Frankreich: Massendemonstrationen von Jugendlichen – Gewerkschaften zögern breiteren Kampf hinaus

Zehntausende von Demonstranten protestierten am Donnerstag auf der Place de la Bastille und deren Umgebung gegen die Unterdrückung der Schülerprotestbewegung durch die Polizei.

Am Donnerstag folgten in Frankreich etwa 100.000 Jugendliche und Arbeiter dem Aufruf der Schülervereinigungen zu einem landesweiten Aktionstag gegen die Regierung von Präsident Emmanuel Macron. Zwei Tage zuvor hatten sich fast eine halbe Million an einem ähnlichen landesweiten Protest beteiligt. Gleichzeitig breitet sich die Protestwelle über ganz Europa aus, u.a. in Form der Massenproteste gegen die Wohnungsnot in Spanien, der Schulstreiks in Belgien und der Proteste gegen die Wehrpflicht in Deutschland.

Für die Jugendlichen und Arbeiter, die an diesen Bewegungen teilnehmen, ist die entscheidende Frage, die Arbeiterklasse in einem breiteren Kampf zu mobilisieren. Die Jugend allein kann weder der Unterdrückung durch die Polizei trotzen noch die revolutionären sozialen und wirtschaftlichen Änderungen durchsetzen, die notwendig sind, um Sparpolitik, Militarismus und Krieg zu beenden. Die volle gesellschaftliche Stärke der Arbeiterklasse muss in ganz Europa und weltweit mobilisiert werden, unabhängig von den Bürokratien, die in die bestehende Ordnung integriert sind.

Das Beispiel Frankreichs verdeutlicht die Notwendigkeit unabhängiger Aktionen: Das Gewerkschaftsbündnis (intersyndicale) hat alle landesweiten Aktionen auf den 5. November vertagt. Dieser Aufruf zu einer eintägigen Aktion ist der Versuch, einen breiteren Kampf zu verzögern, statt ihn zu entwickeln. Obwohl sich die Demonstranten häufig auf den Generalstreik vom Mai 1968 beziehen, der durch die Unterdrückung von Studentenprotesten durch die Polizei ausgelöst wurde, haben weder die intersyndicale noch die Parteien aus ihrem Umfeld, wie Jean-Luc Mélenchons La France Insoumise (LFI) zu einem Generalstreik oder zum Sturz Macrons aufgerufen.

Die Parti de l’égalité socialiste (PES) hat die kämpfenden Jugendlichen und Arbeiter aufgerufen, von den Gewerkschaftsbürokratien unabhängige Aktionskomitees zu bilden, um in der Arbeiterklasse für eine breitere Mobilisierung zum Kampf einzutreten. Dies ist der Weg, um die Hinhaltetaktiken der Bürokratien und ihrer Verbündeten, wie der LFI, zu überwinden. Im Kampf aktive Jugendliche und Arbeiter müssen sich in den Komitees zusammenschließen und in Betriebe und Arbeiterviertel gehen, um die Notwendigkeit einer breiteren Mobilisierung der Arbeiterklasse gegen polizeistaatliche Unterdrückung, Sparpolitik, Krieg und Kapitalismus zu erklären.

Schild eines Demonstranten mit der Aufschrift „Der Oktober 2026 ist der neue Mai 68.“

Mitglieder der PES intervenierten bei der Pariser Demonstration am Donnerstag, um Teilnehmer für die WSWS zu interviewen. Yassine, ein Jugendlicher aus einem Pariser Vorort, der eine Ausbildung in der Logistikbranche macht, erklärte der WSWS: „Ich bin mehr oder weniger wegen allem hier, um die Anliegen der Arbeiterklasse, Palästinas und vor allem die Situation der Schüler zu verteidigen.“ Yassine äußerte die Hoffnung, die Schülerproteste „werden weitergehen, denn sonst wird sich nichts wirklich ändern.“

Yassine verurteilte die Polizeigewalt und die Massenverhaftungen von Jugendlichen: „Die Polizisten sind allgemein viel zu schwer bewaffnet, sie sind schlecht ausgebildet und bei jedem Vorwand eröffnen sie das Feuer auf Minderjährige... Wir in den Vororten erleben solche Gewalt ständig, entweder jetzt oder in Form der Polizeibrutalität, die wir das ganze Jahr erleben. Das bedeutet, dass ich wieder einmal nicht schockiert, sondern nur überrascht bin, dass es, selbst nachdem so viel über Gewalt berichtet wird, Erwachsene oder sogar Leute in unserem Alter gibt, die die Polizei verteidigen statt uns. Man kann die Beschädigung einer Mülltonne nicht mit dem Verlust eines Auges auf eine Stufe stellen.“

Yassine

Yassine betonte seine Ablehnung des Kriegs und aller Regierungen, die ihn aktiv eskalieren: „Ich sehe zum Beispiel Marokko, das es derzeit aus irgendeinem Grund vorzieht, sich mit Israel und den USA zu verbünden, um mit Trump zusammenzuarbeiten. Ich finde es traurig, dass alle versuchen, von dem Krieg zu profitieren. ... Es stimmt, wir machen uns Sorgen über zukünftige Kriege. Irgendwann könnte ein Atomkrieg oder ein Bürgerkrieg in diesem Land ausbrechen.“

