Anhaltender Arbeitsplatzabbau in der Chemieindustrie

In der deutschen Chemieindustrie bahnt sich eine massive Welle der Jobvernichtung an. Vor drei Wochen unterstrich Evonik-Chef Claus Rettig, er werde den Umbau des Chemiekonzerns forcieren. Standorte in Deutschland werden geschlossen und verlagert, Tochterfirmen verkauft. Insgesamt will Evonik fast 11.000 der weltweit über 31.000 Arbeitsplätze loswerden.

Evonik-Werk in Wesseling bei Köln [Photo by CEphoto, Uwe Aranas / CC BY-SA 3.0]

Bereits im Juni hatte Evonik angekündigt, weltweit bis 2029 weitere 3200 Stellen abzubauen, davon 2150 Arbeitsplätze in Deutschland. So sollen die Evonik-Werke in Witten mit gut 260 Beschäftigten, in Hamburg und in Bitterfeld nächstes Jahr geschlossen werden. Mit bereits bestehenden Sparprogrammen, die seit dem Jahr 2023 laufen, summiert sich der geplante Job-Abbau bei Evonik auf insgesamt 6000 Arbeitsplätze.

Nun sollen auch große Konzernteile, wie der Chemiestandortbetreiber Syneqt mit rund 3500 Arbeitsplätzen und die Evonik-Firma Oxeno mit etwa 900 Beschäftigten, verkauft werden. Syneqt betreibt den Chemiepark Marl, wo fast 10.000 Menschen beschäftigt sind, davon über 6000 bei Evonik.

Evonik ging 2007 aus den Geschäftsfeldern der Ruhrkohle AG (RAG) hervor, die nicht zum Steinkohlenbergbau gehören. Größter Anteilseigner ist mit knapp 44 Prozent die RAG-Stiftung. Diese wiederum nutzt die Erträge zur Finanzierung der so genannten „Ewigkeitsaufgaben“ des 2018 endgültig eingestellten Steinkohlenbergbaus.

Damit sind Folgekosten des Bergbaus gemeint, insbesondere die Grubenwasserhaltung und die Grundwasserreinigung. Ohne diese Ewigkeitsaufgaben, deren Kosten sich laut einem 2006 erstellten Gutachten auf rund 13 Milliarden Euro belaufen, würden weite Teile des Ruhrgebiets unter Wasser stehen. Die ehemalige Zechenregion hat sich in den letzten 130 Jahren an einzelnen Stellen um bis zu 25 Meter, teilweise noch weiter abgesenkt.

Nun will Rettig mit Evonik insbesondere in Asien und Amerika expandieren. „Wir sind ein multinationales Unternehmen“, betonte er. Er strebe eine ausgewogene Umsatzverteilung in den Weltregionen Europa, Asien und Amerika an. „Die Welt wird unberechenbarer. Deshalb müssen wir flexibler werden.“ So habe Evonik neulich in Kanada und in der Slowakei im Gesundheits- und Biotechnologiesektor investiert.

Die Einsparorgien des Evonik-Vorstands und die dadurch erhofften Profitsteigerungen haben nun auch den Chemieriesen BASF auf den Plan gerufen. Der hat Anfang des Monats ein Übernahmeangebot, mutmaßlich in Höhe von rund zehn Milliarden Euro, abgegeben.

Die nordrhein-westfälische SPD hat für den morgigen Mittwoch eine Landtagsdebatte zu Evonik beantragt. Darin will sie Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) verpflichten, sich gegen die Übernahme einzusetzen. Wüst ist Mitglied des Kuratoriums der RAG-Stiftung. Diese hatte zwar in der Vergangenheit erklärt, ihre Beteiligung an Evonik nur auf 25,1 Prozent zu verringern, um weiterhin ein Vetorecht als Ankeraktionär ausüben zu können. Doch nach der BASF-Offerte erklärte die RAG-Stiftung, laut ihrer Satzung sei auch ein vollständiger Verkauf möglich.

