Am Wochenende gab es im besetzten Westjordanland eine Welle von Angriffen israelischer Siedler – geschützt durch Soldaten, die Tränengas gegen die Opfer einsetzten, und ermutigt durch den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Am Freitag griffen die Siedler eine Fotografin der Washington Post brutal an, und am Samstag wurde eine Delegation europäischer Diplomaten angegriffen.
Netanjahus Koalitionspartner, darunter Finanzminister Bezalel Smotrich und Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, vertreten in ihren Programmen für die Wahl am 27. Oktober die Forderung, das Westjordanland und der Gazastreifen seien vollständig zu annektieren. Netanjahu selbst tritt mit dem Versprechen an, den Krieg gegen den Iran zu eskalieren. Dies passt zu der jüngsten Absicht der Trump-Regierung, die Angriffe auf den Iran wieder aufzunehmen.
Die Times of Israel berichtete am Freitag unter Berufung auf Zeugen, dass sich am selben Tag etwa 80 Siedler – viele von ihnen maskiert – bei Abu Falah nordöstlich von Ramallah von einem Hang her palästinensischen Familien näherten, die gerade Oliven ernteten. Sie beschossen sie mit Steinschleudern und verprügelten dann einen 40-jährigen Palästinenser und die freischaffende amerikanische Fotografin Heidi Levine, die dort für die Washington Post tätig ist und einen Helm und eine Weste mit der Aufschrift „PRESSE“ trug.
Die Siedler warfen Levine zu Boden, traten und schlugen etwa zehn Minuten lang mit Stöcken auf sie ein. Anschließend stahlen sie ihre Kameras und ihr Handy. Sie trug eine gebrochene Rippe und mehrere Wirbelbrüche davon sowie an einem Finger eine Schnittwunde bis zum Knochen. Am Samstag erklärte sie gegenüber dem israelischen Sender Channel 12: „Ich habe gedacht, ich überlebe es nicht.“
Im gleichen Bericht hieß es, während des Angriffs seien mindestens zwei Militärjeeps in dem Olivenhain eingetroffen. Die Siedler setzten ihren Angriff auch nach der Ankunft der Soldaten fort, die mit Tränengas auf die Palästinenser schossen. Al Jazeera veröffentlichte am Montag die Ergebnisse einer Untersuchung, laut der die Soldaten später auf Abdel Jaber Obeid vom örtlichen Gemeinderat schossen.
Netanjahus Büro behauptete am Freitag, Videoaufnahmen „zeigen scheinbar, dass Levine von einer nicht identifizierten Person umgestoßen wird, diese ihr dann aber sofort wieder auf die Beine hilft“.
Levine antwortete darauf am Samstag auf Channel 12: „Das ist eine dreiste Lüge, und eine riesige Beleidigung. Herr Ministerpräsident, vielleicht schauen Sie sich diese Videos nochmal an, okay? (...) Dann sehen Sie, dass niemand außer meinen Kollegen versucht hat, mir zu helfen.“
Am Samstag gingen maskierte Siedler mit Stöcken und Eisenstangen außerhalb des christlichen Dorfes Taybeh nahe Ramallah auf europäische Diplomaten los. Der belgische Außenminister Maxime Prévot erklärte am Samstag, der belgische Generalkonsul in Jerusalem sowie Diplomaten aus Frankreich und Polen seien von Siedlern angegriffen worden. CBS News berichtete am Sonntag, der französische Bürgermeister Bernard Baudoux sei getreten, mit Eisenstangen geschlagen und zu Boden geworfen worden.
Netanjahu wies die Berichte über die Angriffe am Sonntag zurück. Bei der ersten persönlichen Sicherheitsbesprechung für Reporter seit dem 7. Oktober 2023 erklärte er: „Ich halte das für eine maßlose Übertreibung.“
Erst am Montag, nach drei Tagen internationaler Proteste, verkündete die israelische Polizei die Verhaftung von zehn Personen, von denen sechs an den Angriffen auf Levine und die Diplomaten beteiligt gewesen sein sollen.
Wie Reuters am Freitag berichtete, hat die israelische Menschenrechtsorganisation Yesh Din seit Beginn der Olivenernte am 27. September mindestens 170 Angriffe von Siedlern verzeichnet. Das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten erklärte am Montag, es habe in diesem Jahr mehr als 2.060 Angriffe von Siedlern in etwa 300 palästinensischen Gemeinden verzeichnet.
