zurückgeführt werden. Ihr bleibender Platz in der Weltliteratur ergibt sich vor allem aus der herausragenden historischen Rolle ihres Verfassers. Trotzkis Leben war bestimmt von seiner entscheidenden Rolle bei der Oktoberrevolution von 1917, bei der Gründung des ersten Arbeiterstaates, beim Aufbau der Roten Armee und ihrem Sieg über die Konterrevolution sowie bei der Gründung der Kommunistischen Internationale.
Dieser einzigartige Aspekt wurde in zeitgenössischen Rezensionen von »Mein Leben« in Deutschland ebenso anerkannt wie in Frankreich und den Vereinigten Staaten. Der renommierte Schriftsteller und Journalist Emil Ludwig schrieb im »Berliner Tageblatt«: »Ein großer Schriftsteller hat hier sein phantastisches Leben so geschildert, dass ich nicht begreife, warum man noch immer Romane liest oder gar schreibt.«[2]
Selbst diejenigen, die Trotzkis Politik ausdrücklich ablehnten, erkannten den außergewöhnlichen Charakter von »Mein Leben« an. Wolf Zucker, ein Weggefährte von Walter Benjamin, schrieb in der »Literarischen Welt«, dass »ich [›Mein Leben‹] unbedenklich das bedeutendste politische Werk des ersten Quartals dieses Jahrhunderts nenne …«[3]
Ähnlich äußerte sich der französische liberale Antimarxist Élie Halévy. Nachdem er mit unverhohlener Bitterkeit seine Feindseligkeit gegenüber Trotzki betont hatte, räumte er dennoch ein: »Ungeachtet all dieser Vorbehalte stellt die Autobiografie eines solchen Mannes selbstredend ein wichtiges historisches Dokument mit Blick auf eine Vielzahl von Detailfragen dar.«[4]
In einer ausführlichen Rezension, die in der amerikanischen Zeitschrift »Current History« erschien, schrieb Alexander Bakshy, ein bekannter Theaterkritiker und Mitarbeiter von Eugene O’Neill, dass Trotzkis Memoiren »zweifellos ein historisches Dokument von außerordentlicher Bedeutung und zudem ein literarisches Meisterwerk der Biografiekunst darstellen, das in puncto brillanter Charakterisierung, beißendem Witz und mitreißenden Begebenheiten kaum seinesgleichen findet – ein Buch, das diejenigen, die die dramatischen Veränderungen im heutigen Russland studieren, nicht ungelesen lassen dürfen.«[5]
»Mein Leben« war zweifellos eine Leistung, die umso außergewöhnlicher ist, betrachtet man die Umstände, unter denen die Autobiografie geschrieben wurde. Nach fünf Jahren unbeugsamen Kampfes gegen die bürokratische Degeneration des Sowjetstaates und unter Bedingungen zunehmender Verfolgung wurde Trotzki von der stalinistischen Bürokratie aus der UdSSR ausgewiesen. Nachdem es Stalin 1928 nicht gelungen war, die Linke Opposition zu zerschlagen, indem er ihren Führer nach Alma-Ata nahe der Grenze zu China in die Verbannung schickte, glaubte er, Trotzkis Einfluss wirksam unterdrücken zu können, wenn er ihn in der Türkei isoliert. Trotzki wurde am 20. Januar 1929 über diesen Beschluss informiert. Als er aufgefordert wurde, den Erhalt zu bestätigen, vermerkte er auf dem ihm vorgelegten Dokument, der »seinem Wesen nach verbrecherische und seiner Form nach ungesetzliche Beschluss« sei ihm bekannt gegeben worden. Man gewährte ihm weniger als zwei Tage, um seine Habseligkeiten zu packen, von denen seine Manuskripte und Bücher die wichtigsten waren. Die lange Reise ins Exil begann unter widrigen Bedingungen, die er im vorletzten Kapitel seiner Memoiren beschreibt:
Beim Morgengrauen des 22. nahm ich mit meiner Frau, meinem Sohn und der Wache Platz im Autobus, der uns auf dem glatt gewalzten Schneeweg bis an den Bergpass des Kurdaj-Gebirges brachte. Auf dem Gebirgspass herrschte Schneegestöber, der Wind verwehte den Weg. Der mächtige Traktor, der uns über den Kurdaj ziehen sollte, versank mit den sieben Automobilen, die er zu schleppen hatte, bis über den Hals in den Schneemassen. Während der Schneestürme erfroren auf dem Pass sieben Mann und keine geringe Anzahl Pferde. Man musste in Schlitten umsteigen. Es waren über sieben Stunden nötig, um annähernd 30 Kilometer zurückzulegen. Den verwehten Weg entlang ragten aus dem tiefen Schnee viele Schlitten mit hochstehenden Deichseln, viele Frachten für die im Bau befindliche Turkestan-Sibirische Eisenbahn, viele Petroleumtankwagen. Menschen und Pferde waren vor dem Schneetreiben in die nächsten kirgisischen Wintersiedlungen geflüchtet.
Zeitgleich zu dieser Reise wurden Hunderte Linke Oppositionelle verhaftet, darunter viele erfahrene Führer der Oktoberrevolution. Trotzki, seine Frau Natalja und sein Sohn Lew kamen schließlich am Abend des 10. Februar in Odessa an. Sie wurden sofort zum Hafen und an Bord des Dampfschiffs »Iljitsch« gebracht. Zwei Tage später lief das Schiff in den Bosporus ein – die einzigen Passagiere waren Trotzki, seine Frau, sein Sohn und mehrere GPU-Agenten. Bevor er in der Türkei von Bord ging, schrieb Trotzki eine Nachricht an den türkischen Präsidenten Kemal Atatürk:
Sehr geehrter Herr, am Tor von Konstantinopel habe ich die Ehre, Sie davon in Kenntnis zu setzen, dass ich keinesfalls aus eigener Wahl an die türkische Grenze gekommen bin und dass ich diese Grenze nur der Gewalt gehorchend überschreite. Ich bitte Sie, Herr Präsident, meine dementsprechenden Gefühle entgegenzunehmen. L. Trotzki. Den 12. Februar 1929.
In den Wochen nach seiner Ankunft in der Türkei verfasste Trotzki in Antwort auf unzählige Anfragen zu seiner Ausweisung aus der Sowjetunion eine Reihe von Artikeln, in denen er die Ereignisse der vergangenen zwei Monate schilderte. Sie wurden schließlich als Broschüre unter dem Titel »Was geschah und wie?« veröffentlicht. In diesen Artikeln behandelt er bereits viele der wichtigen politischen Fragen im Zusammenhang mit seinem Machtverlust, auf die er in »Mein Leben« noch ausführlicher eingehen sollte. Trotzki betonte, dass bürokratische Intrigen nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatten, auch wenn er diese nicht leugnete: »Im Vergleich zu der grundlegenden Frage der Neuformierung der Klassenkräfte und des Übergangs von einer Etappe der Revolution zur nächsten ist die Frage persönlicher Gruppierungen und Konstellationen nur von untergeordneter Bedeutung.«[6]
In der Voraussicht, dass Stalins Sieg auf seine überlegenen politischen Fähigkeiten zurückgeführt werden würde, bezeichnete Trotzki den Anführer der Bürokratie als »die hervorragendste Mittelmäßigkeit unserer Partei«. Trotzki verstand Stalins Aufstieg im Zusammenhang mit dem Abebben des revolutionären Aufschwungs der Massen. Er zitierte die Worte von Helvétius: »Jede Periode hat ihre großen Männer, und wenn sie sie nicht hat – erfindet sie sie.«[7] Trotzki ignorierte nicht die finsteren Intrigen und Verleumdungen, die gegen ihn eingesetzt worden waren. Doch diese konnten nicht seinen Machtverlust erklären. »Eine politische Linie, die ihre Niederlage mit den Intrigen ihrer Gegner erklärt, ist blind und erbärmlich«, schrieb er. »Intrigen sind eine bestimmte Art und Weise, wie eine Aufgabe methodisch umgesetzt wird; sie können nur eine untergeordnete Rolle spielen. Große historische Fragen werden durch das Wirken großer gesellschaftlicher Kräfte entschieden, nicht durch kleinliche Manöver.«[8]
Die ersten Wochen, die Trotzki auf der Insel Büyükada im Marmarameer verbrachte, waren hektisch. Er musste einen Wohnsitz finden und einrichten, von wo aus er seine Arbeit mit seinem hohen Anspruch an Genauigkeit ausüben konnte. Unterdessen wurde Trotzki von zahlreichen Verlegern kontaktiert, die darum bemüht waren, sich die Rechte an seinem literarischen Werk zu sichern. Besonders groß war das Interesse an einer Autobiografie, die Trotzki bereits andeutungsweise in Aussicht gestellt hatte. Wolfgang und Petra Lubitz haben die Ursprünge und Entstehung von »Mein Leben« hervorragend beschrieben und diese Darstellung auf ihrer Website www.trotskyana.net veröffentlicht. Sie geben an, dass die Arbeit an der Autobiografie spätestens im April 1929 begann. Nach einigen Auseinandersetzungen zwischen konkurrierenden Verlagen, die in dem Aufsatz der Lubitz’ geschildert werden, sicherte sich der Fischer Verlag mit Sitz in Berlin die Rechte an der Autobiografie.
