Der Marxismus und die politische Ökonomie von Paul Sweezy

Teil 2: Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung

Von Nick Beams
3. Juni 2004

Teil 1: Frühe Einflüsse
Teil 2: Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung
Teil 3: Die Zusammenbruchstheorie
Teil 4: "Monopolkapital"

Dies ist der zweite Teil einer Artikelserie von Nick Beams, einem Mitglied der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site , die sich mit dem Leben und dem Werk des radikalen politischen Ökonomen Paul Sweezy befasst. Der Gründer und erste Herausgeber der Monthly Review ist am 27. Februar 2004 in Larchmont, New York, gestorben.

Paul Sweezys Ansichten zur politischen Ökonomie sollten eine zentrale Rolle für die sogenannte Monthly Review -Schule spielen. Sie nahmen in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre Gestalt an, als er ein Verständnis der Marxschen Analyse zu entwickeln begann.

Sweezys erstes und in mancherlei Hinsicht wichtigstes Werk, "Theorie der kapitalistischen Entwicklung", entstand weitgehend in einem Prozesses der Selbstklärung. Es hatte seinen Ursprung in Vorlesungen, die er über die Ökonomie des Sozialismus gehalten hatte, und beinhaltete eine Untersuchung der Theorien verschiedener sozialistischer Theoretiker. Sweezy erinnerte sich später, wie er in Seminaren für Studienanfänger das Niveau der Behandlung von Marx zu heben versuchte. Dabei habe er festgestellt, dass das "einen langen harten Kampf" erfordert, "die Traditionen und Hindernisse einer neoklassischen Ausbildung zu überwinden.... Ich brauchte lange, lange bis ich die marxistische Arbeitswerttheorie akzeptieren konnte, weil ich voll in der Denkweise der Grenznutzentheorie usw. befangen war. Und.... lange Zeit konnte ich nicht verstehen, dass es eine andere Werttheorie geben konnte, die völlig andere Ziele verfolgte." [4]

Aber die "Theorie der kapitalistischen Entwicklung" war nicht einfach eine Präsentation der Marxschen Ideen. Sweezy entwickelte darin vielmehr scharfe Meinungsverschiedenheiten mit Marxens Analyse "des tendenziellen Falls der Profitrate". Weil seine Behandlung dieser Frage in engem Zusammenhang mit seiner politischen Orientierung und seiner Analyse des amerikanischen Kapitalismus in seinem Buch "Monopolkapital" steht - ein Werk, das zur Zeit der politischen Radikalisierung der späten 1960er und der frühen 1970er Jahre weite Verbreitung fand - verlangt sie eine eingehende Untersuchung.

Der tendenzielle Fall der Profitrate

Der tendenzielle Fall der Profitrate war schon vor Marx ein deutlich erkennbares Phänomen im Kapitalismus. Der schottische Ökonom und Philosoph Adam Smith (1723-1790) führte sie auf zunehmende Konkurrenz zurück: mit dem Wachstum des Kapitals nahm auch die Produktion zu, was zu höherem Angebot, schärferer Konkurrenz und niedrigeren Preisen führte, und folglich zu einem Rückgang der Profite.

David Ricardo (1772-1823) zufolge dehnte sich mit der Ausdehnung des Kapitals und der Zunahme der Anzahl der Arbeitskräfte auch die Landwirtschaft aus. Das bedeutete, dass Land für den Anbau von Nahrungsmitteln für die gewachsene Arbeiterschaft bestellt wurde, das weniger fruchtbar war. Eine geringere Fruchtbarkeit des Bodens bedeutete höhere Kosten für die Nahrungsmittel, was wiederum zu höheren Löhnen und infolgedessen zu fallenden Profiten führte.

Marx wies beide Erklärungen zurück. Der tendenzielle Fall der Profitrate wurzelte weder in verschärfter Konkurrenz (Smith), noch in sinkender Produktivität der Landwirtschaft (Ricardo). Er war vielmehr der Ausdruck steigender Arbeitsproduktivität unter kapitalistischen Bedingungen.

