PISA-Ergebnisse belegen: Bildungsfortschritt im Kapitalismus nicht länger möglich

Am 8. September wurden die Ergebnisse der aktuellsten PISA-Studie veröffentlicht, die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) international koordiniert wird. Die Ergebnisse für Deutschland zeigen wie im Brennglas, welche katastrophalen Folgen es hat, wenn die gesellschaftlichen Ressourcen nicht für die Bildung und Erziehung der jungen Generationen aufgewendet, sondern ins Militär und zu den Superreichen geleitet werden.

Im Zentrum der aktuellen veröffentlichten Studienergebnisse steht die Erfassung der Leistungsniveaus von 15-jährigen Schülerinnen und Schülern in den Bereichen Naturwissenschaften, Lesen und Mathematik. In Deutschland wurden in allen drei Bereichen die schlechtesten Werte seit Beginn der PISA-Erhebungen im Jahr 2000 erzielt. Für eine Industrienation im 21. Jahrhundert sowie ihre verantwortlichen Politiker stellen die Ergebnisse eine geradezu vernichtende Anklage dar.

In Naturwissenschaften rutschten die Ergebnisse von 516 Punkten im Jahr 2006 auf aktuell 486 Punkte ab und die Lesekompetenz – eine Schlüsselkompetenz für den Lernerfolg in allen anderen Bereichen – sank von 484 Punkten im Jahr 2000 auf aktuell 465 Punkte. Besonders dramatisch ist der Absturz im Bereich Mathematik. Erreichten die Schüler im Jahr 2003 hier noch 503 Punkte, liegt der Wert heute nur noch bei 464 Punkten – ein Rückgang um knapp 8 Prozent.

Noch dramatischer sind die Resultate in der Frage, wie viele Schüler auf dem untersten Kompetenzniveau verharren. In Mathematik erreichen beispielsweise 34 Prozent – mehr als jeder Dritte! – nicht die Kompetenzstufe 2, d. h. sie können beispielsweise nicht zwei alternative Routen hinsichtlich ihrer Gesamtlänge miteinander vergleichen oder Preise von einer Währung in eine andere umrechnen.

Im Bereich der Lesekompetenz liegen 32 Prozent auf dem untersten Niveau. Diese 15-Jährigen sind nicht in der Lage, die wesentliche Aussage eines mittellangen Textes zu erfassen oder bestimmte Informationen anhand vorgegebener Kriterien aus Texten zu entnehmen. Lediglich 7 Prozent der Schüler in Deutschland liegen beim Lesen am anderen Ende des Spektrums auf Stufe 5, d. h. sie sind zum Beispiel in der Lage, „aufgrund von impliziten Hinweisen in Bezug auf Inhalt oder Informationsquelle zwischen Fakten und Meinungen zu unterscheiden“.

Und die Lage verschärft sich seit Jahren weiter. So hat sich der Anteil dieser leistungsschwächsten Schülergruppen, die nicht auf Kompetenzstufe 2 kommen, seit 2015 in Naturwissenschaften um 10 Prozent, in der Lesekompetenz um 15 Prozent und in Mathematik um ganze 17 Prozent vergrößert.

Besonders deutlich wird das Ausmaß der deutschen Bildungskatastrophe im internationalen Vergleich. In China erreichen 93 Prozent der Schüler das Mindestkompetenzniveau im Lesen. Auch in der Leistungsspitze liegt Deutschland – vor allem im mathematischen Bereich – weit hinter den führenden OECD-Ländern zurück. 8 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland erreichen die höchsten Kompetenzstufen 5 und 6, in China liegt dieser Anteil bei 54 Prozent.

Doch die Studie zeigt nicht nur das Versagen des Bildungssystems in Bezug auf die fortschreitende Vermittlung von Inhalten und Methoden. Sie zeigt es auch als Teil der Klassengesellschaft.

Zum einen ist der Bildungserfolg in kaum einem anderen Land, so wird einmal mehr deutlich, so stark vom sozioökonomischen Status der Eltern abhängig. Darüber hinaus driften – analog zu dem wachsenden Abgrund, der arm und reich trennt – die Leistungen der Schüler nach ihrem Status auseinander. Von 2015 bis 2025 haben sich die Leistungen der Schüler aus den ärmsten Familien enorm verschlechtert, während die Leistungen der Schüler aus den oberen 25 Prozent stagnierten.