Trotzki machte sich mit seiner gewohnten Energie an die Arbeit. Obwohl es wahrscheinlich ist, dass er bereits in Alma-Ata mit dem Entwurf seines Manuskripts begonnen hatte, entstand der Großteil des Textes in Büyükada. Die Geschwindigkeit, mit der Trotzki »Mein Leben« schrieb, ist erstaunlich und zeugt einmal mehr von seiner außerordentlich disziplinierten und systematischen Arbeitsweise. Selbst während er an der Autobiografie arbeitete, schrieb Trotzki weiterhin über Entwicklungen in der Sowjetunion, kommentierte das Weltgeschehen und gab der Arbeit der entstehenden Internationalen Linken Opposition theoretische und politische Orientierung.
Bis Mai hatte Trotzki einen beträchtlichen Teil des Manuskripts abgeschlossen. Im September 1929 stellte er seine Autobiografie fertig. Bei der Arbeit erhielt er entscheidende Unterstützung von Alexandra Ramm, der Ehefrau des sozialistischen Journalisten Franz Pfemfert, der die radikal linke Zeitung »Die Aktion« herausgab. Ramm, selbst eine bedeutende Intellektuelle, übersetzte nicht nur den russischen Text ins Deutsche. Sie unterstützte Trotzki bei seinen Recherchen und fungierte als seine Literaturagentin, die die Beziehungen zum Fischer Verlag pflegte. Ihre Übersetzung, ebenso ein literarisches Kunstwerk, verlangte ihr ab, Trotzkis Stil aus dem Russischen in eine dem Deutschen angemessene Form zu übertragen.
Trotzki, der fließend Deutsch sprach, verfolgte ihre Arbeit aufmerksam. Gelegentlich kam es zu Meinungsverschiedenheiten über Übersetzungsentscheidungen. Ihre umfassende Zusammenarbeit ist in den zahlreichen Briefen dokumentiert, die Trotzki und Ramm austauschten. Darüber hinaus entwickelte sich eine enge Freundschaft zwischen Trotzki und sowohl Ramm als auch Franz Pfemfert. In einem Nachtrag zum Vorwort der deutschen Ausgabe würdigte Trotzki seine Übersetzerin am 14. September 1929 mit folgenden Worten: »Indem ich dieses Buch dem deutschen Leser übergebe, möchte ich feststellen, dass Alexandra Ramm nicht nur die Übersetzerin des russischen Originals gewesen ist, sondern darüber hinaus auch dauernd um das Schicksal des Buches Sorge getragen hat. Ich spreche ihr an dieser Stelle meinen aufrichtigen Dank aus.«
In den Jahren nach der Veröffentlichung von »Mein Leben« trafen Ramm und Pfemfert schwere Schicksalsschläge, wie sie viele Gegner des Faschismus und des Stalinismus erleiden mussten. Im März 1933, nach der Machtübertragung an Hitler, flohen sie aus Deutschland. Ramm und Pfemfert ließen sich zunächst in der Tschechoslowakei nieder, wo sie versuchten, ihren Lebensunterhalt mit einem Fotostudio zu bestreiten. Ihre Lage war prekär. Aufgrund der starken Präsenz von NS-Anhängern im Sudetenland, wo sie lebten, waren sie ständiger Gefahr ausgesetzt. Die tschechischen Stalinisten hassten Ramm und Pfemfert, deren Verbindung zu Trotzki allgemein bekannt war. Im Oktober 1936 zogen die beiden nach Paris, wo Ramm an der Übersetzung von Trotzkis Buch »Stalins Verbrechen« arbeitete.
Als im September 1939 der Krieg ausbrach, wurden die Pfemferts aufgrund ihrer deutschen Herkunft als »feindliche Ausländer« in Frankreich interniert und in verschiedene Lager verschleppt: Franz in ein Lager in der Nähe von Bordeaux und Alexandra in das Camp de Gurs in Südfrankreich. Beide flohen und fanden im Sommer 1940 in Perpignan wieder zusammen. Von dort aus gelangten sie über Marseille nach Lissabon, dann nach New York und schließlich nach Mexiko-Stadt, wo sie im Frühjahr 1941 ankamen. Trotzki war bereits im August 1940 in Coyoacán, einem Vorort von Mexiko-Stadt, ermordet worden.
Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1954 kehrte Ramm nach Deutschland zurück. Sie verbrachte ihre letzten Lebensjahre in Berlin. Ramm, die sich weiterhin dem Vermächtnis Trotzkis verschrieben hatte, gelang es, den Fischer Verlag davon zu überzeugen, 1963 eine Neuauflage von »Mein Leben« sowie eine gekürzte Ausgabe seines monumentalen Werks »Geschichte der Russischen Revolution« herauszubringen, das sie ebenfalls übersetzt hatte.
Alexandra Ramm starb am 17. Januar 1963 im Alter von 79 Jahren in West-Berlin und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Berlin-Charlottenburg beigesetzt. Ihr Leben ist Gegenstand einer Biografie mit dem Titel »Alexandra Ramm-Pfemfert: Ein Gegenleben« von Julijana Ranc, die 2004 erschien. Der Anhang des Buches enthält 54 Briefe von Ramm und Pfemfert an Trotzki und 33 Briefe von Trotzki an sie. Anlässlich der Neuauflage von »Mein Leben« ist es angebracht, Ramm und Pfemfert zu würdigen, die so wesentlich zur Veröffentlichung von Trotzkis Memoiren beigetragen haben.
Trotzkis Autobiografie entstand an einem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens sowie der Weltgeschichte. Der Börsencrash an der Wall Street, der den Auftakt für die Weltwirtschaftskrise und die darauf folgenden Katastrophen der 1930er Jahre bilden sollte, ereignete sich nur wenige Wochen vor der Veröffentlichung von »Mein Leben«. Das Tempo, mit dem das Werk geschaffen wurde, sowie der Ton, den es anschlägt, spiegelten die Umstände seiner Entstehung wider – wäre es eine Symphonie gewesen, hätte es vielleicht die Bezeichnung »alla marcia con fuoco« [im Stil eines Marsches, mit Feuer] getragen.
