Der Marxismus und die politische Ökonomie Paul Sweezys

Teil 4: "Monopolkapital"

Von Nick Beams
5. Juni 2004

Teil 1: Frühe Einflüsse
Teil 2: Die Theorie der kapitalistischen Entwicklung
Teil 3: Die Zusammenbruchstheorie
Teil 4: "Monopolkapital"

Dies ist der vierte Teil einer Artikelserie von Nick Beams, einem Mitglied der internationalen Redaktion der World Socialist Web Site , die sich mit Leben und Werk des radikalen politischen Ökonomen Paul Sweezy befasst. Der Gründer und erste Herausgeber der Monthly Review , ist am 27 Februar 2004 in Larchmont, New York, gestorben. 

In seinem nächsten großen Buch, "Monopolkapital", das er in Zusammenarbeit mit Paul Baran schrieb, formulierte Sweezy 1966 ausdrücklich, was er 25 Jahre vorher nur angedeutet hatte. Er stellte die Unterkonsumptionstheorie ins Zentrum seiner Analyse und verband sie mit einer Zurückweisung des Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate. Aber dieses Gesetz war nicht sein einziges Opfer: Sweezy erklärte, auch Marxens Analyse der revolutionären Rolle der Arbeiterklasse müsse über Bord geworfen werden.

In der Einleitung zu diesem Werk kritisierte Sweezy zu Recht, dass vorgeblich marxistische Theoretiker wichtige Entwicklungen der kapitalistischen Wirtschaft in der Zeit nach der Depression nicht untersucht hatten. Besonders griff er die fehlende Analyse des Nachkriegsbooms an. Aber anstatt diese "Stagnation der marxistischen Sozialwissenschaft, das Nachlassen ihrer Lebendigkeit und schöpferischen Kraft" auf ihre Wurzeln zurückzuführen - die in der Kontrolle des Stalinismus über die Arbeiterbewegung und in der Ermordung vieler führender marxistischer Denker, allen voran Leo Trotzkis, lagen -, versuchte er, den Marxismus auf den neuesten Stand zu bringen, indem er seine Grundpfeiler einriss.

Nach Sweezys Auffassung gab es zwar komplexe objektive und subjektive Ursachen für diese Stagnation, aber zumindest eine konnte man bestimmen und überwinden: "Die marxistische Analyse des Kapitalismus geht in der Endanalyse immer noch von der Voraussetzung einer Konkurrenzwirtschaft aus." [15]

Das war, milde ausgedrückt, eine Verfälschung. Marx hatte immer wieder betont, dass die Bewegungsgesetze des Kapitalismus nicht in der Konkurrenz begründet seien - diese ist nur die Art und Weise, wie sie sich äußern -, sondern im Prozess der Kapitalakkumulation. Marx begann seine Analyse in Band I von "Das Kapital", indem er das Kapital als Ganzes und vor allem die Gewinnung des Mehrwerts behandelte, bevor er sich in Band III der Beziehung zwischen seinen Bestandteilen zuwandte.

Der Begriff des Kapitals und seine Expansion mussten vor der Konkurrenz analysiert werden, weil im Kapitalismus die Konkurrenz die Form ist, die der Konflikt zwischen den verschiedenen Teilen des Kapitals annimmt. Mit anderen Worten, Marx konnte die Konkurrenz nicht vor der Analyse des Kapitals als gegeben annehmen, weil die Konkurrenz auf der Grundlage dieser Analyse erklärt werden musste.

Eine Verfälschung von Marx

Sweezy zufolge war Marx sich zwar vollkommen über die Existenz von Monopolen bewusst, aber er "behandelte... Monopole nicht als Wesenselement des Kapitalismus, sondern mehr als Überbleibsel aus der feudalen und merkantilistischen Vergangenheit, deren Beachtung nur den klarstmöglichen Blick auf die Grundstruktur und Tendenzen des Kapitalismus verstellt hätte". [16] Marx habe die der kapitalistischen Ökonomie inne wohnende Tendenz zur Konzentration und Zentralisation erkannt, doch habe er nicht versucht, die Funktionsweise einer von großen Unternehmen und Monopolen dominierten kapitalistischen Ökonomie zu erforschen.