Marxens Analyse in Band 1 seines Meisterwerks "Das Kapital" zeigte, dass die einzige Quelle von Mehrwert - der Grundlage von Profit, Grundrente und Zins - die Differenz zwischen dem neuen Wert war, den der Arbeiter im Produktionsprozess hinzufügte, und dem Wert der Ware, die der Arbeiter dem Kapitalisten zuvor verkauft hatte - seiner Arbeitskraft oder seiner Fähigkeit zu arbeiten. Während die Waren, die notwendig waren, den Arbeiter und seine Familie zu erhalten (Nahrungsmittel, Kleidung, Unterkunft), sage, vier Arbeitsstunden beinhalteten, wurde der Arbeiter für acht, zehn oder zwölf Stunden zu arbeiten genötigt. Diese Differenz ist die Quelle des Mehrwerts.

Aber Marx erklärte, dass es im Akkumulationsprozess einen Widerspruch gibt. Die Tatsache, dass sich die kapitalistische Produktion ausdehnt und die gesellschaftliche Produktivität der Arbeit entwickelt, bedeutet, dass jeder Arbeiter in der gleichen Zeit eine immer größere Masse Produktionsmittel in Waren verwandelt. Der Wert dieser Produktionsmittel (oder konstanten Kapitals) bleibt in den Waren, die das Ergebnis des Produktionsprozesses sind, erhalten, während die lebendige Arbeit (oder das variable Kapital) Wert hinzufügt. Diese lebendige Arbeit ist die einzige Quelle von Mehrwert. Aber das bedeutet, dass in dem Maße, wie sich die Arbeitsproduktivität entwickelt, der Anteil des konstanten Kapitals gegenüber dem variablen Kapital zunimmt (organische Zusammensetzung des Kapitals).

Mit der Entwicklung der Arbeitsproduktivität setzt die gleiche Menge lebendiger Arbeit eine immer größere Kapitalmasse in Bewegung, was bedeutet, dass der im Produktionsprozess erzielte Mehrwert eine immer größere Kapitalmasse vermehren muss. Das ist der Ursprung des tendenziellen Falls der Profitrate.

"Da die Masse der angewandten lebendigen Arbeit stets abnimmt im Verhältnis zu der Masse der von ihr in Bewegung gesetzten vergegenständlichten Arbeit, der produktiv konsumierten Produktionsmittel, so muss auch der Teil dieser lebendigen Arbeit, der unbezahlt ist und sich in Mehrwert vergegenständlicht, in einem stets abnehmenden Verhältnis stehn zum Wertumfang des angewandten Gesamtkapitals. Dies Verhältnis der Mehrwertsmasse zum Wert des angewandten Gesamtkapitals bildet aber die Profitrate, die daher beständig fallen muss." [5]

Als Marx das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate erklärte, zeigte er auch, dass es zahlreiche ihm entgegen wirkende Tendenzen gibt, die in der Entwicklung des Kapitalismus selbst begründet sind. Marx merkte an: Angesichts der enormen Entwicklung der Arbeitsproduktivität "tritt an die Stelle der Schwierigkeit, welche bisher die Ökonomen beschäftigt hat, nämlich den Fall der Profitrate zu erklären, die umgekehrte, nämlich zu erklären, warum dieser Fall nicht größer oder rascher ist". [6]

Einer der wichtigsten entgegenwirkenden Faktoren ist die Tendenz der Mehrwertrate (gemessen an dem Verhältnis der unbezahlten zur bezahlten Arbeit eines Arbeitstags), mit der Entwicklung der Arbeitsproduktivität zu steigen. Das bedeutet, dass zwar die Masse konstanten Kapitals gegenüber dem variablen Kapital steigt und dadurch die Profitrate sinken mag, der Anstieg der Mehrwertrate die Profitrate aber eher steigen lässt. Auf diesen Punkt stützte Sweezy seine Opposition gegen Marxens Analyse.

Sweezys Kritik

Bezeichnender Weise beginnt Sweezy seine Kritik mit dem Hinweis auf die Bedeutung, die Marx dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate für die Betrachtung der historischen Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise zumisst. "Für ihn besitzt es große Bedeutung", schrieb Sweezy. "Es hat gezeigt, dass die kapitalistische Produktion in sich gewisse innere Schranken für ihre eigene, ungehemmte Expansion hatte." [7]

In einer von Sweezy zitierten Passage macht Marx klar, dass der tendenzielle Fall der Profitrate ein Ausdruck des historisch beschränkten Charakters der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb des Kapitalismus selbst ist.

