Perspektive

Das Roman-Weltraumteleskop: Die Macht der Wissenschaft und der Bankrott des Kapitalismus

Das Nancy Grace Roman Space Telescope, das am Sonntag im Morgengrauen vom Kennedy Space Center aus in den Weltraum geschickt wurde, befindet sich nun auf dem Weg zu seiner endgültigen Umlaufbahn, etwa 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Die Solarpaneele und der untere Sonnenschutz des Observatoriums wurden erfolgreich ausgefahren, und seine Hochleistungsantenne wird bald in Betrieb gehen.

Ein Blick auf das Roman Space Telescope unmittelbar nach der Abtrennung von seiner Trägerrakete Falcon Heavy. [Photo: NASA]

Die vollständige Inbetriebnahme wird drei Monate dauern, die ersten Aufnahmen werden für Anfang nächsten Jahres erwartet. Wir stehen am Beginn einer fünfjährigen Erkundung der tiefsten Geheimnisse der modernen Physik: der Phänomene, die als dunkle Materie und dunkle Energie bezeichnet werden.

Das Teleskop ist nach Nancy Grace Roman benannt, der ersten Chefastronomin der NASA, die sich für die Etablierung der weltraumgestützten Astronomie einsetzte. Es verfügt über einen Spiegel mit dem gleichen Durchmesser wie das Hubble-Teleskop (2,4 m) und liefert ebenso scharfe Bilder, erfasst bei jeder Belichtung jedoch mindestens einen einhundertmal so großen Himmelsbereich.

Über einen Zeitraum von fünf Jahren wird es mehr als eine Milliarde Galaxien untersuchen, bis zu 20 Milliarden Sterne in unserer Milchstraße kartieren und zwischen 50.000 und 200.000 Planeten entdecken, die andere Sterne umkreisen. Die Hardware und Software an Bord sind darauf ausgelegt, täglich 1,4 Terabyte an Daten zurückzusenden – ein Rekord für eine astrophysikalische NASA-Mission.

Roman ist Teil einer groß angelegten internationalen Initiative, die die grundlegenden Zusammenhänge der Struktur und Geschichte des Universums erforscht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde entdeckt, dass sich das Universum überall ausdehnt – ausgehend von einem eindeutigen Ursprung, der von heute aus gesehen etwa 13,8 Milliarden Jahre zurückliegen dürfte. Aus dieser Entdeckung ergab sich die Frage nach dem Schicksal des Universums: Wird die Ausdehnung ewig andauern, oder wird die Schwerkraft sie schließlich überwinden und zu einem Kollaps führen?

Die Auseinandersetzung mit dieser grundlegenden Frage führte zu vielen überraschenden Entdeckungen. Um 1970 stellte man fest, dass Galaxien durch weitaus mehr Masse zusammengehalten werden als durch die Masse ihres Gases und ihrer Sterne, nämlich durch eine „dunkle Materie“ unbekannter Zusammensetzung, die Masse und damit Schwerkraft besitzt, aber keinerlei Licht aussendet. Untersuchungen der am weitesten entfernten explodierenden Sterne aus der Frühgeschichte des Universums zeigten, dass sich die Ausdehnung des Universums beschleunigt. Sie wird angetrieben durch eine Abstoßungskraft, die auf kosmischer Ebene wirkt und heute als „dunkle Energie“ bezeichnet wird.

Eine simulierte Beobachtung eines Teils der nahegelegenen Andromeda-Galaxie, die zur Vorhersage der Leistungsfähigkeit des Weltraumteleskops Roman herangezogen wurde. [Photo: NASA's Goddard Space Flight Center]

Einer der rätselhaftesten Aspekte sowohl der dunklen Materie als auch der dunklen Energie ist, dass sie den überwieguenden Teil der Masse und Energie des Universums ausmachen. Auf dunkle Materie entfallen etwa 27 Prozent und auf dunkle Energie etwa 68 Prozent, während die restlichen 5 Prozent aus gewöhnlicher „baryonischer“ Materie bestehen.

Julie McEnery, die leitende Wissenschaftlerin des Roman-Projekts, beschrieb die Anfänge der Mission in einem Interview vor dem Start im NASA-Podcast „Curious Universe“:

Ende der 90er Jahre wurde uns klar, dass sich das Universum viel merkwürdiger verhielt, als wir es uns vorgestellt hatten, und dass es sich nicht für immer mit konstanter Geschwindigkeit ausbreitet oder langsamer wird, sondern tatsächlich beschleunigt. Das war ein riesiges, unerwartetes Rätsel. Viele Wissenschaftler wollten herausfinden, was wir tun können, um den nächsten Schritt zum Verständnis der grundlegenden Natur unseres Universums zu machen.