In ihrem Antrag für den Landtag fordert die SPD die schwarz-grüne Landesregierung unter anderem auf, einen staatlichen Einstieg bei Evonik zu prüfen, um die Übernahme durch BASF zu verhindern. „Die Landesregierung darf Evonik nicht zum Spielball von Konzernentscheidungen in Ludwigshafen [dem BASF-Sitz] werden lassen“, meint SPD-Landtagsfraktionschef Jochen Ott. Es gehe hier nicht um irgendeinen Börsendeal, sondern „um die Frage, was eine solche Übernahme für die Menschen bedeutet, die hier arbeiten“.

Dieser Standortnationalismus gegenüber einem multinationalen Unternehmen ist reaktionär und dient als Begleitmusik zu den Abbauplänen. Denn weder die SPD noch die Gewerkschaft IG BCE (IG Bergbau, Chemie, Energie) kümmern „die Menschen, die hier arbeiten“.

Interimschef Rettig, der Anfang September den Vorstandsvorsitz vom erkrankten Christian Kullmann übernommen hatte, weiß, dass die IG BCE seit Jahrzehnten den Konzerninteressen auf Kosten der Beschäftigten nicht im Wege steht. Er will den Abbau zügig umsetzen: „Wir halten gar nichts an. Wir haben ein solides Programm, das gut vorbereitet ist. Jetzt geht es um die konsequente Umsetzung.“

Das „solide Programm“ heißt „Evonik Tailor Made“ und ist von Ende 2026 ins Jahr 2029 verlängert worden. „2030 soll alles umgesetzt sein“, erklärt der Evonik-Chef.

So sollen unter anderem freiwerdende Stellen nicht nachbesetzt werden. Ältere Beschäftigte sollen früher in den Ruhestand wechseln, ein Abfindungsprogramm soll jüngere drängen, ihren Job aufzugeben.

IGBCE-Chef Michael Vassiliadis hat dem bereits zugestimmt und würde auch einer Übernahme von Evonik durch BASF seinen Segen geben. Vassiliadis ist neben Wüst, Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) und Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) Mitglied des RAG-Stiftungskuratoriums und sitzt gleichzeitig im Aufsichtsrat von BASF.

Er und die IG BCE bieten sich an, den Umbau der Chemieindustrie umzusetzen. Erst im März hatten sie mit den Chemie-Konzernen empfindliche Reallohnsenkungen vereinbart. Nun heißt es in einer Stellungnahme des IGBCE-Vorstands: „Die von Evonik angekündigten weiteren Spar- und Personalmaßnahmen markieren einen tiefen Einschnitt für das Unternehmen und seine Beschäftigten.“ Doch: „Für die IG BCE ist nun entscheidend, dass die vereinbarten Schutzmechanismen greifen und der angekündigte Umbau konsequent sozialpartnerschaftlich gestaltet wird.“

Die Sorge der IG BCE gilt nicht den Jobs, sondern den Einnahmen der Chemie-Konzerne. „Das Wichtigste ist jetzt, auch die Erlösseite zu verbessern“, erklärt Alexander Bercht, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der IG BCE und stellvertretender Aufsichtsratschef bei Evonik. Die Entwicklung bei Evonik sei Ausdruck der tiefgreifenden Herausforderungen, vor denen die chemische Industrie in Deutschland und Europa stehe, nämlich „hohe Kosten, schwache Nachfrage und ein verschärfter internationaler Wettbewerb“.

Wie die IG Metall macht sich die IG BCE zum Sprecher der Konzerne und fordert deren staatliche Unterstützung. Wichtig sei eine „Industriepolitik, die Investitionen ermöglicht, Wettbewerbsfähigkeit stärkt und gute Industriearbeitsplätze langfristig sichert“, so Bercht, der nichts gegen die kurzfristige Vernichtung von Arbeitsplätzen einzuwenden hat.