"Was Ricardo beunruhigt, ist, dass die Profitrate der Stachel der kapitalistischen Produktion und Bedingung, wie Treiber der Akkumulation, durch die Entwicklung der Produktion selbst gefährdet wird. Und das quantitative Verhältnis ist hier alles. Es liegt in der Tat etwas Tieferes zugrunde, das er nur ahnt. Es zeigt sich hier in rein ökonomischer Weise, d.h. vom Bourgeoisstandpunkt, innerhalb der Grenzen des kapitalistischen Verstandes, vom Standpunkt der kapitalistischen Produktion selbst, ihre Schranke, ihre Relativität, dass sie keine absolute, sondern nur eine historische, einer gewissen beschränkten Entwicklungsepoche der materiellen Produktionsbedingungen entsprechende Produktionsweise ist." [8]

Sweezy behauptet, dass Marx seine Formulierung des Gesetzes auf die Annahme einer konstanten Mehrwertrate gegründet habe. Das zeigt ein bemerkenswertes Unverständnis der Methode von Marx, der verschiedene Prozesse isoliert betrachtete, um ihre Wirkung auf die Akkumulation des Kapitals zu untersuchen. Es war notwendig, eine unveränderte Mehrwertrate zu unterstellen, um die Wirkung eines Anstiegs der organischen Zusammensetzung des Kapitals auf die Profitrate isoliert zu betrachten.

Eine solche wissenschaftliche Vorgehensweise war um so notwendiger, weil alle vorherigen Ökonomen die Mehrwertrate und die Profitrate nicht unterschieden hatten. Das konstante Kapital, das variable Kapital, die Mehrwertrate und die organische Zusammensetzung des Kapitals waren von Marx neu entdeckte Kategorien, mit deren Hilfe er in der Lage war, "das Geheimnis des Mehrwerts" zu entdecken. Daher war es vom methodologischen Standpunkt aus notwendig, die Wirkung dieser Variablen isoliert von einander sorgfältig zu untersuchen.

Sweezy ignoriert diese wichtigen Fragen der Methode und fährt mit seiner Kritik folgendermaßen fort:

"Es könnte daher scheinen, dass Marx kaum berechtigt war, eine konstante Mehrwertrate gleichzeitig mit einer steigenden organischen Zusammensetzung des Kapitals anzunehmen, selbst nicht in Begriffen seines eigenen theoretischen Systems. Ein Wachsen in der organischen Zusammensetzung des Kapitals muss einen Anstieg in der Produktivität der Arbeit bedeuten, und nach Marx’ eigenen Worten ist höhere Produktivität unweigerlich von einer höheren Mehrwertrate begleitet. Daher sollten wir im allgemeinen Fall annehmen, dass die wachsende organische Zusammensetzung des Kapitals pari passu mit einer wachsenden Mehrwertrate einhergeht. Wenn sowohl die organische Zusammensetzung des Kapitals wie auch die Mehrwertrate als variabel angenommen werden,... dann wird die Richtung, in der die Profitrate sich verändern wird, unbestimmt. Alles, was wir sagen können, ist nur dies, dass der prozentuale Zuwachs der Mehrwertrate geringer ist als die prozentuale Abnahme im Verhältnis des variablen zum Gesamtkapital." [9]

Für Sweezy gibt es keinen Grund für die "allgemeine Annahme", dass Veränderungen in der organischen Zusammensetzung des Kapitals schwerer wiegen als die Veränderungen der Mehrwertrate (Ausbeutungsrate). "Im Gegenteil, es würde den Anschein haben, dass wir die zwei Variablen, grob gesprochen, als gleichbedeutend ansehen müssen. Aus diesem Grund ist die Marxsche Formulierung des Gesetzes vom tendenziellen Fall der Profitrate nicht sehr überzeugend." [10]

Eine Untersuchung der Analyse von Marx zeigt aber klar, warum die Steigerung der Mehrwertrate nicht auf Dauer die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals wettmachen kann. Im Gegensatz zu der Behauptung, Marx habe seine Schlussfolgerung auf die Voraussetzung einer gleichbleibenden Mehrwertrate gestützt, behandelt Marx die Fragen, die Sweezy aufwirft, ausdrücklich. Die Entwicklung der Arbeitsproduktivität nehme eine "doppelte Form" an, bemerkte er. Auf der einen Seite bewirke sie eine Zunahme der Mehrarbeit (und deshalb des Mehrwerts), weil der Arbeiter den Wert seiner Arbeitskraft in kürzerer Zeit reproduziere. Auf der anderen Seite bewirke sie eine Abnahme der Anzahl der von einem gegebenen Kapital beschäftigten Arbeiter, also eine Abnahme der Masse des Mehrwerts.