Im letzten Band seiner biografischen Trilogie über Trotzki vertrat Isaac Deutscher die Ansicht, dass »Mein Leben« zu früh geschrieben worden sei. Bei all seiner literarischen Lebendigkeit sei es doch, so Deutscher, das Werk eines Mannes, der noch nicht vollständig erfasst hatte, wie weitreichend und entscheidend seine politische Niederlage war. Der Standpunkt und der Ton des Werks seien zu optimistisch. Trotzki habe als ein Mann geschrieben, der nicht akzeptiert, dass er den Kampf gegen Stalin verloren hat. Deutscher verglich Trotzki mit Percy Shelley, »der es nicht ertragen konnte, dass sein Prometheus sich vor Zeus demütige …« Der Biograf geht so weit, Trotzki vorzuwerfen, er habe sich »keine besonderen Gedanken über sein Schicksal gemacht, eine Haltung, die für den Haupthelden einer Tragödie, kurz bevor das Unheil über ihn von allen Seiten hereinbricht, charakteristisch ist«.[9]
Hätte Trotzki das Verfassen seiner Autobiografie verschoben und die Katastrophen der 1930er Jahre miterlebt, so legt Deutscher nahe, hätte er den zuversichtlichen und optimistischen Ton, von dem »Mein Leben« durchdrungen ist, nicht beibehalten können. Eine 1939 statt 1929 verfasste Autobiografie wäre demnach ein weitaus düstereres Werk gewesen, das mehr Zweifel an der Tragfähigkeit der Sache zulassen würde, der Trotzki sein Leben gewidmet hatte. Diese Kritik spiegelte Deutschers Überzeugung wider, dass Trotzkis Kampf gegen den Stalinismus von Anfang an zum Scheitern verurteilt war und dass die Gründung einer Vierten Internationale ein quixotisches Unterfangen war.
Auf jeden Fall war der Zeitpunkt von Trotzkis Entscheidung, »Mein Leben« zu schreiben, nicht willkürlich, sondern durch das Zusammenspiel politischer und persönlicher Umstände bestimmt. Wie er im Vorwort erklärte: »Schon die Möglichkeit, es zu schreiben, ist nur durch die Pause in der aktiven politischen Tätigkeit des Autors entstanden. Eine unvorhergesehene, wenn auch nicht zufällige Etappe meines Lebens ist Konstantinopel geworden. Im Biwak – nicht zum ersten Mal in meinem Leben – harre ich hier geduldig dessen, was weiter kommen wird. Ohne eine Dosis ›Fatalismus‹ wäre das Leben eines Revolutionärs überhaupt unmöglich. Jedenfalls ist die Konstantinopeler Pause der geeignetste Moment, Rückschau zu halten, bevor die Umstände es wieder erlauben, weiterzuschreiten.«
Trotzkis Autobiografie hatte nichts von einer nostalgischen Rückschau auf »die verlorene Zeit« oder von wehmütigem Nachsinnen über seine Vergangenheit und Gedanken. Das Buch setze »den Kampf fort, dem mein ganzes Leben gewidmet ist. Schildernd charakterisiere und werte ich; erzählend verteidige ich mich und greife noch häufiger an. Ich glaube, dass dies die einzig richtige Methode ist, eine Biografie in einem gewissen höheren Sinne objektiv zu gestalten, das heißt ihr einen der Person und der Epoche adäquaten Ausdruck zu geben.« Trotzki lehnte eine Haltung und einen Ton »gekünstelter Gleichgültigkeit« unter der trügerischen und heuchlerischen Maske der Pseudo-Objektivität ab. »Habe ich mich nun einmal der Notwendigkeit unterworfen, von mir zu sprechen – es ist noch keinem gelungen, eine Selbstbiografie zu schreiben, ohne von sich zu sprechen –, so habe ich keinen Grund, meine Sympathien und Antipathien, meine Liebe und meinen Hass zu verheimlichen.«
»Mein Leben« hat, wie praktisch alle Schriften Trotzkis, einen ausgeprägt polemischen Charakter. Doch war dies keine stilistische Affektiertheit oder bloßer Ausdruck seiner Persönlichkeit. Die Polemik spiegele, wie er erklärte, »die Dynamik jenes sozialen Lebens wider, das ganz auf Gegensätze aufgebaut ist … So ist unsere Zeit. Mit ihr sind wir aufgewachsen. In ihr atmen und leben wir. Wie können wir unpolemisch sein, wenn wir unserer Zeit treu bleiben wollen?«
Würde man versuchen, »Mein Leben« zusammenzufassen, so würde man den Leser um die Erfahrung jener intellektuellen und ästhetischen Wirkung bringen, die mit der ersten Begegnung mit dieser Erzählung einhergeht. Ich werde nur einen kurzen Überblick über die Autobiografie geben.
Die ersten fünf Kapitel von »Mein Leben« sind der Schilderung seiner Kindheit, Jugend und jungen Erwachsenenjahre gewidmet. Trotzki erinnert sich mit Zuneigung, Empathie, Abneigung und nicht selten mit beißendem Humor an die Vielzahl von Charakteren, die das Universum seiner Kindheit bevölkerten.
Der große marxistische Theoretiker hat nicht rückwirkend ein ideologisches Schema angewandt, das einen direkten und offensichtlichen Zusammenhang zwischen den großen politischen Ereignissen der Zeit und seinen Kindheitserlebnissen konstruiert. Vielmehr erweckt Trotzki mit seiner Erzählung wieder zum Leben, wie sich das Bewusstsein des Kindes entwickelte, das laufend neue und unmittelbare Erfahrungen machte, ohne wirklich zu verstehen, in welchem Verhältnis sie zur Welt jenseits des Janowka seiner frühen Kindheit und des Odessa seiner Jugend standen. Die sozialen und Klassenbeziehungen werden nicht mit soziologischer Präzision dargestellt, sondern angedeutet und impliziert. Wenn es zur Verdeutlichung erforderlich ist, fügt Trotzki zusätzliche Informationen ein, die den breiteren sozialen Kontext beleuchten.
Die folgenden Kapitel schildern ein Leben von epischer Dramatik. Doch selbst wenn man den Text aus seiner autobiografischen Form lösen würde, bliebe »Mein Leben« dennoch ein bedeutendes Dokument der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Erzählung spannt einen Bogen über die Russische Revolution von 1905, den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und den Zusammenbruch der Zweiten Internationale, den Ausbruch der Februarrevolution, die Machtergreifung der Bolschewiki, den Russischen Bürgerkrieg, den Tod Lenins, die darauf folgenden Kämpfe innerhalb des Sowjetregimes, den britischen Generalstreik und die Niederlage der chinesischen Revolution von 1927.
Trotzkis Verständnis historischer Ereignisse ermöglichte es ihm, sein eigenes Handeln in den Zusammenhang der objektiven Kräfte einzuordnen, die das Schicksal der Menschheit prägten. Dieses Maß an historischer Einsicht – theoretisch gesprochen die Fähigkeit, das Allgemeine im Besonderen zu erkennen – war zugleich ein prägendes Merkmal von Trotzkis literarischem Genie. Selbst im Zufälligen erkannte er, wie sich die Logik der Geschichte entfaltete. Dies verlieh seinen Charakterisierungen von Personen eine schonungslose Präzision. Trotzki setzte die besonderen Züge ihrer Persönlichkeiten in Beziehung zu umfassenderen gesellschaftlichen Interessen und politischen Tendenzen.
