Die diesjährige Funktionärswahl der United Auto Workers endete für die Gewerkschaftsbürokratie im Debakel. Mehr als 90 Prozent der Mitglieder haben die Wahl boykottiert. Shawn Fain, dem der gesamte Gewerkschaftsapparat zur Verfügung steht, wurde mit den Stimmen von 6 Prozent der Mitglieder „wiedergewählt“.
Bei der Wahl kamen zwei entgegengesetzte Tendenzen zum Ausdruck. Fain verkörperte die bürokratische Trägheit des Apparats, der sich geschlossen hinter ihn stellte. Will Lehman, der sozialistische Mack-Trucks-Arbeiter, der für das Präsidentenamt kandidierte, verkörperte dagegen die Entwicklung einer Rebellion der Arbeiter an der Basis und eine wachsende sozialistische und internationalistische Orientierung innerhalb der Arbeiterklasse. Unter Bedingungen, unter denen sein Wahlkampf praktisch daran gehindert wurde, die Mitglieder zu erreichen, sind die Stimmen, die er bekommen hat, von großer Bedeutung.
Die World Socialist Web Site hat die vom gerichtlich eingesetzten Aufseher (Monitor) veröffentlichten Auszählungslisten untersucht – Region für Region und Ortsverband für Ortsverband. Eine ausführlichere Analyse wird in den kommenden Tagen folgen. Doch schon jetzt lassen sich einige besonders wichtige Fakten festhalten:
- Wahlberechtigt waren rund 1,1 Millionen aktive und pensionierte Mitglieder. Lediglich 98.029 Stimmen wurden ausgezählt, was einer Wahlbeteiligung von 8,9 Prozent entspricht. 97.043 Stimmen wurden für die Präsidentschaftswahl abgegeben. Mehr als 1 Million Mitglieder – neun von zehn – haben nicht gewählt.
- Fain erhielt 66.166 Stimmen. Das entspricht 68 Prozent der für das Amt des Präsidenten abgegebenen Stimmen, aber nur 6 Prozent der Mitglieder, etwa einem von 17 Mitgliedern. Es sind weniger Stimmen, als Fain in der Stichwahl im März 2023 erhalten hatte. Dabei sind in dieser Zahl die Stimmen von Tausenden von Funktionären, Mitarbeitern und Beauftragten enthalten, deren Positionen vom Gewerkschaftsapparat abhängen.
- Im Jahr 2022, bei der ersten Direktwahl der Gewerkschaftsfunktionäre, wurden 104.776 Stimmzettel abgegeben, davon 103.495 Stimmen für das Amt des Präsidenten. Das war damals schon die niedrigste Wahlbeteiligung bei einer nationalen Gewerkschaftswahl in der amerikanischen Geschichte. In diesem Jahr nun, nach Fains erster Amtszeit, haben noch rund 6.700 Mitglieder weniger ihre Stimme abgegeben.
- Im Jahr 2022 erhielten die beiden Führungsfraktionen – die des damaligen Präsidenten Ray Curry und die von Fain – in der ersten Runde zusammen 78.530 Stimmen. Dieses Jahr haben Fain und sein Vizepräsident Rich Boyer, der gegen ihn antrat, 79.034 Stimmen erhalten, fast genau dieselbe Zahl. Die Stimmen des Parteiapparats blieben stabil, während noch mehr Mitglieder der Wahl fernblieben.
- Die Zahl der abgegebenen Stimmen ist in sieben der neun Gewerkschaftsregionen zurückgegangen. In Region 9A, die New York und New England umfasst, sank sie um fast die Hälfte, von 4.492 auf 2.346. In Region 8 ging sie um 17 Prozent zurück, in Region 4 um 14 Prozent und in Region 1A um 11 Prozent. Der einzige nennenswerte Anstieg war in Region 6 im Westen zu verzeichnen und ging fast ausschließlich auf die wissenschaftlichen Mitarbeiter der University of California zurück. Die Stimmenzahl dieses Ortsverbands konnte sich zwar verdoppeln, entspricht aber weiterhin nur einem winzigen Bruchteil der Mitglieder.