Dieses Argument ist eine der wesentlichen theoretischen Grundlagen des "Monopolkapital" und der darin aufgestellten Behauptung, die von Marx entdeckten Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Ökonomie, insbesondere das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate, müssten revidiert werden, um der Rolle von Monopolen gerecht zu werden.

Das ganze Vorgehen ist von Verfälschungen der Position von Marx geprägt. Erstens hatte Marx, wie Sweezy sehr wohl weiß, schon 1847 in seiner Antwort auf Proudhon klar gemacht, dass die der Konkurrenz inne wohnende Logik im Kapitalismus das Monopol ist.

Marx schrieb: "Herr Proudhon spricht nur vom modernen Monopol, das durch die Konkurrenz geschaffen wird, aber wir wissen alle, dass die Konkurrenz aus dem feudalen Monopol hervorging. So war die Konkurrenz ursprünglich das Gegenteil des Monopols und nicht das Monopol das Gegenteil der Konkurrenz. Das moderne Monopol ist somit nicht eine einfache Antithese, sondern im Gegenteil die wahre Synthese.

These: das feudale Monopol, Vorgänger der Konkurrenz.

Antithese: die Konkurrenz.

Synthese: das moderne Monopol, welches die Negation des feudalen Monopols ist, insofern es die Herrschaft der Konkurrenz voraussetzt, und welches die Negation der Konkurrenz ist, insofern es Monopol ist.

Somit ist das moderne Monopol, das bürgerliche Monopol, das synthetische Monopol, die Negation der Negation, die Einheit der Gegensätze. Es ist das Monopol in seinem reinen, normalen, rationellen Zustande."[17]

Weit davon entfernt, Monopole als ein Überbleibsel des Feudalismus zu behandeln, erklärte Marx, dass das moderne Monopol die Konkurrenz sowohl beinhaltet, als auch aus ihr erwächst.

"In der Praxis des Lebens findet man nicht nur Konkurrenz, Monopol und ihren Widerstreit, sondern auch ihre Synthese, die nicht eine Formel, sondern eine Bewegung ist. Das Monopol erzeugt die Konkurrenz, die Konkurrenz erzeugt das Monopol. Die Monopolisten machen sich Konkurrenz, die Konkurrenten werden Monopolisten. Wenn die Monopolisten die Konkurrenz unter sich durch partielle Assoziationen einschränken, so wächst die Konkurrenz unter den Arbeitern, und je mehr die Masse der Proletarier gegenüber den Monopolisten einer Nation wächst, umso zügelloser gestaltet sich die Konkurrenz unter den Monopolisten der verschiedenen Nationen. Die Synthese ist derart beschaffen, dass das Monopol sich nur dadurch aufrecht erhalten kann, dass es beständig in den Konkurrenzkampf eintritt." [18]

Im Gegensatz zu Sweezys Behauptung, dass Marx es versäumt habe, die Wirkung von Monopolen zu untersuchen, hat er ihre Wirkung auf die Verteilung des Mehrwerts herausgearbeitet. Insoweit ein bestimmtes Teilkapital in der Lage war, das Eindringen von rivalisierendem Kapital in seine Produktionssphäre zu verhindern, konnte es seine Preise so festsetzen, dass seine Profitrate über dem Durchschnitt lag. Aber das änderte nichts an der Menge des Mehrwerts, den das Kapital insgesamt erzielen konnte. Es bedeutete ganz einfach, dass stärker monopolisierte Teile des Kapitals zumindest vorübergehend Vorteile auf Kosten anderer, stärker konkurrierender Teile ziehen konnten. Die Verteilung des Mehrwerts änderte sich, aber nicht seine Gesamtmasse.