Diese Gabe zeigt sich in Trotzkis Porträts der Führer der Zweiten Internationale. Er traf alle großen Persönlichkeiten der Zeit vor 1914, sprach mit ihnen oder hatte sie zumindest gehört: August Bebel, Georgi Plechanow, Karl Kautsky, Julius Martow, Jean Jaurès, Rosa Luxemburg, Rudolf Hilferding, Victor Adler, Karl Renner und sogar Ramsay MacDonald. Wenn er bei Personen in der Politik herausragende Eigenschaften entdeckte, selbst bei seinen Gegnern, verbarg Trotzki nicht seine Bewunderung. Trotzki erinnerte sich an Jaurès als großen Redner: »Mit einer gewaltigen Kraft, die elementar wie ein Wasserfall war, vereinigte er viel Weichheit, die auf seinem Gesicht leuchtete wie der Abglanz einer höheren Geisteskultur. Er stürzte Felsen, donnerte, erschütterte, er betäubte sich aber niemals selbst …«
Nachdem er die Jahre 1907 bis 1914 in Wien verbracht hatte, machten die Führer der Sozialdemokratischen Partei Österreichs einen ganz anderen Eindruck auf ihn. Ihre politische Kapitulation im Jahr 1914 zeichnete sich bereits in ihren Persönlichkeiten ab. Die bedeutenden österreichischen Sozialdemokraten waren gebildete Männer, doch Trotzki erkannte ihre »Selbstzufriedenheit« und ihr »Philistertum«: »Sie stellten einen Menschentypus dar, der dem Typus des Revolutionärs entgegengesetzt war.« Als er Renner sagte, dass die nächste russische Revolution das Proletariat an die Macht bringen würde, offenbarte die Antwort – die Renner mit »vernichtender Höflichkeit« gab – einen Mann, »der von der revolutionären Dialektik ebenso weit entfernt war wie der konservativste der ägyptischen Pharaonen.« Diese Einschätzung bestätigte sich 1938, als Renner den »Anschluss« Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich befürwortete.
Victor Adlers ironische Bemerkung, er ziehe apokalyptische Prophezeiungen dem historischen Materialismus vor, verriet für Trotzki – obwohl scherzhaft gemeint – eine Skepsis, die »alles tolerierte«, vor allem den Nationalismus, der die österreichische Sozialdemokratie bis ins Mark zerfressen würde.
Dieser Porträtreihe stellte Trotzki Karl Liebknecht gegenüber – keinen Theoretiker, sondern einen »Mann der Tat«, impulsiv und heroisch. Er besaß »politische Intuition« und »war von unvergleichlichem Mut zur Initiative erfüllt«.
Das Jahr 1917 begann damit, dass Trotzki in New York eintraf, nachdem er aufgrund seines revolutionären Antikriegsjournalismus aus Europa ausgewiesen worden war. Es endete damit, dass Trotzki, zurück in Petrograd, den Sturz der Provisorischen Regierung organisierte. Trotzkis Darstellung der Ereignisse von 1917 dürfte ausreichen, um selbst den hartnäckigsten politischen Skeptizismus zu heilen, der in der Überzeugung wurzelt, dass Veränderung unmöglich ist und, falls sie doch eintritt, nur zum Schlechten führen wird.
Trotzki schildert dann die Verhandlungen mit dem deutschen Kaiserreich in Brest-Litowsk. Etwas Surreales durchdrang die politische Atmosphäre: »Historische Umstände«, schreibt Trotzki, »hatten es so gefügt, dass die Delegierten des revolutionärsten Regimes, das die Menschheit je gekannt hat, an einem Tisch sitzen mussten mit den diplomatischen Vertretern der allerreaktionärsten Kaste unter allen regierenden Klassen.« Die Verhandlungen setzten die Bolschewistische Partei stark unter Druck. Eine bedeutende Fraktion widersetzte sich Lenins Forderung nach einem sofortigen Kriegsende trotz der harten Bedingungen der Deutschen. Trotzki versuchte, die Verhandlungen zu nutzen, um den grausamen und räuberischen Charakter des deutschen Imperialismus aufzudecken und so die aufständische Stimmung innerhalb der deutschen Arbeiterklasse zu verstärken. Lenin war mit seiner Position eindeutig in der Minderheit. Um eine Spaltung der Bolschewistischen Partei zu verhindern, schlug Trotzki daher vor, dass die bolschewistische Delegation den Krieg für beendet erklären sollte, ohne einen Vertrag zu unterzeichnen.
Nachdem sich das deutsche Militär von dem Schock erholt hatte, den Trotzkis Erklärung ausgelöst hatte, nahm es seine Offensive wieder auf. Doch nun, dank der entscheidenden Stimme Trotzkis, sicherte sich Lenin die Mehrheit, die er benötigte, um den Vertrag mit Deutschland zu unterzeichnen. Später versuchten die Stalinisten, Trotzkis Rolle in den Verhandlungen von Brest-Litowsk als eine Mischung aus Leichtsinn und Opposition gegen Lenin darzustellen. Doch Trotzkis kluge und prinzipientreue Verhandlungsführung wird in der historischen Studie »Die Sowjetmacht. Das erste Jahr«[10] von Alexander Rabinowitch detailliert belegt. Rabinowitchs akribische Recherchearbeit in den Archiven zeugt davon, dass er sich der historischen Wahrheit verpflichtet fühlte – eine Eigenschaft, die in der Sowjetforschung selten anzutreffen ist. Denn die Bereitschaft, die Geschichte der russischen Revolution zu fälschen und ihre Führer – vor allem Lenin und Trotzki – zu verleumden, bietet den sichersten Weg zu angesehenen akademischen Posten und lukrativen Buchverträgen.
Trotzki schildert seine komplexen politischen und persönlichen Beziehungen zu Lenin über einen Zeitraum von 20 Jahren – von ihrer ersten Begegnung in London im Jahr 1902 bis zu den letzten Wochen ihrer Zusammenarbeit gegen Stalins Vorgehen als Generalsekretär im Winter 1922/23. Trotzki macht keinen Hehl aus seinen Differenzen mit Lenin und lehnte den unterwürfigen Ton der Vergötterung ab, den das stalinistische Regime aus eigenem Interesse allen Bezugnahmen auf Lenin nach dessen Tod im Jahr 1924 aufzwang. »Ja«, schreibt Trotzki, »Lenin war genial, von vollkommener menschlicher Genialität. Lenin war aber keine mechanische Rechenmaschine, die fehlerlos funktioniert. Jedoch machte er viel seltener Fehler, als jeder andere an seiner Stelle begangen hätte. Lenin machte Fehler, auch große Fehler, dem gigantischen Ausmaß seiner ganzen Arbeit entsprechend.«
Die fünf Kapitel über den Bürgerkrieg, der auf die Oktoberrevolution folgte, bieten einen einzigartigen Einblick, wie die Rote Armee geschaffen wurde und wie sie den Sieg errang. Sie sollten sorgfältig studiert werden, da sie Lehren vermitteln, die sich in den kommenden Jahren als äußerst wertvoll erweisen könnten. Trotzkis Darstellung zeichnet sich dadurch aus, dass sie die politischen, organisatorischen und operativen Dimensionen der Kriegsführung in einer prägnanten, lebendigen Prosa vereint. Er schreibt als Protagonist und Historiker gleichermaßen und erklärt, ohne jede Spur von Selbstverherrlichung, was revolutionäre militärische Führung tatsächlich bedeutet.
Trotzki hatte keinerlei militärische Ausbildung. Er war Journalist und revolutionärer Emigrant gewesen. Doch er schuf aus dem Nichts eine Armee von rund fünf Millionen – nach dem Zusammenbruch der zaristischen Armee und inmitten chaotischer Verhältnisse, unter Bedingungen einer Blockade, gegen mehrere Weiße Armeen und die Interventionen ausländischer Streitkräfte. Und er führte diese Armee in weniger als drei Jahren zum Sieg. Nach jedem vernünftigen historischen Maßstab ist das eine außergewöhnliche Leistung. Trotzki war in der Lage, in eine von institutionellem Chaos geprägte Situation einzugreifen, zu erkennen, auf welche zwei oder drei strukturellen Entscheidungen es ankam, sie gegen Widerstand durchzusetzen, kompetente Leute zu finden, die sie umsetzten, und die gesamte Armee durch persönliche Energie und politische Autorität aufrechtzuerhalten. Sein Panzerzug war das Sinnbild dafür: Er war mobiles Hauptquartier, Druckerei, Tribunal, Versorgungsdepot und Träger politischer Autorität in einem.
