Am Mittwochmorgen um 8:54 Uhr prallte ein Hochgeschwindigkeitszug der Renfe AVE in der Nähe von Urda in der spanischen Provinz Toledo gegen einen stehenden Zug der Gesellschaft Iryo. Mindestens 69 Menschen sind ums Leben gekommen und etwa 110 wurden verletzt – neun Monate, nachdem bei einer ähnlichen Kollision auf derselben Hochgeschwindigkeitsstrecke von Madrid nach Andalusien in Adamuz 46 Menschen ums Leben gekommen waren. Die Bilder des Unglücks haben Millionen Menschen weltweit schockiert.
Diese Katastrophe ist kein Unfall – und sie ist auch nicht, wie die spanische Koalitionsregierung aus Sozialistischer Partei (PSOE) und Sumar behauptet hat, das Ergebnis „menschlichen Versagens“ im eigentlichen Sinne des Wortes. Vielmehr offenbart sie auf drastische Weise grundlegende Probleme der kapitalistischen Gesellschaft.
Die Katastrophe ereignet sich zur Zeit einer wachsenden Massenbewegung von Jugendlichen und Arbeitern in ganz Europa, die sich gegen Angriffe auf öffentliche Dienstleistungen, soziale Ungleichheit, Polizeirepression, die extreme Rechte und Krieg richtet. Es gibt Massenproteste für bezahlbaren Wohnraum in Spanien, für den Zugang von Jugendlichen zu Bildung und Arbeitsplätzen in Frankreich und Belgien sowie gegen Krieg und Wehrpflicht in Italien und Deutschland. Erst gestern fand ein europaweiter Streik der Hafenarbeiter gegen die Militarisierung der Häfen statt, und im nächsten Monat sind landesweite eintägige Streiks in Spanien, Frankreich und Italien geplant.
Der Zusammenstoß von Urda offenbart grundlegende Probleme, mit denen diese sich entwickelnde Bewegung konfrontiert ist. Er entlarvt, wie der Kapitalismus elementare Bedürfnisse des gesellschaftlichen Lebens dem privaten Profit und dem Militarismus unterordnet. Er liefert ein unwiderlegbares Argument für eine sozialistische Politik, die den Zugverkehr und die Wirtschaft als Ganzes unter die demokratische Kontrolle der Arbeiterklasse stellt.
Die PSOE-Sumar-Regierung beeilte sich innerhalb von Stunden, die Schuld einem einzelnen Arbeiter zuzuschieben. Verkehrsminister Óscar Puente erklärte, dass um 8:30 Uhr ein Computerausfall das veraltete LZB-Sicherheitssystem auf einer Strecke von 63 Kilometern lahmgelegt und die Züge dort automatisch zum Stillstand gebracht habe. Um 8:36 Uhr, so sagte er, habe ein Mitarbeiter der Adif-Leitstelle am Madrider Bahnhof Atocha den AVE-Lokführer angewiesen, den „normalen Betrieb“ trotz eines roten Signals wieder aufzunehmen – obwohl der Iryo-Zug der Station in Atocha mitgeteilt hatte, dass er noch immer auf den Gleisen stand.
Puente bezeichnete dies als „unerklärlich“, und die Regierung gab sogleich Aufzeichnungen aus der Leitstelle an die Presse weiter, um ihre Vorwürfe gegen den Disponenten zu untermauern.
Doch diese Katastrophe auf „menschliches Versagen“ zurückzuführen, ist ein Betrug – und zwar unabhängig davon, ob tatsächlich menschliches Versagen vorlag oder nicht. Alle Probleme, die zu den Katastrophen von Urda und Adamuz geführt haben, waren vorhersehbar – und wurden auch tatsächlich von Arbeitern vorhergesehen und angeprangert. Doch die Unternehmensleitung und die PSOE-Sumar-Regierung haben diese Warnungen systematisch ignoriert.
Moderne Sicherheitstechnik existiert deshalb, damit der Fehler einer einzelnen Person nicht Dutzende Menschenleben kosten kann. Die Gefahren waren bekannt. Im Jahr 2024 hatte die Untersuchungskommission für Eisenbahnunfälle (CIAF) einen Vorfall in Cuenca untersucht. Sie warnte davor, dass der Ersatz automatischer Systeme durch menschliche Überprüfung „anfällig für Fehler“ sei, und empfahl den Umstieg von veralteten Systemen auf ein modernes ERTMS-Level-2-Sicherheitssystem.
