Sternmarsch gegen die AfD in Berlin: „Der Kapitalismus ist das größte Problem“

Ausschnitt aus einem der sieben Demonstrationszüge zum Roten Rathaus in Berlin, 12. September 2026

Am Samstag, 12. September, marschierten Tausende durch Berlin zum Roten Rathaus, um gegen den Rechtskurs in der Politik zu demonstrieren. Kurz zuvor hatte die AfD in Sachsen-Anhalt fast 44 Prozent erreicht. Nun wollten nur eine Woche vor der Berliner Wahl viele mit ihrer Teilnahme ein Zeichen gegen Krieg, Faschismus und soziale Ungleichheit setzen.

Den Sternmarsch hatte ein Bündnis aus fast 100 Organisationen organisiert, darunter der Berliner DGB, Verdi und GEW, die Fridays for Future, die Internationalen Ärzte gegen Atomkrieg (IPPNW), die Omas gegen rechts, mehrere Initiativen der Queer-Comunity, für Klimaschutz und viele weitere mehr. Spontan schlossen sich unterwegs hunderte Jugendliche dem Sternmarsch an, viele von ihnen nur auf Besuch in Berlin, um gegen die AfD zu demonstrieren.

In sieben thematischen Demonstrationen zogen sie unter dem Motto „Zeit, dass sich was dreht“ zur zentralen Abschlusskundgebung am Roten Rathaus. Laut Veranstalter waren es 32.000, laut Polizei 18.000, die sich am Sternmarsch beteiligten, was indes recht hoch gegriffen ist: Eigene Reporter der WSWS schätzten, dass sich auf der Abschlusskundgebung etwa 10.000 Menschen vor dem Roten Rathaus eingefunden hatten.

Plakat ("Milliardäre abschaffen") am Sternmarsch, Berlin, 12. September 2026

Viele hatten handgemalte Schilder mit Aufschriften wie: „Milliardäre abschaffen“, „Zeit für Streik“ oder „Schluss mit Diskriminierung“. In dem „Soziale Teilhabe“-Zug gab es ein ganzes Kontingent junger Hebammen, die für bessere Bedingungen und Bezahlung bei der Geburtshilfe demonstrierten, während andere Teilnehmer gegen die Privatisierung bei Post, Bahn und allen staatlichen Betrieben protestierten, die „nur die Aktionäre bereichern, aber die Grundversorgung verschlechtern und verteuern“, wie eine junge Postlerin der WSWS sagte.

„Wir müssen uns auf die soziale Frage fokussieren, wenn wir irgendwas erreichen wollen“, sagte Nick, ein Werkstudent und angehender Schriftsteller aus Nürnberg, der sich spontan der Demonstration angeschlossen hatte. „Mit all dieser Medienpropaganda über Migranten oder andere Minderheiten sucht man nur nach Sündenböcken, dann sind wir bald wieder so weit wie in den 1930er Jahren mit den Nazis. Aber wenn man die sozialen Fragen löst, die soziale Ungleichheit beseitigt, dann könnte man leben.“

Helena, die mit einer Gruppe junger Mädchen aus Bayern in Berlin zu Besuch war und die Stadt „cool“ fand, weil sie so international ist, hatte sich mit der ganzen Gruppe spontan gegen die AfD dem Sternmarsch angeschlossen. „Wir müssen aufzeigen, dass die AfD lügt“, sagte sie. „Wir haben hier Wahlplakate der AfD gesehen, wo draufsteht: ‚Wohnungen für Berliner‘, als wenn sie dafür sorgen wollten, dass alle Berliner gute Wohnungen haben. In Wirklichkeit meinen sie doch, dass Ausländer überhaupt keine Wohnungen haben sollten.“

Erkan, ein Jugendlicher türkischer Herkunft aus Berlin, sagte: „Alle Parteien unterstützen die Kriegspolitik und das Waffengeschäft, was man am Beispiel Gaza deutlich sehen kann. Aber wenn du die einfachen Leute fragst: Keiner ist für Krieg.“

Ein IT-Spezialist aus Kolumbien, der mit drei Freunden aus Südamerika dabei war, sagte, er sei mit seiner Familie nach Deutschland gekommen, um ein besseres Leben zu führen und den diktatorischen Regimen dort zu entkommen. Nun sei er über das Wachstum der Rechtsextremen in Deutschland entsetzt. Er sagte: „Es sind die wirtschaftlichen Fragen, die die Menschen, die unter finanzieller Not leiden, in Bewegung bringen.“ Und er betonte, wie wichtig es sei, sich als Arbeiter international zusammenzuschließen, damit die simplen aber falschen „Antworten“ der Rechten nicht greifen könnten.