Die letzten Kapitel von »Mein Leben«, die sich auf den Kampf innerhalb der Bolschewistischen Partei konzentrieren, sind am unmittelbarsten polemisch. Der rückblickende Ton des Memoirenschreibers wechselt entschieden zu einem Ton des aktiven Kampfes. Trotzki befasst sich mit Ereignissen der vorangegangenen sechs Jahre, die einen politischen Kampf widerspiegelten, der noch immer andauerte. Die Darstellung beginnt mit der letzten Phase von Lenins Krankheit im Jahr 1923 und endet mit Trotzkis Ausweisung aus der Sowjetunion im Jahr 1929. In diesen Kapiteln beantwortet Trotzki die Frage: »Wie konnten Sie die Macht verlieren?« Diejenigen, die – sei es zu Trotzkis Zeiten oder heute – an die Politik mit konventionellen, pragmatischen Kategorien herangehen, verstehen den Machtverlust im Allgemeinen als Ergebnis von Fehlern, als Folge eines Versagens, geschickte und rechtzeitige Manöver durchzuführen.
Doch der Verlust politischer Macht ist, wie Trotzki erklärte, nicht das Gleiche »wie das Verlieren einer Uhr oder eines Notizbuches«. Insbesondere wenn man die Verschiebungen der politischen Macht in verschiedenen Perioden oder Etappen einer Revolution analysiert, müssen die Ursachen für den Aufstieg und Fall von Tendenzen und Personen in den objektiven Bedingungen gesucht werden. Ein gewaltiger Ausbruch des Klassenkampfes in Russland hob Trotzki und Lenin 1917 aus der Unbekanntheit auf den Gipfel der Macht. Ihre politische und persönliche Lage hatte sich in so erstaunlicher Geschwindigkeit gewandelt, dass Lenin in der Nacht des bolschewistischen Aufstands gegenüber Trotzki bemerkte: »Es schwindelt.« Dem Rückgang von Trotzkis Einfluss und Macht lag ein entgegengesetzter und langwierigerer Prozess des politischen Stillstands, der Stagnation und des Nachlassens der revolutionären Glut zugrunde, der sich aus den Niederlagen der europäische Arbeiterklasse jenseits der Grenzen der Sowjetunion ergab, aus der Isolation und politischen Erschöpfung des Proletariats, der Bürokratisierung des Staates und der herrschenden Partei sowie des Erstarkens einer kleinbürgerlichen Schicht nach der Einführung der Neuen Ökonomischen Politik (NEP) im Jahr 1921.
Noch bevor Stalin im Kampf gegen Trotzki und die internationalistische Strategie der permanenten Revolution das reaktionäre Programm des »Sozialismus in einem Land« ins Feld führte, war eine spürbare Veränderung in der politischen Stimmung und im Lebensstil der Parteiführung zu beobachten. Eine Atmosphäre der Selbstzufriedenheit, der Oberflächlichkeit und des moralischen Verfalls machte sich breit und signalisierte eine Verschiebung des Kräfteverhältnisses innerhalb der Partei. In einer brillanten Passage merkt Trotzki an, dass informelle Gespräche unter anderen Mitgliedern des regierenden Politbüros plötzlich verstummten, sobald er den Raum betrat. »Wenn man will, kann man sagen: Dies bedeutete, dass ich begann, die Macht zu verlieren.« Natürlich spielte Lenins Tod eine wesentliche Rolle bei der Isolierung Trotzkis. Ihre Zusammenarbeit in der Führung war an sich schon ein mächtiger objektiver Faktor im Kräfteverhältnis. Doch selbst Lenins Witwe, Nadeschda Krupskaja, sinnierte 1926, dass auch Lenin vom bürokratisierten Regime hätte inhaftiert werden können.
In diesem Klima bürokratischer Reaktion wurde eine Verleumdungskampagne gegen Trotzki entfesselt. Sie begann mit der Lüge, Trotzki habe »die Bauernschaft unterschätzt«, und zielte darauf ab, Trotzki persönlich zu vernichten, den Bruch mit dem Programm der Oktoberrevolution und der Perspektive der permanenten Revolution zu legitimieren und die Interessen der sowjetischen und internationalen Arbeiterklasse durch die der nationalistischen Bürokratie unter der Führung Stalins zu ersetzen.
Trotzki schildert die verschiedenen Phasen des Kampfs, der innerhalb der Kommunistischen Partei tobte. Die Kritik von Trotzki und der Linken Opposition an der Politik des stalinistischen Regimes wurde im Laufe des Parteikampfs durch die Ereignisse bestätigt. Um die Argumente der Opposition zu kontern, hatte Stalin keine anderen Mittel als Repression, die mit dem Ausschluss Trotzkis und seiner Anhänger aus der Kommunistischen Partei und der Kommunistischen Internationale im Jahr 1927 einen ersten Höhepunkt erreichte. 1928 wurde Trotzki nach Alma-Ata verbannt und 1929 schließlich aus der Sowjetunion ausgewiesen.
Trotzki schließt seine Autobiografie mit einem Kapitel unter der Überschrift »Der Planet ohne Visum«. Nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion versuchte er, eine Einreisegenehmigung in einem westeuropäischen Land zu erhalten. Nachdem der Präsident des Deutschen Reichstags erklärt hatte, Deutschland könnte ihm Asyl gewähren, beantragte Trotzki ein Visum. Die Regierung distanzierte sich jedoch umgehend von der Äußerung des Reichstagspräsidenten. Trotzki sollte nicht nach Deutschland einreisen dürfen. Auch in Großbritannien, Frankreich und Norwegen wurden seine Visumanträge abgelehnt. »Ich muss gestehen«, schrieb er, »dass das Antreten der europäischen Demokratien zum Appell in der Frage des Asylrechts mir nebenbei nicht wenige lustige Augenblicke bereitete. Manchmal kam es mir vor, als wohnte ich der Inszenierung eines ›paneuropäischen‹ Einakters des Titels: Prinzipien der Demokratie bei.«
Auf jene, die sich fragten, wie Trotzki denn den Verlust seiner Macht verkraftet habe, antwortete er: »Ich kann einen historischen Prozess nicht mit dem Metermaß eines persönlichen Schicksals messen. Im Gegenteil, ich bewerte mein persönliches Schicksal nicht nur objektiv, sondern erlebe es auch subjektiv in untrennbarem Zusammenhang mit dem Verlauf der sozialen Entwicklung.« Er betrachtete sein Leben nicht als Tragödie. Vielmehr: »Ich kenne nur den Wechsel zweier Abschnitte der Revolution.«
Aber wie stand es um die Revolution selbst? War sie gerechtfertigt? Was hatte sie erreicht? Trotzki gab folgende Einschätzung:
Die Arbeiterklasse in Russland hat unter Führung der Bolschewiki den Versuch unternommen, das Leben umzubauen, um die Möglichkeit der periodisch wiederkehrenden Tobsuchtsanfälle der Menschheit auszuschalten und die Grundlagen für eine höhere Kultur zu schaffen. Das ist der Sinn der Oktoberrevolution. Es ist selbstverständlich, dass die Aufgabe, die sie sich gestellt hat, noch nicht gelöst ist. Die Lösung dieser Aufgabe ist aber ihrem Wesen nach auf Jahrzehnte berechnet. Mehr noch, man muss die Oktoberrevolution als den Ausgangspunkt der neuen Geschichte der Menschheit in ihrer Gesamtheit betrachten.