Eine zentrale Aufgabe der letzten Jahrzehnte sowohl in der Astronomie als auch in der Physik bestand darin, die konkreten Ursprünge und Eigenschaften der anziehenden und abstoßenden Komponenten zu identifizieren, die die Entwicklung des Universums prägen.

Messungen, die letztes Jahr vom Dark Energy Spectroscopic Instrument (DESI) in Arizona veröffentlicht wurden, deuten darauf hin, dass die dunkle Energie im Laufe der kosmischen Zeit nachlassen könnte. Sollte das stimmen, hätte es Auswirkungen auf das vorherrschende Modell des Universums, in dem die dunkle Energie eine feste Konstante ist. Die Folgen reichen bis in die Grundlagen der Physik.

Diese Fragen lassen sich nicht mit einem einzigen Instrument klären, da es mehrere Methoden gibt, die Expansion des Universums zu messen. Roman ist darauf ausgelegt, eine bestimmte Art von explodierenden Sternen – Supernovae vom Typ Ia – sehr genau zu erfassen. Diese Supernovae strahlen eine bekannte Lichtmenge aus, sodass ihre scheinbare Helligkeit direkt mit ihrer Entfernung zusammenhängt. Getrennt davon wird Roman messen, wie die Schwerkraft von dazwischenliegender Materie die Bilder von Hunderten Millionen entfernter Galaxien verzerrt. Durch die Kombination beider Methoden können Wissenschaftler sowohl die Expansion des Universums als auch die Entwicklung von Strukturen wie Galaxien-Superhaufen und kosmischen Filamenten erforschen.

DESI untersucht dieselben Strukturen auf andere Weise. Es betrachtet Schallwellen aus dem Urplasma des Universums, die in der Anordnung der Galaxien eingefroren sind. DESI verfolgt außerdem den Materieeinfall in Galaxienhaufen. Andere Projekte, die eine ähnliche Arbeit leisten, sind HETDEX (in West-Texas), 4MOST (Chile), WEAVE (auf den Kanarischen Inseln), das Vera-C.-Rubin-Observatorium (Chile) und Euclid (ein europäisches Weltraumteleskop, das – genau wie später Roman – 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt stationiert ist).

Die optische Baugruppe des Roman-Teleskops wird im Goddard-Zentrum an andere Missionskomponenten angeschlossen [Photo: NASA/Chris Gunn]

Insgesamt stecken in jedem einzelnen Projekt Jahrzehnte der Arbeit von Tausenden Forschern, Technikern und Ingenieuren. Keines davon wurde von einem einzigen Land gebaut oder wird von einem einzigen Land betrieben. Sie stehen für den internationalen Charakter wissenschaftlicher Forschung, und die bestehenden Einschränkungen verdeutlichen die Rückständigkeit des Nationalstaatssystems.

Jahrzehntelang war bei diesen internationalen Projekten eine Exklusivphase üblich, in der die Wissenschaftler der fördernden Institutionen einer Mission das alleinige Veröffentlichungsrecht hatten, bevor die Rohdaten der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Die europäische Hipparcos-Mission der frühen 1990er Jahre, die die Entfernungen zu mehr als hunderttausend Sternen maß und die kosmische Entfernungsskala neu kalibrierte, hielt ihren Katalog fast vier Jahre lang zurück. Die kosmologischen Ergebnisse der Planck-Mission unterlagen mehr als drei Jahre lang einer Veröffentlichungssperre. Die Daten des Hubble-Teleskops wurden der breiteren Community jeweils ein Jahr lang nach jeder Beobachtung vorenthalten.

In der Physik gibt es dafür keinerlei Notwendigkeit. Der deutlichste Beweis dafür ist Roman selbst, bei dem es keinerlei Sperrfrist für die großräumigen Durchmusterungen gibt – jede Beobachtung wird sofort nach der Verarbeitung veröffentlicht. Dies wurde bereits Jahre vor dem Start von dem wissenschaftlichen Definitionsteam in die Missionsvorgaben aufgenommen, da man erkannte, dass der Datensatz zu groß ist, als dass ihn eine einzelne Gruppe untersuchen könnte.

Der Start von Roman zeugt von außerordentlichen Entwicklungen der Wissenschaft und der technologischen Grundlagen, die die Mission erst möglich machen (die Halbleiterfertigung hinter seiner 300-Megapixel-Infrarotkamera, die Rechenleistung, mit der täglich 1,4 Terabyte an Daten verarbeitet und übertragen werden, die Präzisionsoptik, die das Licht eines Sterns ausblenden kann, um die Planeten daneben sichtbar zu machen). All dies macht umso deutlicher, wie irrational die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Welt sind, die Roman hinter sich lässt.