Bücherstand der Sozialistischen Gleichheitspartei vor dem Roten Rathaus

Mehrere Teams der Sozialistischen Gleichheitspartei, die am 20. September in Berlin mit eigenen Kandidaten zur Wahl antritt, verteilten die Erklärung: „Wie die AfD gestoppt werden kann“, diskutierten mit hunderten Teilnehmern und machten sie auf das Buch „Warum sind sie wieder da?“ aufmerksam, sowie auch auf den Band „Der Ukrainekrieg und der Kampf für Sozialismus. Der Fall Bogdan Syrotjuk“ über den jungen Trotzkisten, den das Selenskyj Regime zu 15 Jahren Haft verurteilt hat, weil er sich gegen den Krieg und für die internationale Einheit russischer und ukrainischer Arbeiter und Jugendlicher eingesetzt hatte.

Viele, mit denen unsere Reporter sprachen, waren über die Kriegsgefahr beunruhigt und vom AfD-Wahlsieg schockiert, und die meisten stimmten der Aussage im SGP-Flyer zu: „Die AfD kann nur durch eine unabhängige Offensive der Arbeiterklasse gestoppt werden, die sich gegen Krieg, Sozialabbau und ihre gesellschaftliche Ursache, den Kapitalismus, richtet.“

Ava (links) im Gespräch mit Katja Rippert, SGP-Kandidatin in Berlin

Ava, eine 20-jährige Berlinerin, sagte der WSWS: „Der Kapitalismus ist das größte Problem, warum die Leute so unzufrieden sind, warum es vielen Leuten so schlecht geht, warum die AfD so stark werden kann und warum es so viele Probleme in unserer Gesellschaft gibt.“ Ava stimmte zu, dass die SPD, die Grünen, die CDU und die Linkspartei beim Erstarken der AfD eine wichtige Rolle spielen, und sagte, es sei „auf jeden Fall ein großes Problem, dass diese Parteien so viele rechte Talking Points übernommen haben und sich nicht wirklich von der AfD distanzieren wollen. Ihre Politik trägt eben dazu bei, dass die Leute unzufrieden sind.“

Noah, ein 16-jähriger Schüler, der mit drei Mitschülern gegen die AfD mitmarschierte, berichtete: „Wir sprechen im Unterricht über die AfD und werden auch eine Wahl in der Klasse veranstalten. Als ich den Wahlomat ausgefüllt habe, standen meine Antworten zu den Fragen ganz nah bei denen eurer Partei. Bis dahin hatte ich von der Sozialistischen Gleichheitspartei noch nichts gehört.“

Allerdings vertraten die Organisatoren des Sternmarschs, viele von ihnen aus dem Umfeld der Berliner SPD, Grünen und Linkspartei, ein gänzlich anderes Programm. In den Reden betonten sie immer wieder die „Einheit aller Demokraten“ und bewarben die „demokratischen Parteien“ als Bollwerk gegen die AfD.

Ausschnitt aus dem Demonstrationszug "Soziale Teilhabe" zum Roten Rathaus, Berlin, 12. September 2026

In Wirklichkeit haben die Regierungsparteien in Bund und Ländern mit ihrer unsozialen, undemokratischen Kürzungs- und Kriegspolitik der AfD selbst den Weg bereitet, und sie werden nicht zögern, mit ihr zusammenzuarbeiten, um die Interessen der Oligarchen gegen die arbeitende Bevölkerung durchzusetzen. Es ist unmöglich, die AfD durch ein Bündnis derjenigen Parteien zu stoppen, die ihr den Weg bereitet haben. Eine solche Politik würde die AfD nicht schwächen, sondern weiter stärken.

Die vielen starken Stimmen gegen Krieg und Kahlschlag und für eine internationale, sozialistische Politik am Samstag in Berlin haben deutlich gezeigt, dass die objektiven Bedingungen für eine Offensive der Arbeiterklasse schnell heranreifen. Was fehlt, ist eine unabhängige sozialistische Perspektive und Führung. In dem Flyer der Sozialistischen Gleichheitspartei, die zu den Berliner Abgeordnetenhauswahlen am 20. September antritt, um für genau eine solche Perspektive zu kämpfen, heißt es: Die Sozialistische Gleichheitspartei „richtet keine hohlen Appelle an die Kriegstreiber, sondern organisiert die Gegenwehr gegen Entlassungen, Lohnsenkungen und Sozialkürzungen.“ Und weiter:

Sie verteidigt die Rechte von Migranten und Flüchtlingen, kämpft für die Enteignung der großen Konzerne und Vermögen und für die Reorganisation der Wirtschaft nach den Bedürfnissen der Gesellschaft statt nach den Profitinteressen der Konzerne. Gemeinsam mit ihren Schwesterparteien im Internationalen Komitee der Vierten Internationale baut sie eine weltweite Bewegung gegen Krieg und Kapitalismus auf.

Das ist die Perspektive, mit der die AfD geschlagen werden kann. Sie erfordert den Kampf gegen sämtliche kapitalistischen Parteien, die die Kriegspolitik unterstützen und den Faschisten den Weg ebnen. Für den Dienstag, 15. September, lädt die SGP zu einer Online-Diskussion ein: „Was ist die AfD und wie kann sie geschlagen werden?

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