Die deutsche Erstausgabe von »Mein Leben« erschien im selben Monat, in dem Trotzki seinen 50. Geburtstag feierte. So gewaltig seine Leistungen als einer der Hauptführer der bolschewistischen Revolution von 1917, als Gründer der Roten Armee und »Organisator des Sieges« im Bürgerkrieg auch waren – Trotzkis größtes Werk, sowohl als Schriftsteller wie auch als Revolutionär, lag noch vor ihm. Während der vier Jahre auf Büyükada schrieb Trotzki nicht nur »Die Geschichte der Russischen Revolution«. Er verfasste auch eine Reihe politischer Essays, in denen er mit unübertroffener Weitsicht die Bedrohung analysierte, die vom Aufstieg des Faschismus in Deutschland ausging. Trotzki unterzog die ultralinke Politik des »Sozialfaschismus«, die von der stalinistischen Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) und der Kommunistischen Internationale vertreten wurde, einer vernichtenden Kritik.
Nach Hitlers Aufstieg zur Macht 1933 – eine Folge der katastrophalen Politik der Stalinisten – rief Trotzki zum Aufbau der Vierten Internationale auf. Im Juli 1933 erhielt Trotzki schließlich die Erlaubnis, nach Frankreich einzureisen, das er 1935 wieder verlassen musste. Die norwegische Regierung gestattete ihm die Einreise. Anfang August 1936 vollendete Trotzki sein Werk »Verratene Revolution«, bis heute die bedeutendste Analyse der Degeneration des sowjetischen Arbeiterstaates und des konterrevolutionären Charakters des stalinistischen Regimes.
In »Verratene Revolution« zeigt Trotzki auf, dass der Arbeiterstaat nur überleben kann, wenn die sowjetische Bürokratie gestürzt und die Arbeiterdemokratie durch eine politische Revolution wiederhergestellt wird. Trotzkis Urteil über das Regime bestätigte sich innerhalb weniger Wochen, als der erste von drei Moskauer Schauprozessen inszeniert wurde. Er markierte den Beginn des Terrors und politischen Völkermords an praktisch dem gesamten Kader des Bolschewismus, den sozialistischen Führern der Arbeiterklasse und den fortschrittlichsten Vertretern der sozialistischen Intelligenz.
Unter dem Druck des stalinistischen Regimes stellte die sozialdemokratische Regierung Norwegens Trotzki unter Hausarrest, um ihn daran zu hindern, auf die monströsen Lügen aus Moskau, er sei ein Agent des Faschismus, zu antworten. Im Dezember gewährte ihm die mexikanische Regierung unter Präsident Lázaro Cárdenas Asyl. Trotzki und seine Frau Natalja Sedowa erreichten am 9. Januar 1937 Mexiko. Er verurteilte die Moskauer Prozesse umgehend in einer öffentlichen Erklärung und forderte die Einberufung eines internationalen »Gegenprozesses«. In einer Rede, die er am 30. Januar auf Englisch hielt und die auf Video aufgezeichnet wurde, erklärte Trotzki:
Stalins Prozess gegen mich beruht auf falschen Geständnissen, die mit modernen Methoden der Inquisition im Interesse der herrschenden Clique erpresst wurden. Es gibt in der Geschichte keine Verbrechen, die in ihrer Absicht oder Ausführung schrecklicher sind als die Moskauer Prozesse gegen Sinowjew-Kamenew und gegen Radek-Pjatakow. Diese Prozesse entsprangen nicht dem Kommunismus, nicht dem Sozialismus, sondern dem Stalinismus, das heißt dem ungezügelten Despotismus der Bürokratie über das Volk!
Was ist nun meine Hauptaufgabe? Die Wahrheit aufzudecken. Zu zeigen und zu beweisen, dass sich die wahren Verbrecher unter dem Mantel der Ankläger verstecken.
Trotzki erklärte, dass ein Gegenprozess »notwendig ist, um die Atmosphäre von den Keimen der Täuschung, Verleumdung, Fälschung und fingierten Anklagen zu reinigen, deren Quelle Stalins Polizei, die GPU, ist, die auf das Niveau der Nazi-Gestapo gesunken ist«.[11]
Unter dem Vorsitz des amerikanischen Philosophen John Dewey wurde eine Untersuchungskommission gebildet. Sie reiste nach Coyoacán, wo Trotzki in einer Villa lebte, die dem großen Wandmaler Diego Rivera gehörte. In Sitzungen vom 10. bis zum 17. April 1937 beantwortete Trotzki die Fragen der Kommissionsmitglieder und zeichnete den gesamten Verlauf seiner politischen Laufbahn nach. In seiner abschließenden Erklärung, die er auf Englisch vortrug, sagte Trotzki:
Die Erfahrung meines Lebens, in dem es weder an Erfolgen noch an Misserfolgen fehlte, hat nicht nur meinen Glauben an die Zukunft der Menschheit nicht zerstört, sondern ihn im Gegenteil unzerstörbar gemacht. Diesen Glauben an die Vernunft, an die Wahrheit, an die menschliche Solidarität, der mich im Alter von achtzehn Jahren in die Arbeiterquartiere der russischen Provinzstadt Nikolajew führte – diesen Glauben habe ich mir voll und ganz bewahrt.[12]
Nach einer umfassenden Prüfung von Trotzkis Aussagen, einer Vielzahl von Dokumenten und den Protokollen der Moskauer Prozesse veröffentlichte die Kommission im Dezember 1937 ihre Ergebnisse. Sie sprach Trotzki für »nicht schuldig« und bezeichnete die Moskauer Prozesse als Schauprozesse.
Ungeachtet des Urteils der Dewey-Kommission (wie die Untersuchungskommission allgemein genannt wurde) hielten zahlreiche liberale Intellektuelle an der Behauptung fest, es handele sich bei den Moskauer Prozessen um seriöse juristische Verfahren. Es war die Zeit der »Volksfront«, des Bündnisses des Liberalismus mit der sowjetischen Geheimpolizei, dem NKWD. Im Gegenzug für die stalinistische Unterstützung kapitalistischer Regierungen in Europa und den Vereinigten Staaten stimmte die bürgerlich-liberale Intelligenz der Ermordung der Revolutionäre durch das sowjetische Regime zu.
Als Trotzki die Gründung der Vierten Internationale vorbereitete, unternahm das stalinistische Regime einen gewaltsamen Feldzug gegen deren Führung. Im Juli 1937 wurde Erwin Wolf, der in Norwegen eng mit Trotzki zusammengearbeitet hatte, vom NKWD entführt und ermordet. Zwei Monate später folgte in der Schweiz der Mord an Ignaz Reiss, ein ehemaliger Agent, der den NKWD verlassen und seine Solidarität mit der Vierten Internationale erklärt hatte. Im Februar 1938 wurde Trotzkis Sohn und engster politischer Mitarbeiter, Lew Sedow, in Paris ermordet. Im Juli 1938 ermordeten die Stalinisten auch Rudolf Klement in Paris, nur zwei Monate vor dem geplanten Gründungskongress der Vierten Internationale, deren Sekretär er war.
Inmitten all dieser tragischen Ereignisse widmete sich Trotzki der Aufgabe, die er als die wichtigste seines Lebens ansah: das politische Programm des Marxismus zu verteidigen und das Überleben der sozialistischen Bewegung in einer neuen Generation von Arbeitern und Jugendlichen zu sichern. In den 1930er Jahren war außer Trotzki niemand mehr übrig, der das Banner der sozialistischen Weltrevolution hochhalten und weitergeben konnte. In einem Tagebucheintrag vom 25. März 1935 stellte Trotzki fest, dass seine Rolle beim Aufstand von 1917 und dem darauf folgenden Bürgerkrieg zwar sicherlich wichtig, aber nicht unbedingt »unersetzlich« gewesen sei. Der Verfasser dieser Zeilen tendiert dazu, dieser Einschätzung zu widersprechen. Es gibt reichlich Belege dafür, dass Trotzkis Rolle bei der Machteroberung und im Bürgerkrieg von entscheidender Bedeutung war. Doch während diese Frage Gegenstand historischer Debatten sein mag, war Trotzkis Bewertung seiner Rolle in den 1930er Jahren vom Standpunkt der Verteidigung des Marxismus und der Zukunft des Sozialismus vollkommen berechtigt.