- In den Regionen 1 und 1A, dem Großraum Detroit und dem historischen Zentrum der Gewerkschaft, wurden von mehr als 300.000 aktiven und pensionierten Mitgliedern nur 26.380 Stimmen abgegeben: Das sind weniger als 9 Prozent. Fain erhielt davon etwa 16.800, was weniger als 6 Prozent der Mitglieder beider Regionen entspricht. Bei der Ortsgruppe 600, wozu der Ford-Rouge-Komplex in Dearborn gehört, wurden von 24.006 Mitgliedern 2.999 Stimmen abgegeben, was etwa 12 Prozent entspricht. Die 2.280 Stimmen, die Fain davon erhielt, bedeuten, dass nicht einmal jedes zehnte Mitglied dieser Ortsgruppen ihn gewählt hat.
- In der Ortsgruppe 155 in Warren (Michigan), zu der die Geringverdiener der Zulieferer Dana, Magna und anderer gehören, wurden gerade mal 273 Stimmen abgegeben – bei über 5.600 Mitgliedern. Das sind weniger als 5 Prozent. In der Ortsgruppe 2093, dem American-Axle-Werk in Three Rivers (Michigan), wo die UAW im Juni einen Streik von fast 1.000 Arbeitern abgewürgt hatte, wurden nur 179 Stimmen abgegeben.
- Von den 420 Ortsverbänden, die Stimmzettel zurückgeschickt hatten, gaben die Hälfte 63 oder weniger Stimmen für den Präsidenten ab, und 190 gaben nicht einmal 50 Stimmen ab. Auf die 50 größten Ortsverbände entfiel mehr als die Hälfte aller abgegebenen Stimmen.
- Unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern der Columbia University (New York) gaben rund 3.000 Mitglieder lediglich 29 Stimmen ab, weniger als ein Prozent. Hier hatte die UAW eingegriffen, um Streikmaßnahmen gegen den Krieg und gegen den Angriff auf demokratische Rechte zu verhindern. An der Harvard University (Cambridge, Massachusetts) waren im Frühjahr 2026 mehr als 4.000 wissenschaftliche Arbeiter in den Streik getreten; ihre Ortsgruppe gab fünf Monate später bei der Gewerkschaftswahl 53 Stimmen ab, was etwa einem Prozent der Mitglieder und einem Rückgang gegenüber dem Jahr 2022 entspricht, als 308 Stimmen abgegeben worden waren.
- Diese Zahlen überbewerten noch die Wahlbeteiligung. Die Wahlergebnisse der einzelnen Ortsgruppen beinhalten auch Rentner, die sogar die Mehrheit der Stimmberechtigten ausmachen, während die genannten Mitgliederzahlen nur die aktiven Beschäftigten berücksichtigen. Die Wahlbeteiligung der Werksarbeiter war also noch geringer. Aber auch unter den Hunderttausenden Rentnern, die ebenfalls stimmberechtigt sind, herrscht tiefe Unzufriedenheit.
Die Schlussfolgerung aus diesen Fakten ist unausweichlich. Sie dokumentieren die Isolation einer Bürokratie, die unter den Arbeitern, die sie angeblich vertritt, keinerlei Rückhalt hat. Die Arbeiter an der Basis begegnen ihr mit Gleichgültigkeit und Feindseligkeit.
Fains Unterstützer werden dies auf politische Gleichgültigkeit zurückführen. Das ist eine Lüge. Die Wahl fand nach einem Sommer der Rebellion in den Zulieferbetrieben statt. Bei Nexteer in Saginaw (Michigan) lehnten die Arbeiter drei vorläufige Vereinbarungen ab und stimmten mit 86 Prozent für einen Streik. Die UAW missachtete das Streikvotum und setzte in einer Abstimmung auf Werksgelände eine vierte Vereinbarung durch. Auch bei Dana und Bridgewater lehnten Arbeiter die von der UAW unterstützten Verträge mit großer Mehrheit ab.