Evonik ist kein Einzelfall. Im vergangenen Jahr gingen Produktion und Umsatz in der Chemieindustrie um 3,3 bzw. 3,8 Prozent zurück. Seit 2022 ist der Branchenumsatz um rund 22 Prozent gesunken. Die Beschäftigtenzahl ist jedoch in diesem Zeitraum nur um ca. 7000 auf aktuell 471.000 Beschäftigte gesunken. Die Auslastung der Werke lag im letzten Quartal 2025 bei nur 70 Prozent. Nun soll die Beschäftigtenzahl daran angepasst werden. In einer aktuellen Umfrage des Verbands der Chemischen Industrie (VCI) gaben 20 Prozent der Unternehmen an, Produktion verlagern oder stillzulegen zu wollen. Jedes zehnte Unternehmen erwog Standortschließungen.

So hat BASF von Januar 2024 bis Ende Juni 2026 weltweit rund 7000 Stellen abgebaut, weniger als 95.000 Menschen arbeiten aktuell beim Branchenprimus. Der Chemiekonzern Wacker will bis 2027 mehr als 1500 seiner 16.000 Stellen streichen.

Lanxess streicht 550 weitere seiner 11.500 Stellen bis 2028, davon zwei Drittel in Deutschland vor allem in der Verwaltung. Zuvor waren bereits 870 Stellen abgebaut worden. Zusätzlich hat der Konzern mit Betriebsrat und IG BCE für seine Tarifbeschäftigten eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit um 2,5 auf 35 Stunden pro Woche ohne Lohnausgleich vereinbart. Die Dividende für die Aktionäre hat der Konzern nicht gekürzt.

Im ostdeutschen Chemiedreieck, wo über 35.000 Menschen beschäftigt sind, meldete DOMO Chemicals zum Jahreswechsel für den Standort Leuna mit rund 600 Beschäftigten Insolvenz an. Auch Dow Chemicals plant, sich teilweise von dort zurückzuziehen. Bis Ende 2027 sollen in Böhlen und Schkopau rund 800 Arbeitsplätze wegfallen.

Die Konzerne begründen ihre Sparpläne bei den Belegschaften mit Überkapazitäten, hohen Energiepreisen und zu geringer Auslastung der Werke. Evonik spricht von einer „strukturellen und ökonomischen Krise“ der Industrie.

Und wie bei Evonik sorgt die IG BCE mit ihren Betriebsräten dafür, dass der Arbeitsplatzabbau reibungslos abläuft; über „natürliche Fluktuation“, also die Nichtbesetzung freier Stellen, Altersteilzeit und Vorruhestand sowie Abfindungen.

Nicht der Erhalt und die Verteidigung von Arbeitsplätzen ist Ziel der IG BCE, wie Vassiliadis und Bercht kürzlich an die Betriebsräte von BASF und Evonik schrieben. Das Ziel müsse sein, dass Deutschland als Chemiestandort „jetzt endlich wieder“ gestärkt werde und nicht „nur eine weitere Runde seiner Schwächung“ beginne.

Die gesamten letzten Jahre und speziell die aktuellen Abbaupläne machen es notwendig, dass sich die Beschäftigten unabhängig vom IGBCE-Apparat und seinen Betriebsräten organisieren. Die Apparatschiks, die in den Aufsichts- und Betriebsräten sitzen und sich ihre Arbeit zum Wohle der Aktionäre gut bezahlen lassen, vertreten ihre eigenen materiellen Interessen, die nichts mit denen der Belegschaften zu tun haben. Die Chemiearbeiterinnen und -arbeiter müssen sich gegen diesen Apparat in Aktionskomitees zusammenschließen, um den massiven Angriff auf ihre Jobs und auf ihre Löhne abzuwehren und ihre Arbeitsplätze zu verteidigen.

Wir rufen alle Beschäftigten der Chemieindustrie auf, uns dazu zu kontaktieren. Füllt das untenstehende Formular aus oder schreibt eine Nachricht über WhatsApp an die +491633378340.

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