Dagegen ist meine gegenwärtige Arbeit im wahren Sinne des Wortes »unersetzlich«. Dieser Gedanke enthält auch nicht eine Spur von Hochmut: Der Zusammenbruch zweier Internationalen hat ein Problem entstehen lassen, zu dessen Lösung kein einziger Führer dieser Internationalen auch nur im Geringsten geeignet ist. Im Vollbesitz schwerwiegender Erfahrungen, bin ich durch die besonderen Umstände meines persönlichen Schicksals mit diesem Problem konfrontiert. Gegenwärtig gibt es niemanden außer mir, der die Aufgabe erfüllen könnte, die neue Generation mit der Kenntnis der Methode der Revolution über die Köpfe der Führer der Zweiten und Dritten Internationale hinweg auszurüsten. Und ich stimme mit Lenin (eigentlich mit Turgenjew) darin voll überein, dass es das größte Laster ist, älter als 55 zu sein. Zur Gewährleistung der Kontinuität brauche ich noch mindestens fünf Jahre ununterbrochener Arbeit.[13]
Trotzki sollten noch etwas mehr als fünf Jahre bleiben. Er starb am 21. August 1940 an den Wunden, die ihm ein stalinistischer Attentäter zugefügt hatte. Dieses Verbrechen beraubte die internationale Arbeiterklasse des letzten noch lebenden Führers der Oktoberrevolution und größten Vertreters des Programms und der Tradition des klassischen Marxismus. Niemand war mehr am Leben, der Trotzki an Erfahrung, geschweige denn an politischem Genie gleichkam. Doch die Arbeit, die er in seinen letzten Lebensjahren leistete, bewahrte die marxistische Bewegung vor dem Aussterben. In der Zeit zwischen der Fertigstellung seiner Autobiografie und seiner Ermordung im Jahr 1940 gründete Trotzki die Vierte Internationale und definierte die grundlegenden Aufgaben der sozialistischen Bewegung in der modernen Epoche.
Trotzki, der Lenin um 16 Jahre überlebte, analysierte die großen politischen Ereignisse, die den Verlauf des Klassenkampfs im gesamten 20. Jahrhundert prägen sollten. Er entwickelte Antworten darauf und sah sogar ihren weiteren Verlauf voraus. Trotzki lebte lange genug, um die Entartung der Sowjetunion, das Aufkommen des Faschismus, den allgemeinen Verfall der bürgerlichen Demokratie, den Verrat bürgerlich-nationalistischer Bewegungen in den kolonialen und halbkolonialen Ländern, den Aufstieg des amerikanischen Imperialismus zu einer globalen Hegemonialmacht und schließlich den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mitzuerleben. Dieses letzte Ereignis bestätigte den Kerngedanken der Theorie der permanenten Revolution, dass die einzige tragfähige strategische Antwort auf die Widersprüche des globalen Kapitalismus und des Nationalstaatensystems die sozialistische Weltrevolution ist.
Um diese historisch notwendige Aufgabe zu erfüllen, von der das Überleben der Menschheit abhängt, muss die Krise der revolutionären Führung in der Arbeiterklasse gelöst werden. Die Vierte Internationale, die Weltpartei der sozialistischen Revolution, wurde gegründet, um diese Aufgabe zu lösen. Unabhängig vom Ausgang des Krieges rechnete Trotzki mit einer langwierigen Periode revolutionärer und konterrevolutionärer Umwälzungen auf dem ganzen Planeten. Mit erstaunlicher Weitsicht und Weisheit schrieb Trotzki im Mai 1940:
Die kapitalistische Welt hat keinen Ausweg, wenn man nicht einen in die Länge gezogenen Todeskampf als solchen betrachten will. Man muss sich auf viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, von Krieg, Aufständen, kurzen Zwischenspielen des Waffenstillstands, neuen Kriegen und neuen Aufständen gefasst machen. Eine junge revolutionäre Partei muss sich auf diese Perspektive gründen. Die Geschichte wird ihr ausreichend Gelegenheiten und Möglichkeiten verschaffen, sich zu bewähren, Erfahrungen zu sammeln und zu reifen. Je rascher die Reihen der Vorhut zusammengeschweißt werden, desto kürzer wird die Epoche der blutigen Erschütterungen sein, desto weniger Zerstörung wird unser Planet erleiden. Aber die große historische Aufgabe wird nicht gelöst werden, ehe eine revolutionäre Partei an der Spitze des Proletariats steht. Die Frage der Tempi und Zeitabschnitte ist von ungeheurer Bedeutung, aber sie ändert weder die allgemeine historische Perspektive noch die Richtung unserer Politik. Die Schlussfolgerung ist einfach: Die Arbeit der Erziehung und Organisierung der proletarischen Vorhut muss mit verzehnfachter Energie fortgeführt werden. Gerade darin besteht die Aufgabe der Vierten Internationale.[14]
Diese vor 86 Jahren verfasste Perspektive gilt für die heutige Welt mit noch größerer Dringlichkeit. Und genau aus diesem Grund bleibt Trotzki, eine gigantische Gestalt in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, in der Politik des 21. Jahrhunderts außerordentlich präsent. Sein Name steht für die Theorie (permanente Revolution), die Strategie (sozialistische Weltrevolution) und die Organisation (Vierte Internationale) des Marxismus als revolutionäre Bewegung der Arbeiterklasse in der heutigen Welt. Der Trotzkismus ist der Marxismus des 21. Jahrhunderts.
Das Gespenst Trotzkis und des Trotzkismus verfolgt die herrschenden Eliten und ihr Gefolge aus Journalisten und Wissenschaftlern. Die Oktoberrevolution wird niemals in Vergessenheit geraten, und man wird es Trotzki niemals verzeihen, dass er sie angeführt hat.
Biografien, die Trotzkis Leben anprangern, herabsetzen und verfälschen, gehören zum Standardangebot der Verlagsbranche. Die Bücher der britischen Professoren Robert Service, Ian Thatcher und Geoffrey Swain stehen exemplarisch für dieses Genre. Sie illustrieren eine Bemerkung Trotzkis in »Mein Leben«: »Was in all den Fällen, wo die öffentliche Meinung lebhaft interessiert ist, am meisten verblüfft, ist die menschliche Lügenhaftigkeit.« Man muss sagen, dass Service und Thatcher bei dieser Tätigkeit ein Maß an Geschick – oder sollte man sagen: Schamlosigkeit – an den Tag legen, das außergewöhnlich ist. Service ändert – mit dem Ziel, Trotzkis jüdischen Hintergrund zu betonen – dessen Vornamen von Lew in Leiba. Thatcher pfuscht aus demselben Grund an Trotzkis Nachnamen herum. Er bezeichnet Trotzki wiederholt als »Bronstein«, einen Namen, den der Revolutionär nach 1902, als er das politische Pseudonym angenommen hatte, mit dem er weltberühmt wurde, nie wieder verwendete. Außerdem verwendet Thatcher den Nachnamen Bronstein immer dann, wenn er Trotzkis Umzüge von einem Exilort zum anderen beschreibt. Seht da, den »wandernden Juden«! Die Inspiration für diese Übung in literarischer Verleumdung stammt von niemand Geringerem als dem bereits erwähnten Winston Churchill, der dem im Exil lebenden Revolutionär einen Aufsatz mit dem englischen Titel »Leon Trotsky, alias Bronstein« widmete.