Als die Arbeiter aufgefordert wurden, über Verträge abzustimmen, lehnten sie diese ab. Als sie aufgefordert wurden, über die Gewerkschaftsführung, die diese Verträge durchgesetzt hatte, abzustimmen, blieben sie der Abstimmung fern.
Ein weiterer Faktor ist, dass viele Arbeiter schlichtweg nicht wussten, dass eine Wahl stattfand, oder keine Stimmzettel erhielten. Im Jahr 2022 legte Lehman einem Bundesgericht, dem Monitor und dem Arbeitsministerium Beweise vor, dass sehr viele Arbeiter niemals überhaupt Stimmzettel erhalten hatten und nicht wussten, dass eine Wahl stattfand. Daran war aber nichts geändert worden, so dass auch in diesem Jahr viele Arbeiter wieder berichteten, sie hätten Stimmzettel nur auf besondere Anfrage bekommen. Lehman selbst musste mehrmals nachfragen, um einen Stimmzettel zu erhalten.
Für den Apparat diente die Wahl dazu, die internen Spaltungen beizulegen. Angesichts einer wachsenden Rebellion wurden die Reihen um Shawn Fain geschlossen. Fain holte mehrere Vertreter des alten „Administration Caucus“ in seine „United UAW“-Kandidatenliste - aus derselben Schicht, die er vor vier Jahren noch dafür angeprangert hatte, dass sie Mitglieder verraten und sich gegen direkte Wahlen ausgesprochen hatten. Auch die pseudolinken Fraktionen der Demokratischen Partei, hauptsächlich die Democratic Socialists of America (DSA), schlossen sich Fain an. Diese Kräfte akzeptieren und begrüßen den Ausschluss von Mitgliedern, da ihre Basis die Bürokratie selbst ist.
Will Lehman stellte in seinem Wahlkampf als einziger den Apparat selbst in Frage. Lehman forderte in seinem Wahlprogramm die Abschaffung der Bürokratie und die Übertragung der Macht an die Basis, d.h. an Aktionskomitees in den Betrieben.
Gewerkschaftsweit erhielt Lehman 1.936 Stimmen, 2 Prozent der für das Amt des Präsidenten abgegebenen Stimmen – ein Rückgang gegenüber den 4.777 Stimmen im Jahr 2022. Er erhielt Stimmen in 293 Ortsverbänden in allen Gewerkschaftsregionen. Das Wichtigste an seinem Wahlergebnis ist jedoch die Kluft zwischen seinem Gesamtergebnis und seinem Ergebnis dort, wo die Arbeiter ihn und sein Programm kannten.
Lehman arbeitet selbst bei Mack Trucks in Macungie (Pennsylvania). In der UAW-Ortsgruppe 677, die dieses Werk vertritt, gewann er 67 von 301 Stimmen (22 Prozent) und belegte damit den zweiten Platz hinter Fain. Hier stieg sein Stimmenanteil gegenüber 2022 von 18,6 Prozent auf 22 Prozent, während der von Fain von 37 auf 32 Prozent sank.
Die Tatsache, dass Lehman dieses Jahr weniger Stimmen bekam, ist der sinkenden Wahlbeteiligung geschuldet, die dem Parteiapparat zugutekam, sowie auch den Bedingungen, unter denen er seinen Wahlkampf führen musste. Auf dem Gewerkschaftstag 2022 waren mehrere neue Regeln verabschiedet worden, die in diesem Jahr erstmals zur Anwendung kamen. Unter dem fadenscheinigen Vorwand, die World Socialist Web Site sei als Arbeitgeber zu behandeln, wurde ihre Unterstützung für Lehman als unzulässiger Beitrag eingestuft. Der WSWS wurde somit untersagt, ihn zu unterstützen. Ihr Autoworker Bulletin, das im Wahlkampf 2022 noch Zehntausende von Arbeiter verfolgt hatten, und das das wichtigste Mittel war, um sie zu erreichen, durfte zur Unterstützung von Will Lehmans Wahlkampf nicht eingesetzt werden.