"Beide Bewegungen gehen nicht nur Hand in Hand, sondern bedingen sich wechselseitig, sind Erscheinungen, worin sich dasselbe Gesetz ausdrückt. Indes wirken sie in entgegengesetzter Richtung auf die Profitrate." Die abnehmende Zahl beschäftigter Arbeiter reduziert die Masse des Mehrwerts und die Profitrate, während die zunehmende Mehrwertrate diesem Sinken tendenziell entgegenwirkt. Aber dieser Prozess hat definitive Grenzen, wie Marx aufzeigte, denn: "Zwei Arbeiter, die zwölf Stunden täglich arbeiten, können nicht dieselbe Masse Mehrwert liefern, wie 24, die jeder nur zwei Stunden arbeiten, selbst wenn sie von der Luft leben könnten und daher gar nicht für sich selbst zu arbeiten hätten." Mit anderen Worten, der Ausgleich für die verringerte Zahl beschäftigter Arbeiter durch den Anstieg der Mehrwertrate hat bestimmte Grenzen. Er kann den Fall der Profitrate verlangsamen, aber nicht aus der Welt schaffen. [11]

Marx ging auf diese Frage auch in der 1858 geschriebenen Vorarbeit zum "Kapital" ein. Er betrachtete die Teilung des Arbeitstages in notwendige Arbeit (die Zeit, die der Arbeiter benötigt, um den Wert seiner Arbeitskraft zu reproduzieren) und Mehrarbeit, und stellte fest, dass die zunehmende Arbeitsproduktivität eine abschwächende Wirkung auf die Ausdehnung der Mehrarbeit hat. Wenn z.B. der Arbeitstag von, sage, acht Stunden ursprünglich im Verhältnis von vier Stunden zu vier Stunden geteilt sei, dann eine Verdopplung der Arbeitsproduktivität zu einer Verminderung der notwendigen Arbeit auf zwei Stunden führe, würde das die Mehrarbeit auf sechs Stunden, oder um 50 Prozent, erhöhen. Wenn sich die Produktivität erneut verdopple und die notwendige Arbeit auf eine Stunde reduziere, würde das die Mehrarbeit von sechs auf sieben Stunden, oder um 16,67 Prozent erhöhen usw. Jede Steigerung der Arbeitsproduktivität würde einen geringeren Anstieg der Mehrarbeit hervorbringen.

Dabei machte Marx die Beobachtung, dass der Mehrwert zwar steigt, aber "in immer geringrem Verhältnis zur Entwicklung der Produktivkräfte" und daher "je entwickelter also schon das Kapital,... umso furchtbarer muss es die Produktivkraft entwickeln, um sich nur in geringem Verhältnis zu verwerten..." [12]

Die Tatsache, dass sich Sweezy trotz der recht umfangreichen Literatur, die es zu dieser Analyse gibt, sowohl in der "Theorie der kapitalistischen Entwicklung" als auch später darüber ausschwieg, kann nicht als Versehen oder intellektuelles Versagen interpretiert werden. Er entwickelte eine andere Orientierung.

Anmerkungen

4) Interview mit Paul Sweezy von Sungar Savran and E. Ahmet Tonak in Monthly Review, April 1987

5) Marx, Das Kapital, Band III, MEW Band 25, Berlin 1968, S. 223

6) Marx, ibid. S. 242

7) Sweezy, "Theorie der kapitalistischen Entwicklung", Köln 1959, S.74

8) Marx, ibid., S. 269-70

9) Sweezy, ibid., S. 78

10) Sweezy, ibid., S. 80

11) Marx, ibid., S. 257

12. Marx, "Grundrisse", Berlin 1974, S. 246

 

Siehe auch:

The Political Economy of 'New Labor'
[27. Juni 1998]

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