In Deutschland ist der Erfolg im Fach Naturwissenschaften zu 19 Prozent vom sozioökonomischen Status der Schüler abhängig und liegt damit deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 11,6 Prozent. In nur fünf der insgesamt 90 untersuchten Ländern ist die Bildungsungleichheit noch größer als in Deutschland.

Die wachsende Ungleichheit in den Schulen ist ein Spiegelbild der sozialen Ungleichheit, die sich in Deutschland in den letzten Jahren enorm verschärft hat. So ist die Zahl der Superreichen, die über mehr als 100 Millionen Dollar verfügen, innerhalb von nur einem Jahr – von 2024 bis 2025 – um rund 1.100 auf 5.000 angestiegen. Die Zahl der Menschen, die offiziell unter der Armutsgrenze leben, ist indessen seit 2010 um rund 3 Prozent auf 17,8 Prozent gewachsen.

Die Vorstellung, dass Bildung eine Art Gegenmittel zur allgemeinen Dynamik der Klassengesellschaft darstellen und den Fleißigen den gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen würde, steht gründlich diskreditiert da. Die Studie bestätigt, was seit langem über das deutsche Bildungssystem bekannt ist: Es ist ein Instrument der sozialen Selektion. Nur eine Handvoll steigt auf, während die Masse immer weiter abgehängt wird und in einem dysfunktionalen System, das gleichzeitig von Leistungsdruck geprägt ist, immer weniger zum Lernen in der Lage ist.

Schon die erste PISA-Studie aus dem Jahr 2001 legte die krassen Mängel des deutschen Bildungssystems offen und löste den sogenannten „PISA-Schock“ aus, der mit einer langen Debatte einherging.

Insgesamt liest sich die Entwicklung der deutschen PISA-Resultate wie eine Fieberkurve der kapitalistischen Krise. Nachdem sich die Werte infolge der ersten PISA-Studie etwas erholten, rauschten sie ab Beginn der 2010er Jahre durch die Bank weg in den Keller. Die Auswirkungen der Finanzkrise von 2008/2009 kamen in der Gesellschaft an – die Gelder, die über Nacht in historischen Rettungsaktionen weltweit für die Reichen mobilisiert wurden, trieb die herrschende Klasse über heftige Sozialkürzungen wieder ein. Besonders betroffen waren die Schulen, entweder über direkte Kürzungen oder mangelnde Ausgaben.

Was nötig wäre, um den Trend umzukehren, der Jugend eine Bildung, die den Namen verdient, zu ermöglichen und sie zu befähigen, die Probleme der kapitalistischen Gesellschaft zu lösen, ist längst bekannt. Es braucht unter anderem frühe Förderung, kleine und effiziente Lerngruppen, nicht allein zweckmäßige, sondern ansprechende Infrastruktur, eine Menge Personal – von Lehrkräften über Sozialarbeiter bis hin zu IT-Experten – und nicht zuletzt den effektiven und reflektierten Einsatz von Künstlicher Intelligenz.

Doch das Sondervermögen Bildung, das zur Umsetzung solcher Maßnahmen nötig wäre, gibt es nicht. Im Gegenteil sieht der aktuelle Haushaltsentwurf der Merz-Regierung für 2027 eine Kürzung der Bildungsausgaben um 7,1 Prozent vor. Der Entwurf wurde nur zwei Tage nach der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse im Bundestag diskutiert.

Stattdessen wird das Geld vor allem in die umfassendste Aufrüstungskampagne seit dem Ende der Nazi-Herrschaft gesteckt. 152 Milliarden Euro, d. h. fast jeder vierte Euro des künftigen Bundeshaushalts, fließt in die deutsche Kriegsmaschinerie zur Vorbereitung eines Kriegs gegen die Atommacht Russland und andere Rivalen. Für das Bildungsressort sind auf Bundesebene hingegen lediglich rund 15 Milliarden Euro vorgesehen.

Diese offensichtlichen Gründe für die Bildungskatastrophe – die immer krassere Unterfinanzierung der Bildung und die Geldschwemme für das Militär – versucht die Regierung hinter einem Schwall von Beschuldigungen zu verstecken.