Auch war es Nichtmitgliedern untersagt, einem Kandidaten „etwas von Wert“ zukommen zu lassen, während der Apparat über enorme Ressourcen verfügen konnte. Diese Einschränkungen zielten direkt auf Lehmans Wahlkampf ab. Sie schränkten zudem seine Möglichkeiten stark ein, die kostspieligen E-Mails zu nutzen, die über den Monitor organisiert wurden, insbesondere um die Arbeiter über die anstehende Wahl zu informieren.
Trotzdem gewann Lehman dort, wo sein Wahlkampf die Arbeiter direkt erreichte, erhebliche Unterstützung. Zum Beispiel unterstützten ihn Arbeiter der „Detroit Three“ sowie von Deere, Caterpillar und Nexteer in Michigan, Ohio, Indiana, Kentucky und anderen Bundesstaaten. Unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern der University of Washington belegte er den zweiten Platz. An der University of California erhielt er 285 ebensolcher Stimmen, und bei der Local 1115 erreichte er unter den Wissenschaftlern des Staates Kalifornien ebenfalls den zweiten Platz. In einer Ortsgruppe der Local 6000, die die Angestellten des Bundesstaats Michigan vertritt, erzielte er 7 Prozent. Im Antriebswerk von Mack Trucks Hagerstown (Maryland) kam er auf über 6 Prozent.
Diejenigen, die für Lehman stimmten, sahen in ihm einen sozialistischen Gegner des Apparats und gaben eine klassenbewusste Stimme für ihn ab. Lehman nutzte den Wahlkampf, um die internationale Einheit der Arbeiterklasse und den Sozialismus bekannt zu machen und den Einfluss der Basis auf die Entscheidungen zu stärken.
Die massive Wahlenthaltung ist der deutlichste Hinweis auf das große Potential für eine Alternative. Die Hunderttausenden von Arbeitern, die nicht gewählt haben, suchen nach einem Weg zum Kampf. Sie sind auf ihre eigene Weise zu dem Schluss gekommen, dass die UAW nur dem Namen nach eine Gewerkschaft ist.
Über Jahrzehnte hinweg hat sich die UAW in ein Instrument des Managements und einen korporatistischen Arm der Staatsgewalt verwandelt. Ihre Funktion besteht darin, die Belegschaft zu kontrollieren, die Verträge der Konzerne durchzusetzen und jeglichen Widerstand zu unterdrücken.
Die Wahl untermauert die von Lehman und der WSWS vertretene Position: Die Entwicklung des Klassenkampfs erfordert den Aufbau neuer Organisationen. Der Widerstand der Arbeiter kann sich nicht ausdrücken, indem er den Apparat reformiert, sondern er muss ihn abschaffen. Das erfordert neue Organisationen, die von den Arbeitern selbst kontrolliert werden: Aktionskomitees in jedem Werk und an jedem Arbeitsplatz, die sich über Werke, Branchen und Landesgrenzen hinweg in der Internationalen Arbeiterallianz der Aktionskomitees (IWA-RFC) vernetzen.
Die Schlussfolgerung, die sich zwangsläufig aus der UAW-Wahl ergibt, ist die dringende Notwendigkeit, solche Komitees aufzubauen, um den Kampf der Autoarbeiter und anderer UAW-Mitglieder sowie der Arbeiter aller Branchen – ob gewerkschaftlich organisiert oder nicht – in den Vereinigten Staaten und auf der ganzen Welt zu organisieren.