Wie die Passagen aus der Polemik gegen Proudhon zeigen, betonte Marx, dass die Konkurrenz sich aus dem Kampf gegen den Feudalismus entwickelt hatte. Das Wesen dieses Kampfs war nicht die Zerschlagung großer Unternehmen - der Handelsfirmen, die durch königliches Dekret geschützt waren -, sondern die Befreiung der Arbeit von den Fesseln der Feudalwirtschaft, durch die die Bauern an das Land und in den Städten an das Zunftwesen gefesselt waren.

Das Wesen der Konkurrenz im Kapitalismus ist nicht, wie der marxistische Autor John Weeks schrieb, der Konflikt zwischen kleinen ökonomischen Einheiten oder Firmen. [19] Im Feudalismus gab es Kleinproduktion, aber keine Konkurrenz. Die Konkurrenz beginnt mit dem Auftreten freier Lohnarbeit und mit der Produktion für den Markt, die vom Profitstreben angetrieben wird. Selbst im Kapitalismus sind kleine Firmen oft noch von sogenannten "natürlichen Monopolen" geschützt, z.B. den hohen Kosten des Transports über weite Entfernungen.

Die Konkurrenz, d.h. der Kampf jeder Abteilung des Kapitals um die Aneignung des größtmöglichen Anteils am verfügbaren Mehrwert, verschärft sich mit der Entwicklung der Großproduktion. Die Entwicklung des Massentransports und der Kommunikationssysteme im nationalen und globalen Maßstab bedeutet, dass jedes Unternehmen unmittelbar dem Druck des Weltmarkts ausgesetzt ist.

Die Konkurrenz hat in den letzten beiden Jahrzehnten mit der Entstehung riesiger transnationaler Konzerne, die die Arbeitskräfte und Rohstoffe in jedem Winkel des Globus ausbeuten, einen neuen Höhepunkt erreicht. Dazu gehört die Entstehung riesiger Banken und Geldmarktinstituten, die die enormen Finanzmittel aufbringen können, die für das Eindringen des Kapitals in neue Produktionssphären notwendig sind. Konkurrenz hat zu größerer Monopolisierung geführt, aber gleichzeitig hat die größere Monopolisierung den globalen Kampf um Märkte, Rohstoffe und Profite verschärft.

Letztlich ist die Globalisierung die Realisierung eines Prozesses, den Marx als der Entwicklung des Kapitalismus immanent bestimmt hatte. Sie hat die objektiven historischen Grundlagen für die Entwicklung einer höheren Gesellschaftsform gelegt. Marx hat also nicht, wie Sweezy behauptet, die Untersuchung der Bedeutung der Großproduktion vernachlässigt, sondern sie steht im Mittelpunkt seiner Analyse.

Die erste historische Transformation in der Entwicklung des Kapitalismus war die Trennung der Arbeiter von ihren Produktionsmitteln und die Schaffung einer Klasse freier Lohnarbeiter. Aber sobald dieser Prozess abgeschlossen ist und "sobald die kapitalistische Produktionsweise auf eigenen Füßen steht, gewinnt die weitere Vergesellschaftung der Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und anderer Produktionsmittel in gesellschaftlich ausgebeutete, also gemeinschaftliche Produktionsmittel, daher die weitere Expropriation der Privateigentümer, eine neue Form. Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist. Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewusste technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes." [20]

Die Lektüre dieser Zeilen beweist, dass die Zeit keineswegs über Marx hinweggegangen ist, wie Sweezy behauptet. Man könnte mit einiger Berechtigung sagen, dass die Welt erst jetzt zu Marx aufgeschlossen hat.

Anmerkungen

15. Paul A. Baran und Paul M. Sweezy, Monopolkapital, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1967, S. 14

16. Baran und Sweezy, ibid, S. 14

17. Marx, Das Elend der Philosophie, MEW Bd 4, S. 163

18. Marx, ibid, S. 163-64

19. John Weeks, Capital an Exploitation, Princeton University Press, Princeton 1981

20. Marx, Das Kapital, Band 1, MEW Band 23, S.790

 

Siehe auch:

The Political Economy of 'New Labor'
[27. Juni 1998]

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