Einmal mehr hat Kanzler Merz (CDU) in der für ihn inzwischen so typischen arroganten Weise den Finger auf die Bevölkerung gerichtet und die Tatsachen auf den Kopf gestellt. Nicht die Bundesregierung habe die Verantwortung, sondern die Betroffenen selbst. Die Eltern könnten „Bildung und Erziehung nicht an den Staat outsourcen“. Er pfeift damit auf das Grundgesetz, in dem der Bildungsauftrag des Staates festgeschrieben steht.

Noch dreister äußerte sich Bildungsministerin Karin Prien (CDU). Die PISA-Ergebnisse überraschten sie nicht. Was sie überrascht habe, sei, „dass Eltern Bildung einfach nicht so wichtig finden, wie in anderen OECD- und EU-Staaten“. Das Leistungsprinzip – also genau das, was viele Schüler schon jetzt krank macht – und die Leistungsbereitschaft müssten gestärkt werden und das müsse, so Prien, „natürlich auch aus dem Elternhaus kommen“.

Auch die Lehrer wurden wie immer schnell zum Sündenbock erklärt. Die Zeit überschrieb einen Kommentar zu den Studienergebnissen: „Liebe Lehrer: Pisa ist auch euer Versagen.“ Zwei Tage später hieß es an gleicher Stelle: „Die Bereitschaft, Leistung einzufordern, ist gesunken“ – ein Satz, der sich ohne große Änderung im AfD-Programm wiederfindet.

Die sogenannte Opposition lamentierte über ein angebliches Versagen der Bundesregierung, das in Wirklichkeit bewusste Politik ist. Die Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, Heidi Reichinnek, warf der Regierung vor, Kinder und Lehrkräfte „im Stich zu lassen“, als hätte sie irgendwann einmal auf deren Seite gestanden. Sie warf der Regierung „Versagen“ vor. Die Linke vermied auch in der Bildungsdebatte sorgfältig jede Anspielung auf den offensichtlichen Zusammenhang zur Militarisierung, die enorme Kürzungen im sozialen Bereich notwendig macht.

Die Tatsache, dass nicht ein einziges Land seine PISA-Ergebnisse langfristig signifikant verbessern konnte, macht eine zentrale Lehre deutlich: Nicht in dieser oder jener „Stellschraube“ im Bildungssystem liegt die Lösung, sondern das Gesellschaftssystem, das allen OECD-Staaten gemein ist, ist das Problem. Das kapitalistische Profitsystem, das die Reichen bereichert und die Masse der Bevölkerung zu diesem Zweck ausbeutet, bedeutet gesellschaftlichen Rückschritt auf ganzer Linie – auch im Bildungsbereich.

Der Kapitalismus befindet sich in einer existenziellen Krise, in der keine Antwort auf die katastrophale Entwicklung im Bildungssystem möglich ist, die jungen Menschen genau jene Perspektiven nimmt, die für erfolgreiches Lernen unverzichtbar sind. Um die Zerstörung des Bildungswesens aufzuhalten und umzukehren, bedarf es daher einer sozialistischen Bewegung, die den Kapitalismus überwindet.

Den Beweis dafür hat vor über 100 Jahren die Oktoberrevolution geliefert. Sie beendete nicht nur das Massensterben des Ersten Weltkriegs. Sie gab auch den entscheidenden Impuls, um einer Gesellschaft, in der noch 1920 mehr als 62 Prozent nicht lesen und schreiben konnten, einen enormen Bildungsfortschritt zu ermöglichen, der nach wenig mehr als 40 Jahren – trotz der enormen Bremse, die der Stalinismus darstellte – mit dem ersten Raumflug von Juri Gagarin einen Höhepunkt fand.

Auch die SPD trug – als sie noch eine sozialistische Arbeiterpartei war – zehnmal mehr zur Bildung der Arbeiter bei, als die Regierungen des Kaiserreichs je geleistet haben.

Um in Deutschland und weltweit die Bildungskatastrophe zu lösen und den Fortschritt wieder aufzunehmen, ist es unumgänglich, an diese Traditionen anzuknüpfen.

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