Die Rakete, die das Teleskop ins All beförderte, gehört Elon Musk, dem ersten Billionär der Welt – ein rassistischer Ignorant, dessen Hetze gegen Einwanderer und Flüchtlinge mit politischer und finanzieller Unterstützung für Donald Trump, die neonazistische AfD in Deutschland und andere faschistische Parteien einherging. Sein Unternehmen SpaceX wurde mit öffentlichen Geldern durch Verträge mit der NASA und dem Pentagon aufgebaut und wird mittlerweile mit einer Marktkapitalisierung von fast 2 Billionen Dollar gehandelt – ein riesiges Instrument für Spekulationen und die Bereicherung der Oligarchie.

Und während das Roman-Teleskop am Sonntagmorgen die Atmosphäre verließ, suchten Rettungskräfte in Nepal die überfluteten Himalaya-Täler ab, in denen nach Stand vom Montag 903 Menschen ums Leben gekommen waren und mehr als 4.000 vermisst wurden. Vor dieser Gefahr war schon seit Jahren gewarnt worden. Im Himalaya-Gebirge, das sich schneller erwärmt als der globale Durchschnitt, liegen Tausende von anschwellenden Gletscherseen oberhalb einiger der ärmsten Täler der Erde.

Satellitenüberwachung und Warnsysteme auf Talebene, die Hunderte von Menschenleben hätten retten können, basieren auf denselben Infrarot- und Fernerkundungstechnologien, die „Roman“ gerade ins All befördert, und kosten nur einen Bruchteil jedes Militärhaushalts. Aber sie wurden nie gebaut. Selbst jetzt befindet sich ein neu entstandener See aus losem Geröll instabil über den Rettungskräften, und Hunderte von Arbeitern sind in unterirdischen Tunneln eingeschlossen.

Im Bereich der öffentlichen Gesundheit haben die Vereinigten Staaten in diesem Jahr 2.777 Masernfälle bestätigt – so viele wie nie zuvor, seit die Krankheit im Jahr 2000 für ausgerottet erklärt worden war –, und Pennsylvania verzeichnete die ersten Masern-Todesfälle seit 35 Jahren. Die Zahl der Erkrankungen aufgrund des Parasiten Cyclospora, der durch Lebensmittel übertragen wird, haben die 17.000er-Marke überschritten, was etwa dem Vierfachen der jüngsten jährlichen Zahl entspricht.

Die Reaktion der amerikanischen Regierung und ihrer internationalen Pendants auf jede gesellschaftliche Katastrophe besteht darin, die Wissenschaft und die Forschungstreibenden anzugreifen. Die Centers for Disease Control and Prevention (CDC), die für Seuchenbekämpfung zuständigen US-Behörden, haben die Überwachung lebensmittelbedingter Erkrankungen von acht Krankheitserregern auf zwei reduziert. Die National Oceanic and Atmospheric Administration, deren Wissenschaftler Hochwasser modellieren und Stürme vorhersagen, hat im Februar 2025 mehr als 800 Beschäftigte entlassen. Die Umweltschutzbehörde (EPA) hat innerhalb eines Jahres ein Viertel ihres Personals abgebaut und ist nun so klein wie zu keiner Zeit seit der Reagan-Ära.

Auch dem Roman-Teleskop wäre viermal beinahe der Garaus gemacht worden. Die erste Trump-Regierung schlug in drei aufeinanderfolgenden Haushaltsplänen vor, die Finanzierung für das damals noch WFIRST genannte Projekt zu streichen, und im April 2025 wurde in einem Haushaltsdokument des Weißen Hauses derselbe Vorschlag wiederholt. Gleichzeitig haben sowohl die Republikaner als auch die Demokraten konsequent Milliarden für die ICE-Gestapo und Billionen für das Militär sowie für Rettungspakete für Banken bewilligt.

Das Wissen, die Technik und die organisatorischen Kapazitäten sind eindeutig vorhanden, um Überschwemmungen einzudämmen, flächendeckende Impfungen durchzuführen, die Infrastruktur wiederaufzubauen und Kohle- und Ölkraftwerke durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Aber die Kontrolle der gesellschaftlichen Ressourcen durch eine winzige Finanzoligarchie und die Unterordnung jeder gesellschaftlichen Entscheidung unter Profit und Krieg machen diese Kapazitäten unerreichbar.

In den kommenden Jahren wird das Roman-Weltraumteleskop das Universum kartografieren. Die Aufgabe auf der Erde besteht darin, die Fortschritte der Wissenschaft in den Dienst der Menschheit zu stellen: den Reichtum der Oligarchie in öffentliche Hände zu überführen, die Kriege zu beenden und die Produktivkräfte auf die Bedürfnisse der Menschen auszurichten.

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