EADS streicht europaweit mindestens 5.800 Stellen

Von Johannes Stern
13. Dezember 2013

Der europäische Flug- und Rüstungskonzern EADS will bis zum Jahr 2016 europaweit mindestens 5.800 Stellen abbauen. Dies kündigte die Konzernleitung am Montag an. Aus einer Erklärung des Unternehmens geht hervor, dass dem Europäischen Betriebsrat ein „Restrukturierungsplan“ vorgestellt wurde, der massive Stellenstreichungen und einen grundlegenden Umbau des Konzerns vorsieht.

Vom Arbeitsplatzabbau werden vor allem die Tochtergesellschaften Cassidian Air Systems, die Luft- und Raumfahrttechnikgesellschaft Astrium und der Militärflugzeugbereich von Airbus, „Airbus Military“, betroffen sein. 500 Stellen sollen aber auch in den „zentralen Konzernfunktionen und Services“ wegfallen. Die Kürzungen sind Teil des Konzernplans, das Verteidigungs- und Raumfahrtgeschäft in einer neuen Einheit „Airbus Defence and Space“ zusammenzuführen und den gesamten EADS-Konzern in „Airbus Group“ umzufirmieren.

Stellenabbau und Umstrukturierungsmaßnahmen drohen dabei EADS-Standorten in ganz Europa. 2.600 Stellen sollen allein in Deutschland gestrichen werden, die meisten davon in Oberbayern, wo Cassidian seinen Hauptsitz hat. In Frankreich werden nach Medienberichten etwa 1.300, in Spanien rund 560 und in Großbritannien 450 Stellen wegfallen. Der Plan sieht zwischen 1.000 und 1.450 betriebsbedingte Kündigungen vor. Zudem sollen etwa 1.300 Beschäftigte mit Zeitverträgen, darunter Leiharbeiter, keine neuen Verträge mehr erhalten.

Die heftigen Sparmaßnahmen bei EADS sind Bestandteil einer neuen Runde von Angriffen auf die europäische Arbeiterklasse. In den letzten Wochen haben bereits Siemens, RWE, Bayer und eine Reihe von weiteren Konzernen Massenentlassungen angekündigt. Zudem wurden von den Regierungen in Italien, den Niederlanden und Griechenland neue Sparhaushalte verabschiedet. In Deutschland haben sich CDU/CSU und SPD in ihrem Koalitionsvertrag auf eine Verschärfung der Austeritätspolitik in ganz Europa verständigt.

Genauere Informationen über das ganze Ausmaß der Stellenstreichungen und Umstrukturierungsmaßnahmen bei EADS wird es nach Auskunft des Konzerns erst im Februar 2014 geben. Einige Dinge zeichnen sich aber bereits ab. So plant der Konzern den Cassidian-Standort in Unterschleißheim komplett zu schließen und die ehemalige EADS-Zentrale in Paris zu verkaufen.

Der Geschäftsführer von EADS, Tom Enders, begründete die Entlassungen damit, die „Wettbewerbsfähigkeit im Verteidigungs- und Raumfahrtgeschäft [zu] steigern“ und die Rendite des Konzerns bis 2015 auf zehn Prozent zu erhöhen. Um den Profithunger der Aktionäre zu befriedigen, drohen Angriffe auf die Belegschaft, die noch über die bislang bekannten Sparmaßnahmen hinausgehen.

„Unser Ziel ist, wettbewerbsfähig zu werden. Wir werden sehen, ob die geplanten Maßnahmen ausreichen oder ob es weitere Kürzungen geben muss“, kündigte Enders an. Klar sei, dass dies „nicht das letzte Umbauprogramm in diesem Bereich“ sein wird. Dabei verwies er auf den „Erfolg“ des „Power-8“-Programms, einer früheren Restrukturierungsmaßnahme der EADS-Tochter Airbus, der zwischen 2007 und 2011 etwa 10.000 Stellen zum Opfer fielen. „Wir wissen, wie man große Restrukturierungsprogramme macht“, so Enders.

Wie bei „Power-8“ soll der Stellenabbau auch diesmal in enger Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften durchgeführt werden.

In der Erklärung des Konzerns heißt es: „EADS beginnt nun gemeinsam mit den Betriebsräten, geeignete Sozialmaßnahmen und Lösungen für alle betroffenen Mitarbeiter zu erarbeiten.“ Des Weiteren will der Konzern, „Verhandlungen mit den Betriebsräten führen, um Vereinbarungen zur Senkung der Arbeitskosten zu treffen, die die sozialen Auswirkungen des Restrukturierungsplans abfedern“.