Was den Zugführer von Atocha betrifft, so warnte die Gewerkschaft CSIF bereits im September, dass Adif-Mitarbeiter Schichten von bis zu zwölf Stunden absolvieren – fünf Nächte hintereinander. Erschöpfung und Personalmangel sowie die damit einhergehenden Unfälle sind Praktiken, die von der Unternehmensleitung beschlossen worden sind.
Im August 2025 schrieb die Lokführergewerkschaft SEMAF an Adif, dass die Lokführer „starken Verschleiß“ an den Gleisen festgestellt haben, unter anderem an der Stelle, an der später der Zug bei Adamuz entgleiste. Nach dem Unfall bei Adamuz streikten die Bahn-Arbeiter am 9. Februar landesweit. Doch die SEMAF sagte noch am selben Tag weitere Streikmaßnahmen ab, nachdem die Regierung mehr Einstellungen, Mittel für die Instandhaltung und Sicherheitsprotokolle versprochen hatte. Doch diese Versprechen haben sich als Lügen erwiesen.
Am 16. Oktober sah sich die SEMAF gezwungen, einen neuen eintägigen Streik für den 29. Oktober auszurufen, da „die unterzeichneten Vereinbarungen zur Eisenbahnsicherheit, zu Notfallprotokollen bei Unwettern, zur Einstellung neuer Lokführer und zur Zuverlässigkeit des Rollmaterials auf administrativem Wege blockiert wurden. … [A]lles ist gelähmt, genau wie im Mai.“ Dieser Streik fand am Donnerstag statt und legte 48 Prozent des Nahverkehrs in der Umgebung von Madrid lahm. Dennoch reagierte die PSOE-Sumar-Regierung weder auf den SEMAF-Streik, noch versprach sie mehr Einstellungen oder bessere Sicherheitsbedingungen.
Die Opferverbände der spanischen Zugunglücke von Angrois (2013) und Adamuz (2026) kamen in einer gemeinsamen Erklärung zu dem Schluss: „Es ist wieder passiert, und es wird wieder passieren.“
Die öffentliche Infrastruktur wird zugrunde gerichtet. Im Zuge der Liberalisierung des spanischen Eisenbahnverkehrs drangen die italienischen und französischen privaten Betreiber Ouigo und Iryo 2021 und 2022 unter der PSOE-Podemos-Regierung, der Vorgängerin der aktuellen Regierung, in das spanische Hochgeschwindigkeitsnetz vor. Das Verkehrsaufkommen vervielfachte sich, doch Personal und Instandhaltung hielten nicht Schritt. Nach Berechnungen der andalusischen Regionalregierung sind die Instandhaltungsausgaben pro Zugkilometer bis 2024 um 26 Prozent gesunken.
Dabei handelt es sich um ein europäisches Phänomen. In Griechenland kamen bei der Zugkatastrophe von Tempi 2023 insgesamt 57 Menschen ums Leben, darunter viele Studierende, nachdem die auf einen strikten Sparkurs ausgerichtete Regierung von SYRIZA („Koalition der Radikalen Linken“) die Eisenbahnen privatisiert hatte. In Serbien starben 2024 sechzehn Menschen beim Einsturz des Bahnhofsvordachs in Novi Sad.
Alle europäischen Mächte leiten soziale Ressourcen unaufhörlich in die Taschen der Reichen und in die militärische Aufrüstung um, während grundlegende Sicherheitsvorkehrungen vernachlässigt werden und vermeidbare Katastrophen eine immer größere Zahl von Menschenleben fordern.