Das beständigste Motiv bei der Diskreditierung Trotzkis ist seine Darstellung als charakterlich zutiefst mangelhafte und sogar abstoßende Persönlichkeit, deren angebliche intellektuelle Arroganz und höhnische Verachtung für seine Genossen innerhalb der Parteiführung die Hauptursache für seinen Untergang gewesen sei. Im Gesamtkorpus der Trotzki-Biografien gibt es keine Geschichte über Trotzki, die so oft erzählt wurde wie die, dass er sich bei den Sitzungen der Parteiführung in einen französischen Roman vertiefte, wodurch seine angebliche Gleichgültigkeit gegenüber profanen Alltagsaufgaben vermittelt wird.
Das Bild, das diese Geschichte vermittelt, ist eklatant: Parteiführer, um einen Tisch versammelt, arbeiten die Tagesordnung ab. Doch da sitzt Trotzki, gelangweilt und gleichgültig, die Nase in einen Roman gesteckt, und zwar nicht in einen russischen, sondern einen französischen Roman. Welch demonstrative Zurschaustellung kultureller Überlegenheit! Was könnte besser geeignet sein, um Feindseligkeit zu schüren? Es gibt nur ein Problem mit dieser Geschichte. Es handelt sich um eine politische Erfindung, die ursprünglich von Trotzkis innerparteilichen Gegnern ersonnen wurde. Es gibt keine einzige Nacherzählung der Geschichte mit dem französischen Roman, die einen Zeugen für Trotzkis angeblichen Verstoß gegen das Protokoll des Politbüros benennt, oder irgendeinen anderen glaubwürdig dokumentierten Beweis.
In der bekanntesten Version der Geschichte, die den Boden für ihre endlose Wiederholung bereitete, wird ihr zweifelhafter Charakter anerkannt. In »Der unbewaffnete Prophet«, dem zweiten Band seiner Trotzki-Biografie, der ursprünglich 1959 erschien, behauptete Deutscher, diese Geschichte während eines Besuchs in Moskau gehört zu haben. Er nennt die Person, die ihm die Geschichte erzählte, nicht und äußert sofort Zweifel an der Wahrhaftigkeit der Erzählung. Doch Deutscher stellt fest: »Selbst wenn die Geschichte erfunden ist, ist sie gut erfunden: Sie vermittelt einen Eindruck von seinem Temperament.«[15]
In den zahlreichen späteren Nacherzählungen der Geschichte wird der Vorbehalt, den Deutscher äußert, ignoriert. Die »gut erfundene« Anekdote wird zur unbestreitbaren Tatsache und unwiderlegbaren Anklage. Die Missverständlichkeiten und Ungereimtheiten der Geschichte werden verschwiegen. Manchmal wird das Zentralkomitee als Schauplatz der Unverschämtheit Trotzkis angegeben. Laut anderen Berichten habe sie sich in dem kleineren und intimeren Rahmen des Politbüros zugetragen. Das spielt keine Rolle. Die »gut erfundene« Geschichte erfüllt ihren Zweck. Erstens macht sie Trotzki zum Architekten seines eigenen Untergangs. Zweitens wendet sie Trotzkis hohes kulturelles Niveau und seinen sozialistischen Internationalismus auf subtile Weise gegen ihn. Hätte die Geschichte dieselbe Wirkung gehabt, wenn man ihm statt eines französischen Romans einen russischen in die Hand gelegt hätte? Drittens lenkt sie die Aufmerksamkeit von den politischen Fragen ab, die in »Mein Leben« ausgeführt werden und Trotzkis Machtverlust zugrunde liegen.
Letztendlich zielen die gegen Trotzki gerichteten Lügen darauf ab, den Sozialismus und damit die bloße Möglichkeit einer Alternative zum Kapitalismus zu diskreditieren. Trotzkis Leben und seine politischen Auffassungen zeugen von der Tatsache, dass der Verfall der Sowjetunion nicht unvermeidlich war, dass der Stalinismus eine reaktionäre Abkehr vom Sozialismus darstellte und dass es eine Alternative zu der brutalen Diktatur gab, die letztlich zur Auflösung des Arbeiterstaates und zur Wiederherstellung des Kapitalismus führte. Das Programm und die Strategie, für die Trotzki kämpfte, repräsentieren diese Alternative.
»Mein Leben« hätte ebenso gut den Titel »Unsere Epoche« tragen können. Selbst nach 100 Jahren ist die Autobiografie nicht von der Geschichte überholt worden. Wir leben in einer Welt, die für Trotzki verständlich wäre. Die Technologie hat enorme Fortschritte gemacht, aber die Probleme sind im Wesentlichen dieselben geblieben und haben sich in ihrem Ausmaß noch erheblich verschlimmert. Auch wenn sich der Todeskampf dieses Gesellschaftssystems länger hinzieht, als Trotzki vielleicht erwartet hätte, behält seine historische Prognose ihre Gültigkeit. Das kapitalistische System muss dem Sozialismus weichen.
Um mit den Worten Trotzkis zu schließen: »Das ist so klar, so unbestreitbar, so unerschütterlich, dass es sogar die Geschichtsprofessoren begreifen werden, allerdings erst nach einer Reihe von Jahren.«
William MacDonald, »Leon Trotsky Looks Back On His Stormy Life; The Exiled Soviet Leader Brings a Vivid Quality to the Story of a Career Dedicated to Revolution: Trotsky’s Life«, in: New York Times, 20. April 1930. Hier online verfügbar https://www.nytimes.com/1930/04/20/archives/leon-trotsky-looks-back-on-his-stormy-life-the-exiled-soviet-leader.html (aus dem Englischen).
Emil Ludwig, »Trotzki auf der Insel«, in: Berliner Tageblatt, Berlin, 59. Jg., Nr. 1, 1. Januar 1930.
Wolf Zucker, »Leo Trotzki oder die Dialektik der Revolution«, in: Die Literarische Welt, Berlin, 6. Jg., Nr. 1, 3. Januar 1930, S. 1.
Élie Halévy, »Léon Trotsky. Ma Vie. Essai autobiographique«, in: Revue des Sciences Politiques, Jg. 56, 1931, S. 150 (aus dem Französischen).
Alexander Bakshy, »Trotsky’s Own Story of His Life«, in: Current History, New York, Jg. 32, Nr. 3, Juni 1930, S. 474 (aus dem Englischen).
Leo Trotzki, »Wie konnte das passieren?« (Как могло это случиться?, 1929), online verfügbar unter: https://iskra-research.org/Trotsky/chto-i-kak/chto-3.shtml (aus dem Russischen).
Ebd.
Leon Trotsky, »Stalin’s Victory«, in: Writings of Leon Trotsky (1929), New York, 1975, S. 43 (aus dem Englischen).
Isaac Deutscher, Trotzki – Der verstoßene Prophet, 1929–1940, Stuttgart 1972, S. 214.
Alexander Rabinowitch, Die Sowjetmacht. Das erste Jahr, Essen 2010.
Writings of Leon Trotsky 1936–37, New York 1978, S. 179 (aus dem Englischen).
Leo Trotzki, »Warum und wozu diese Prozesse«, in: Trotzki Schriften, Bd. 1.2, Hamburg 1988, S. 1058.
Leo Trotzki, Tagebuch im Exil, München 1962, S. 53–54.
Leo Trotzki, »Manifest der Vierten Internationale zum imperialistischen Krieg und zur proletarischen Weltrevolution« (1940), in: Das Übergangsprogramm, Essen 1997, S. 254.
Isaac Deutscher, Trotzki. Der unbewaffnete Prophet 1921–1929, Stuttgart 1972, S. 245 [Hervorhebung hinzugefügt].
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