Die Gewerkschaften und Betriebsräte haben bereits deutlich gemacht, dass sie bereit stehen, ihre Rolle bei der Durchsetzung der Maßnahmen zu spielen. Aus Furcht vor der Wut der Beschäftigten kritisieren sie zwar Enders Ankündigung, dass es betriebsbedingte Kündigungen geben könne, stimmen aber prinzipiell mit den Umstrukturierungsmaßnahmen überein. Ihr Ziel ist es, den Abbau der Arbeitsplätze möglichst geräuschlos und in enger Kooperation mit der Konzernleitung zu organisieren.

Rüdiger Lütjen, der Vorsitzende des Europäischen Betriebsrates von EADS, erklärte am Dienstag, niemand bestreite, dass Änderungen nötig seien, aber: „Es kommt nur darauf an, wie man das macht.“

Er warnte: „Es wäre bei den Gewinnen, die der Konzern erreicht, niemandem vermittelbar, Mitarbeiter vor die Tür zu setzen.“ Positiv sei, dass EADS erst die Arbeitnehmer und dann die Medien informiert habe. „Wir hoffen, dass dadurch ein Prozess eingeleitet ist, der von Fairness und Mitbestimmung der Belegschaft gekennzeichnet ist.“

Es müsse alles getan werden, um betriebsbedingte Kündigungen zu verhindern, so Lütjen, lehnte es aber ab, die Belegschaft zu mobilisieren. Nun gehe es darum, die Lage erst einmal in Ruhe zu bewerten, da noch keine genauen Details für Streichungen an den einzelnen Standorten bekannt seien. Zynisch fügte er hinzu: „Ich versuche immer gefasst zu bleiben. Wir gehen davon aus, dass die Verhandlungen Monate dauern werden.“

Bayerns IG-Metall Bezirksleiter Jürgen Wechsler forderte ebenfalls, „dass EADS vom Grundsatz auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet“. Davon hänge es ab, ob die Umorganisation in Konfrontation oder Kooperation ablaufe. Es dürfe keine „Standortschließung ohne entsprechende sozialverträgliche Alternativen geben“.

Die französische Gewerkschaft Force Ouvrière (FO) erklärte in einer Erklärung, dass es „jenseits des Schocks notwendig ist, alle Einzelheiten zu analysieren, die den Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretern in den nächsten Tagen von der Geschäftsleitung präsentiert werden“.

Die Umbaumaßnahmen werden auch von politischer Seite unterstützt. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) erklärte: „Wir können als Staatsregierung jetzt nicht einen Strukturwandel, der auf das rückläufige Rüstungsgeschäft zurückzuführen ist, völlig vermeiden.“ Auch er warnte vor betriebsbedingten Kündigungen. Der Stellenabbau müsse „so verträglich wie möglich erfolgen. Ich habe Tom Enders dieses Anliegen auch noch einmal so gesagt. Ich gehe davon aus, dass das dort auch so gesehen wird.“

Der französische Arbeitsminister Michel Sapin erklärte: „Diese Firma verdient Geld ... und wenn sie umstrukturiert, ist das gut. Aber sie hat auch die Verpflichtung Maßnahmen zu ergreifen, um Entlassungen zu vermeiden.“

Die deutsche Bundesregierung ließ am Dienstag verlauten, dass man die Entscheidung der Konzernleitung zwar bedauere, man sich aber nicht in den Stellenabbau bei EADS einmischen werde. In eine Erklärung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie hieß es: „Wir werden die weitere Entwicklung – insbesondere den geplanten Umbau des Konzerns – aufmerksam verfolgen.“

Die Regierung unterstützt die Angriffe auf die EADS-Arbeiter auch deshalb, weil sie direkt davon profitiert. Nur zwei Tage nach der Bekanntgabe der Massenentlassungen teilte Enders am Mittwoch zum Investorentag in London mit, der Konzern plane in den kommenden Jahren zwischen 30 und 40 Prozent des Nettogewinns an die Anteilseigner auszuschütten. Die EADS-Aktien schnellten noch am gleichen Tag um 7,73 Prozent in die Höhe. Von der höheren Dividende profitieren auch Frankreich und Deutschland. Sie sind mit je zwölf Prozent der Aktien die größten Anteilseigner von EADS.