Die Milliardäre in der EU haben ihr Vermögen in den letzten Jahren um fast siebzig Prozent gesteigert, von 1,44 Billionen Euro im März 2020 auf 2,4 Billionen Euro im November 2025. Französische Milliardäre haben ihr Vermögen während Macrons zehnjähriger Amtszeit auf 440 Milliarden Euro verdoppelt und verfügen damit über mehr Vermögen als die ärmere Hälfte der Bevölkerung. Spaniens 33 Milliardäre besaßen im Jahr 2025 197,5 Milliarden Euro, mehr als 39 Prozent der spanischen Bevölkerung; das Vermögen des reichsten Mannes des Landes, Armancio Ortega, stieg unter den Regierungen von PSOE-Podemos und PSOE-Sumar von 70 Milliarden Euro auf 110 Milliarden Euro.
Die EU plündert zudem Sozialprogramme, um das Militär zu finanzieren, insbesondere angesichts der Eskalation des NATO-Kriegs gegen Russland in der Ukraine. Seit 2021 haben sich die Militärausgaben der 27 EU-Staaten laut der Europäischen Verteidigungsagentur von 218 Milliarden Euro auf 454 Milliarden Euro mehr als verdoppelt. In Spanien stiegen die Verteidigungsausgaben laut dem SIPRI-Institut in den letzten zehn Jahren um 121 Prozent auf 34,3 Milliarden Euro.
Die Katastrophe von Urda zeigt, wie die Gesellschaft in den Kollaps getrieben wird, während unzählige Milliarden Euro dazu verwendet werden, die Oligarchie zu bereichern und den Apparat des Massenmords und der Unterdrückung auszubauen.
Arbeiter können sich all dem nicht innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Politik widersetzen. Spanien veranschaulicht deutlich, wie nicht nur die politische Rechte, sondern auch diejenigen Teile des kapitalistischen Establishments, die von den bürgerlichen Medien fälschlicherweise als „links“ dargestellt werden, die politische Verantwortung dafür tragen.
Wie SYRIZA in Griechenland haben auch die aufeinander folgenden Regierungen aus PSOE und Podemos sowie aus PSOE und Sumar die Oligarchie massiv bereichert, das Militär ausgebaut und grundlegende soziale Bedürfnisse sowie die Interessen der Arbeiter mit Füßen getreten. Sie kamen mit dem Versprechen an die Macht, die sozialen Bedingungen zu verbessern und die schlimmsten EU-Sparmaßnahmen zu beenden. Stattdessen sorgten sie für Bankenrettungen, die Liberalisierung des Schienenverkehrs, Militarisierung und zunehmende Angriffe auf die Arbeiterklasse.
Im Zuge der Massenproteste gegen die Wohnungsnot hat Ministerpräsident Pedro Sánchez die Regierung aufgelöst und für den 29. November vorgezogene Neuwahlen einberufen. Es muss unverblümt gesagt werden: jegliches Votum am 29. November wird nichts an der Politik ändern, die Katastrophen wie in Adamuz und Urda hervorbringt.
Doch zugleich weisen diese Katastrophen den Weg nach vorn – nicht nur für die Bahnbeschäftigten, sondern für alle Arbeiter und Jugendlichen, die im Kampf gegen kapitalistische Regierungen in ganz Europa mobil machen. Die entsprechenden Unternehmen müssen enteignet und in europaweite öffentliche Versorgungsbetriebe umgewandelt werden, die der demokratischen Kontrolle und Aufsicht durch die Arbeiterklasse unterliegen. Dies muss untrennbar mit einer politischen Bewegung innerhalb der Arbeiterklasse in Spanien und ganz Europa verbunden sein, um imperialistische Kriege zu beenden und die unrechtmäßig erworbenen Vermögen der kapitalistischen Oligarchie zu enteignen.
Die Arbeiter müssen Aktionskomitees der Basis bilden, unabhängig von den Gewerkschaftsbürokratien, um ihre Kämpfe über nationale Grenzen hinweg zu vereinen. Im Eisenbahnsektor würden sie die Befugnis haben, die notwendigen Sicherheitsprotokolle und Modernisierungsmaßnahmen zu überwachen und durchzusetzen, sowie das benötigte Personal einzustellen und auszubilden. Der Kampf um den Aufbau solcher Organisationen ist unerlässlich, um die entstehende Massenbewegung in ganz Europa zu vereinen, die Übertragung der wirtschaftlichen und politischen Macht an die Arbeiterklasse vorzubereiten und die Europäische Union durch die Vereinigten Sozialistischen Staaten von Europa zu ersetzen.