Auf die Frage der WSWS nach Mélenchon erklärte Yassine: „Ich stehe hinter keiner Partei zu 100 Prozent. Es ist eine Frage des Vertrauens. Aber natürlich fühle ich mich der Linken näher, und deshalb fühle ich mich Mélenchon ständig näher. Das liegt daran, dass er Werte vertritt, die einfach normal sind, die menschliche Prinzipien akzeptieren und menschliche Unterschiede berücksichtigen.“

Als die WSWS den Aufbau unabhängiger Aktionskomitees zur Vorbereitung breiterer Streiks gegen Macron und in ganz Europa zur Sprache brachte, erklärte Yassine: „Ich habe darüber nachgedacht, einfach alles ein paar Tage lang stillzulegen. Wenn die Wirtschaft ein paar Tage lang nicht läuft, wenn wir kein Geld mehr reinstecken, nicht zur Arbeit gehen, könnte das ein Weg sein, die Dinge in unserem Sinne voranzubringen.“

Demonstrierende Schüler in Paris mit einem Schild, auf dem steht: „Wir haben in den Klassenzimmern so viele Ratten wie in der Regierung.“

Die Studentinnen Nono und Anaïs erklärten gegenüber der WSWS, sie protestierten für „mehr Mittel und eine gute Bildung, dafür, dass alle gleich behandelt werden, egal ob sie in besseren Vierteln leben oder nicht.“

Sie wiesen die Behauptung der Regierung zurück, sie würde den Unterricht aussetzen, um den Oberschülern Demokratie beizubringen: „Das kann man nicht, indem man Schüler unterdrückt, die lediglich auf die Straße gehen und protestieren. Die Behauptung, das würde ihnen helfen, Demokratie zu verstehen, ist lächerlich. Wir erleben hier völlig unverhältnismäßige Gewalt, vor allem weil das Minderjährige sind.“

Teilnehmer der Jugendproteste am 8. Oktober 2026 in Paris. Auf dem Schild steht: „Wir wiederholen 1789, damit wir nicht zu 1939 zurückkehren.“

Auf die Rolle Mélenchons angesprochen, erklärte Anaïs: „Viele unterstützen Mélenchon, aber auch weil das heute gesellschaftlich akzeptabel ist. Man sieht es bereits ... wenn man sich die Leute anschaut, die Mélenchon unterstützen, dann stehen viele davon links von ihm.“ Anais bezeichnete Mélenchon als „goldenen Mittelweg“.

Mit Blick auf die französischen Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr fügte sie hinzu: „Wenn die extreme Rechte gewählt wird, dann wird man uns vielleicht verbieten, zu protestieren und den Mund aufzumachen. Aber wir dürfen uns nicht allein darauf verlassen [Mélenchon zu wählen]. Denn wir bekommen nicht, was wir wollen, indem wir einfach jemanden wählen und uns dann auf unseren Lorbeeren ausruhen.“

Als die WSWS die Frage eines breiteren, von den Bürokratien unabhängigen Kampfs der Arbeiterklasse gegen Macron aufwarf, erklärte sie: „Also da stimme ich eher zu, als alle unsere Hoffnungen in die Wahl eines Präsidenten zu setzen. Ich glaube, wenn wir uns von unten kollektiv organisieren, können wir wirklich alle zusammenbringen.“

Demonstranten auf der Place de la Bastille in Paris. Auf dem Transparent steht: „Internationale Revolte der Gen Z“.

Enzo, ein ehemaliges Mitglied der LFI und der Gewerkschaft CGT im öffentlichen Dienst, erklärte gegenüber der WSWS, er protestiere „gegen Polizeiunterdrückung und um die Schülerbewegung zu unterstützen.“ Er fügte hinzu, er protestiere außerdem gegen die „Ideologie der Regierung.“ Er erklärte: „Sie weigert sich, das Geld bei denen zu holen, wo es ist, sie führt keine Steuern auf Gewinne und große Vermögen ein. Deswegen müssen wir kämpfen, kämpfen bis wir bekommen, was wir brauchen.“

Er bezeichnete die blutige Gewalt und die Massenverhaftungen von jugendlichen Demonstranten als „schockierend. Ich bin schockiert wie alle anderen auch. Das ist teilweise der Grund, warum ich hier bin. Aber leider bin ich auch nicht überrascht. Diese Unterdrückungspolitik besteht seit einem Jahrzehnt. Es ist ein Symptom dafür, dass die Staatsmacht mit dem Rücken zur Wand steht, von den Ereignissen überrumpelt wird und keinen anderen Ausweg sieht als Unterdrückung.“

Enzo

Enzo lehnte die Erhöhung der Militärausgaben und die Militarisierung Europas ab, die mit der Behauptung gerechtfertigt werden, Russland könne Europa überfallen: „Ich glaube nichts von dieser bürgerlichen Regierungspropaganda, dass der Krieg vor der Tür steht. Sie glauben es vielleicht, aber so ist es eindeutig nicht.“ Allerdings stimmte Enzo den Warnungen der WSWS zu, die europäischen NATO-Mächte könnten einen Krieg gegen Russland auslösen: „Das ist das Einzige, was sie im Sinn haben. Es ist offensichtlich, dass sie den Krieg als einzigen Ausweg sehen.“

Er erklärte weiter, als ehemaliges LFI-Mitglied denke er, dass Mélenchons Wahlsieg „schon ein frischer Wind wäre... aber es wird keine Nacht der Revolution sein, und wir werden bereit sein müssen zu kämpfen.“

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