Smotrich erklärte am 27. September in einem Ynet-Podcast: „Ich glaube, wir müssen in Judäa und Samaria in den Krieg ziehen, um die Palästinensische Autonomiebehörde zu zerschlagen, die den Terror unterstützt.“ Judäa und Samaria ist die Bezeichnung der israelischen Regierung für das Westjordanland. Am 6. Oktober hatte Smotrich auf einer Konferenz in Jerusalem erklärt: „Ich fordere, dass der Staat Israel seine Souveränität dauerhaft in den Gebieten ausübt, die er derzeit kontrolliert – sowohl in Gaza als auch im Libanon.“
Ben Gvir, der Vorsitzende der Partei Otzma Yehudit, hatte am 3. September einen Plan zur „Auswanderung“ von 1,86 Millionen Palästinensern aus dem Gazastreifen, d.h. des Großteils der Bevölkerung, innerhalb von sieben Jahren, vorgelegt. Er erklärte: „Statt Illusionen in ‚Frieden jetzt‘ brauchen wir Maßnahmen für die Auswanderung jetzt.“
Bei der Besprechung am Sonntag erklärte Netanjahu: „Hier wird kein palästinensischer Staat entstehen, da er dem Iran als Ausgangsbasis dienen würde, uns zu zerstören.“ Zum Thema Iran erklärte er: „Das Regime muss fallen, und ich werde es zu Fall bringen.“ CBS News berichtete am Montag, Netanjahu habe in einem Video von einem Telefonat mit US-Präsident Donald Trump geäußert: „Donald, wir müssen da noch etwas zu Ende bringen.“
Trump postete am Sonntag ein Schreiben auf Truth Social, in dem er sich hinter Netanjahu stellte: „Wenn Israel den falschen Anführer hätte, und das wäre jeder andere außer Bibi, müsste Amerika das selbst erledigen, und dazu habe ich keine Lust.“ Über den Iran schrieb er: „Wenn sie ihren Kurs nicht schnell ändern, werden wir die Sache bald beenden.“
Im Gazastreifen, wo vor einem Jahr, am 10. Oktober 2025, ein „Waffenstillstand“ in Kraft trat, stoppte Israel am Mittwoch, dem 14. Oktober, sämtliche kommerziellen Lieferungen. Das israelische Militär, das die Grenzübergänge kontrolliert, behauptete an diesem Tag, die Händler würden keine Lastwagen mehr schicken, weil die Hamas Steuern erhebt und ihnen droht. Nahed Sheheiber, Vorsitzende des privaten Verbands der Lkw-Fahrer im Gazastreifen, erklärte am Donnerstag: „Es sind nicht die Händler, die die Lieferungen eingestellt haben.“
Ein Einwohner erklärte in einem am Sonntag veröffentlichten Bericht von Al Jazeera, ein Sack Mehl, der vor dem Stopp 25 bis 35 Schekel kostete, koste jetzt etwa 80 Schekel. Ismail al-Barawi, ein Einwohner von Dschabaliya im Norden des Gazastreifens, erklärte, der Preis für einen Karton Eier sei von 35 auf 60 bis 70 Schekel gestiegen.
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen erklärte am Montag, es werde die Zahl der Menschen, die es in Gaza jeden Monat mit Nahrungsmitteln versorgt, von 1,6 Millionen auf 1,1 Millionen, etwa die Hälfte der Bevölkerung, verringern und die Ration auf ein einziges Paket pro Familie halbieren. Die Zahl der warmen Mahlzeiten wird von 250.000 pro Tag auf 150.000 reduziert, zudem wurden die monatlichen Geldleistungen für 75.000 Familien von 1.250 auf 750 Schekel gekürzt. Im September hatte es die Hilfe im Westjordanland halbiert – von 400.000 auf 200.000 unterstützte Personen.
Die Behörde erklärte, ihre Finanzmittel für die Palästinensergebiete seien in diesem Jahr auf weniger als die Hälfte des üblichen Betrags geschrumpft, und für das nächste halbe Jahr benötige sie 450 Millionen US-Dollar. Euronews berichtete am Montag, die Mittel seien „teilweise deshalb zurückgegangen, weil US-Präsident Donald Trump die Beiträge an die UN-Behörden drastisch gekürzt hat“. Al Jazeera berichtete am 1. September, Hilfsgruppen ginge das Geld aus, weil die USA „ihre Unterstützung stark zurückgefahren und auch andere westliche Nationen ihre Spenden verringert haben“.
Die Behörde erklärte am Montag, in Gaza seien 1,4 Millionen Menschen, d.h. zwei Drittel der Bevölkerung, von Hunger auf Krisenniveau oder noch schlimmer betroffen. Carl Skau, der geschäftsführende Direktor der Behörde, erklärte am Montag gegenüber Reuters: „Der Waffenstillstand ist vor einem Jahr in Kraft getreten, und das Leben ist nach wie vor brutal hier. Diese Kürzungen kommen genau vor dem vierten Winter.“ Landesdirektor Shaun Hughes erklärte am Montag gegenüber AFP: „Die Menschen sind nicht sicher. Es kommt weiterhin täglich zu Luftangriffen.“
Das Gesundheitsministerium von Gaza erklärte am Samstag, seit Inkrafttreten des „Waffenstillstands“ seien 1.511 Palästinenser von israelischen Streitkräften getötet worden, und seit Oktober 2023 seien es 74.469 Personen.
